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Full text of "Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse XI 1925 Heft 3"

^ 



Internationale Zeitschrift 
für Psychoanalyse 

Herausgegeben von Prof. Dr. Sigm. Freud 



XL Band 



1925 



Heft 3 



Charcot 

Frankreich feiert in diesem Jahre die hundertste Wiederkehr des Geburts- 
tages dieses großen Nervenarztes, der als einer der Begründer unserer 
Fachwissenschaft gepriesen zu werden verdient. Es wird gewiß von maß- 
gehender Seite gezeigt werden, welch große Verdienste sich Charcot als 
Erforscher vieler Gehirn- und Rückenmarkskrankheiten, als hervorragender 
Arzt, Lehrer und Menschenfreund erwarb. Wir müssen uns darauf 
beschränken, seine Bedeutung für die Geschichte der Psychoanalyse ins 
rechte Licht zu rücken, und glauben das Andenken des Meisters am 
würdigsten zu ehren, wenn wir dabei mit voller Objektivität zu Werke 
gehen. Der Dank für das, was uns Charcot gegeben hat, wird keinesfalls 
geringer, wenn wir einiges von dem, was die mythologisierende Tendenz 
enthusiastischer Verehrer auf seine Anregung zurückführt, in Abzug bringen. 

Es ist zweifellos, daß C h a r c o t es war, der die Neurosenlehre 
überhaupt geschaffen hat, indem er die ersten Versuche machte, aus der 
höchst diffusen Gruppe der „Nevroses" Krankheitstypen zu isolieren, ja über die 
Beschreibung der Symptombilder hinaus bereits auch die schwierigen Fragen 
der Ätiologie anschnitt. Entsprechend seinen pathologisch-anatomischen 
Anfängen blieb sein Interesse stets an das Organische, Anatomisch-Physio- 
logische gefesselt, für das Psychische hatte er nur wenig übrig. Insofern 
er seinen Kranken auch psychologisches Verständnis entgegenbrachte, 
tat er dies als Künstler seines Faches, als intuitiver Menschenkenner, 
nicht auf Grund psychologischer Forschung. Obwohl er die Neurosen meist 
auf physikalische Erschütterungen zurückführte und letztere auf Kosten der 
psychischen Verursachung manchmal übermäßig in den Vordergrund schob, 
gab er über das Neurosenproblem gelegentlich Äußerungen von sich, die 
Ewigkeitswert haben, und durch die Psychoanalyse schlagende Bestätigung 
erfuhren. 

InW Zeitachr. t Ps,ch ana lyS e, XI/ ä . •__ INTERNATIONAL "' 

PSYCHOANALYTIC 
UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




258 



S. Ferenczi 



Einen Fall von hysterischer Lähmung demonstrierend, sagte er seinen 
Schülern: „Cette paralysie est causee par Vimagination, mais eile n'est pas 
imaginee. Ein andermal äußerte er sich wie folgt: „Oui y ert pathologie 
le determinisme regne partout, mime dans le domaine de Vhysterie" Von 
einem Manne, der solcher Geistesblitze fähig war, hätte man die inten- 
sivste Förderung der Neurosenpsychologie erwartet. Aber es blieb bei diesen 
Ahnungen; sein Vorurteil über die überragende Wichtigkeit der Heredität 
ließ ihn das individuell Erlebte in der Kette der Verursachung beinahe 
vollständig vernachlässigen. 

Seine Assistenten, die in dankenswerter Weise den Wortlaut seiner 
freien Vorträge für die Nachwelt erhielten, geben uns ein genaues Bild 
vom Schaffen und Wirken Charcots und zeigen uns den Meister mitten 
im ehrlichen Bemühen um das Verständnis der Neurosen. Aus der Fülle 
des Bemerkenswerten, das er seinen Schülern bot, können wir nur Bei- 
spiele hervorheben. Meisterhaft war die Sicherheit, mit der er hinter dem 
anscheinend rein motorischen Symptom des Tic convulsif das konsti- 
tutionell abnorme Wesen entdeckte ; C h ä r c o t war auch der erste, der 
die psychiatrische Bedeutsamkeit dieses Leidens hervorhob und die psycho- 
logische wenigstens ahnen ließ. Als Bindeglied zwischen den Tics und den 
Geistesstörungen beschrieb er das Symptom der Koprolalie, (Allerdings ver- 
mengt er noch in der Diagnose „maladie des tics" vieles, was die Psycho- 
analyse Zwangsneurose nennt, und als Krankheit sui generis behandelt.) 

Seiner sicheren und ehrlichen Beobachtung konnte das regelmäßige 
Vorkommen sexueller Schwächezustände und überhäufiger pollutionärer 
Emissionen bei der Neurasthenie nicht entgehen, wie er nach einer 
persönlichen Reminiszenz Prof. Freuds gelegentlich auch die Hysterien 
mit Störungen des Sexuallebens in Zusammenhang brachte. Doch in seinen 
Vorlesungen sagte er nicht selten hierüber: „Cependant ce rtest pas un 
phenomene essentieL " Das „O v a r i a 1~" und „Testicular-Stigma" 
der Hysterischen, nach denen Charcot in Neurosenfällen stets fahndete, 
ist übrigens gleichfalls ein Beweis dafür, daß er dem Zusammenhange der 
Neurosen und der Sexualität auf der Spur war. 

Die Neürosenfälle, die ihm vorgeführt wurden, untersuchte er auf das 
gewissenhafteste ; die feinere Differentialdiagnose zwischen organischen, 
funktionellen und kombinierten Nervenkrankheiten ist eigentlich Charcot 
zu verdanken. 

1 In der Erforschung der Ätiologie ging er den physikalisch- 
traumatischen' Momenten mit peinlicher Genauigkeit nach, wobei er den 
oft wiederholten kleinen Traumen, die sich, wie er annahm, zu wirk- 
samen summieren können, ähnliche Bedeutung beimaß, wie einer ein- 



Charcot 



259 



maligen heftigen Erschütterung. Die hysterische Armlähmung einer unglück- 
lichen Frau zum Beispiel, die sich , mit cler Herstellung von Kinderschuhen 
beschäftigte, führte Charcot darauf zurück, daß das Einschlagen der 
Nägel durch eine Art contrecoup den Arm der Patientin unausgesetzt 
erschütterte. 

Einiges Kopfzerbrechen verursachte ihm allerdings ein anderer Fall, die 
hysterische Armlähmung hei einer Frau, unmittelbar nachdem sie ihr 
eigenes Kind geohrfeigt hatte: es wahr ihm schwer verständlich, warum 
hier die einmalige, nicht* allzu: heftige Erschütterung, die eher geeignet 
gewesen wäre; beim Kinde eine Hysterie .hervorzurufen, die den s Schlag 
versetzende Mutter selbst geschädigt hatte. Es lag aber Charcot noch 
ferne, die Ursachen auf moralischem Gebiete zu suchen, wie es uns seit, 
der Psychoanalyse so geläufig ist. Wenn ihn, die Angehörigen der Kranken 
auf psychische Erschütterungen aufmerksam machten, die den Ausbruch 
einer Hysterie auslösen konnten, so wurde Charcot nicht selten ärgerlich, 
so etwa im folgenden Zwiegespräch mit der Mutter eines hysterischen 
Kindes: ■■';■-' ■* -.-, 

- Lamerei „Tout cela vient, de cequ'on lui a fait peur" 

M. Charcot : „Je ne vous demande pas cela. C 'est toujours la mime 
chose* II semble^quHl y ait chez les parents un instinct, qui les pousse ä 
mettre ces faits singuliers sur le compte d'une cause fortuite, äsesoustraire 
ainsi ä Videe de la fatalite hereditaire." - ; 

Gelegentlich wurde allerdings Charcot nachdenklich, so im Falle 
jenes anderen nervösen Kindes,, das an Hysteroepilepsie und an schreck- 
haften Visionen litt. „JZ y a peut-etre lä-dessous une histoire," sagte er. 
Doch forschte er dieser Vermutung nicht nach, sondern frug die Mutter : 
„Avez-vous connu dans lafamille d'autres personnes qui aient eu des maladies 
nerveuses, la tete derangee?" La mere: „Non, Monsieur, je n'en sais rien/' 
Charcot: ,;Voilä le chemin coupe pour la recherche* Er s,ah also den Weg 
zur Erforschung der Neurosenätiologie versperrt, wenn die Untersuchung 
keine Hereditätsmomente erbrachte; > 

Unvergänglich und unvergeßlich bleiben Charcots Bemühungen um 
die Hypostasierung eines zerebralen Mechanismus zur Erklärung 
der hysterischen Symptom bil düng. Er war überzeugt, daß man „bis zur 
Hirnrinde emporsteigen muß, um das Organ zu finden, das eine derartige 
Anordnung der Symptome ermöglicht" ; er nannte denn auch die Hysterie 
eine »lesion corticale purement dynamique". Die Feststellung der Wesens- 
gleichheit der hypnotischen und hysterischen Symptombildung setzte ihn 
dann in den Stand, eine beinahe psychologische Erklärung der Hysterie 
zu geben. Er setzte bei den Hysterikern einen Sonder zustand der Hirnrinde 



2Ö0 



S. Ferenczi 



voraus, in dem es — bei einer äußeren Erschütterung — infolge der „Wider- 
standsschwäche des Ich (Affaiblissement du moi) zur autosuggestiven Pro- 
duktion von Symptomen kommt. „Die Idee (die durch den Schok pro- 
voziert wurde), realisiert sich (infolge dieser Schwäche), ohne auf Widerstand 
zu stoßen." 

In dieser Konzeption können wir die Urquelle aller nachfolgenden Ent- 
wicklungen der Hysterielehre erblicken. J a n e t verlegte sich auf das 
„Schwächemoment" und forschte nach Zeichen der Herabsetzung des 
Geistesniveaus bei den Hysterischen. Babinski griff das Moment der 
Autosuggestion auf, nannte diese Hysterie „Pithiatisme" (Zwang zum 
Gehorsam) und verlor beinahe den Glauben an die „Echtheit" hysterischer 
Symptome. 

Breuer versuchte dann, offenbar von Charcots Erfahrungen 
ermutigt, die Hysterie mit Hilfe der hypnotischen Hypermnesie zu 
erforschen und legte so die ersten Grundsteine, auf denen sich heute das 
Gebäude der Psychoanalyse erhebt. Ohne Charcots Hysterieforschungen 
wäre Breuer wahrscheinlich nicht auf die Idee gekommen, seine 
Patientin Anna in der Hypnose über die früher erfahrenen (und ver- 
gessenen) Erinnerungen auszufragen. Breuers Hysterietheorie spricht 
noch — wie Charcot — von einem „Hypnoidzustand", ohne den kein 
hysterisches Symptom zustande kommt. Erst Freud machte sich von der 
Hypnose theoretisch wie praktisch vollkommen unabhängig, er war es, der 
das traumatische Moment und damit die ganze Ätiologie der Hysterie auf 
das psychische Gebiet verlegte, und beinahe von Anfang an eine „meta- 
psychologische", also nicht anatomisch-physiologische Erklärung konstruiert. 

Was weiter kam, wurde von Freud auf den Breuer sehen Fund 
aufgebaut und brachte Resultate, die den Ansichten Charcots zum 
Teile entgegengesetzt sind, so insbesondere über die Bedeutsamkeit des 
individuellen Erlebens in der Ätiologie der Neurosen. Freud war also 
nur als Neurologe ein unmittelbarer Schüler Charcots, nicht aber als 
Psychoanalytiker. Und hier ist auch die Grenze, bis zu der die gewiß 
nie versiegende Dankbarkeit der Psychoanalyse das Andenken Charcots 

be S leitet S. Ferenczi 



Introjektion und Kastrationskomplex 

Vortrag in der Berliner Psychoanalytischen Vereinigung im Mai 1924 

Von Dr. Otto Fenichel (Berlin) 
I 

Im Jahre 1921 hat Pfeifer auf die libidinösen Schicksale nach einer 
Liebesenttäuschung während der Analyse aufmerksam gemacht und zur 
Diskussion über dieses Thema aufgefordert. 1 Sein Patient hat, nachdem er 
durch eine schroffe Absage der Geliebten zum Aufgeben seines Liebes- 
objekts gezwungen worden war, alle denkbaren Versuche zur Wieder- 
erlangung der befriedigenden Situation gemacht, wobei diese Libido- 
bewegungen — wie zu erwarten — unter dem Bilde der Regression ver- 
liefen; der weitreichendsten Regression in den objektlosen primitiven 
Narzißmus folgten orale, anale und genital-inzestuöse Strebungen als kurze 
Rekapitulation der gesamten Libidoentwicklung. Der Patient reagierte auf 
den Objektverlust zuerst mit melancholischer Trauer, mit voller Interesse- 
losigkeit, Selbstmordgedanken, Schlaflosigkeit und Nahrungsverweigerung. 
Die erste Nahrung, die er schließlich zu sich nahm, mußte flüssig sein. 
In den nächsten Tagen kamen verschiedene anale Symptome zum Vor- 
schein- später flackerten infantile Inzestgelüste auf Schwester und Cousinen 
wieder auf und schließlich verstärkte sich auch eine positiv-homosexuelle 
Übertragung auf den Analytiker. 

Wir wollen von einem Fall berichten, der zunächst diese Beobachtungen 
Pfeifers vollinhaltlich bestätigt, durch die Art der auslösenden Liebes- 
enttäuschung aber ein eingehendes Studium der folgenden libidinösen 
Schicksale und dadurch die Aufdeckung der infantilen Entwicklung 
ermöglicht und so letzten Endes zur vollen analytischen Klärung der Neu- 
rose geführt hat. Da es sich um eine Hysterie mit in erster Linie 
oralen Symptomen handelte, konnte man dabei die Beziehungen der genitalen 
zur oralen Libido gut beobachten und die nach Regressionstiefe geschich- 
teten Symptome in ihrem Verhältnis zu einander studieren; man 

i)S. Pfeifer: ,Xiebesenttäuschung während der Analyse", diese Zeitschrift 
Bd. Vir, 1921. 



2Ö2 



Dr. Otto Fenidiel 



i 



gewann Einblick in die Beziehungen von Melancholie und Hysterie, bzw. 
von Identifizierung und Objektliebe und durfte schließlich die interessante 
Erfahrung machen, daß zwei Reihen von Objektbeziehungen nebeneinander 
liefen, deren eine in Form von Identifizierung, deren andere in Form von 
Objektliebe sich abspielte. 

ii 

Die achtundzwanzig] ährige Patientin war achtzehn Monate in analytischer 
Behandlung. Die „Enttäuschung , die so einschneidende Bedeutung erlangen 
sollte, ereignete sich im achten Behandlungsmonat. Aus der Zeit vorher 
sei nur das Allernotwendigste mitgeteilt. 

Die Patientin suchte die Behandlung mit hysterischen Symptomen auf. 
Sie litt an der hartnäckigen Angst, sich zu blamieren und zu erröten, 
was ihr auch tatsächlich häufig passierte. So fühlte sie sich in Gegenwart 
von Vorgesetzten, z. B. beim Examen, äußerst unsicher, benahm sich oft 
auch tatsächlich verkehrt. Am unsichersten war sie, wo manuelle Geschick- 
lichkeit verlangt wurde. Neben oder an Stelle der Angst traten auch 
Erbrechen oder Durchfälle auf, gelegentlich so stark, daß sie von einem 
Examen zurücktreten mußte. 

Stuhl- oder Urindrang, sowie Angst davor beeinträchtigten die Patientin 
im Umgang besonders. Ihre Unsicherheit zwang sie zu fortwährenden 
Vergleichen mit anderen gesunden Personen und begründete ein starkes 
Minderwertigkeitsgefühl. Die Angst vor einer ungeheuren Blamage 
beherrschte aber weitaus das ursprüngliche Krankheitsbild. 

Die Patientin ist das vierte und jüngste Kind eines wohlhabenden 
Kaufmannes. Die Geschwister, ein zwölf Jahre älterer Bruder, eine sechs 
Jahre ältere Schwester und ein vier Jahre älterer Bruder, stammen aus der 
ersten Ehe des Vaters, sind also nur Halbgeschwister der Patientin. Ihre 
eigene Mutter starb vierzehn Tage nach ihrer Geburt. Sie betrachtet sich 
deshalb im Unbewußten als „Ausnahme", die vom Schicksal einen Ersatz 
für den frühen Verlust der Mutter verlangen darf. Sie wurde, nachdem 
sie in den ersten Lebenstagen von der Mutter genährt worden war, ohne 
Amme mit der Flasche aufgezogen. Bis zum vierten Lebensjahre vertrat 
eine Tante, Schwester der Mutter, Mutterstelle bei ihr. Diese Tante, die 
die Patientin bei jeder Gelegenheit ihren Geschwistern vorzog, war etwas 
sonderlich. Wir werden über sie noch hören. Ihr folgte eine Erzieherin, 
die elf Jahre im Hause blieb, ein strenger, extrem analer Charakter, der 
die Kinder zur peinlichsten Sauberkeit und Pünktlichkeit nötigte, ihnen 
allerhand Zwangsreglementierungen aufdrängte und so ihre harmlosesten 
Freuden gründlich zu zerstören wußte. Die Stellung der Patientin zu ihr 



Introjektion und Kastrationskomplex 



263 



war die ganze Zeit über ambivalent. Diese Erzieherin blieb bis zum fünf- 
zehnten Lebensjahr der Patientin im Hause. Vom Vater war in der ersten 
Zeit der Analyse wenig die Rede. An den um zwölf Jahre älteren Bruder, 
der ein ruhiger, in sich gekehrter Mensch war und der an einer chronischen 
Krankheit litt, knüpfte die Patientin eine heiße, aber nicht von Furcht 
freie Verehrung. Mit den beiden anderen Geschwistern waren Streitigkeiten 
und Eifersuchtsszenen an der Tagesordnung. 

In der Analyse verhielt sich die Patientin zunächst ihrer allgemeinen 
Unsicherheit entsprechend. Sie war schüchtern, des Redens ungewohnt, 
fürchtete zu viel oder zu wenig oder Unrechtes zu \agen und wollte vom 
Analytiker beruhigt und ihres Wertes versichert werden. Sie fürchtete, sich 
ungeschickt zu benehmen, vom Analytiker dafür bestraft zu werden, wobei 
sie diesen mit der schlagenden Erzieherin identifizierte; hinter dieser 
Fassade war ein gewaltiger Trotz verborgen, der die Patientin gelegentlich 
stundenlang schweigen ließ. Im langen Zurückhalten von Material, in der 
Angst vor Bestrafung dafür, im explosiven Allzuviel- Hergeben und ahn- 
lichem waren anale Züge zu erkennen. Ein starker Exhibitionismus zeigte 
sich im äußeren Verhalten zunächst negativ: Die Patientin hielt sich die 
Hand vors Gesicht, um nicht gesehen zu werden, träumte Naektheits- 
hemmungstraume usw. Durch einige Träume und unzweideutige Einfälle 
wurde dem Analytiker, lange bevor er das erstemal zur Patientin davon 
sprechen konnte, klar, daß die bei der Exhibition drohende Blamage die 
Entdeckung des Penismangels ist. Merkwürdig war, daß alle Unsicherheit 
bei einer Gelegenheit schwand, nämlich, wenn die Patientin Theater spielte. 
Sie ist wiederholt in Liebhabervorstellungen aufgetreten, war dann durchaus 
selbstbewußt und sicher und hatte das Gefühl, als ob sie erst auf der 
Bühne sie selbst sei, im gewöhnlichen Leben aber Theater spiele. 

Ihrer manifesten Schüchternheit entsprach eine ausgesprochene Sexual- 
hemmung. Sie war Virgo. Ihre Beziehungen zu Männern erlitten regelmäßig 
dasselbe Schicksal: Sie wählte Männer, die entweder erotisch gebunden 
waren oder solche, die die Gefühle der Patientin nicht im geringsten 
erwiderten. Sie ahnte dabei mehrmals durch auffallend lange Zeit von der 
Kälte der Männer nichts, um dann plötzlich grausam enttäuscht zu werden. 
Andererseits merkte sie es ebensowenig, wenn ein Mann sich für sie 
interessierte. Sexuelle Annäherungen, denen sie mehrmals ausgesetzt war 
kamen ihr völlig unerwartet, nie von seiten eines Mannes, von dem sie es 
sich ersehnte. Ja, ihr schienen die Vorstellungen „sexuelle Annäherung" 
und „unerwartete Überraschung" zusammen zu gehören; sie pflegte sich 
nach solcher Überraschung zurückzuziehen in verstärkter Sehnsucht nach 
den unerreichbaren Objekten. Ihre dauernde unglückliche Liebe trug dazu 



2Ö4 



Dr. Otto Fenidiel 



bei, ihre Minderwertigkeitsgefühle zu nähren. Ein besonderes Interesse für 
Krüppel und Betätigung in der Blindenfürsorge - deuteten auf einen starken 
Kastrationskomplex. 

Die Übertragung bot kein einheitliches Bild. Vater, beide Brüder, vor 
allem jene strafende Erzieherin, aber auch andere Personen aus der 
Kindheit erstanden im Analytiker wieder. Schließlich wurde der ältere 
Bruder, der sie in ihrer Kindheit getröstet hatte, zum führenden Vorbild 
der Übertragung. Auch die unglücklichen Liebeswahlen schienen seinem 
Vorbild zu folgen. Eine tiefere Störung der positiven Übertragung brachte 
die Deutung des Penisneides, obwohl sie zunächst ohne Aufdeckung der 
Kastrationsidee im Anschluß an Erinnerungen an Erlebnisse mit Exhibi- 
tionisten erfolgte. Die erste Erwähnung des Penis in der Analyse hatte 
geradezu traumatische Wirkung. Die Patientin vergaß die Deutung wieder 
und geriet in wochenlangen Widerstand, in dem das Bestreben hervortrat, 
der Analyse und dem Analytiker die Realität abzusprechen. Es war der 
Patientin peinlich, beim Kommen und Gehen den Analytiker sehen und 
sich so von seiner Existenz überzeugen zu müssen. Gleichzeitig trat zum 
erstenmal ein neurotisches Hungergefühl auf. 

Noch unter der Einwirkung dieses Widerstandes verliebte sich die Patientin 
stürmisch in einen jungen Mann, den sie in einer Gesellschaft kennen 
gelernt hatte. Auf ihn übertrug sie alle Libido, die sie der Analyse entzog. 
Es war immerhin ein Erfolg der Analyse, daß sie sich von ihm, zum ersten- 
mal im Leben mit Genuß, küssen ließ. Er lebte in einer anderen 
Stadt, verließ bald Berlin, versprach aber, in einigen Monaten 
wiederzukommen. Obwohl er nicht schrieb, stellte die Patientin all ihre 
Erwartungen auf ihn ein und hoffte, von ihm, den sie nur zweimal gesehen 
hatte, geheiratet zu werden. 

Inzwischen hatte die Analyse Erinnerungen an verdrängte sexuelle 
Szenen mit dem jüngeren Bruder ermittelt, bei denen die Patientin ihren 
Penisneid erworben hatte und über die noch ausführlich die Rede sein 
wird. Dies fiel mit dem Termin zusammen, für den die Patientin die 
Rückkehr ihres Freundes erwartete. Er kam nicht. Die Patientin erkundigte 
sich bei Bekannten und erfuhr, daß der Mann jenes kurze Abenteuer 
nicht so ernst genommen habe wie sie selbst. Das war die eingangs 
erwähnte Enttäuschung, die die Patientin zwang, ihre mühsam ans Objekt 
gebrachte Libido wieder zurückzuziehen. 

m 

Die in Pfeifers Fall durchlaufenen Reaktionsformen traten auch 
hier in kurzer Zeit hintereinander in Erscheinung. Ihre nachfolgende Ana- 



Introjektion und Kastrationskomplex 



265 



lyse, die monatelang dauerte, provozierte z. T. eine zweite und langsamere 
Wiederholung. 

Die erste Reaktion auf den Objektverlust war ein Trauerzustand, den 
man als passagere Melancholie bezeichnen darf, da kein Kriterium dieser 
Erkrankung fehlte. Die Patientin verfiel in Depression, war appetitlos, 
erging sich in anhaltenden Selbstvorwürfen und äußerte Selbstmordgedanken. 
Der Analyse gegenüber schien sie zuerst völlig interesselos. Die Selbst- 
vorwürfe knüpften eben an ihre Interesselosigkeit an, alte Minder- 
wertigkeitsideen aktivierend: Sie arbeite nichts, erfülle ihren Beruf nur 
mechanisch und gedankenlos, hatte in der letzten Zeit nichts geleistet usw. 
Dieser letzte Selb st Vorwurf gab der Analyse eine Handhabe. Die Frage, 
warum sie nichts gearbeitet haben sollte, genügte, um in ihren Selbst- 
vorwürfen die darin versteckten Anklagen gegen das Objekt erkennen zu 
lassen: Er habe ja ihre ganze Seele so sehr in Anspruch genommen, daß 
ihr kein anderes Interesse mehr geblieben war. Mit heftigem Affekt erfaßte 
die Patientin, daß ihre Selbstvorwürfe dem Objekt galten, mit dem sie sich 
identifiziert hatte ; wir wußten noch nicht, wie und warum. 

Mit dem Schwinden der Trauer rückten andere Regressionserscheinungen 
in den Vordergrund. Die Patientin begann zu erbrechen und fühlte sich 
dabei gleich einem dauernd erbrechenden Säugling ihrer Bekanntschaft. 
Das Erbrechen ließ nach, damit war aber die Regression auf die Säuglings - 
stufe noch nicht überwunden. Sie ließ sich in einem Kinderheim, das sie 
besucht hatte, Milch geben und verspürte das Verlangen, auch den Kindern 
ihre Milch wegzutrinken. Sie wollte den ganzen Tag schlafen oder ein 
warmes Bad nehmen und phantasierte mit großer Lebhaftigkeit von den 
warmen Bädern ihrer Kindheit. 

Mit der Sehnsucht nach mütterlicher Fürsorge erwachte ein starker 
Antrieb, jetzt alles nachzuholen, was ihrer Kindheit vorenthalten geblieben 
war. Besonders auf oralem Gebiet: Sie phantasierte, daß alle Kuchen, deren 
Genuß die Erzieherin jemals verboten hatte, jetzt vor ihr ausgebreitet wären, 
ganze Berge Kuchen, und sie dürfte alle essen. Es war leicht ersichtlich, 
daß der gütige Gegenspieler der Erzieherin, der alles erlaubt (ihr älterer 
Bruder und so) der Analytiker war. Sie jammerte in den Analysenstunden, um 
bemitleidet und getröstet zu werden. Als ihr dies nicht gelang, erging sie sich 
in durchsichtigen Anspielungen, wie trost- und .hilfsbereit sie selbst sei. 

Das Einströmen der frei gewordenen Libido in die Übertragung machte 
sich auch sonst bemerkbar. Die Patientin hatte das (nicht unbegründete) 
Gefühl, daß die Analyse in den Monaten ihrer Verliebtheit leergelaufen 
sei, erst jetzt wieder ernst werde und sie etwas angehe. Im Widerstand 
machte sie sich dann selbst Vorwürfe, die eigentlich den Analytiker meinten, 



266 



Dr. Otto Fenidiel 



über die bisherige Erfolglosigkeit der Analyse. Ihr Schweigen, das sie selbst 
mit anhaltender Müdigkeit rationalisierte, erwies sich als Trotz gegen den 
Analytiker, der ihr tröstende Zärtlichkeiten verweigerte. Es wurde dabei 
immer deutlicher, daß sie vom Analytiker ein orales Geschenk erwartete. 
Sie verspürte in der Analyse häufiger und intensiver als zuvor Hunger 
und sehnte sich nach Süßigkeiten und Kuchen. Kuchen pflegte ihr der 
Vater zu schenken, die Erzieherin zu verbieten. Als die Schwester wegen 
eines Lungenspitzenkatarrhs auf Anordnung des Vaters besonders gut und 
viel zu essen bekam, kannte ihre Eifersucht keine Grenzen. Das Essen, 
das sie vom Vater (Analytiker) erwartete, hatte für ihr Unbewußtes die 
Bedeutung eines Kindes. Ihr Hunger wurde später so stark, daß sie sich 
auf dem Wege zur oder von der Analyse Kuchen kaufen mußte. Gleich- 
zeitig traten Durchfall und Erbrechen auf. Es zeigte sich bald, daß in 
diesen Symptomen Wünsche aus verschiedenen Organisationsstufen der 
Libido ihren Ausdruck fanden. Da die Übertragung diese Wünsche nicht 
befriedigte, wurde die Patientin unzufrieden mit Analytiker und Analyse: 
Es gelänge nicht, „das Unbewußte" zu greifen. Dieses Unbewußte perzi- 
pierte sie als etwas Schlüpfriges, Weiches, das, wenn man es fassen wollte, 
davonliefe, sich „ins Innere" zurückzöge. Später erkannte sie darin die 
Kotstange und damit die Kotbedeutung des Kuchens: Es müßten Mohren* 
köpfe oder andere dunkle Kuchen sein; in einer plötzlich auftauchenden 
Vision erschienen ihr die Kuchen direkt als Kothäufchen. Schließlich 
tauchte die Erinnerung an einen koprophagen Versuch der frühen Kinder- 
zeit auf, der von Erwachsenen vereitelt wurde. Der neurotische Brechreiz 
ließ sich zunächst auf den verdrängten Wunsch, Urin zu trinken, zurück- 
führen. 1 Dieser Brechreiz war auch jeweils am ersten Tage der Menstrua- 
tion eingetreten, also zu einer Zeit, da sie regelmäßig erregt und von 
Minderwertigkeitsgefühlen erfüllt war, und zwar beim Gurgeln, ev. auch 
beim Wassertrinken. Es war dann zu sehen, daß das Wasser für das Unbe- 
wußte der Patientin das eigene urindurchmengte Menstrualblut bedeutete, 
das sie, um ohne Mann ein Kind zu empfangen, trinken sollte. Das 
Minderwertigkeitsgefühl während der Menstruation ließ vermuten, daß das 
Kind, das die Patientin in ihrer Phantasie ersehnte, nicht nur die Form 
von Milch, Urin, Kot, sondern auch die des Penis annahm. Als sie in der 
Vorpubertät eine ihr nicht- genehme Sexualtheorie mit „Bauchaufschneiden 
gehört hatte, hatte sie den älteren Bruder gefragt, der ihr begütigend die 
Unwahrheit jener Theorien auseinandergesetzt und dann etwas vom „Samen 
erklärt hatte. Daraufhin hatte sie sich, ihrer Verdrängungsneigung folgend, 

1) Viel später wurde eine infantile Sexualtheorie ermittelt, der zufolge die Frau 
den Urin des Mannes trinke. 



I I 



Introjektion und Kastrationskomplex 



267 



allerdings vorgestellt, daß das Kind in einem Blumentopf wachse. Aus 
früherer Zeit tauchte aber spontan eine ganz verschwommene Erinnerung 
auf, die bewies, daß das Kinderkriegen für sie doch mit dem Essen zu tun 
hatte: Ein Stubenmädchen, das spater ein Kind bekam und deshalb ent- 
lassen wurde, hatte der Patientin Schokolade geschenkt; sie meinte, viel- 
leicht als Schweigegeld, damit sie ein gesehenes Geheimnis nicht verrate. 

Mit diesen Erinnerungen setzte eine kurze Wiederholung ihrer infantilen 
Sexualforschung ein. Die immer wiederkehrenden Klagen, nichts zu können, 
erwiesen sich nicht nur durch das Gefühl des Kastriertseins, sondern auch 
durch die infantile Unfähigkeit determiniert, die sexuellen Rätsel ^allein zu 
losen. Ihre Unruhe, ihr Unverständnis, das Durcheinander ihrer Einfälle 
stellten eine Wiederholung ihrer sexuellen Unklarheit in der Kinderzeit 
vor. 1 Aber eines Tages, da die Patientin von einigen Leuten erzählte, daß 
sie „daher kamen", fiel ihr dazu das Wort „Samen" ein und sie mußte 
zwangsweise durch einige Zeit in Knittelversen sprechen, bis sie selbst die 
Lösung dieses seltsamen Symptoms fand: Sie hatte sich in der letzten 
Stunde beschwert, daß sie lauter ungereimtes Zeug vorbringe. Es war 
ihr erwidert worden: „Es hängt ja von Ihnen ab. Sie können ja auch 
etwas anderes bringen." Nun brachte sie gereimtes Zeug. Und als dessen 
Sinn erwies sich der Gedanke: „Ich kann mir schon einen Reim darauf 
machen. Die Kinder kamen aus dem Samen." 

Mit diesem Durchbruch der genitalen Libido war die neue Objekt- 
findung, die zweifellos wie die erste eine gegen den Analytiker gerichtete 
Trotzhandlung war, ermöglicht. Das neue Objekt war ein dem älteren 
Bruder äußerlich ähnlicher, verheirateter, an den Folgen einer früheren 
Krankheit leidender Mann, in den sich die Patientin nicht weniger plötz- 
lich und nicht weniger intensiv verliebte als in ihr früheres Objekt. Von 
dem Verlauf dieser Liebe wird noch die Rede sein. 



IV 

Diese so rasch durchlaufene Wiederholung der Libidoentwicklung ließ 
sich erst im Verlauf der weiteren Analyse genügend durchschauen. Die 
Patientin produzierte, ihrer Neigung zur Aktion folgend, erneuerte Regres- 
sionen: Es gab „melancholische" Phasen mit kurz andauernden depressiven 
Stimmungen und gelegentlich gelinden paranoiden Symptomen, wie Neigung 
zu Beziehungsideen und Halluzinationen des Bewegungssinnes, die übrigens 
am häufigsten von allen Halluzinationen auch bei Nichtpsychotikern auf- 
zutreten scheinen; ebenso gab es anale und exquisit inzestuöse Perioden. 

1) Vgl. Freud, Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten. (Ges. Schriften, Bd. VI, 
S. H2.) 



268 



Dr. Otto Fenidiel 



Alle diese Phasen setzten sich natürlich nicht streng gegen einander ab. 
Manches vom hier mitzuteilenden Material stammt aus früherer Zeit der 
Analyse, konnte aber erst jetzt in den Zusammenhang eingefügt werden. 

Wir müssen uns diesem Zusammenhang von zwei Seiten her nähern, 
einmal vom Hunger, das andere Mal vom Penisneid und vom Kastra- 
tionskomplex her. 

Der Hunger hielt auch nach Durchlaufen der geschilderten Affektperiode 
noch monatelang hartnäckig an. Seine Intensität schwankte: Auf analy- 
tische Teillösungen reagierte er mit außerordentlicher Heftigkeit.- Der Zeit- 
punkt seines Auftretens schwankte ebenfalls : Zuerst machte er sich knapp 
nach der Analysenstunde bemerkbar, verbunden mit einem Enttäuschungs- 
gefühl, das sich leicht auf die unbefriedigten Übertragungswünsche beziehen 
ließ; spater trat er den ganzen Tag über auf; schließlich gelang es, ihn 
in die Analysenstunde zu zwingen. Auch das Objekt der Eßlust wechselte: 
Während es der Patientin zur Zeit des stärksten Hungers ganz gleich- 
gültig war, was sie zu essen bekam, hatte sie andere Male besondere Lust 
auf Kuchen und Näschereien, auf Milch und Schokolade, auf Eier, auf 
besonders fettes Fleisch. 

Die symbolische Gleichung : Objekt des Hungers — Zärtlichkeitsbeweis — 
Milch — Urin — Sperma — Kind — Kot — Penis, deren Gültigkeit schon 
erkannt worden war, wurde in jedem einzelnen seiner Glieder ausführ- 
lich erörtert und wiederholt bestätigt, ohne daß zunächst der Hunger 
schwand; wohl aber zeigte er sich in Intensität und Objektwahl beein- 
flußbar; das jeweils aktivierte Glied der Gleichung veranlaßte passagere 
Symptome. Bei dem starken latenten analen Charakter der Patientin, über 
dessen Ursprung noch die Rede sein wird, ist es nicht verwunderlich, daß 
dies besonders deutlich wurde, als sie in den ersehnten Kuchen Kot- 
häufchen erkannte. Damals hielt sie nicht nur psychisches Material zurück, 
um es auf einmal hervorzusprudeln, sondern vergaß auch das einzige Mal, 
zur Zeit das Honorar zu entrichten, ließ noch hernach das Geld ver- 
sehentlich bei ihrem Freunde. 

Über einen Zusammenhang zwischen dem Hunger und der Identifi- 
zierung mit dem verlorenen Objekt ließen sich vorerst nur undeutliche 
Vermutungen anstellen. Eines Tages, als sie wieder davon sprach, wie sie 
einmal den Kindern die Milch hatte wegtrinken wollen, ergriff die Patientin 
heftige Angst vor ihrem mit voller Stärke einsetzenden Hunger, den sie 
plötzlich personifizierte und von sich loslöste. Nicht sie hat Hunger und 
will essen, der Hunger hat sie und will sie fressen. Der Hunger erscheint 
ihr als ungeheurer Drache mit einem fürchterlichen Rachen, der so 
unheimlich schwarz ist, daß er die Sonne verdunkelt. Der Hunger ist der 



Introjektion und Kastrationskomplex 



269 



Minotaurus ; er wohnt auch in einem Labyrinth, und zwar im Darm- 
labyrinth der Patientin. Dort haust er als 'menschenfressender Parasit; er 
ißt alles mit, was sie ißt, und zehrt sie so von innen her auf; sie muß 
immerfort essen, um dem Unersättlichen zu fressen zu geben, andernfalls 
würde er ihre Gedärme auffressen. Der Hunger erscheint ihr also als ein 
gefährliches Ungeheuer, das sie einmal von außen her, ein andresmal 
von innen (aus ihrem Darm) her bedroht. Seine Drohungen erfolgen 
diskontinuierlich nach einem bestimmten Rhythmus und werden von ihr 
akustisch als ein an- und abschwellendes Brausen erfaßt. Im „Crescendo", 
das einem räumlichen Nähersein entspricht, muß $em Hunger etwas in 
den Rachen geworfen werden, dann zieht er sich im „Decrescendo" wieder 
zurück. 

Verhältnismäßig leicht erkannte die Patientin in diesem im Darm 
schmarotzenden Ungeheuer den Bandwurm und in diesem Kot und Kind. 
Der Vater habe ihr gelegentlich Süßigkeiten und Obst geschenkt; wenn 
man einen Obstkern schlucke, wachse einem ein Baum im Bauch. 1 In 
dem Ungeheuer, das ja zuerst die Patientin bedrohte, in sie eindringen, 
bzw. sie auffressen wollte, wurde wieder neben der Kot- und Kindbedeutung 
des im Hunger begehrten Objektes auch sein Penischarakter klar. Später 
erschien ihr der Hunger nicht mehr als Drache, sondern als Hund. Von 
sexuellen Beobachtungen an Hunden, die solche an Exhibitionisten (und 
— wie gleich mitzuteilen sein wird — am Bruder) im Bewußtsein ver- 
traten, hatte die Patientin schon früher erzählt. Der Hunger erschien ihr 
aber nicht als gewöhnlicher Hund; er war vielmehr der Hund aus dem 
„Feuerzeug" von Andersen, der eigentlich eine Dreiheit von Hunden ist 
und dessen Augen immer größer werden ; erst sind sie so groß wie Teller^ 
dann wie Mühlräder, endlich wie Türme, die sich die Patientin wie Kirch- 
türme steil und spitz vorstellte. (Daß diese Erektionssymbolik an den Augen 
solchen Eindruck machte, deutete auf visuelle Beobachtungen.) Dieser 
Erektionshund lebte nun im Darm der Patientin, wollte dort zu essen 
bekommen, bzw. durch immer neues Essen immer neu in den Darm 
hineingelangen, um dort als Kot, Penis und Kind zu hausen. Nun war noch 
ein Schritt zu machen. Ist der Hungerhund ein Penis, der bedroht, so ist er 
auch ein Mann, der mit seinem Penis bedroht. Und als letzte Deutung 
des Hungers, die in die symbolische Gleichung noch einzusetzen war, 
erschienen unzweideutige kannibalische Tendenzen. Diese bezogen sich 
durchwegs auf den jüngeren Bruder, mit dem die Patientin nie gut aus- 

1) Großen Eindruck hatte der Patientin die Geschichte vom Apfel im Paradies 
gemacht. Als ihr einmal von einem Apfel scherzweise gesagt wurde, er sei der aus 
dem Paradiese, aß sie ihn heimlich auf. Darüber noch später. 



270 



Dr. Otto Fenidiel 



gekommen war, und der in ihrem einundzwanzigsten Lebensjahr gestorben 
ist. Die Patientin nahm seinen Tod verhältnismäßig gleichgültig entgegen 
machte sich aber wegen dieser Gleichgültigkeit Vorwürfe. Hinter der 
manifesten Gleichgültigkeit feierte sie nämlich im Unbewußten ein 
Triumphfest, bei dem der Tote verzehrt wurde. Eine ganze Reihe 
unverstandener Symptome aus früherer Zeit kam nun zur Erinnerung und 
Analyse. Das Fett, nach dessen Genuß sich die Patientin ebenfalls sehnte, 
erwies sich als Leichenfett. Es war kein Zufall, daß sie zu Beginn der 
Analyse ihre Minderwertigkeitsgefühle am Vergleich mit einer ihr bekannten 
Ärztin exemplifiziert hatte, von der sie wußte, daß sie pathologisch- 
anatomisch arbeitete. Nun wurde auch ihr seit langem bestehendes affek- 
tives Verhalten zur Sage von der Antigone verständlich. Als sie in der 
Analyse davon berichten wollte, verwechselte sie die Antigone mit der 
Andromeda, die vom auffressenden Drachen bedroht war, und konnte 
sich des Inhaltes der Sage absolut nicht entsinnen. Jetzt erst wurde dies 
Vergessen verständlich und damit aufgehoben: Antigone hatte durch 
Bestattung ihres Bruders verhindert, daß er von Hunden und Vögeln gefressen 
würde. 

Wir brechen vorläufig ab, um Material zum Kastrationskomplex nach- 
zutragen, den wir bereits mehrfach berührt haben. Er stand von Anfang 
an deutlich im Vordergrund der Analyse. Wir haben bereits erfahren, daß 
ihre Blamageangst hauptsächlich die Befürchtung zum Inhalt hatte, ihre 
Penislosigkeit könnte entdeckt werden. Die Patientin pflegte als Kind 
stehend zu urinieren. Sie hatte Interesse, ja Vorliebe für Krüppel aller Art, 
besonders für Blinde. Sie war zur Zeit der Menstruation deprimiert und 
außerordentlich reizbar. Es erübrigt sich, weiteres Material mitzuteilen, 
aus dem sich immer wieder die bekannte Vorstellung ergab, daß ursprünglich 
beide Geschlechter einen Penis besässen, daß dieser aber der Frau entweder 
beim Geschlechtsakt oder als Onaniestrafe vom Mann geraubt werde. Es 
sei nur noch erwähnt, daß die Patientin auch mit der Klage in die Analyse 
kam, sie müsse Männern zwangsweise auf das Genitale sehen und fühle 
dann den Antrieb, hinzugreifen. Das erwies sich als abgeschwächter Aus- 
druck für das Ausreißen des Penis, den sie sich auf solche Weise wieder 
zurückzuholen suchte. — Der Angst vor der Blamage entsprach auch die 
Verdrängung des starken Exhibitionismus der Patientin. Es wurde bereits 
erwähnt, daß die Patientin sich anfangs ständig die Hand vors Gesicht 
hielt, um nicht gesehen zu werden, und daß sie eine Vorliebe für das 
Theaterspielen hatte. Photographien und gar — wie es einmal geschah — 
gemalt zu werden, war der höchste Genuß, den sie als Kind erlebt hat. 
Worin die Seligkeit des Theaterspielens eigentlich gelegen war, zeigte sich 



Introjektion und Kastrationskomplex 



271 



I durch ein passageres Symptom, dessen Analyse eine wichtige Erinnerung 
auftauchen ließ. — Die Patientin bekam nämlich, wenn von derartigen 
Dingen die Rede war, einen starken Urindrang. Sie hatte sehr lange an 
Enuresis gelitten. Der jüngere Bruder hatte sie gelehrt, daß man den Urin 
zurückhalten könne, indem man mit der Hand gegen das Genitale presse. 
(Es ist das die Art und Weise, in der auch die gelegentliche aktuelle 
Onanie der Patientin erfolgte.) In „Verlegung nach oben" legte die Patientin 
ihre Hand in der Analyse statt vor das Genitale vor das Gesicht ; ihre Erythro- 
phobie ging ebenfalls auf diese Genitalisierung des Gesichtes zurück. — 
Der Urindrang nahm durch einige Analysenstunden immer rnejvr und 
mehr zu. Er erreichte in dqr Stunde, in der die Patientin erzählte, wie 
sie gemalt wurde, seinen Höhepunkt. Die Patientin mußte die Analyse 
unterbrechen, um zu urinieren. Beschämt wie nach einer ungeheuren 
Blamage kehrte sie zurück. Von da an trat das Symptom nicht mehr i n 
der Analyse, sondern vor derselben auf, indem die Patientin bemüht 
war, durch Urinieren knapp vor der Analysenstunde die Wiederholung 
solcher Blamage zu verhüten. Der Impuls zur Wiederholung der infantilen 
Enuresis schwand dann mit der Aufklärung, das eigentliche Ziel ihrer 
intensiven exhibitionistischen Strebung sei, beim Urinieren gesehen zu 
werden. Dabei müßte dann der Zuschauer merken, daß sie doch keinen 
Penis habe, würde sie verlachen, und das sei die große Blamage. — 
Die Patientin stützte diese Deutung dadurch, daß sie zu „Theater" 
Affen- und Hundetheater assoziierte und schließlich folgende Erinnerung 
produzierte : 

Ihr erstes Debüt auf der Bühne war bereits im Alter von etwa zwei 
Jahren erfolgt. Damals hatte man sie bei einer Hochzeit als Amor ange- 
zogen. Sie bekam Hosen und zwei Flügel und sagte ein kleines Verschen 
darüber auf, daß ihre Macht das Ehepaar vereinige. — Dieser großartigen 
exhibitionistischen Befriedigung entsprang ihre Vorliebe für die Bühne und 
das Gefühl jener absoluten Selbstsicherheit, die sie dort oben in so auf-, 
fallendem Gegensatz zum Leben empfand. Unbeschränkt narzißtisch, glaubte 
sie damals nicht, bloß als Junge angezogen zu sein, sondern wirklich 
ein Junge zu sein. — Sie hatte dann in ihrer Kindheit das Geschlecht 
folgerichtig als etwas aufgefaßt, was von Zeit zu Zeit aus feierlichen An- 
lässen verwandelt wird. Wie eine Verwandlung vom Mädel in Junge 
schien ihr natürlich auch eine von Junge in Mädel möglich. Das hing 
für sie mit dem Urinieren zusammen. 

Schon am Anfang der Analyse waren darüber unverständliche Fragmente 
frühinfantiler Erinnerungen aufgetaucht. Jetzt drängte sich die Erinnerung vor, 
daß irgend einmal Jungen, die um die Wette Kirschkerne spuckten, bei dieser 



272 Dr. Otto Fenidiel 



I 



Gelegenheit erklärt haben, Mädels könnten das nicht. Es gelang ixun, den 
Zusammenhang mit dem alten Material herzustellen und hinter ihren 
bereits erwähnten Erlebnissen mit Exhibitionisten und Hunden jene gänzlich 
verdrängten Szenen zu rekonstruieren, bei denen der Patientin ihre Weib- 
lichkeit schmerzlichst zum Bewußtsein gekommen war. Es geschah etwa 
in ihrem vierten Lebensjahre, daß sie anläßlich einer Reise das Schlaf- 
zimmer mit ihrem jüngeren Bruder geteilt hat. Er merkte eines Morgens, 
wie sie in den Topf urinierte, verspottete sie zu ihrem größten Entsetzen, 
demonstrierte ihr, wie man zu urinieren habe, und zeigte ihr, daß sie es 
nicht könne. Ein anderes Mal hat ihr der gleiche Bruder unter ähnlichen 
Umständen eine drastische sexuelle Aufklärung erteilt, die mit der Demon- 
stration des Penis und einer blutigen Binde verbunden war, von ihr aber 
sofort völlig verdrängt wurde. An Stelle des Verdrängten tauchten in der 
Analyse charakteristische Ersatzvorstellungen auf: Der Bruder habe aus 
dem Fenster hinausgesehen oder hinausgezeigt, vor dem Fenster sei ein 
unheimlich großer Baum gestanden, der Bruder selber sei dabei unheimlich 
klein gewesen, viel kleiner als sonst. Einleitend stieg in ihrem Gedächtnis 
das Bild eines Hotelzimmers mit allen Details auf, das sie nicht zu 
agnoszieren wußte. Die Plastizität dieser Erinnerung war um so auffallender, 
als die Patientin sonst nicht imstande war, etwas Gesehenes zu beschreiben, nicht 
einmal Zimmer, in denen sie jahrelang gewohnt hat. Die Durchbrechung 
dieser Schauhemmung deutete auf den Voyeurcharakter der vergessenen Szene. 
Der Affekt der schreckhaften Überraschung, der — nach der auftauchenden 
Erinnerung — seinerzeit beide Szenen begleitet hatte, ferner der der völligen 
Tatlosigkeit, der ihnen folgte, lassen vermuten, daß die Patientin von der 
Existenz des Penis schon vorher einmal Kenntnis genommen, diese Kenntnis 
aber glücklich verdrängt hatte; sind doch Schreck und Überraschung 
Anzeichen der Aufstörung des Verdrängten aus der Verdrängung. Mag sie 
es auch versucht haben, sich durch neuerliche Verdrängung der aufstörenden 
Szenen zu erwehren, so war doch ihr Glaube an die Veränderlichkeit des 
Geschlechts angesichts der erlebten Realität der Kastration erschüttert und 
damit ihre nachhaltige Minderwertigkeit begründet. 

Wie zu erwarten, sträubte sich die Patientin mit aller Kraft gegen die 
Annahme eines sie so kränkenden Tatbestandes. Sie hatte — wie wir 
wissen — beide Szenen vergessen und an ihre Stelle eine Erinnerung aus 
späterer Zeit gesetzt, die ihr das gerade Gegenteil versichert: Der nämliche 
Bruder zeigte ihr, wie sie im Kampfe gegen die Enuresis die Hand auf 
das Genitale drücken sollte, und verleitete sie so zur Onanie. Sie hätte 
dabei an einen Unterschied der Genitalien nicht gedacht und angenommen, 
ihr Urinieren erfolge genau so wie das ihres Bruders. Sie hatte ihm die 



Introjektion und Kastrationskomplex 



273 






Enuresis, deren Bekämpfung und die Onanie nachgemacht, sich mit ihm also 
in diesen Punkten, die Kastration verleugnend, identifiziert. (Urinieren im 
Stehen !) 

Ihr Verhältnis zum Bruder blieb bis zu seinem Tode gespannt. Sie hat 
in ihrem Unbewußten an die neuen Erfahrungen, die sie durch den 
Bruder hatte machen müssen, nie recht geglaubt, in tiefster Schichte die 
Überzeugung von der Möglichkeit der Geschlechtsumwandlung nie auf- 
gegeben ; ja wir konnten aufdecken, daß sie mit der unbewußten 
Erwartung in die Analyse gekommen war, hier wieder 
zum Mann gemacht zu werden; sie war danh\ über die Ünerfüll- 
barkeit dieser Hoffnungen enttäuscht und erbost. (Gleichsetzung von Ana- 
lytiker und jüngerem Bruder, Kastrationswünsche gegen beide.) — Die 
Patientin mußte aber verhindern, daß dieses Rivalitätsverhältnis zum Bruder 
allzu deutlich werde. Es fiel auf, daß sie gerade in den Tagen, in denen 
ihre Erinnerungen an die Beschämung durch den Bruder sukzessive auf- 
tauchten, einen besonderen Haß gegen ihre Schwester produzierte, mit 
der sie sonst leidlich auskam, und daß sie aus kleinsten Anlässen Streit- 
szenen mit ihr vom Zaune brach. Wir wissen, daß gegen diese Schwester 
die Konkurrenzeinstellung in Bezug auf den Vater und älteren Bruder seit 
jeher bestanden hatte. In den Haß gegen die Konkurrentin konnte unver- 
fänglicher Weise auch der gegen den jüngeren Bruder miteingehen. Ein 
Umstand erleichterte diese Verschiebung: Mehrmals hatte bei "späteren 
Hochzeitsfeiern und anderen Anlässen die Schwester die Hosenrolle gespielt, 
während die Patientin sich mit der Rolle des Zuschauers hatte begnügen 
müssen. Es tauchten auch Neiderinnerungen aus der Zeit auf, in der die 
ältere Schwester bereits entwickelte Brüste hatte, sie selbst aber noch nicht. 
Die entwickelten Brüste hat sie mit dem Penis gleichgesetzt, dabei ihren 
Penisneid mit ihrem Milchneid neuerlich verdichtet. 

Umwelt und Sexualneugierde sorgten dafür, daß die Verdrängung der 
unangenehmen Erfahrungen und die Identifizierung mit ihrem glücklicheren 
Vermittler (dem Bruder) sich auf die Dauer nicht halten konnten. Schon 
mit sieben Jahren hatte die Patientin die erste der schon erwähnten 
Begegnungen mit Exhibitionisten; weitere folgten zur Pubertätszeit. Dabei 
mußte sie sich von der Existenz des Penis und seiner Erektionsfähigkeit 
endgültig überzeugen. Die Erinnerung an diese Begegnungen, die z. T. 
ebenfalls verdrängt gewesen war, tauchte recht frühzeitig auf und vertrat 
dann als Deckerinnerung die früheren Szenen mit dem Bruder. Es gelang 
ihr allmählich, sich mit der Tatsache des Geschlechtsunterschiedes 
abzufinden ; die narzißtische Kränkung und ihr trotziger Rachedurst wirkten 
aber im Unbewußten unverändert fort. So hatte sie, von Neid erfüllt, 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XI/5. 18 



274 



Dr. Otto Fenidiel 



auch versucht, sich mit den Exhibitionisten um ihres Penisbesitzes willen 
zu identifizieren. Ihr eigener Exhibitionismus, der sich passager bis zum 
Gefühl verstieg, ein Kleidungs- oder Wäschestück zu verlieren, war 
durchaus vom Typus: Was diesen Männern erlaubt ist, steht auch mir frei. 
Mit diesen Identifizierungen erklärte sich auch das Symptom des Urin- 
dranges. 

Zwischen den Bruder und die Exhibitionisten schob sich wohl die 
Erinnerung an die häufig und mit Schuldbewußtsein beobachteten urinie- 
renden Hunde ein. Es bestätigte sich also, daß ihr exhibitionistisches 
Triebziel darin bestand, vor Zuschauern zu urinieren, daß ihre Hemmung 
und Schüchternheit aber der Gewißheit entsprach, es nicht so vollendet 
zu treffen wie der Bruder, ihre Angst der Befürchtung, es würde offenbar 
werden, daß sie kastriert sei. Mit dieser Ambivalenz verriet sich auch die 
Bedeutung ihrer Erythrophobie. Das Rotwerden erwies sich in lang- 
andauernder, unter heftigsten Widerständen vor sich gehender Analyse als 
Verdichtung der entgegengesetzten Tendenzen : Einmal war das Rotwerden 
in einer „Verlegung nach oben" die Erektion (Vorstellung von Frauen 
mit roten Jakobinermützen, die revolutionär und gewalttätig sind), das 
andere Mal die große Blutung nach der Kastration (Blutung aus dem Kopf — 
Blutentleerung aus dem Unterleib — die revolutionären Frauen werden 
guillotiniert — Verbluten bei Menstruation). Wir wollen hier nur noch 
darauf hinweisen, daß auch hinter der Vorstellung der „revolutionären 
Frauen" die zu kastrierende schwesterliche Rivalin steckte, die Hosenrollen 
spielte — in tiefster Schicht also auch da die Identifizierung mit dem 
jüngeren Bruder. Ein charakteristisches Detail aus einer Begegnung mit 
einem Exhibitionisten wurde naturgemäß erst bedeutend später erinnert; 
Der betreffende Mann hatte die Mädchen durch Zuruf aufgefordert, seinen 
Penis in den Mund zu nehmen. — Unter solchen Umständen ist es 
begreiflich, daß die erste Menstruation ihr ganzes Schuldgefühl mobilisierte 
und daß sie sich für unheilbar krank halten wollte. Ihre spätere Auf- 
klärung über die wahre Natur der Blutung konnte natürlich an dem 
Bestehen der beschriebenen menstruellen Symptome nichts ändern. 

Die Person aber, auf die sich die Kastrationsbefürchtung zunächst 
richtete, war ein Mutterersatz gewesen, die Erzieherin und hinter ihr die 
Tante. Kastriertsein bedeutete für die Patientin zunächst eine Herabsetzung der 
Fähigkeit zum Urinieren — kein Zweifel, daß nach dem Taliongesetz die 
Schuld eine Urinierschuld gewesen sein muß. Mit der ganzen Vehemenz 
eines aus langer Verdrängung plötzlich befreiten Affektes stellte sich nun 
die Erinnerung an eine Szene ein, da sie, sechs Jahre alt und eben das 
Schreiben lernend, das Wort „Esel" schrieb; offenbar wegen der daran 



Introjektion und Kastrationskomplex 



275 



hängenden Rebellion näßte sie dabei ein und dann brach die furcht- 
barste Angst vor der bestrafenden Kastration aus. „Ich werde dir das schon 
austreiben," pflegte die Erzieherin zu sagen, und die Patientin zweifelte 
nicht daran, daß mit dem „Das" nur der Penis gemeint sein könne; als 
sie einmal an einem öffentlichen Ort eingenäßt und einen Stuhl verun- 
reinigt hatte, wurde ihr gesagt, ein Mann werde nun kommen, um ihr 
das Geld für den befleckten Stuhl wegzunehmen. Als sie einmal der 
Erzieherin erzählte, daß ein jugendlicher Onkel ihr ans Genitale gefaßt 
hätte (wir werden darüber noch hören), erwiderte die Erzieherin: „Davon 
wird man krank." Ebenso, wenn sie zu lang am Klosett blieb oder wenn 
sie gar — der Lehre des Bruders folgend — onanierte. Die Erzieherin 
pflegte sie gegebenenfalls auch feierlich und nach vorbereitendem 
Zeremoniell zu schlagen. Die Analyse ergab, daß das Geschlagenwerden 
für die Patientin Kastriertwerden bedeutete. Sie hatte auch die Onanie- 
phantasie „Ein Kind wird geschlagen". Auch hier konnte — wenn auch 
nicht in allen Stadien — die von Freud beschriebene Genese dieser 
Phantasie nachgewiesen werden. Sie hatte sich wie folgt entwickelt: Der 
Vater (die Erzieherin) soll den Bruder (die Schwester) schlagen. Er (sie) 
soll zur Strafe für diesen bösen Wunsch mich schlagen. Er (sie) soll zur 
Lust mich schlagen. - — Später reagierte sie auf eine zärtliche Annäherung 
des geliebten Mannes, durch die sie ihre genitale Integrität bedroht 
wähnte, mit Abwehr und Angst. Sie fürchtete die blutige Defloration als 
erneute Kastration. Als sich der so heraufbeschworene ambivalente Libido- 
sturm in onanistischen Akten entlud, phantasierte sie dazu in entsprechender 
Belebung der infantilen Onaniephantasien eine Vergewaltigungsszene in 
einem Bordell, bei der sie — das unberührte Mädchen — erst geschlagen, 
dann koitiert wurde. Später fiel das Geschlagenwerden weg und das Bordell 
verwandelte sich in eine Fürsorgeanstalt für krüppelhafte und blinde 
Mädchen. Die masochistische Onaniephantasie verrät somit ihren geheimen 
Sinn : Die Patientin will durch den Sexualakt kastriert werden. Sie scheint 
sich also der weiblichen Rolle zu fügen; doch nur, weil sie dabei durch 
ergiebige Identifizierung die männlich-sadistische Lust des Kastrators mit- 
genießt. Sie onanierte stets an der Klitoris, nie an der Vagina. 
Die Befürchtung der Patientin, sie werde, wenn sie das richtige 
Material vorenthalte, vom Analytiker — wie früher von der Erzieherin — 
geschlagen werden, erwies sich also als Angst, kastriert zu werden; diese 
Angst ließ sie wohl im letzten Grunde ihre Hand schützend vor ihr Gesicht 
halten. Hinter der Kastrationsangst aber war der Wunsch verborgen, durch 
die Analyse wieder zum Jungen verwandelt zu werden und zugleich den 
Analytiker aktiv zu kastrieren» 

x8* 






276 



Dr. Otto Fenidiel 



Aber nicht nur Onanie und die ihr nahestehende Enuresis und Stuhl- 
verhaltung waren die Sünden, durch die die Patientin das Schicksal der 
Kastration auf sich geladen zu haben glaubte. Sie gab durch ihre 
Erblindungsangst, ihren Eifer in der Blindenfürsorge sowie durch ihre 
beschriebene Schauhemmung deutlich zu erkennen, daß bedeutungsvolle 
Schauszenen der Verdrängung anheimgefallen sind, die älter sein müssen 
als die bereits aufgedeckten. Darauf deuteten auch der so früh entwickelte 
übermächtige Exhibitionismus, der Zwang, Männern aufs Genitale zu sehen, 
und vor allem die rhythmische Unruhe (Crescendo — Decrescendo), die sie 
ihrem „Hungerhund" zuschrieb. Die Szene mit dem Onkel, der sie in 
frühem Alter ans Genitale faßte, kann ebenfalls nicht die letzte sein, die 
ihr großes Schuldgefühl geweckt hat, obwohl manches Detail für ihre 
Realität sprach. Auch dieser Angriff des Onkels war — ebenso wie die 
Verspottung durch den Bruder — der Patientin völlig unerwartet gekommen. 
Mit der gleichen lähmenden und gänzlich verständnislosen Überraschung 
nahm die Patientin bis zur Analyse jede körperliche Annäherung von Männern 
entgegen (Überraschung = Lähmung = Kastration). Bei der Reproduktion 
der Onkelszene betonte sie besonders ihr (unschuldsvolles) weißes Kleidchen 
und den dunklen schwarzen Anzug des Onkels, das gute und das böse 
Prinzip. Das Lied vom weißen und schwarzen Schäfchen („und wenn das Kind 
nicht schlafen will, dann kommt das Schwarze und beißt es ), das ihr — 
nach einer all erfrühesten Kindheitserinnerung — einmal vorgesungen 
wurde, bestätigte, daß das überraschende Schwarze die kastrierende Macht 
sei; es deutete allerdings auch auf die angstvolle Beobachtung der Scham- 
behaarung eines Erwachsenen. Dieser Gegensatz schwarz — weiß brachte 
frühe Erinnerungen zum Vorschein, die die Tante, die die Vorgängerin 
der Erzieherin war, zur kastrierenden Person machte. Schwarz ist die 
Nacht, weiß ist das Nachtgewand. Unter heftiger Angst, die sich als Herz- 
klopfen und Stuhldrang bemerkbar machte und erst allmählich zum vollen 
Durchbruch kam, erinnerte die Patientin, wie sie von ihrem Kinder- 
bettchen aus die Tante nachts aufstehen und geheimnisvoller Beschäftigung 
nachgehen sah. Es tauchte das Bild in ihrem Gedächtnis auf, wie sich die 
Tante über sie beugte und sie dabei plötzlich deren übergroße und angst- 
erregende Brust knapp über sich hängen sieht, als wollte sie ihr damit 
etwas antun. Die gleiche Tante soll, wovon noch ganz dunkle Erinnerungs- 
spuren in der Analyse auftauchten, auch in Gegenwart der Kinder beim 
Auskleiden halbnackt und vielleicht nackt (das schwarze Schaf?) vor dem 
Spiegel getanzt haben. Von objektiver Seite wird erzählt, daß die Tante, 
die sehr „nervös" war und an Schlaflosigkeit litt, nachts die — damals 
höchstens zehn Jahre alte — Schwester der Patientin weckte, damit sie 



Introjektion und Kastrationskomplex 



277 



mit ihr Karten spiele ; einmal sei die Schwester dabei ohnmächtig zusammen- 
gebrochen, dadurch habe der Vater davon erfahren. Ein Einfall der 
Patientin ließ diese ihr durch Erzählung bekannte Geschichte mit der 
Erinnerung an die übergroße Brust der Tante zusammenfallen. Es könnte 
sein, daß die Ohnmacht der Schwester den Eindruck der Tötung = Kastration 
in der Patientin hervorrief. Wahrscheinlicher ist, daß noch andere Erleb- 
nisse mit dieser Tante Schuldgefühl und Kastrationsangst weckten. Auch. 
das enthob uns aber nicht der Annahme einer noch früheren sexuellen 
Beobachtung an einem Manne, da die übergroße Brust ja wieder deutlich 
das Wissen um die Erektion verrät. Diese Erwartung hat sich bestätigt. 
Unter großen Schwierigkeiten stellte sich schließlich /mit höchster Unsicher- 
heit und erst ohne jedes Detail eine ganz verschwommene Erinnerung 
ein, sie habe als kleines Kind ganz früh den Penis des Vaters gesehen 
(schwarzes Schaf) und sei darüber außerordentlich erschrocken. Diese 
Beobachtung war wohl die wahre Ursache der übergroßen Schauhemmung 
und des Schuldgefühles. Viel später kam, zunächst ohne Erinnerungsgefühl, 
dazu der Einfall, sie habe damals gefragt, um was es sich da handle, und 
als Antwort etwa erhalten, das gehe sie nichts an, so etwas frage man 
nicht. Später konnte dann für diese Szene volle Realitätsgewißheit gewonnen 
werden. Es stellte sich, anfangs als Rekonstruktion, später mit Erinnerungs- 
gefühl, heraus, daß diese Szene eines Sonntagvormittags bei einem Spazier- 
gange mit dem Vater sich zugetragen hatte. Sie ist damals etwa zwei 
Jahre alt gewesen. Der Vater hat, ohne sich um ihre Gegenwart zu 
kümmern, uriniert. Dies fesselte das Interesse der kleinen Zuschauerin, sie 
hat vielleicht auch hingegriffen und gefragt, was das sei, und daraufhin 
erfolgte jene Zurückweisung. Wir werden die Bedeutung dieses Erlebnisses 
erst später ganz würdigen können. 

Es könnte sein, daß außerdem das erwähnte Stubenmädchen, das in der 
Patientin die Vorstellung der Sexualität mit der des Essens verband, ihr 
zu einer frühen Koitusbeobachtung Gelegenheit bot, da ja das Material 
eine solche wahrscheinlich macht. Doch konnte diesbezüglich nichts 
Sicheres ermittelt werden. Ein viel späterer Einfall der Patientin wollte 
auch erinnern, daß sie in jener aufregenden Nacht, in der die drohende 
große Brust der Tante sich über sie beugte, ebenfalls Gelegenheit gehabt 
hätte, den Penis des Vaters zu sehen. Nun war die Natur dieses Einfalls 
als Deckerinnerung für eine Urszene oder Urphantasie klar: Vater und 
Tante zeigen sich gegenseitig die Genitalien, er den Penis, sie die Brust. 
Die Patientin selbst soll wegen der Belauschung kastriert werden. — Der 
Sonntagvormittag muß sich früher abgespielt haben. Das nächtliche Tun 
der Tante weckte die verdrängte Erinnerung daran und ließ den Gedanken 



278 



Dr. Otto Fenidiel 



entstehen, daß der Vater wohl der Tante gewähre, was er der Tochter 
versage. Das war die Grundidee des Ödipuskomplexes der Patientin. 
Erlebnisse mit dem Stubenmädchen mögen eine reale Grundlage für jene 
Urphantasie geboten haben. 

Die Deckerinnerung von der übergroßen bedrohenden Brust zeigte uns, 
daß — durch Gleichsetzung von Bedrohendem und Bedrohtem — der 
Penisneid in seiner Wurzel zusammenfiel mit dem uns bekannten Milch- 
neid der Patientin, die sich ja für ihr Leben beeinträchtigt hielt, weil 
das Schicksal ihr die Mutter und damit die Mutterbrust geraubt hatte. 
Der Verlust der Mutterbrust erwies sich als eine Art Vorläufer der 
Kastration, wie dies S t ä r c k e und Alexander beschrieben haben. Wir 
kommen darauf noch zurück. Wir wollen aber gleich erwähnen, daß der 
Penisneid sich später u. a. hinter dem Brustneid auf die heranwachsende 
Schwester verbarg, daß die Sexualneugierde fast zur Gänze den Mutter- 
personen galt (z. B. der vor dem Spiegel tanzenden Tante), daß die Patientin 
sich erinnerte, noch spät lüstern gelauscht zu haben, wenn die Erzieherin 
sich entkleidete (wobei allerdings die Feststellung, daß auch ihr der Penis 
mangle, Genugtuung bereitete), und daß endlich die Kastration zwar auch 
von männlicher (jüngerer Bruder, Exhibitionisten, deflorierender Sexual- 
partner), aber auch und vielleicht ursprünglicher von weiblicher Seite drohte. 

Es ist selbstverständlich, daß die so eingestellte Patientin zur Rache 
ihrerseits den Mann kastrieren wollte. Es sei "kurz erwähnt, daß ihr, nach- 
dem sie bei einem Zusammensein mit ihrem Freunde den Verlust ihrer 
Virginität befürchtete, plötzlich der Gedanke kam, sie müsse ihm, wenn 
es zu einem Verkehr kommen sollte, dabei den Penis rauben. Als sie sich 
später von diesem Freund getrennt hat und dann allein und verlassen einer 
Theateraufführung von Hebbels „Nibelungen" beiwohnte, mußte sie in 
dem Moment, da der tote Siegfried hereingebracht wird und Kriemhild 
sich über die Leiche stürzt, laut schluchzen; sie fühlte sich dann wegen 
ihrer Unbeherrschtheit sofort außerordentlich beschämt. Es war nahe- 
liegend, die Quelle ihres Schmerzes, das Gemeinsame zwischen ihr und 
Kriemhild zu erfassen: Beiden ist der Geliebte geraubt worden. Die nächsten 
Einfälle zeigten, daß Siegfried für ihr Unbewußtes den Penis personifiziert 
hat, der der Frau Kriemhild vom schwarzen Hagen geraubt worden war, 
(Kriemhilds Stürzen über die Leiche als über den Penis ist der erste Akt 
des Kannibalismus, bzw. Penissehluckens.) 



v 

Wenn wir das bisherige Material überblicken, sehen wir nur allzu deut- 
lich, wie sich die Patientin die rächende Kastration am Manne vorstellte. 



Introjektion und Kastrationskomplex 



279 



Sie möchte seinen Penis abbeißen und verschlucken. Damit ist die Brücke 
zum Hungertier hergestellt, bei dem wir vorhin abgebrochen haben. Der 
gefährliche Hundedrache, der im Bauch der Patientin wütet, ist der ver- 
schluckte Penis, den sie, wie leicht ersichtlich, aus Rache verschlungen 
hat. Ihre Rache richtete sich vorzugsweise gegen den jüngeren Bruder, der 
ihr seine Überlegenheit so auffällig demonstriert hatte (dahinter selbst- 
verständlich gegen den Vater). Wenn sie diesen Bruder nach seinem Tode 
auffrißt, so wird ihr ja mit seiner ganzen Persönlichkeit auch sein Penis 
einverleibt. Wir dürfen vermuten, daß sie dann später in der pseudo- 
melancholischen Phase durch die Introjektion des Objektes eine entfernte 
Wiederholung dieser Rache am jüngeren Bruder vollzogen hat. 

Durch diese Erklärung verliert auch die Doppelnatur des personifizierten 
Hungers, der gleichzeitig außerhalb und innerhalb der Patientin sich 
befindet, fressen will und gefressen wird, an Merkwürdigkeit. Der Penis, 
der ihm im Unbewußten der Patientin entspricht, spielt ja dieselbe Doppel- 
rolle; er sollte, nachdem er verschluckt wurde, als Werkzeug zu weiteren 
Kastrationen verwendet werden. 

Ein zweiter in der Analyse weit ausgesponnener Gedankenkreis von 
Flammen und Flammenschwert erwies sich dem Hunger und dessen 
Doppelnatur völlig äquivalent. In ihrem Innern, meinte die Patientin, 
brenne ein Feuer, das als Lieb es f euer zuerst sie selbst verbrannt habe, nun 
aber jeden mit Verbrennung bedrohe, der sich ihr sexuell nähern würde. 
Die Röte dieses Feuers war es, die sich neben der des erigierten Penis 
und der der Kastrationswunde im errötenden Gesicht verbreitete. Es hatte 
fast dieselben Eigenschaften wie der Hunger: Es war als zauberkräftiges 
„Feuerkind" gedacht, das viel Ähnlichkeit mit dem Feuerkind einer von 
Schilder 1 publizierten Schizophrenie aufwies. Die Patientin pflegte sich 
mit einem kochenden Kessel zu vergleichen, dem man von außen nichts 
Böses anmerke, der aber, wenn die Spannkraft in seinem Innern weiter 
gestiegen sei, eines Tages explodieren und in Stücke fallen werde. Daß 
auch dem Feuer Penisbedeutung zukam, bewies seine Wandlung in ein 
Flammensch wert, das z. T. in der Brust, z. T. im Genitale steckte, mit 
seiner zerstörenden Spitze sowohl nach innen als auch ■ — Angreifer 
abwehrend — nach außen gekehrt. Hinter dem Flammenschwert verbarg 
sich zunächst das Exekutivwerkzeug der Erzieherin, in tieferer Schicht das 
Flammenschwert des Cherub, der den Zugang zum Garten Eden, d. L zu 
ihrem Genitale versperrt; es war auch mit dem Flammenschwert der 
jüdischen Sage verflochten, mit dem in der Osternacht der Engel an der 
Türe der Gläubigen ein blutiges Zeichen setzt. Die volle Analogie zum 

i) Schilder: Seele und Leben. 1923. 



280 



Dr. Otto Fenidtel 



Hunger war aber erst hergestellt, als auch die orale Natur der Einver- 
leibung dieses Schwertes offenbar wurde. Die Patientin produzierte Phan- 
tasien von Schwertfressern und Feuerfressern, die sie als Kind den 
Menschenfressern gleichgesetzt und außerordentlich gefürchtet und verehrt 
hat, Sie besaß als Kind ein Bild, auf dem ein Clown als Schwertschlucker 
abgebildet war und das von der Verpackung einer Schokoladentafel herrührte. 
So konnten sich hinter ihrem Schokoladenhunger ihre Koprophagie und 
ihr Kannibalismus verbergen. 

Wir sehen, in wie hohem Grade sich bei der Patientin Milchneid und 
Penisneid zu einer Einheit verdichtet haben. Der erste Verlust, den sie 
ertragen mußte, der Verlust der Mutterbrust, hat aus ihr einen zurück- 
gesetzten und rachedurstigen Menschen gemacht, dem die Rache nur oral 
vorstellbar war. Ähnlich gestaltete sich der Triumph, wenn sie ganze Berge 
von Kuchen, die die Erzieherin jemals zu essen verboten hatte, nunmehr 
auf einmal aufißt. So frißt sie auch den Penis des Mannes, resp. den 
penisbesitzenden Mann, um dadurch ihm gleich zu werden. Ihre Fellatio- 
phantasie, die aus Anlaß ihrer Exhibitionistenbegegnung zur Sprache kam 
und die der anstößigeren Phantasie vom Abbeißen des Penis vorgelagert 
war, deckte die Vorstellung, von der Mutterbrust zu trinken. Auch diese 
sehnsüchtige Vorstellung schlug später in den Wunsch um, die Brust der 
Mutter abzubeißen, bzw. sie ganz aufzufressen. 

Wir sahen die Phantasie von der oralen Einverleibung des Penis immer 
in Verbindung mit dem Bestreben auftauchen, die Vorstellung des Penis 
überhaupt zu verdrängen. Es war zugleich ein Versuch, den verhaßten 
Penis aus der Welt zu schaffen. Dieser Versuch ist allerdings mißlungen, 
denn der introjizierte Penis hat sie dann von innen her weiter gefährdet, 
im nämlichen Sinne wie es die als Über-Ich introjizierten Autoritäts- 
personen tun. 

Wir hörten bereits, daß die Patientin vor der Latenzzeit ein Stadium 
starker Sexualforschung durchgemacht hat, daß diese Forschung aber infolge 
des starken Verdrängungsdruckes scheitern mußte. Auch diese Forschungen 
gingen vollends im Zeichen des Oralen vor sich. Ihr beliebtestes Spiel 
war das „Kochen". In dieser Forschungszeit hat ihr Hunger im Ei ein 
letztes Vorzugsobjekt gefunden. Bedeutungsvolle Eimahlzeiten spielten in 
ihren Phantasien eine große Rolle, (Patientin behauptet, die Bezeichnung 
Eier für Testikel nicht zu kennen.) Einmal tauchte bei ihr die nirgends 
unterzubringende Erinnerung an ein geheimnisvolles Requisit auf, an ein 
Ei, das in einem Wasserglas schwebt. Später konnte sie darin die Uten- 
silien eines Zauberkünstlers erkennen, der Dinge aus dem Nichts hervor- 
zaubern konnte. Als die Patientin beschlossen hatte, auch auf ihren zweiten 



Introjektion und Kastrationskomplex 



281 



Freund zu verzichten, stand sie am nächsten Morgen nicht auf, sondern 
ließ sich ein Ei ins Bett bringen, um in dem Ei das verlorene Objekt 
sich zu introjizieren. Im Bette, nach dem Bade zu essen, sich in süßem 
Nichstun von der Obsorge anderer bedienen zu lassen, das waren die 
Zeichen einer neuerlichen Regression in die Säuglingszeit. 

Hinter diesen vereinzelten kannibalistischen Anwandlungen stießen wir 
dann bei der Patientin auf die Phantasievorstellung einer großen feier- 
lichen Opfermahlzeit, die sie sich in Anlehnung an die religiösen Bräuche 
beim jüdischen Osterabend gebildet hatte. Sie sprach wiederholt von dem 
nachhaltigen Eindruck, den sie von dieser Feierlichkeit empfing. Allmäh- 
lich kamen ihre daran hängenden verdrängten Vorstellungen zum Vor- 
schein. Sie hat das Fest lediglich auf den Tod der Erstgeburt bezogen, 
von dem die heilige Überlieferung zu berichten weiß und den sie 
als den Tod ihres Bruders perzipierte. Die merkwürdig zubereiteten 
Speisen, deren Genuß am Osterabend der Ritus den jüdischen Gläubigen 
vorschreibt, die Feierlichkeit der Vorgänge haben in ihrem Unbewußten 
die Phantasievorstellung einer Art „Totemmahlzeit" erzeugt, die irgendwie 
mit der Vorstellung vom Tode des Bruders zusammenhing. Dann müsse 
der Engel mit seinem Flammensch wert kommen und sie selbst zur Strafe 
für ihre Wünsche kastrieren. 

Im Verlaufe des Osterabends hat der Familienvater der Familie die 
historische Bedeutung des Festes zu erklären. Dies vollzieht sich in der 
Form einer Antwort, die er auf eine Anfrage, die der jüngste Sohn zu 
stellen hat, erteilt. Beide ■ — Antwort und Anfrage — - haben einen im 
Ritual fixierten Text. Auf Wunsch des Vaters hatte die Patientin die 
Frageformel vorzulesen, deren Sinn sie verstanden hat. Aus der langen 
und weitschweifigen Erzählung, die dann der Vater als Antwort vor- 
getragen hatte, verstand sie aber nichts. Sie fühlte sich enttäuscht, unzu- 
frieden und gekränkt. Einmal durfte sie endlich fragen : Was bedeutet das 
alles? und dabei erhielt sie ein so unverständliches Zeug zur Antwort. 
Wir erkennen die Gleichsetzung des Osterabends mit der früheren Beob- 
achtungsszene des väterlichen Penis. Auch damals hatte sie auf eine klare 
und eindeutige Frage eine ausweichende und unklare Antwort erhalten. 
Ihr Einfall, daß das Osterbrot mit dem Blut von Kindern bereitet würde, 
daß also der durch ihren bösen Wunsch getötete Bruder hier verzehrt 
werde, löst einen heftigen Angstanfall aus. Ihre Angst entsprach der 
Befürchtung, sie selbst sei das getötete Kind, das gegessen wird, weil ihr 
die Talionsstrafe für ihr eigenes Verbrechen zuteil wird. Jetzt verstehen 
wir ihre Wendung von der Aktivität zur Passivität, die darin gelegen war, 
daß ihr aufgefressener Hunger sie selber frißt, ihr nach außen gerichtetes 



282 



Dr. Otto Fenidiel 



Flammenschwert sich nach innen kehrt. Das ist die Strafe, die das introji- 
zierte Objekt noch nach der Introjektion an ihrem. Ich vollzieht. Es ist 
auf diesem Wege zum Über-Ich geworden. Schließlich kamen hinter der 
Angst vor dem rächenden Gefressenwerden unverkennbare Geburtsvor- 
stellungen zum Durchbruch*. Ein sich verengender Gang, den sie unter 
zunehmendem Druck und unter Atemnot passieren muß. Zwischen aus- 
lösender und Geburtsvorstellung war das Erinnerungsmaterial des Ödipus- 
komplexes als gestaltend und dynamisch wesentlich eingeschaltet. Ob 
dahinter die Erinnerung an die reale eigene Geburt wirksam . war, konnte 
nicht entschieden werden. 1 

vi 

Es ist jetzt an der Zeit, das Wichtigste aus dem äußeren Erleben der 
Patientin während der letzten Monate der Analyse nachzutragen. Ihr Seelen- 
leben war so sehr dem Wiederholungszwange unterworfen, daß nur die 
eingehendste Beobachtung ihres rezenten Lebensverhaltens die letzten und 
wichtigsten Lösungen bringen konnte. Wir hörten bereits, daß das neue 
Liebesobjekt der Patientin ihre unbewußten Anforderungen reichlich 
erfüllte. Es handelte sich um einen außerordentlich intelligenten, aber stark 
neurotischen verheirateten Mann, dessen Ehe nicht glücklich verlief, der 
verschlossen und in sich gekehrt war, zwar des Trostes und der Liebe der 
Patientin zu bedürfen schien, ihr aber keinen Einblick in seine Seele 
gewährte und sie durch irrationale Gedanken und Handlungen in immer 
größeres Unverständnis hineintrieb. Dieses Objekt ist zweifellos nach dem 
Typus des älteren Bruders gewählt; er war, wie dieser, mit einem körper- 
lichen Defekt behaftet. Die Patientin, deren Verliebtheit zum Teil aus 
libidinöser Abwendung vom Analytiker und in Trotz gegen diesen ent- 
standen war, hing sich mit der ganzen Leidenschaftlichkeit an diesen Mann, 
mit der sie sich schon früher an Abbilder des älteren Bruders angelehnt 



1) Die Patientin hat allerdings im letzten Stadium der Analyse in ziemlich 
unzweideutiger und überraschender Weise die von Rank beschriebene Geburts- 
symbolik für die Analyse produziert: Der Analytiker wurde zur Mutter, die Analyse 
selbst zur Schwangerschaft, die Entlassung aus der Analyse zur Geburt. Es gelang 
uns jedoch bei der Analyse dieser Phantasie nicht, zwischen ihr und dem Vorgang 
ihrer eigenen Geburt direkte Beziehungen nachzuweisen. Infolgedessen mußte sich 
die Analyse damit begnügen, diese Phantasien in ihrer analytisch klar zutage 
tretenden Bedeutung als entstellte Ödipusphantasien zu erfassen. Zwischen den Vor- 
stellungen der Entlassung aus der Analyse und der der Geburt schaltete sich hier 
das Trauma des Gehen! er nens ein ; auch dabei wurde das Kin d aus den 
Armen der Mutter entlassen, um ängstlich und zaghaft die ersten Schritte in die 
ihm unbekannte Welt zu machen. 



Introjektion und Kastrationskomplex 



283 



hatte und die durch die Analyse nur erhöht worden war. Die infantile 
Imago war hier mehr erreicht als je zuvor. 

In diese Zeit fiel eine Episode, die geeignet war, einige bisherige Unklar- 
heiten aufzuklären. Schon vor Beginn der Analyse und in deren erster Zeit 
wurden von der sorgenden Familie der Patientin Bemühungen gemacht, um 
sie zu verheiraten. Die Patientin hatte solche Versuche im Keim erstickt 
und als unter ihrer Würde stehend ohne Zögern abgelehnt. Nun tauchte 
zu dieser Zeit wieder ein junger Mann auf, mit dem die Patientin zusammen- 
zukommen gezwungen wurde, wobei sämtliche Tanten ihr gut zuredeten, 
im Hinblick auf die schwierigen realen Verhältnisse ein solches Anerbieten 
nicht von vornherein abzulehnen. Obwohl die Patientin nicht einen Moment 
ernstlich an die Heirat mit diesem jungen Manne dachte, ging ihr doch 
diese Begegnung weit näher, als man nach vergangenen ähnlichen Erleb- 
nissen hätte vermuten dürfen. Sie war weder imstande, diesem Manne frei 
gegenüberzutreten, noch Zusammenkünfte mit ihm abzulehnen. Ihre ganze 
Ambivalenz brach wieder hervor. Hinter ihrer bewußten Ablehnung wurde 
eine unbewußte Zustimmung bemerkbar und, umgeben von einer zuredenden 
Familie, sehnte sie sich nach einem abratenden Menschen, der ihr im Kampf 
gegen ihren unbewußten Willen beistünde. Ihr Zwiespalt äußerte sich als 
Angst vor der Realität, die ihr der Heiratskandidat — im Gegensatze zu 
ihrem Freund — zu verkörpern schien. Obwohl sie diesen Mann als Philister 
verachtete, fragte sie sich doch, ob nicht sein sicheres Einkommen reale 
Befriedigungen verspräche, während ihre Sehnsucht Flucht und Weltfremd- 
heit sei; sie glaubte dabei zwischen den Anforderungen des Realitäts- 
und des Lustprinzips zu schwanken. Sie sehnte sich dabei, in ihrer Wahl des 
Lustprinzips von außen her bestärkt zu werden und drängte mich um Rat. 

Als ich sie auf ihr stürmisches Befragen daran erinnerte, daß sie für 
die Dauer der Analyse alle lebenswichtigen Entscheidungen aufzuschieben 
versprochen hatte, und ihr riet, dies Versprechen auch den drängenden 
Verwandten bekanntzugeben, faßte sie meine Stellungnahme gleichsam als 
Bewilligung des Lustprinzips auf und war mir dankbar, weil ich der einzige 
sei, der „zu ihr halte." 

Es war kein Zweifel, daß der Gegensatz Lust — Realität nur einen Teil 
des Gegensatzes Freund — Heiratskandidat deckte. Sie empfand den Bewerber 
im Gegensatz zu jenem als grob, rücksichtslos, gewalttätig, obwohl 
er — letzteres zumindest — in Wirklichkeit keineswegs war. Sie empfand 
schließlich neben der Angst vor ihm Haß gegen ihn und fand die Lösung 
dieser Einstellung in dem endlichen Einfall* er erinnere sie an ihren jüngeren 
Bruder. Es standen sich bier also älterer und jüngerer Bruder als Liebes- 
kandidaten gegenüber; dies war die unbewußte Ursache ihres Konfliktes. 



284 



Dr. Otto Fenichel 



Nun war es leicht, zunächst das eine zu erkennen : Diese Gegenüber- 
stellung der Imagines war für die Patientin eine typische gewesen. Wir 
erinnern uns, daß ihr alle Annäherungen von Männern immer über- 
raschend und unerwartet gekommen waren und sie solche Männer nachher 
immer gehaßt hatte. Das waren jüngere Brüder und die Annäherungen 
immer Wiederholungen seiner Aggressionen. Auf der anderen Seite liebte 
sie immer Männer, die sich für sie weiter nicht interessierten, andere 
Frauen oder Freundinnen hatten und mehrminder Krüppel waren, um von 
ihnen immer wieder enttäuscht zu werden : Lauter ältere Brüder, deren 
Frauen der Schwester entsprachen, die Krüppel waren, wie jener krank. Auch, 
daß diese das Lust-, jene das Realitätsprinzip zu repräsentieren schienen, fand 
nun eine leichte Erklärung : Das war die Wirkung der entgegengesetzten 
sexuellen Aufklärungen, die sie von beiden Brüdern erhalten hatte : Hier 
die Vorstellung vom Blumentopf, dort die drastisch-realistische der Penis- 
demonstration, die gleichzeitig das Minderwertigkeitsgefühl der Patientin 
begründet hat. 

Interessanter aber war das entgegengesetzte Schicksal dieser beiden Imagines. 
Es ist mir aufgefallen, daß die Patientin den Namen des Heiratskandidaten 
niemals nannte. Schließlich habe ich sie danach gefragt. Er lautete : 
„Nahrung". Nun war freilich klar, warum dieser Mann mehr Aufregung 
hervorrief als andere ähnliche Heiratskandidaten. War doch der jüngere 
Bruder für die Patientin „Nahrung" gewesen, da sie ihn, der sich 
Penisbesitz und Mehrwissen anmaßte, aufessen wollte, um ihn zu bestrafen 
und ihn samt seinem Penis in ihrem Inneren zu haben und so ihm gleich 
zu werden. 

Die Sexualstörung der Patientin konnte jetzt folgenderweise charakteri- 
siert werden : Alle Männer erschienen ihr entweder als älterer oder als 
jüngerer Bruder. Nur die ihrem älteren Bruder ähnlich waren, konnte sie 
manifest lieben. Diese Liebe war aber von vornherein gehemmt, realitäts- 
abgewandt, ohne jede Sinnlichkeit (Krüppel). Sie war prinzipiell unglücklich, 
denn der Wiederholungszwang forderte Zurückweisung und Enttäuschung. 
— Die Männer, die ihrem jüngeren Bruder ähnlich waren, entfesselten 
einen Sturm der Ambivalenz. Ihnen gegenüber regredierte die Patientin ins 
Oral-Sadistische, in ihrer Phantasie biß sie ihnen den Penis ab, um diesen 
und sie selbst zu fressen. So regredierte sie von der Objektliebe zur Identi- 
fizierung und wurde dank der Introjektion, selbst nun einen Penis besitzend, 
dem gefressenen Objekt gleich. Das einverleibte Objekt wütete dann in 
Fortsetzung des Ambivalenzkonfliktes von innen her als bestrafendes Über-Ich 
gegen ihr Ich. So lief jede Objektbeziehung entweder in unglückliche 
Liebe oder Identifizierung aus ; eine glückliche Liebe war der Patientin versagt. 



Introjektion und Kastrationskomplex 285 

Es ist kein Zweifel, daß die mit der Kastration drohenden Frauen so 
behandelt wurden, wie der jüngere Bruder, da sie ihm ja im Wesent- 
lichsten, nämlich in der Kastrationsdrohung, glichen. 1 

1) Ich will hier noch auf die bemerkenswerte Tatsache verweisen, daß sich die 
Beziehungen der Patientin zu Frauen, analog dem Gegensatze der beiden Brüder, 
ebenfalls nach zwei Typen — nach den vorbildlichen Extremen Tante und Erzieherin 
— gestaltet haben; ja, es mag sein, daß die Zerlegung der „Mutterimago" der 
analogen Spaltung der Vaterimago vorausging. Die Tante hatte die Patientin sehr 
verwöhnt und sie ihren Geschwistern vorgezogen ; sie hat einmal den jüngeren 
Bruder für eine Schuld der Patientin unschuldig bestraft und so ihr Herz gewonnen 
und ihr Gewissen beschwert. Als sie dann fortging und die strenge, übermoralische 
und prügelnde Erzieherin an ihre Stelle trat, muß die Patientin schwere Konflikte 
und Erschütterungen erlebt haben. Es war zunächst nicht zu begreifen, wie es ihr 
doch gelang, ihre ganze Liebe dieser Erzieherin zuzuwenden. — Erst in einer vor- 
gerückten Phase der Analyse gelang es, diese Schicksale der homosexuellen Libido 
zu erforschen und dadurch die letzten Rätsel auch der heterosexuellen Liebes- 
entwicklung der Patientin zu losen. Die Patientin hatte oft von einer sehr auf- 
geregten, von unbeschränkten und unverstandenen Affekten beherrschten Zeit in der 
Nachpubertät erzählt, die, bald nachdem die Erzieherin das Haus verlassen hatte, 
einsetzte. Es handelte sich dabei offenbar um eine Manifestierung ihrer zyklothymen 
Anlage, um einen manisch-depressiv gefärbten Zustand. Streng asketische Ideale und 
vernichtende Selbstvorwürfe sollen mit submanischem Rededrang, Lebhaftigkeit, 
Witz und Geistreichtum gleichzeitig hervorgetreten sein. Dieser Zustand entsprach 
einer Identifizierung mit der neurotischen Tante, bei der depressive Anwand- 
lungen mit gesellschaftlichem Liebreiz (sie hat gedichtet, gesungen, getanzt^ gleich- 
zeitig vorhanden gewesen sein sollen. In dieser erregten Nachpubertätszeit begann 
sie auch eine erst schwärmerische, dann freundschaftliche Liebe zu einer Lehrerin 
zu entwickeln; sie zeigte das Bemühen, dieser Lehrerin gegenüber andere Kolle- 
ginnen besonders zu loben und anzupreisen, war aber von wilder Eifersucht geplagt, 
wenn ihr dies gelang. Nun wissen wir, daß die Erzieherin den Geschwistern vor der 
Patientin den Vorzug gab, so recht im Gegensatz zur Tante. Das Anpreisen ihrer 
Mitschülerinnen und ihre Eifersucht auf sie entsprangen also ihrem Wiederholungs- 
zwang. Zu der Identifizierung mit der Tante ist noch zu bemerken, daß sie es ja 
gewesen war, die die Patientin nachts mit der Brust erschreckt hatte; sie war ferner 
von ihr einmal bei der Defäkation beobachtet worden (auch dieses Erlebnis war 
eine der Quellen, aus denen das übergroße Interesse der Patientin für das Theater 
hervorging; der aufgehende Vorhang entsprach dem hochgehobenen Hemd); sie war 
es eben, die im Ödipuskomplex der Patientin ihre (verstorbene) Mutter nachhaltig 
substituiert hat. — Demnach wäre die Nachpubertätsperiode, die ja einsetzte, nach- 
dem die Erzieherin das Haus verlassen hatte, eine Regression in die Zeit, da einst 
die Tante weggegangen war. Aus dieser Regression konnten die libidinösen Vor- 
gänge jener Zeit rekonstruiert werden : Identifizierung mit dem verlassenen homosexuellen 
Objekt (Tante); Objektliebe zum neuen (Erzieherin). 

Der Unterschied zwischen der hetero- und der homosexuellen Libido entwicklung 
ist aber der, daß in jener dem jüngeren Bruder die Identifizierung, dem älteren die 
Objektliebe vorbehalten blieb, während in dieser nicht nur die Tante, sondern auch 
die Erzieherin durch Introjektion zum Über-Ich erhoben wurde. Es hängt wohl mit 
dem extrem analen Charakter dieser Erzieherin zusammen, daß die Patientin auf 
jede Liebesenttäuschung mit einer Art periodischer Wiederbelebung ihrer Identi- 
fizierung mit der Erzieherin reagiert hat. (Regression von der genitalen zur analen 
Stufe.) In solchen Zeiten traten bei ihr plötzlich statt der sonstigen hysterischen rein 
zwangsneurotische Symptome in den Vordergrund; sie verurteilte dann, wenn auch 






286 



Dr. Otto Fenidiel 



Wir können im Charakter der Patientin die Spuren dieser Identi- 
fizierungen leicht nachweisen. Ihre neurotische Schüchternheit, Zurück- 
gezogenheit, Hemmung zeigten sich auch an ihrem jüngeren Bruder. 
Ihre analen Züge, ihr Trotz, Ordnungssinn, ihre Liebe für Tabellen und 
Schemata, für genaue Zeiteinteilungen u. dgl. kopierten genau das Verhalten 
der Erzieherin. 1 Eine Reihe ihrer Symptome ließ sich zweifellos als „nach- 
träglicher Gehorsam" dieser Erzieherin gegenüber verstehen. Ihre Zwangs- 
befürchtung, Männern unerwartet und plötzlich ans Genitale fassen zu 
müssen, erinnert an den Onkel, der so unerwartet und plötzlich an ihr 
Genitale gefaßt hatte. 

Als die Episode mit dem Heiratskandidaten vorüber war, konnte die 

nicht klar bewußt, r^oralisch alle genitalen Regungen, produzierte daneben anale 
Zeremoniells, die einen nachträglichen Gehorsam der Erzieherin gegenüber bedeu- 
teten, und verriet so diese Identifizierung. Sie hat z. B, gerne einen kleinen Vetter 
durch die Erzählung von einem einsamen Hexenhaus geschreckt. Das Haus war eine 
Bedürfnisanstalt, die Hexe die Erzieherin als Klosettfrau, die Geldforderungen stellt. 
Offenbar wußte die Patientin als Kind, daß die Erzieherin im Gegensatz zur uneigen- 
nützigen Liebe der Tante für ihre Bemühungen vom Vater Geld erhielt, ein nicht 
zu unterschätzendes Moment für die spätere Gleichsetzung von Erzieherin und Ana- 
lytiker. Die Patientin hatte deshalb auch vor jedem Portier eine besondere Scheu, 
besonders seit einer, sich der Erzieherin ganz angleichend, ihr nachgerufen hat, sie 
möge sich die Stiefel besser reinigen. — Eine solche Periode der Identifizierung 
mit der Erzieherin war besonders gut zu beobachten, als die Patientin den Versuch 
machte, sich von ihrem Freund zu lösen. Die berichtete Angleichung ihrer eigenen 
Person an diesen Freund, also die Ablösung der Objektliebe durch Identifizierung 
(Aufessen des Freundes, Depression), wurde durch eine Regression zur Analität 
vervollständigt, wobei sich die Hysterie der Patientin vorübergehend in eine Zwangs- 
neurose verwandelte, die überaus deutlich die Züge einer Nachahmung der Erzieherin 
zur Schau trug. — 

Während die Identifizierung mit der Tante (ebenso wie die mit dem Freund) 
die Objektliebe erst ablöste, dürfte die mit der Erzieherin seit jeher neben der 
Objektliebe bestanden haben. Der Einzug der Erzieherin in die Familie fiel offenbar 
in eine Zeit der Verdrängungsneigung der Patientin, wahrscheinlich in die nach 
ihren schlimmen Erfahrungen mit ihrem jüngeren Bruder, die sie von der Tatsache 
ihres Kastriertseins überzeugt haben. Die Erzieherin bot ihr nun die günstige 
Gelegenheit zum Ausweichen in die minder gefährliche Homosexualität und eröffnete 
ihr zugleich durch ihren Erziehungseinfluß den Weg in die Analität. Die Patientin 
hat prompt im Sinne dieser Möglichkeiten reagiert, indem sie die moralischen 
Anforderungen der Erzieherin gefügig annahm. So errang sie sich die Liebe der 
Erzieherin und erwarb damit zugleich eine dauernde Veränderung ihres Charakters. 
Als dann auch diese Erzieherin mit ihren Kastrationsdrohungen einsetzte (vgl. die 
5,Esel"episode), verstärkte sie dadurch die Identifizierung der Patientin auf Kosten 
ihrer Objektliebe. Hatten doch auch die Kastrations drohungen ihres jüngeren Bruders 
zu einer analogen Identifizierung geführt. 

Einen schonen Beweis erhielt diese Auffassung durch die Beobachtung, daß 
bei der Patientin diese Eigenschaften zu verschiedenen Zeiten verschieden stark in 
den Vordergrund traten. Man konnte sehen, wie sie sich verstärkten, sobald nur die 
Patientin Anlaß hatte, ihre Identifizierung mit der Erzieherin zu aktivieren. 



Introjektion und Kastrationskomplex 



287 



Patientin ihre Libido ihrem Freund (dem Abbild ihres älteren Bruders) 
zuwenden. An die frei gewordene Stelle des jüngeren Bruders ließ sie 
den Analytiker treten. Der Analytiker, der auf ihre reale Weiblichkeit 
hinwies, gegen ihren Willen sich und die Analyse für real erklärte, konnte 
jetzt die Rolle des Kastrators leicht übernehmen. Durch diese Übertragung 
gelang es auch, das Hungersymptom in die Analysenstunde zu zwingen. 
Als sie einmal neuerlich auf ihren Penisneid hingewiesen wurde, wollte 
sie sofort aufstehen und zu ihrem älteren Bruder gehen, der ihr versprochen 
hätte, ihr den Boccaccio zu leihen. Sie lehnte also die realistische 
Aufklärung des Analytikers wie einst die des jüngeren Bruders ab, um 
sich noch einmal die poetische des älteren Bruders zu holen. Nun konnte 
sie auch versuchen, sich mit dem Analytiker zu identifizieren; sie schrieb 
z. B. an einen Arzt statt „Sehr geehrter Herr Doktor!" „Sehr geehrter 
Herr Patient!" 

Eine entscheidende Wendung erfuhr ihr Verhältnis zum Freund durch 
seine erwähnte Aggression. So etwas hätte er, ein Ebenbild des älteren 
Bruders, nicht tun dürfen ; das war das Benehmen des jüngeren 
Bruders. Seine so provozierte Gleichsetzung mit dem jüngeren Bruder 
verriet sich durch ihre darauffolgende Reaktion; sie versuchte es jetzt 
auch bei ihm mit einer melancholischen Abwehr, die sich leicht ana- 
lytisch lösen ließ. Ja, man durfte sogar von hier aus den bemerkenswerten 
Rückschluß wagen, daß der frühinfantile Introjektionsprozeß eine 
Bereitschaft zur zwanghaften Wiederholung des Objekt- 
verlustes zurückgelassen hatte. Die Labilität der entsprechenden 
öbjektbesetzungen in späterer Zeit wäre demnach auf diesen Wieder- 
holungszwang zu beziehen. 

Dieser melancholische Abwehrprozeß führte zu keinem Erfolg. Offenbar 
hatte sich ihm das unzerstörbare Klischee des älteren Bruders wider- 
setzt. Es folgte gleichsam ein Ringen der beiden Brüder-Imagines, das sich 
durch quälende Unruhe, Aufregung und sonstige Anzeichen verriet. Jetzt 
wurde auch ihr analoges Verhalten in der Übertragung zum Analytiker 
verständlich ; um seine Person tobte der gleiche Kampf. Wir hörten schon, 
inwieweit er zum jüngeren Bruder wurde. In seiner Rolle als freund- 
licher, zurückhaltender Helfer war er aber zugleich der ältere Bruder. 
Wenn die Übertragung sich vom jüngeren Bruder dem älteren zuwandte, 
so verriet dies die Patientin, indem sie den „verschluckten* Penis von 
sich gab. Sie bekam Brechreiz in der Analysenstunde, ließ ihren Regen- 
schirm beim Analytiker stehen und brachte endlich ein Buch zurück, das 
fr ihr vor Monaten geborgt, das sie „verschlungen" und so lange bei sich 
behalten hatte. Sie träumte auch von einem Puppenkind, dessen Finger 



288 Dr. Otto Fenidiel 



sie abbricht, worauf sich zu ihrem Entsetzen ein Knochen in ihrem Munde 
befindet, den sie sofort voll Ekel ausspuckt. 1 

Die Einsicht in diesen Wettstreit der Imagines ließ nun im 
Hinblick auf die libidinösen Schwierigkeiten, in die die Patientin dadurch 
geriet, der in der Analyse zu lange vernachlässigten Beobachtungsszene 
des väterlichen Penis den ihr gebührenden Platz anweisen. Wir konnten 
jetzt annehmen, daß die Mischperson, die die Eigenschaften beider Brüder 
in sich vereint, der Vater sei. Die beiden Objekttypen entsprächen zwei 
entgegengesetzten Einstellungen der Patientin zum Vater und die rezente 
Erregung der Wiederholung der Ödipuserlebnisse der Kinderzeit, in deren 
vermutlichen Hergang man endlich Einblick gewann. Man konnte 
annehmen, daß in einer früheren Zeit bei der Patientin eine zärtliche 
Bindung zum Vater bestanden hatte, bis sich die bekannte Penisbeob- 
achtung ereignete. Sie mußte dabei mit Entsetzen die Doppelnatur des Vaters 
erkennen: Er war nicht nur die ihr bekannte liebevolle und zärtliche 
Person, sondern zugleich ein penistragendes kastrierendes Ungeheuer. Haß 
und Neid stiegen in ihr hoch und es setzte nun ihre große Ambivalenz 
ein. Wahrscheinlich haben schon damals ihre oralen Introjektions versuche 
begonnen. Sie konnte und wollte aber auf die alte Zärtlichkeit nicht ver- 
zichten und dies brachte wohl diese Versuche zum Scheitern. Dagegen 
dürfte die Verdrängung der traumatischen Szene bis zu einem gewissen 
Grad gelungen sein; sie stützte sich dabei wahrscheinlich auf ihre Ansicht 
von der Reversibilität der Geschlechtsumwandlung, die sie. sich anläßlich 
der Theatervorstellung (Amor) erwarb. Weitere Schauszenen müssen dann 
das Verdrängte wieder aufgestört haben; die nächtliche Szene mit der 
Tante, die Bruderszenen im vierten Lebensjahr schufen schließlich pein- 
liche Gewißheit. Allein die nämlichen Erlebnisse haben ihr auch den Aus- 
weg aus der Ambivalenzsituation eröffnet: Sie hat ihre Vaterimago in zwei 
Teile gespalten, schuf sich das Bild eines furchtbaren Penisträgers und das 

l) In der Person des Analytikers waren aber nicht nur wie in der des Freundes 
beide heterosexuellen Objekttypen in einem einzigen Objekt vereinigt, sondern 
außerdem auch beide homosexuellen Objekttypen, was den Tatbestand außerordentlich 
komplizierte. So wurde von der Patientin der Analyse wiederholt als Widerspruch 
vorgeworfen, daß sie einerseits ein normales Sexualleben ermöglichen wolle, anderer- 
seits doch Triebverzicht verlange. Das erstere hatte mutatis mutandis die Tante, das 
zweite die Erzieherin gelehrt. Als sie in einer Zeit negativer Übertragung jedes 
Wort des Analytikers als einschränkendes Verbot auffaßte und erwartete, vom Ana- 
lytiker als von der Erzieherin bestraft zu werden, änderte sich das ganze Bild, als 
der Analytiker gelegentlich eines Durchfalles riet, kein Opium zu nehmen, um den 
spontanen Verlauf des Durchfalles beobachten zu können. Dadurch erlaubte er im 
Gegensatz zur Erzieherin weitgehende Triebbefriedigung und wurde zur alles 
gestattenden Tante. 



Introjektion und Kastrationskomplex 



289 



einer zärtlich-fürsorgenden Person ; das eine wurde im jüngeren, das 
andere im älteren Bruder verkörpert. Nun konnte sie in ihrem Unbe- 
wußten den ersten auffressen, den zweiten lieben. Diese Annahme erklärt, 
die früheren Ermittlungen weiterführend, einige bisher nicht gut ver- 
standene Züge der Neurose. Das ungeheure Schuldgefühl, von dem die 
ganze Neurose getragen war, mußte ja aus einer ganz frühen Ödipusschuld 
stammen. Die Sonntagsneurose, an der die Patientin litt, ließ sich auf die 
Tatsache zurückführen, daß der für die Kinder in der Woche fast unsicht- 
bare Vater Sonntags zu Hause war. Es handelte sich bei ihren Stimmungs- 
schwankungen an den Sonntagen um ihre Sehnsucht nach jener Szene, 
von der wir ja sicher ermitteln konnten, daß sie sich bei einem Sonntags- 
spaziergang abgespielt hat. Ihre Angst, Männern ans Genitale greifen zu 
müssen, entsprach u. a. ebenfalls einer Wiederholung dieser Szene. Von 
ihrem späteren Verhalten zum Vater erfuhren wir wenig. Aber doch u. a. 
das eine, daß es für sie immer eine schwere Angelegenheit war, von ihm 
Geld zu verlangen; sie hatte dabei das schwerste Schuldgefühl. Wie das 
Material ergab, empfand sie dies als Kastration des Vaters. Am schönsten 
brachte sie den Zweifel, ob der Vater kastriere oder nicht vielmehr kastriert 
werden könnte, in einem wiederholten Verhören zum Ausdruck. Sie ver- 
hörte, wenn der Vater den „Struwelpeter" vorlas, das „Pfui, ruft da ein 
jeder, garst'ger Struwelpeter" zu „Pfui, ruft da ein Jäger . . .", weil in 
einer anderen Geschichte desselben Buches der Jäger vom Hasen tot- 
geschossen wird. Als sie in der Analyse darüber erzählte, geriet sie in 
Zweifel, ob es in den „Lustigen Weibern von Windsor" heiße: „Wir beide 
kriegen sicherlich das Weibchen abzufangen" oder den „alten Herrn zu 
fangen". 

Die Annahme dieser Deutung ist bei der Patientin auf manche 
Schwierigkeiten gestoßen; doch brachten die späteren Monate der Analyse 
so zahlreiche bestätigende Einfälle, Träume und Symptomhandlungen, daß 
sie an ihrer Richtigkeit nicht mehr zweifeln konnte. Es scheint mir über- 
flüssig, hier über dieses bestätigende Material näher zu berichten. Dagegen 
will ich noch einige im Anschluß an die Sonntagsszene sehr allmählich 
und unter großen Schwierigkeiten ermittelte Einzelheiten zur Sprache bringen. 

Wir wollen dabei von einem sehr merkwürdigen Symptom der Patientin 
ausgehen, das sich als eine Art Erwartung oder Wunsch bei ihr beschreiben 
läßt, alle ihre Erlebnisse müßten einen „Schluß" haben. Sie wußte 
selbst nicht recht zu sagen, wie das zu verstehen sei; sie verlangte eine 
Art formalen Abschluß bei allen Angelegenheiten und war unbefriedigt, 
wenn sie z. B. irgendeine Beschäftigung abbrechen sollte, deren Ende 
nicht vorher angekündigt war. Dieses Ausbleiben der Befriedigung bei 

Int, Zeitschr. f. Psychoanalyse, XI/3. 19 



290 Dr. Otto Fenichel 



Dingen „ohne Schluß ' entsprach dem Ausbleiben der Befriedigung an 
jenem Sonntagvormittag. Es ließ sich, erst hypothetisch, dann mit 
Erinnerungsgefüh], das Detail ermitteln, daß der urinierende Vater, erschreckt 
durch die Neugierde des kleinen Mädchens, den Penis schnell wieder in 
der Hose verschwinden ließ. Diese Erinnerung an das unerwartet schnelle 
Verschwinden des Penis, das offenbar mit einer mündlichen Zurückweisung 
des fragenden Kindes verbunden war, erwies sich als ein Knotenpunkt im 
Unbewußten der Patientin: 

1) In diesem plötzlichen Verschwinden des Penis war ihr die Möglich- 
keit der Kastration gleichzeitig mit 'der Sicherheit von der Existenz des 
Penis ad oculos demonstriert worden. Die Patientin selbst hat durch das 
Verraten ihrer Neugierde dieses Verschwinden veranlaßt, den Vater also 
schon damals kastriert, als Hase den Jäger gejagt. Daher ihr ungeheures 
Schuldbewußtsein und wohl auch ihre tiefe Fixierung an die Raeheidee, 
den Mann während des Geschlechtsaktes zu kastrieren. 

2) Die Befriedigung über diese rächende Kastration, die den penis- 
besitzenden Vater ihr gleichmachen sollte, blieb aber aus. Nicht nur in 
passiv-femininer, auch in sadistisch-maskuliner Hinsicht blieb die Szene 
nun „ohne Ende", weil der verschwundene Penis zwar nicht mehr zu 
sehen, aber auch nicht in den Besitz der Patientin gelangt war. Das plötz- 
liche Verschwinden hat ja den Penis dem Machtbereich des kleinen 
Mädchens entzogen. Sie hat nicht nur den Vater kastriert, zugleich ist 
auch sie selbst dabei kastriert worden. 

3) Diese Form der passiven Kastration, bei der also der am fremden 
Körper befindliche Penis dem danach fassenden Kind plötzlich entzogen 
wird, erinnert sofort an die Entziehung der Mutterbrust. Nun wissen wir, 
daß der Penisneid der Patientin sich auf einem älteren Milchneid aufbaute. 
Schon vor jenem Sonntag hatte sie einmal auf die Frage nach der Bedeutung 
der Brust von der Tante die Auskunft erhalten, daß die Kinder da zu 
trinken bekämen; sie horte, daß sie um ihre Rechte gekommen sei: 
während die Geschwister die Mutterbrust bekommen hätten, sei ihr im 
Alter von vierzehn Tagen die Mutter gestorben und sie hätte mit der 
Flasche vorlieb nehmen müssen. In gleicher Weise wie damals nach der 
Bedeutung der Brust hat sie dann den Vater nach der Bedeutung des 
Penis gefragt. So wurde das rasche Verschwinden des Penis dem Tod der 
Mutter gleichgesetzt* 

4) Diese Gleichsetzung erhärtet unsere vorhin geäußerte Vermutung, 
ihre Versuche zur oralen Introjektion des Penis, bzw. des Penisträgers 
hätten schon an jenem Sonntag eingesetzt. Es ist dies bei ihrer hoch- 
gradigen oralen Fixierung nicht weiter wunderlich. Hatte sie doch, wie 






Introjektion und Kastrationskomplex 



291 



wir bereits gehört haben, auch die oralen Zeremonien des Osterfestes als 
eine Wiederholung jener Sonntagsszene aufgefaßt. 

5) Das Verlangen der Patientin nach einem „Schluß" zeigte ein 
bedeutungsvolles Detail, das uns hier ein Stück weiterführen kann. Sie 
hat auf diese Erwartung verzichtet, wenn sie als Äquivalent eine 
„Erinnerung" zurückbehielt; sie hat gern erinnerungs schwangere Reliquien 
an Menschen, Orte, Erlebnisse gesammelt. Auf die Bemerkung des Ana- 
lytikers, es handle sich bei diesen Reliquien offenbar um den geraubten 
Penis, folgte ein nicht erwarteter Einfall : An ihre Mutter habe sie keine 
Erinnerung. Sie denke, die beste und sicherste Erinnerung wäre, wenn es 
gelänge, die Reliquien im eigenen Leib zu bewahren. Hätte' sie, ein Stück 
Mutter in ihrem Leib, so wäre sie selbst die Mutter und diese könne ihr 
nie mehr geraubt werden. Sie erinnerte nunmehr den Gedanken, wie 
schade es sei, daß sie ihrer Mutter nicht in den ersten Tagen ihres Lebens 
die Brust abgebissen hätte! Hätte sie dies getan, so wäre die Mutter nie 
gestorben, sondern sie selbst Mutter geworden. Wir wissen, daß ihr aus 
dem Ödipuskomplex stammendes Schuldgefühl zeitweise bewußt die Form 
annahm, sie hätte die Mutter getötet, die ja an den Folgen ihrer Geburt 
gestorber war. 

6) Die orale Introjektion des Penis des Bruders, die die Patientin aus 
Rache zu vollziehen suchte, hatte also ein doppeltes Vorbild, bei dem der 
Introjektion jeweils ein realer Objektverlust vorausgegangen ist. Daß beide 
Male das Objekt (die Mutterbrust und der Vaterpenis) ihr gezeigt, aber 
dann wieder entzogen wurde, bevor sie es sich einverleiben konnte, das 
war der große Betrug der Erwachsenen. 

Wenn sie später von Erwachsenen betrogen wurde, z. B. als Junge 
angezogen wurde, obwohl sie in Wahrheit Mädchen blieb, so waren dies 
nur Wiederholungen dieser älteren Betrügereien. In der Übertragung hat sie 
dann als Betrug empfunden, daß ihr der Analytiker zwar ein befriedigen- 
des Sexualleben nach vollendeter Analyse in Aussicht gestellt hatte, sich 
aber weigerte, ihr diese Sexualbefriedigung selbst zu geben. Eine Periode 
infantiler Pseudologie, die sie durchgemacht hatte, war als ein Versuch 
zur Rache wegen dieses Betruges aufzufassen. Es gelang der Analyse, 
Phantasien der Patientin von einem großen Rachetag in ferner Zukunft 
ins Bewußtsein zu heben, von einem „jüngsten Gericht , das sie als das 
Gericht perzipierte, das die „Jüngsten" über die Erwachsenen abhalten. 

7) In charakteristischer Weise heftete sich die Erkenntnis, daß die 
Erwachsenen nicht allmächtig, sondern Betrüger seien, an die orale 
Geschichte vom Sündenfall im Paradies : Ihr war im Scherz gesagt worden, 
daß sie von d*£i auf einem Teller liegenden Äpfeln einen bestimmten 

19* 



292 



Dr. Otto Fenidiel 



nicht essen dürfte. Sie aß ihn heimlich und es geschah gar nichts, weder 
die Erwachsenen noch der liebe Gott hatten ihre Sünde überhaupt bemerkt» 
Diese Erfahrung war die kräftigste Stütze für alle Hoffnungen auf das 
jüngste Gericht. 3 

8) Die Allmacht des Vaters war aber schon durch die Sonntagsszene 
selbst angegriffen worden: Als der Vater den Penis so schnell verschwinden 
ließ, faßte das Kind das als ein Eingeständnis einer Schuld auf, so daß 
der Vater in seiner Sündhaftigkeit nunmehr entlarvt war und die Rebellion 
gegen ihn beginnen konnte. 

Diese auf Grund von detaillierten Wiederholungen in der Übertragung 
ermittelten Zusammenhänge lieferten den vollen Beweis für die vermutete 
Spaltung der Vaterimago in die der beiden Brüder. So hat sich der 
Ödipuskomplex auch in diesem Fall wieder als der Kernkomplex der Neu- 
rose erwiesen. 

VII 

Was an diesem Fall theoretisch bedeutsam und seine Mitteilung zu 
rechtfertigen schien, haben wir meist — eingestreut in die Kranken- 
geschichte — bereits auseinandergesetzt. Es wird sich in den folgenden 
Bemerkungen also nicht so sehr darum handeln, aus dem Gesagten theore- 
tische Schlußfolgerungen zu ziehen, als vielmehr darum, bereits Ange- 
deutetes systematisch zusammenzufassen und so zu sehen, was diese Kranken- 
geschichte lehren kann. 

Die Analyse dieses Krankheitsfalles scheint uns besonders in drei 
Beziehungen lehrreich. Erstens — das ist am raschesten zu erledigen — 
brachte sie eine volle Bestätigung des Pfeifer sehen Fundes, mit dem 
wir begonnen haben. Wir fanden, wie Pfeifer, zweimal nach Liebes- 
enttäuschungen die Reaktion einer melancholieartigen Trauer mit Introjek- 
tion des Objektes, die uns allerdings durch die seit Pfeifers Mitteilung 
erschienenen Arbeiten von Freud und Abraham tiefer verständlich 
geworden ist; wir fanden weiters, daß die neue Objektsuche auf den 
primitivsten Stufen der Libidoentwicklung begann und diese selbst noch 
einmal durchlief. 

Zweitens zeigte sich aber, daß dabei die zur Introjektion des Objektes 
führende Liebesenttäuschung nicht von außen bedingt, sondern als un ver- 
hütbare Folge eines Wiederholungszwanges eingetreten war, der, durch 
frühinfantile Libidoschicksale begründet und gefestigt, in durchaus primärer 

i) Ein Versuch zur Exekution dieses Gerichtes lag in der Phantasievorstellung, 
deren Erinnerung von schwerem Schuldgefühl begleitet wurde, den Vater einmal 
mit einem Spielgewehr erschossen zu haben. 



Introjektion und Kastrationskomplex 



293 



Weise den Mechanismus der Introjektion betätigt hatte. Vielleicht geben 
wir der Vermutung Raum, daß auch bei den scheinbar spontan ein- 
setzenden Melancholien eine ähnliche durch frühinfantile Erlebnisse 
erworbene Übermacht des oralen Introjektionsmechanismus die für 
diese Erkrankung entscheidende Disposition begründet. 

Zu unserer Behauptung, daß nicht ein von außen erzwungener Objekt- 
verlust Ursache der introjizierenden Identifizierung war, daß vielmehr 
diese aus inneren Gründen auftrat und sich den Objektverlust gleichsam 
erzwungen hat, sei bemerkt, daß wir das keineswegs für die erste in der 
Kindheit vorgenommene Introjektion des Vaters annehmen. Damals war 
der Objektverlust offenbar primär und durch die Realität erzwungen. Allein 
die Übermacht der oralen Komponente in der libidinösen Konstitution der 
Patientin hat diesem Vorgang eine folgenschwere Bedeutung verliehen; 
sie hatte fortab für alle späteren Zeiten die Neigung beibehalten, erotische 
Obj ektbestrehungen in eine oral-sadistische (Abraha m) Beziehung 
auslaufen zu lassen, die sich der Exekutive der psychischen 
Einverleibun g (Introjektion) bediente. Dies ist der Sinn jenes Sach- 
verhalts, den wir oben als durch Wiederholungszwang bedingte Introjektion 
beschrieben haben. 

Wir werden uns nicht wundern, wenn wir von den von Abraham 
angegebenen ätiologischen Voraussetzungen der Melancholie die meisten 
auch bei unserer Patientin antreffen. 1 Über ihre Konstitution können wir 
außer der bereits hervorgehobenen Prävalenz der oralen Komponente nichts 
Näheres aussagen; die schwere Verletzung des kindlichen Narzißmus durch 
zusammentreffende Liebesenttäuschungen scheint durch die Beobachtung 
des bedrohenden väterlichen Penis und durch die Verweigerung der Aus- 
kunft über ihn, durch die Ersetzung der zärtlichen Tante durch die über- 
strenge Erzieherin, durch die Verspottungen des Bruders genugsam gegeben; 
die beiden ersten Enttäuschungen sind sicher vor Bewältigung der Ödipus- 
wünsche eingetreten, so daß sich die Frage aufdrängt, warum sich in 
diesem Fall eine Hysterie entwickelt hat und keine Melancholie. 

Die Annäherung jener an diese war uns in der allbekannten und bei 
Hysterischen so gewöhnlichen Vorstellung gegeben, den Penis des Partners 
abzubeißen und zu verschlucken. Abraham hat diese orale Kastration 
mit der Introjektion der Melancholiker in Zusammenhang gebracht und 
von einer „Partialeinverleibung des Objektes" gesprochen. Die Ähnlichkeit 
zwischen unserem Fall und den Bruchstücken aus Abrahams Kranken- 
geschichten, mit denen er die Partialeinverleibung erläutert, ist auffallend. 

i) Abraham: „Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido." Neue Arbeiten 
zur ärztlichen Psychoanalyse, Nr. II. 



294 Dr. Otto Fenidiel 



Es sei in diesem Zusammenhang besonders auf die notorische Gleich- 
setzung von Penis und Brust sowie auf das Zwangssymptom, den Männern 
aufs Genitale sehen zu müssen, aufmerksam gemacht; auch ist nicht zu 
vergessen, daß der Mann durch das Abbeißen des Penis genitallos gemacht 
wird und so den Liebesbedingungen der Hysterie Genüge leistet. Daß es 
sich bei dieser Form der Kastration um eine echte Introjektion handelt, 
ging aus unserem Fall mit zweifelloser Klarheit hervor. Da der Penis dem 
Unbewußten der Patientin das Wesentlichste am Mann vorstellte, wurde 
zwischen Partial- und Totaleinverleibung, zwischen Penis- . und Leichen- 
essen kein großer Unterschied gemacht. Aber das einverleibte Objekt 
behält sein Sonderdasein, wütet von innen her gegen die sündige Esserin, 
wird zu ihrem Über-Ich; 1 die Patientin wurde dem Objekte ähnlich, deren 
Penis sie verschlungen hatte. Dank der überstarken oralen Strebung war 
offenbar die orale Kastrationsvorstellung hier tiefer gemeint als bei anderen 
Hysterien, die auf sie etwa mit einem Globus reagieren. Sie war noch 
die volle ursprüngliche Identifizierung durch Verschlingen, auf die die 
Patientin nach Enttäuschung der Objektliebe regredierte. 

Versuchen wir eine schematische Darstellung der Libidoentwicklung zu 
geben, die wir bei unserer Patientin gefunden haben: 

I. Beeinträchtigung durch den Mangel der Mutter — Ich will von der 
Mutterbrust trinken — andere Kinder sollen nicht Milch von der Mutter- 
brust trinken — Ich will die Brust für mich allein — Ich will die ganze 
Brust essen — Ich will die Frau essen — die Aufnahme der Erzieherin 
ins Über-Ich. 

II. Ich liebe den Vater, habe aber ihm gegenüber eine Schuld — Der 
Vater wird mich kastrieren — Er hat dazu einen Penis — Ich werde ihn 
kastrieren — Ambivalenz — Spaltung der Vaterimago. 

III. Der jüngere Bruder ist der böse Vater — Er hat mir den Penis 
geraubt, wie man mir einst die Mutterbrust raubte — Ich will seinen 
Penis essen — Ich will den Mann essen — Ich werde dadurch selbst 
Mann — Der Mann in mir tötet mich — die Aufnahme des jüngeren 
Bruders ins Über-Ich. 

IV. Der ältere Bruder ist der gute Vater - — Er hat kein Genitale, ist 
Krüppel, ist krank, also darf ich ihn lieben — er enttäuscht mich aber, 
weil er mir die ältere Schwester vorzieht. 

Es ist klar, daß diese schematische Übersicht nicht ohne weiteres mit 
dem Abraham sehen Schema der Entwicklungsgeschichte der Libido in 
Einklang gebracht werden kann. Der auffallendste Widerspruch scheint, 
daß die der ersten analsadistischen Stufe angehörige P a r t i a 1 einverleibung 

i) Freud: „Das Ich und das Es." Int. PsA, Verl., 1923. 



Introjektion und Kastrationskomplex 



295 



hier der älteren oralen Total einverleibung vorangeht. Das erklärt sich 
aber daraus, daß das Schema, das wir hier für unseren Fall entwerfen 
konnten, einen bereits durch Regressionen entstellten Entwicklungsweg 
beschreibt und nicht die normale Entwicklung. Das scheinbare Durch- 
einander der Entwicklungsstufen im Schema ist also keineswegs zufällig 
oder belanglos. Es zeigt uns ferner, daß unsere Patientin auf verschiedenen 
Entwicklungsstufen Fixierungspunkte hatte, zu denen sie regredierte. Sie 
litt ihren Klagen und auch der Dynamik ihrer Erkrankung nach an 
Hysterie mit Angst- und Konversionssymptomen. Wir haben aber zahl- 
reiche Zwangssymptome mitgeteilt und es erübrigt sich, im einzelnen zu 
erinnern, wie viele ihrer Eigenheiten zwangsneurotischen Charakter trugen. 
Die Ähnlichkeit mit der Melancholie wurde oft erwähnt, auch leichte 
paranoide Symptome kamen zur Beobachtung. In ihren Symptomen gelangt 
also zweifellos Libido aus allen Organisationsstufen zur Verwendung. Die 
Entscheidung über die Neurosen wähl mag der relativen Stärke der einzelnen 
Libidoanteile zugefallen sein. 

Wir dürfen uns nicht darüber hinwegtäuschen, daß trotz der über- 
wältigenden Oralität der Patientin all ihre Symptome von einem guten 
Stück Genitallibido getragen waren ; ihre Genitallibido wurde aber 
durch „Verlegung nach oben" der oralen Zone zugeführt und zu ihrer 
Genitalisierung verwendet. Der eigentliche Motor der oralen Sym- 
ptome der Patientin war demnach der Kastrationskomplex, will 
sagen das Bestreben, beim geliebten (Inzest-) Objekt durch Kastration den 
geforderten Genitalausschluß herzustellen. Sie hat dies durch Identifizierung 
mit dem zu kastrierenden Partner erreicht und brachte so ihre hinter der 
Genitalität versteckte Oralität zur Geltung; das ist melancholieähnlich, 
aber keine Melancholie. Das ist im Grunde dasselbe, nur ungleich tiefer- 
greifend, was nach Freuds glänzenden Beobachtungen („Das Ich und das 
Es.") jede normale Frau tut, wenn sie, nicht mehr liebend, dem verlassenen 
Liebesobjekt ähnlich wird. Die Identifizierung ist nicht nur ein Mittel, 
das verlorene Objekt im Ich wieder zu gewinnen; sie ist auch ein Mittel, 
das Objekt ambivalenter Einstellung (den Penis) oral-sadistisch zu 
zerstören, welch letztere Absicht aber durch die Wendung gegen das 
Ich, die in unserem Falle mit Hilfe von „Hunger" und „Flammen- 
schwert" vollzogen wurde, vereitelt wird; es setzen die reaktiven Tendenzen 
ein und wir beobachten das Wüten des Über-Ichs gegen das Ich. 

So erscheint uns der metapsychologische Unterschied zwischen Melan- 
cholie und oraler Hysterie, soweit dies nach unserem Falle zu entscheiden, 
lediglich ein Ökonomischer. Denn die verschiedene Rolle der 
Regression dabei ist vorläufig metapsychologisch nicht zu fassen. 



296 



Fenidiel: Introjektion und Kastrationskomplex 



Genitale und orale Libido haben sich zu gemeinsamer Symptombildung 
vereint, bei der Melancholie überwiegt diese, bei der oralen Hysterie jene. 
Die von Reich zur Beantwortung einer Frage von Federn geäußerte 
Vermutung, daß solche oralen Hysterien sich im Klimakterium bei 
organischer Schwächung der genitalen Libido in postklimakterielle Melan- 
cholien wandeln können, erscheint uns durchaus plausibel. 

Schließlich wollen wir noch auf ein drittes Moment hinweisen: Wir 
kennen sowohl den Zerfall der einheitlichen Lieoesstrebungen in zwei 
Typen, den sinnlichen und den zärtlichen. Wir kennen auch eine Zwei- 
heit von Objektbeziehungen. Das eine Objekt will geliebt, das andere aber 
nur Vorbild, Ideal sein. In unserem Fall fanden wir eine Verlötung 
dieser beiden Spaltungen. Das Objekt der sinnlichen Streb ungen 
mußte stets durch Introjektion zum Ichideal werden. Von zwei Reihen 
der Liebesobjekte, von denen kein einziges von der Patientin voll geliebt 
werden konnte, war die eine gezwungen, unkörperlich zu bleiben und 
nach kurzem Verlauf mit Enttäuschung zu enden, die zweite von der 
Objektliebe zur Identifizierung zu regredieren; dabei entsprach die erste 
der isolierten Zärtlichkeit, die zweite der isolierten Sinnlichkeit. Ihre 
Spaltung aber war wie immer das Werk des Ödipuskomplexes. 



Eingegangen im November 1924* 



Weitere Bemerkungen über die therapeutische 
Bedeutung der Genitallibido 

Nach einem Vortrage am FIII. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß, Salzburg, April 1924 

Von Dr. Wilhelm Reich (Wien) 

In einer kleinen Arbeit „Über Genitalität" (Int. Ztschr. f. PsÄ. 1924) 
bin ich auf Grund einer vergleichenden Untersuchung über die infantile 
Genitalorganisation an Hand klinischen Materials zum Ergebnis gekommen, 
daß — ceteris paribus - — die Prognose einer Übertragungsneurose um so 
günstiger ist, je vollkommener das infantile genitale Primat erreicht wurde 
und je reiner von prägenitalen Zuschüssen die genitale Objektliebe zur 
Ausbildung gelangen konnte. Obwohl sich mir schon damals eine Reihe 
von Einwänden aufdrängte, mußte am Prinzipiellen festgehalten und die 
detaillierte Ausarbeitung des Problemkreises verschoben werden, bis sich 
Gelegenheit bot, an neuem Material den einen oder anderen fraglichen 
Punkt aufzuklären. 

Der obige Satz gründete sich zunächst auf Beobachtung empirischer 
Tatsachen, deren theoretische Begründung nur zum kleinsten Teile schon 
dort versucht wurde. Es hieß ferner nicht nur, sich über den Begriff der 
normalen psychogenitalen Funktion klar zu werden, sondern, was weit 
schwerer war, Kriterien für die Funktionsstärke des infantilen genitalen 
Primats zu gewinnen und es von den übrigen libidinösen Organisationen 
scheiden zu lernen. Dabei stützte ich mich auf die bisherigen analytischen 
Anschauungen über die Entwicklungsstufen der Libido, insbesondere 
Freuds und Abrahams; es zeigte sich aber, daß ohne die Annahme 
sehr komplizierter Mischbildungen verschieden er libidinöser Organi- 
sationen nicht auszukommen war, denn der Begriff eines „reinen u genitalen 
Primats ist ein relativer und es widerspricht der analytischen Erfahrung, 
anzunehmen, daß eine verlassene libidinöse Position ohne Einfluß auf die 
Etablierung einer späteren bleibt. Die Annahme von Mischungen oder 
„Legierungen" libidinöser Strukturen konnte sich überdies auf den Versuch 
Ferenczis, eine „Amphimixis" von Trieben vorauszusetzen, und auf die 



J 



298 Dr. Wilhelm Reidh 



Annahme Freuds stützen, daß es eine „Mischung" und „Entmischung" 
libidinöser und destruktiver Triebkräfte gäbe. Je weiter man aber in den 
Problemkreis: „Mischformen prägenitaler und genitaler Organisationen" 
einzudringen versucht, desto komplizierter werden die Tatbestände, so daß 
es sich als vorteilhaft erweist, ihre Erörterung für einen späteren Zeitpunkt 
aufzuschieben und sich zunächst zu begnügen, eine prognostische Frage- 
stellung zu formulieren, welche für jede begonnene Analyse gilt: i) Ist 
die genitale Libido verdrängt oder unverdrängt, beziehungsweise in welchem 
Außmaße durch Schuldgefühl an freier Manifestation gehindert? 2) Ist sie 
durch prägenitale Libido ersetzt, in welchem Ausmaße und durch welche 
prägenitalen Tendenzen? 3) Wenn die rezente Libidostruktur eine vor- 
wiegend prägenitale ist: wurde seinerzeit die infantile Genitalorganisation 
erreicht und dann durch Regression aufgegeben oder handelt es sich um 
eine durch Entwicklungshemmung bedingte Fixierung im Prägenitalen? 
Indem wir so einen größeren Problemkreis abgegrenzt haben, in dessen 
Rahmen sich eine spätere eingehendere Untersuchung bewegen soll, kommen 
wir zum eigentlichen Thema dieser Arbeit. Es handelt sich um die 
„orgastische Potenz" und um weitere Ausführungen über die Heil- 
funktion der Genitallibido. 

I. Die orgastische Potenz 

Gleich eingangs begegnen wir einem ernsten Einwände: gibt es denn 
nicht Neurosen mit funktionstüchtiger Genitallibido? 

Wir beginnen die Diskussion mit dem Hinweis, daß alle Formen der 
Impotenz (ejaculatio praecox, ejaculatio retardata, vollkommene oder partielle 
Erektionsunfähigkeit usw.), Frigidität, totale oder partielle vaginale Anästhesie 
sowie neurotische Abstinenz Symptome gestörter Psychogenitalität 
sind. Wieweit sind diese Symptome bei den Neurosen vertreten? Eine 
statistische Untersuchung über diese Frage im Behandlungsjahre 1923/24 
gibt recht eindeutige Auskunft. Das statistische Material rekrutiert sich aus 
allen Fällen, die das „Wiener Psychoanalytische Ambulatorium" im genannten 
Jahre aufsuchten, und aus allen eigenen bisher analytisch behandelten 
Privatfällen. Die ursprüngliche Absicht, eine genaue statistische Unter- 
suchung nach Alter, Neurose und Form der genitalen Funktionsstörung zu 
geben, mußte aufgegeben werden; sie hätte auch kaum den Anforderungen 
einer psychoanalytischen Statistik entsprochen. Es wurde nämlich die 
Erfahrung gemacht, daß die Aussagen der nicht analytisch behandelten 
Patienten über ihre Psychogenitalität, wie man eigentlich hätte erwarten 
müssen, völlig unzuverlässig und für statistische Verwertung meistens 
unbrauchbar waren. Charakteristischerweise versteht die Mehrzahl der 



Weitere Bemerkungen über die therapeutische Bedeutung der Genitallibido 299 



befragten weiblichen Patienten, wenn sie die Antwort nicht überhaupt 
verweigern, die Frage nicht, ob sie beim Geschlechtsverkehr empfinden. 
So hatte ich eine Patientin zur Behandlung übernommen, die bei der 
Aufnahme angegeben hatte, nicht frigid zu sein, und, wie sich spater 
herausstellte, nicht nur total an ästhetisch war, sondern auch an Vaginismus 
litt. Eine andere Patientin gab an, zu „empfinden", und meinte damit das 
Gefühl, das sie beim Eindringen des Membrum hatte. Im übrigen war 
sie vaginal anästhetisch. Ein männlicher Patient, der den Analytiker .wegen 
Angstzuständen aufsuchte, gab an, voll potent zu sein. In der Behandlung 
erfuhr ich, daß er in schweren aktuellen Konflikten mit seiner Gattin 
lebte, den Verkehr durchschnittlich einmal in sechs Wochen „aus Pflicht" 
ausübte und dabei „keine Freude" hatte. Als in der Analyse tiefere, Schichten 
aufgedeckt wurden, stellte sich prompt Impotenz ein. Von solchen Spezial- 
fällen wird noch später die Rede sein. Ein anderer Patient gab an, regel- 
mäßig zu verkehren und, wie ich später während der Analyse erfuhr, 
bestand der Verkehr in Friktionen an der Vulva mit ejaculatio praecox. 
Diese Beispiele mögen genügen, die Unterlassung einer genauen statistischen 
Publikation verständlich zu machen. Trotzdem beleuchten folgende Zahlen 
im Groben die entsprechenden Verhältnisse zur Genüge : 

Privatfälle: Unter sechsundzwanzig Frauen und Mädchen findet 
sich keine, die zur Zeit oder vorher zu vaginalem Orgasmus fähig 
gewesen wäre. Sechzehn sind derzeit neurotisch abstinent, einige haben in 
der Nachpubertät kürzere oder längere Zeit hindurch an der Klitoris 
masturbiert. Von den übrigen — es handelt sich meist um verheiratete 
Frauen — sind alle partiell oder total vaginal-anästhetisch, drei an 
der Klitoris bis zu einer orgastischen Sensation erregbar. Unter dreißig 
Männern weisen achtundzwanzig alle bekannten Formen der Impotenz auf. 
Einer war heterosexuell voll potent, hatte aber die Analyse nur des 
Interesses halber aufgesucht und war bald ausgeblieben, beim zweiten (es 
ist der früher erwähnte Fall) brach die Impotenz während der Analyse 
voll durch. Die genannten Falle wiesen überdies fast alle Formen neurotischer 
Störung auf. Ganz allgemein steht die Schwere der neurotischen Erkrankung 
in geradem Verhältnis zur Störung der Psychogenitalität. 

Ambulanzfälle: Von zweihundertvier Männern und hundertfün fzig 
Frauen weisen vierundsechzig Fälle keinen Vermerk über die Sexual- 
funktion auf. Von den übrigen hundertfünfzehn Frauen weiß keine über 
orgastische Sensationen zu berichten. Von hundertfünf undsiebzig Männern 
geben elf an, potent zu sein. Diese Zahlen sprechen für sich. Es ist 
bemerkenswert, daß unter jugendlichen weiblichen Hysterien die neurotische 
Abstinenz überwiegt. Überraschend häufig ist bei klimakterischen Neurosen 



3oo 



Dr. Wilhelm Reich 



der Bericht über unglückliche Ehe. In der Anamnese männlicher Patienten 
ist die spontane Angabe von Impotenz weit häufiger als bei den Frauen. 
Es ist auch männliche neurotische Abstinenz im allgemeinen seltener als 
weibliche. 

Erscheint uns die genitale Dysfunktion bei umfassenderen neurotischen 
Störungen schon aus libidotheoretischen Gründen selbstverständlich, so ist 
es immerhin wichtig und interessant, daß die klinisch sogenannten mono- 
symptomatischen Neurosen, die ich speziell daraufhin beachtete, ebenfalls 
oft recht weitgehende Störungen der Genitallibido aufweisen. Nur einige 
Beispiele: Ein 28 jähriger Kleptomane, sonst vollkommen gesund und arbeits- 
fähig, leidet auch an Erektionsunfähigkeit; der Beginn der Impotenz 
fiel zeitlich mit dem ersten Diebstahl zusammen. Ein 36 jähriges Mädchen 
mit Asthma bronchiale ist vaginal vollkommen anästhetisch und nur durch 
Cunnilingus an der Klitoris zu befriedigen. Die Analyse erweist den 
innigen Zusammenhang dieser spezifischen Befriedigungsart mit dem 
Symptom auf oralem Boden. Ein 38 jähriger Mann leidet seit dem 7. Lebens- 
jahr an einem schweren psychogenen Kieferkrampf und ist, bis auf einen 
gelungenen Koitus, seit jeher vollkommen impotent. Viele Frauen, die das 
Ambulatorium wegen Migräne oder Schlaflosigkeit aufsuchten, wiesen 
ebenfalls Frigidität auf, viele gaben Unbefriedigt sein direkt zu. 

Ähnliche Verhältnisse fand ich, soweit mir das Material zugänglich war, 
auch bei Psychosen und bei Epileptikern. Bei weiblichen jugendlichen 
Schizophrenien ist neurotische Abstinenz fast die Regel. Es wäre aber zu 
gewagt, schon jetzt auf dem Gebiete der Psychosen weitgehendere Schlüsse 
zu ziehen. Bei männlichen Schizophrenen besteht sehr häufig volle Potenz, 
ja Hyperpotenz, was ein Problem für sich ist. 

Wie überraschend dieses Ergebnis auch auf den ersten Blick sein mag, 
es leuchtet uns voll ein, wenn wir an die erste, bisher unumstoßene 
Formulierung Freuds über die Ätiologie der Neurosen denken : Keine 
Neurose ohne den Sexualkonflikt, wobei Freud „sexual" als 
den weiteren, „genital" als den engeren Begriff faßte. Auf Grund dieser 
Untersuchung, aber auch der psychoanalytischen Theorie der Neurosen 
überhaupt fassen wir den Satz noch enger: So gut wie keine 
Neurose ohne Störungen der Genitalfunktion. Ganz grob 
zusammengefaßt besagt die psychoanalytische Theorie, daß die Hysterie 
regelmäßig eine Erkrankung der genitalen Libidostufe ist, die Zwangs- 
neurose sich durch die Regression von der genitalen auf die sadistisch- 
anale Stufe auszeichnet, d. h. Sadismus (bzw. Masochismus) und Analität 
die führenden Libidotendenzen dieser Erkrankung sind. Zyklothymien, 
chronische Depressionszustände, die meist verkappte Zwangsneurosen dar- 



Weitere Bemerkungen über die therapeutische Bedeutung der Genitallibido 30t 



stellen, das bisher so wenig studierte Krankheitsbild der Neurasthenie und 
Hypochondrie weisen regelmäßig starke Regressionen vom Genitalen weg 
auf. Auch die klinisch sogenannten Psychopathien (wir würden sie 
Charakterneurosen nennen) zeigen im Großen, nach den von mir durch- 
geführten Analysen und den Beobachtungen am Ambulatorium, fast immer 
das Bild eines vollkommen zerrütteten Libidohaushaltes, in den seltensten 
Fällen ein genitales Primat. 

Trotz aller dieser Feststellungen und weil mir von mancher 'maß- 
gebenden Seite eingewendet wurde, es gäbe doch Neurosen mit ungestörter 
Genitalfunktion, zumindest bei Männern, wollen wir uns bei der Frage 
aufhalten, wie eine nennenswerte neurotische Erkrankung bei intakter 
Genitalfunktion theoretisch denkbar sei. Man könnte ja die Frage kurz 
mit dem Hinweis erledigen, solche Fälle seien eingestandenermaßen derart 
in der Minderzahl, daß sie nur als Ausnahmen aufgefaßt werden können, 
die die Regel bestätigen und einer besonderen Untersuchung bedürfen. Wir 
weisen aber diese Auskunft sofort als unbefriedigend zurück. Eher könnte 
man daran denken, daß sich der libidinöse Konflikt, welcher Natur immer 
er auch sein mag, wie abgekapselt in einem Teile des Unbewußten ab- 
spielt, von hier aus ein Symptom schafft, während ein genügend starker 
Teil libidinoser Kräfte, am Genitale zentriert, seiner normalen Funktion 
obliegt. In der Tat zeigt die analytische Erfahrung diese Möglichkeit 
charakteristisch erweise bei männlichen Zwangsneurosen (weibliche Zwangs- 
neurosen sind wegen der überragenden Männlichkeitstendenz meist total 
sexualablehnend, immer aber frigid, wenn es zum Verkehr kommt). 
Männliche Hysteriker sind immer impotent. Zum Verständnis dieses 
Tatbestandes müssen wir etwas weiter ausholen. 

Zunächst müssen wir das Vorurteil beiseite schaffen, unter Impotenz 
nur die größere oder geringere Unfähigkeit zur Erektion (impotent ia 
errigendi) und die verfrühte oder gar nicht erfolgende Ejaculation (ejacu- 
latio praecox, imp. ejaculandi) zu verstehen. Die Funktionen der Erektion 
und Ejakulation sind somatischer Natur; sie sind, sehen wir von groben 
Reizen ab (wie die Erektion bei Erhängen, Harnsteife), nur auf psychische 
Reize ansprechbar. Es handelt sich um komplizierte Reizabläufe peripherer 
(taktiler) und zentraler Natur, die einheitlich gerichtet sein müssen. 
Die ganze Persönlichkeit muß ungeteilt daran beteiligt sein. Bei jeder 
Impotenzform ist nun der Reizablauf gestört, beziehungsweise durch 
verdrängte Vorstellungen gehemmt (Kastrationsangst, anale Vorstellung von 
der Vagina, daher Ekel, Homosexualität usw.). Es ist für die Form der 
Impotenz wesentlich, wann die Hemmung einsetzt. Bei neurotisch 
Abstinenten, die immer impotent werden, wenn sie zum Akt schreiten, 



302 Dr. Wilhelm Reidi 



ist die Hemmung eine dauernde, teils bewußt (Impotenzangst), teils 
unbewußt; speziell bei zwangsneurotisch Abstinenten wird dann die unbe- 
wußte psychische Hemmung durch die verschiedensten Ideologien ver- 
deckt (Ästhetentum, religiös motivierte Enthaltsamkeit u. a. m.). Bei anderen 
tritt die Hemmung knapp vor der Immissio oder gelegentlich erst 
während des Aktes ein. Die Erektion schwindet oder es erfolgt verfrühte 
Ejakulation. 

Die hemmenden unbewußten und bewußten Vorstellungen sind ent- 
weder Gegenvorstellungen genitaler Natur, z. B. genitale Kas,trationsangst 
vor dem Vater oder vor der Mutter, oder die Hemmung resultiert aus der 
Konkurrenz mit anderen Strebungen, die gleichzeitig wirksam sind, z. B. Ver- 
harren bei den Vorlustakten, homosexuelle Phantasien usw. Im ersteren 
Falle ist die psychogenitale Tendenz zur genitalen Vereinigung mit dem 
Partner in voller Stärke vorhanden, doch wird sie durch die Kastrations- 
angst gebremst; im letzteren Falle ist die Psychogenitalität von vornherein 
schwach, bzw. in Konkurrenz mit anderen Tendenzen (z. B. homo- 
sexuellen). Dort kann volle Einheitlichkeit der libidinösen Strebungen 
vorhanden sein, hier ist die Libido zersplittert. 

Wir haben nun einen ganz bestimmten Fall im Auge. Die konkurrierende 
nichtgenitale Phantasie verschmilzt mit einem Stück genitaler Libido, der 
Mann koitiert die Frau mit aktiv-homosexueller Phantasie, er ist voll 
potent, die ejakulative Funktion ist in Ordnung, aber der Orgasmus ist 
schwach, die Befriedigung bleibt aus. Ejakulation und Orgasmus 
sind nur lose mit einander verknüpft. Die normalerweise nach 
dem Orgasmus erfolgende Entspannung, die wir libidotheoretisch auf Erniedri- 
gung des libidinösen Spannungsniveaus zurückführen, ist an den Orgasmus, 
nicht an die Ejakulation gebunden. Jener Patient, der potent war und an 
Angstzuständen litt, hatte während des „Pflichtaktes mit seiner Frau mit 
homosexuellen Wünschen zu kämpfen, die den Orgasmus störten. Als in 
der Analyse die betreffenden Phantasien durchbrachen, stellte sich auch 
prompt volle Impotenz ein. Vorher hatte ihm der Akt „keine Freude 
gemacht", weil er nur Pflichtakt war, später hemmte die bewußt gewordene 
Homosexualität, ehe der Konflikt erledigt war, auch die Funktion der 
Erektion. Hiezu kam ferner, daß der Patient zu den Narzißten zählte, die 
sich ihre Impotenz nicht eingestehen wollen und eine derart starke 
Kompensation aufbringen, daß der Akt zwar erektiv und ejakulativ, aber 
nicht orgastisch gelingt. Dasselbe ist der Fall bei jenen manchmal vor- 
kommenden Scheinheilungen Impotenter, die aus Übertragung den Akt 
bei „voller Potenz" zustande bringen, aber wegen noch immer zersplitterter 
Libido während des Koitus keine lösende orgastische Sensation erleben. 



Weitere Bemerkungen über die therapeutische Bedeutung der Genitallibido 303 

Mit Zerstörung dieses Übertragungserfolges stellt sich die Impotenz ja auch 
regelmäßig wieder ein. Der Patient ging nicht zum Weibe um der tiefen 
Vereinigung willen, nicht weil er das Weib begehrte, sondern weil er dem 
Arzt einen Gefallen erweisen, in tieferer Schichte die homosexuelle Über- 
tragungsliebe am Weibe ausleben wollte. Bei der Heilung Impotenter macht 
man oft die Erfahrung, daß die „orgastische Potenz" noch lange 
auf sich warten läßt, trotzdem erektive und ejakulative Potenz hergestellt 
sind. Libidostauungen, die sich in aktualneurotischen Zuständen mani- 
festieren, schwinden erst, wenn die orgastische Potenz hergestellt ist. Das 
besagt aber wieder, daß nur der Orgasmus, nicht die Samenejakulation 
libidolösend wirkt. 

Um nun zur ersten Frage zurückzukehren: es ist richtig, daß, wenn 
auch vereinzelt, männliche Zwangsneurotiker erektive und ejakulative 
Potenz aufweisen. Wesentlich ist aber die orgastische Potenz, deren Fehlen 
in jedem Falle männlicher und weiblicher Neurose konstatierbar ist, und 
deren Mangel allein es mit sich bringt, daß wir in keinem Falle von 
nennenswerter neurotischer Erkrankung den aktual- neurotischen Faktor der 
Libidostauung vermissen. Bei weiblichen Patienten kommt nur die 
orgastische Potenz in Betracht. Wir wundern uns daher nicht, daß unter 
den früher erwähnten Fällen immerhin 1 1 Männer berichteten, „potent" 
zu sein, während uns von neurotischen Frauen selten, und dann in irre- 
führender Weise, über orgastische Sensationen berichtet wird. 

Der Analytiker muß daher auf Grund seiner Erfahrungen äußerst 
skeptisch gegen die Berichte nicht analytisch erfolgter Heilungen von 
Impotenz sein. Es ist zuzugeben, daß leichte, isolierte Störungen der Psycho- 
genitalität durch diese oder jene Form der Zuspräche auch dauernd beseitigt 
werden können. Die Herstellung eines psychogenitalen Primats, das eine 
unerläßliche Voraussetzung der orgastischen Potenz ist, erfordert immer 
analytische Regelung des Libidohaushaltes. Wir wissen, wie festgewurzelt 
libidinÖse Störungen sind, und können es nicht als Heilung ansehen, wenn 
einem Impotenten z. B. geraten wird, vor dem Akt sein Glied an der 
Wurzel zu komprimieren und es in derart künstlich erigiertem Zustande 
einzuführen, „dann werde es schon gehen". Wenn auch Erektion und 
Ejakulation erfolgt: er ist nach wie vor unbefriedigt und behält seine 
Libidostauung. x 

Die weibliche Potenz unterscheidet sich von der männlichen nebst 
anderem in einem wesentlichen Punkte: das Weib kann während des 

1) Wir sehen hier von den Fällen ab, welche, durch einen mißglückten Koitus- 
versuch beunruhigt, zum Arzt rennen und nach aufklärender Suggestion weiter keine 
Störungen zeigen. 



304 Dr. Wilhelm Reidi 



Aktes genitale Lustsensationen haben, ohne zum Orgasmus zu gelangen; 
dieser Umstand erschwert es so sehr, die weibliche Genitalitat in nicht- 
analytischer Exploration zu beurteilen. Aber auch der Analytiker wird an 
der Tatsache des fehlenden Orgasmus vorbeigehen, wenn er sich mit der 
Auskunft begnügt, daß „Lust empfunden" wird oder daß der Akt gerne 
ausgeführt wird. Schon zu einer Zeit, da ich diese Tatbestände in der 
Analyse sehr genau beachtete, hatte ich mich täuschen lassen. Es handelte 
sich um eine verheiratete Hysterika, die mit Rezidive nach einer Analyse 
bei einem anderen Herrn von mir in Behandlung genommen wurde. 
Laut Bericht des ersten Analytikers war die Patientin nicht frigid gewesen. 
Es widersprach meiner Voraussetzung, daß sie zwar zeitweise den Mann 
zurückweise, aber sonst „empfinde" und Freude am Akt habe. Nun inter- 
essierte mich der Fall vom Standpunkt der Frage aus, wie intakte Genital- 
funktion mit neurotischer Libidostörung vereinbar sei, bis sie mir eines 
Tages berichtete, daß sie mit dem Mann nach dem Akt immer Streit 
habe. Er beklage sich darüber, nicht schlafen zu können, weil sie nach 
dem Akt noch stundenlang lese. Da wußte ich, daß sie unbefriedigt war, 
weil die bestbekannten Kriterien erfolgter Befriedigung große Müdigkeit 
und starker Schlafwunsch sind. Bei näherer Erkundigung erfuhr ich, daß 
die Patientin die Sensation des Orgasmus nie erfahren hatte, das Lust- 
gefühl wurde durch Kontraktion der Dammuskulatur hervorgerufen, die 
sich als wesentliches vaginistisches Symptom entpuppte. Ihr zugrunde 
lag die Phantasie, das Glied des Mannes abzutrennen und es zu behalten. 
Orgastische Potenz der Frau bei aktiven Kastrationswünschen ist meiner 
analytischen Erfahrung nach vollkommen ausgeschlossen. Nachdem jetzt 
der Einbruch in die Männlichkeitsphantasien gelungen war, trat all- 
mählich volle orgastische Potenz auf. Und daß die Patientin doch immer 
anästhetisch gewesen war, bewies ihre Mitteilung nach den ersten Akten 
mit vollem Orgasmus, daß sie dieses Gefühl nie gekannt hatte. Dieser 
Fall hat mich gelehrt, die Frage nach der Art und Weise der Genital- 
betätigung noch schärfer und strenger zu beachten als bisher und lieber 
psychogenitale Dysfunktion vorauszusetzen — auch trotz gegenteiliger 
Behauptung des Patienten (selten!) — als psychogenitale Intaktheit. Ich 
pflege gewöhnlich mit dieser Voraussetzung recht zu behalten. 

Die Berechtigung, den Begriff der Potenz durch den der orgastischen 
Potenz zu erweitern, um allen libidotheoretischen und den noch später 
näher zu erörternden praktischen Forderungen zu entsprechen, schöpfte ich 
auch noch aus einem Falle männlicher analer Zwangsgrübelei: ein 
19 jähriger Mann klagt über Gedankenflucht und Denkunfähigkeit. Die 
Potenz ist angeblich normal. Er verkehre sehr viel, wöchentlich drei- bis 



Weitere Bemerkungen über die therapeutische Bedeutung der Genitallibido 305 

viermal, halte es aber nie bei einem Mädchen aus, er betrachte die 
„Mädeln" als Klosett, im Gegensatze zu seiner ideal geliebten Schwester. 
Er übe immer Coitus interruptus aus. „Spaß" mache ihm der Verkehr 
nie, er bilde immer nur den Abschluß des Schäkerns. Der Zweck des 
Beisammenseins mit den Mädchen sei der, alles von ihnen zu erfahren, 
was mit einer enormen Wißbegierde, infantil determiniert, zusammenhing. 
Außerdem wolle er recht viele Mädchen auf die Liste der „Gehabten" 
bringen. Er müsse zwar immer verkehren, aber der Verkehr sei ihm 
lästig. Auch dieser Fall weist erektive und ejakulative Potenz auf, aber es 
wäre oberflächlich, hier von normaler Psychogenitalität zu sprechen, wenn 
das Ziel seiner Wünsche zwangsneurotisch-sadistisch und narzißtisch unter- 
baut ist: das Mädchen ausforschen, es als Klosett benützen, dann „stehen 
lassen", was ihm besondere Genugtuung bereitet, und recht „viele Gehabte 
haben. Von Müdigkeit, Erschöpfung oder Gefühl des Befriedigtseins nach 
dem Akt ist keine Spur. Es ist anzunehmen, daß alle jene Don- Juan- 
Typen, deren Stolz darin besteht, recht viele Frauen zu besitzen oder ihre 
Potenz dadurch zu erweisen, daß sie möglichst viele Akte („Nummern") 
in einer Nacht zustande bringen, nebst anderen Motiven (z. B. Suchen der 
Mutter, Rank) eine mächtige Impotenzangst kompensieren. Die orgastische 
Potenz solcher Männer ist sehr gering; ein solcher Patient berichtete mir 
sogar, daß er vor seiner Erkrankung schon beim zweiten Akt nicht nur 
keine orgastische Sensation, sondern vielmehr Schmerzen verspürt habe. Es 
war ein Stadium neurotischer Hyperpotenz, das seiner späteren Erkrankung 
an Impotenz vorausgegangen war. 

Schon früh war es der Psychoanalyse bekannt (Freud: Drei Abhand- 
lungen), daß Vor- und Endlust zwei Phasen eines Prozesses sind, der 
normalerweise mit letzterer als Hauptziel abschließt, während neurotische 
und perverse Kranke die Neigung zeigen, bei den Vorlustakten zu ver- 
harren und die Endlust möglichst hinauszuschieben oder ganz darauf zu 
verzichten. Unter den Vorlustmechanismen spielt das Erringen und Über- 
wältigen des Partners eine Hauptrolle. Wird dieses Ziel isoliert zum einzigen 
erhoben, so können Don-Juan-Typen resultieren, als deren Hintergrund 
narzißtische und sadistische Neigungen langst bekannt sind. Bei der 
sogenannten Nymphomanie, weiblicher Männersucht, handelt es sich um 
ein ewiges ungehemmtes Suchen nach dem Vater und sich typisch wieder- 
holender Enttäuschung nach dem Akt. Ich selbst verfüge über die Analyse 
zweier Nymphomanien : die eine war vaginal vollkommen anästhetisch und 
orgastisch nur bei Onanie mit einem Messer fähig, wobei Blutung aus 
der Scheide Bedingung des Orgasmus war. Es handelte sich um eine 
genitalmasochistische Selbstbestrafungsidee. Die andere Patientin, wie die 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XI/3. 20 



306 ' ; ' Dr. Wilhelm Reich 



erste eine schwere Psychopathin mit Angst- und Zwangszuständen, war 
vaginal ebenfalls anästhetisch und orgastisch in geringem Ausmaße nur 
dann potent, wenn der Mann sie an der Klitoris mit dem Finger oder 
mit der Zunge erregte. Eine von Dr. B. an der Klinik beobachtete 
(nicht analysierte) Nymphomanie war ebenfalls vaginal anästhetisch. Diese 
Erfahrungen stimmen mit der analytischen Anschauung von der Libido- 
dynamik auch vollkommen überein: nur der Unbefriedigte, d. h, orgastisch 
Impotente, kann nymphomane, bzw. satyriastische Züge zeigen. Ich selbst 
kenne weder aus eigener Praxis noch aus der Literatur einen Fall, von 
Nymphomanie, bzw. Satyriasis, bei voller orgastischer Potenz. Hierzu ist 
nur zu ! bemerken, daß in der Literatur die Frage nach dem Orgasmus 
gewöhnlich unberücksichtigt bleibt. 

Es hat sich als vorteilhaft erwiesen, folgende Punkte bei der Beurteilung 
der Genitalfunktion besonders zu beachten: 

1) Die* Vorlustakte dürfen nicht übermäßig verlängert werden; die Abfuhr 
der Libido in der protrahierten Vorlust schwächt den Orgasmus. 

2) Wesentlich ist die Ermüdung, körperliche Schlaffheit nach erfolgtem 
Akt und: starkes Schlafbedürfnis. 

5) Bei Frauen mit voller orgastischer Potenz stellt sich während der 
Akme oft das Bedürfnis zu schreien ein. 

4) Eine :' leichte Bewußtseinstrübung ist bei nicht allzuoft geübtem 
Geschlechtsverkehr und voller orgastischer Potenz die Regel. 

5) Ekel, Abscheu oder Abnahme der zärtlichen Streb ung zum Partner 
nach dem Akte spricht gegen die Intaktheit der orgastischen Potenz und 
dafür, daß - wirksame Gegenstrebungen und Hemmungsvorstellungen schon 
während- des Aktes bestanden. Der Satz: omne animal post coitum triste 
kann nur von einem orgastisch Impotenten geprägt worden sein. 

6) Die Angst mancher Frauen während des Aktes, das Glied des Mannes 
könnte zu früh erschlaffen und sie könnten nicht „fertig werden , spricht 
ebenfalls gegen die volle Intaktheit der orgastischen Potenz, zumindest für 
ihre starke Labilität. Meist stecken aktive Kastrations wünsche dahinter, das 
Erschlaffen- des Gliedes nach der Ejakulation wird als Kastration aufgefaßt 
oder es wirkt die Furcht, das als eigen phantasierte Glied zu verlieren. 

7) Rücksichtslosigkeit des Mannes in Bezug auf die Befriedigung der 
Frau spricht für einen Mangel an zärtlicher Bindung. 

8) Es ist ferner wichtig, die geübte Koitusstellung, insbesondere die der 
Frau, zu erfahren. Unfähigkeit zur rh) r thmischen Gegenbewegung hemmt den 
Orgasmus, .ebenso ist durch weites Spreizen der Beine maximal . gespannter 
Beckenbodeh der Frau für intensive orgastische Sensation unerläßlich. 

Bei Beachtung dieser Punkte kann dem behandelnden Arzt eine Störung 



Weitere Bemerkungen über die therapeutische Bedeutung der Genitallibido 307 

der orgastischen Potenz nicht entgehen. Man macht in der analytischen 
Praxis häufig die Erfahrung, daß unwissende Frauen nach Erledigung der 
eigentlichen analytischen Arbeit erst durch Belehrung über Haltung usw. 
die volle orgastische Fähigkeit gewinnen. Belehrung des in Bezug auf 
die Bedürfnisse der Frau meist unwissenden Gatten durch den Arzt ' ist 
von Vorteil. 



Haben wir in der Funktion des Orgasmus an Hand klinischer Tat- 
sachen den Schlüssel zur Frage der neurotischen Libidostörung erkannt, 
so müssen wir uns nunmehr fragen, was denn das Schicksal der Genital- 
libido jener Abstinenten sei, die anscheinend psychisch gesund sind. Das. 
Maß der libidinösen Bereitschaft, die Rhythmik der Entladung libidinöser 
Stauungen ist sicher individuell verschieden. Aber daß libidinöse Spannungen 
immer vorhanden sind, läßt sich nicht leugnen und es ist nicht nur 
theoretisch wichtig zu erfahren, wie die organisch gespeiste Libido ver- 
wendet wird, wenn die Hauptstraße der orgastischen Entladung nicht 
beschritten wird. Darüber könnte man allerdings nur auf Grund von 
Analysen gesunder Abstinenter Bindendes aussagen. Da versagt aber unsere 
Erfahrung vollkommen, weil wir nicht in die Lage kommen, Gesunde, 
dazu solche, die abstinent leben, eingehender Analyse zu unterziehen. Wenn 
wir von psychischer Gesundheit sprechen, so meinen wir vorsichtshalber 
einen seelischen Zustand, der durch soziale Leistungs- und Einordnungs- 
fähigkeit sowie durch vorwiegendes subjektives Wohlbefinden charakterisiert 
ist. Es wäre zwar nicht absolut falsch, zu behaupten, daß, wer dauernd 
vollkommen abstinent lebt, es aus neurotischen Gründen tut, weil wir 
kaum annehmen können, daß eine biologische Funktion, wie die sexuelle, 
anders als durch Verdrängungen gehemmt werden kann. Es ist ebenso 
schwer vorstellbar, daß die Unterdrückung der zweifellos vorhandenen 
Libido zu keiner wirksamen Stauung führt. Wir können uns auch nicht 
auf eine Hypofunktion des somatischen Sexualapparates ausreden, denn, wie 
dunkel diese Frage derzeit auch ist, wir denken daran, daß nach der 
Pubertät Kastrierte ihre Libido zu behalten pflegen und ebenso noch lange 
nach dem Klimakterium die Libido persistieren kann. Wir wollen diese 
Frage lieber offen lassen und wenn wir auch an die Abfuhrmöglichkeit 
durch intensive Arbeit, durch alle wirkliche Sublimierung denken, so muß 
dennoch angenommen werden, daß es eine gewisse obere Grenze gibt, 
über die hinaus nicht die ganze Libido sublimiert werden kann. Darüber 
belehrt uns die analytische Erfahrung, daß wir die Sublimierungsfähigkeit 
unserer Patienten, die übrigens individuell sehr verschieden ist, nicht über- 
schätzen dürfen. 

20* 






308 Dr. Wilhelm Reich 



U. Die Befriedigung der Genitallibido als Schutz vor Rezidive 

Wenden wir uns nun der Frage zu, welche Rolle die Genitallibido 
bei der Lösung des Libidokonfliktes in der psychoanalytischen Kur 
spielt; wir werden dabei Gelegenheit finden, einige weitere Einwände zu 
diskutieren. 

Die psychoanalytische Therapie unterscheidet sich von jeder anderen 
Therapie grundsätzlich dadurch, daß sie den Akzent auf die Beseitigung 
der neurotischen Reaktionsbasis verlegt. Sie ist insofern kausale Psycho- 
therapie im engsten Sinne, mag der jeweilige tatsächliche- Erfolg vom 
ideal gedachten auch noch so entfernt sein. Sie geht nicht aufs Symptom, 
sondern aufs Ganze, auf die Basis der gesamten neurotischen Persönlichkeit, 
der die Symptome wie einzelne Gipfel einem Bergmassiv aufsitzen. Sie 
hat es aus diesem Grunde unverhältnismäßig schwerer, als jede sympto- 
matische Psychotherapie, darf aber behaupten, unter günstigen Bedingungen 
ganze Arbeit zu leisten. (Es ist selbstverständlich, daß der psychoanalytische 
Heilapparat weit häufiger und intensiver auf Hindernisse äußerer und 
innerer Natur stößt, als die symptomatische Therapie.). Sie geht dabei von 
der empirisch begründeten Voraussetzung aus, daß Neurosen — nur von 
diesen ist hier die Rede — Erscheinungsformen realitätswidriger Persön- 
lichkeitsstrukturen sind, d. h. daß es sich immer um Konflikte zwischen 
triebhaften Tendenzen und versagenden äußeren oder inneren Instanzen 
handelt, die zu keinem Abschlüsse gebracht werden können, weil ganze, 
wesentliche Stücke der Persönlichkeit der freien Entscheidung durch Ver- 
drängung entzogen sind. Aus dem Bereiche des Verdrängten brechen die 
Symptome hervor, welche sowohl der verpönten als auch der ver- 
drängenden Instanz Rechnung tragen. Es handelt sich fast immer um 
verdrängte libidinöse Tendenzen und die Symptome stellen Ersatzbefrie- 
digungen dar. 

In der Analyse handelt es sich nun um zweierlei: erstens muß der 
Patient den Sinn des Symptoms erfahren, zweitens muß der geheime 
Konflikt mit der dem Symptom zugrunde liegenden Triebregung offen- 
kundig werden. Erst jetzt setzt der eigentliche Heilungsprozeß ein, dessen 
Ausgang von mannigfachen Momenten abhängt. Es kann bei nicht ganz 
geschickter Handhabung der Technik eine Neuverdrängung erfolgen, was 
um so sicherer der Fall sein wird, je weniger die mit der gesamten 
Persönlichkeit zusammenhängende Triebregung auch von anderen Stellen 
aus unterminiert ist, und wenn das verdrängende Ich nicht stark genug 
ist, um die Bewußtheit der Regung zu vertragen. 1 Ist sie aber diesem 

i) S. meine Ausführungen über den „triebhaften Charakter" (Int. PsA. Verl. 1925) 
und „Eine hysterische Psychose in statu nascendi" (diese Ztschr., H. 2, 1925.) 



Weitere Bemerkungen über die therapeutische Bedeutung der Genitallibido 309 

Schicksal entgangen, so muß eine Entscheidung erfolgen: je nach der 
Natur der Triebregung, d. h. ob sie realitätsgerecht oder -widrig ist, muß 
Verurteilung oder Billigung durch das kritische Ich die Folge des Konfliktes 
sein. Nehmen wir den Spezialfall vor, daß die aufgedeckte Regung, die 
das schwere Symptom der kontinuierlichen Obstipation schuf, lautet: „Ich 
will von meiner Mutter Irrigationen empfangen wie seinerzeit als Kind." 
Es handelt sich um die anale Fixierung an die Mutter bei einem jungen 
Manne, der neben anderen Symptomen auch an ejaculatio praecox litt. Die 
Regung muß als realitäts widrig durch Verurteilung erledigt werden. Die 
Aufdeckung des Symptomhintergrundes ermöglicht aber bloß die Ver- 
urteilung; diese selbst hängt von anderen Faktoren ab. Als dem betreffenden 
Patienten der genannte Wunsch mit aller Klarheit bewußt geworden war, 
schwand die Obstipation vorübergehend. An ihre Stelle trat aber ein 
abundantes Phantasieren, dessen Hauptinhalt sich um die Vorstellung 
gruppierte, daß die Mutter, bzw. eine Mutterimago ihn mit Wasser 
beschütte, binde, als Kind auf den Arm nehme usw. Obwohl diese 
Phantasien von Schuldgefühl begleitet waren, meinte der Patient, es sei 
doch bei solchen Wünschen nichts dabei. Die Verurteilung war also nicht 
erfolgt, die Libidostauung wuchs vielmehr durch den Reizzuwachs aus den 
jetzt bewußten Phantasiebildungen. Die analen (und anderen) Triebregungen 
waren bewußt, aber nicht erledigt. Nachdem das Ich soweit gestärkt war, 
daß es die Bewußtheit ertragen konnte, wollte es auf den Lustgewinn, der 
sich nun ergab, nicht verzichten. Es konnte sich in dieser Phase der 
Analyse um nichts anderes handeln, als abzuwarten, bis realitätsgerechte 
Libidostücke durchbrechen würden, die erfolgreich gegen die passiv-analen 
Wünsche ausgespielt werden könnten. Jene realitätsgerechte Libidotendenz 
konnte nur durch die aktiv-genitale Tendenz repräsentiert sein, die sich 
aber noch in voller Verdrängung befand. Ja, der Patient neigte dazu, den 
analen Lustgewinn zu übertreiben, wie um sich vor der genitalen Tendenz 
zu schützen, und das hatte seine guten Gründe. Als 4 jähriger Knabe hatte 
er nämlich Eindrücke empfangen, die geeignet waren, ihn davon zu über- 
zeugen, daß genitaler Lustgewinn mit großen Gefahren verbunden sei. 
Sein älterer Bruder hatte ihn einmal bei genitaler Onanie ertappt und 
eine Kastrations drohung ausgesprochen. Bei polymorph-perversen Spielen 
mit einer um fünf Jahre älteren Cousine wurde er von letzterer an den 
Hoden gezerrt, der charakteristische Schmerz persistierte als konversions- 
hysterischer Schmerz, sozusagen als Mahnung, in der Hodengegend. (Eine 
stereotype Klage lautete, nicht der Penis, sondern der Hoden komme ihm 
so klein vor.) Beide Erlebnisse wurden erst in der Analyse erinnert. Aber 
auch mit ihrer Aufdeckung war wenig geleistet; die Genitallibido mußte 



3io 



Dr. Wilhelm Reich 



erst von der Kastrationsangst befreit werden, die jede ihrer Äußerungen 
hemmte. Unter anderem fürchtete er, die Frau, die er koitieren sollte 
könnte sich den Spaß leisten, ihn am Genitale zu zwicken. Es ist nur 
"begreiflich, daß er den ungefährlichen analen Lustgewinn dem mit so 
großen Gefahren verbundenen genitalen vorzog. Sollte er aber gesund 
werden, so mußte die genitale über die anale Libido siegen. Dies gelang 
in der Tat erst nach Aufdeckung der eigentlichen Angst vor dem Vater. 
An die Stelle der analen Fixierung an die Mutter trat allmählich die 
genitale, bis auch diese zur Auflösung kam. So hatte der Patient in der 
Analyse die Entwicklung von der prägenitalen-analen zur genitalen 
Stufe nachgeholt. In leichteren Fällen, wo es sich lediglich um inzestuöse 
Fixierungen auf der genitalen Stufe handelt, ist der Libidolösungsprozeß 
bedeutend einfacher. 

Ferenczi hat mit Recht die Genitalität den „erotischen Wirklich- 
keitssinn" genannt. Wir glauben nun, daß es Ziel einer jeden Analyse 
sein muß, den Patienten zum erotischen Wirklichkeitssinn zu „erziehen*. 
Die Prozesse werden je nach Krankheitsfall und Tiefe der Regression 
verschieden sein : das Ziel ist allgemeingültig, weil es sich um eine bio- 
logische Funktion handelt, von der es keine Ausnahmen gibt. Ja, wir 
wollen noch weiter gehen und meinen, daß keine Analyse als vollendet 
betrachtet werden darf, solange nicht die genitale orgastische Potenz 
gewährleistet ist. Wie weit wir auch in vielen Fällen therapeutisch von 
diesem Ziele weg uns mit Hebung des Allgemeinbefindens, mit Schwinden 
der quälendsten Symptome, Erlangung von Arbeitsfähigkeit usw. werden 
begnügen müssen: die Etablierung eines eindeutigen, vom Ich gebilligten 
genitalen Primats muß immer angestrebt werden. Dies gilt es nun naher 
zu begründen. 

Wir wollen uns mit dem naheliegenden Einwand auseinandersetzen» 
daß die Psychoanalyse es sonst prinzipiell ablehne, den Patienten zu dem 
oder zu jenem „erziehen" zu wollen, sie habe lediglich die Aufgabe, dem 
Patienten sein Unbewußtes aufzudecken und es ihm zu überlassen, was 
er damit anfange. Wir möchten einen derart schroff gefaßten Standpunkt 
nur teilweise billigen. Als Freud diesen Standpunkt ausdrücklich vertrat, 
meinte er etwas ganz Bestimmtes, und es hieße dogmatisch erstarren und 
blind sein gegenüber seiner eigenen täglichen Arbeit, wollte man leugnen, 
daß man sich als Analytiker täglich und stündlich im Widerstreit der 
diversen Tendenzen auf die Seite der einen oder anderen schlägt und sie 
dem Patienten gegenüber mit der ärztlichen Autorität vertritt. Aber es 
geht noch um mehr. Starr auf dem genannten Standpunkt stehend, dürften 
wir keine Analyse durchführen, weil unsere Voraussetzung doch ist, den 



Weitere Bemerkungen über die therapeutische Bedeutung der Genitallibido 311 

Patienten vom Lustprinzip weg zum Realitätsprinzip zu „erziehen". Wir 
wissen, daß die Psychoanalyse diesen Prozeß oft, nur allzuoft gegen 
den Willen der Patienten einleitet, und stellen uns mit unserer ganzen 
Autorität, dem Lustprinzip entgegen, auf den Boden des Realitätsprinzips. 
Der erotische Wirklichkeitssinn ist aber nur ein Teilstück des 
Realitätsprinzips. Man könnte noch mit Recht einwenden, warum denn 
gerade die heterosexuelle Genitalposition dem Patienten „aufgedrängt" 
werden müsse und daß die von der Gesellschaft geächtete homosexuelle 
Befriedigung ebenfalls Daseinsberechtigung habe, wenn die Kriterien der 
psychischen Gesundheit — soziale Einordnungsfähigkeit und subjektives 
Wohlbefinden — erfüllt sind und wenn ein Patient in der Kur seine 
bisher verdrängt gewesene perverse oder inverse Triebhaftigkeit unter 
jenen beiden Kriterien bejaht. Dagegen ist sicher nichts einzuwenden. 
Aber nur dann, wenn die psychische Gesundheit gewährleistet ist. In der 
Praxis sieht es aber meist so aus, daß sich die Vertreter der Psychoanalyse 
zur Anschauung bekennen mußten, jede Perversion und die Homosexualität 
sei eine Neurose mit besonderen Mechanismen. Und subjektives Wohl- 
befinden bei Vorhandensein einer Perversion in sozial ächtender Umgebung 
gehört zu den größten Seltenheiten, Für das Gros der den -Arzt auf- 
suchenden Neurotiker gilt die Forderung nach wirklichkeitsgerechter Erotik 
nicht als Übergriff in persönliche Selbstbestimmung, denn sie wünschen 
die Genitalbefriedigung selbst, bewußt oder unbewußt. Was' Freud 
seinerzeit darunter verstand, waren die Momente des Seelsorger- oder 
Heiland-Spielens, dem Patienten eine bestimmte Religion oder Welt- 
anschauung Aufdrängen -Wollens, Und überdies kommt es ja gar nicht auf 
das „Aufdrängen" der genitalen Tendenz an, sondern es handelt sich um 
derart tiefgehende Analyse, daß sich das genitale Primat gegen andere 
Triebforderungen von selbst durchsetze. 

In all den Fällen, die den Arzt ausdrücklich wegen Impotenz oder 
Frigidität aufgesucht haben, erübrigt sich jede weitere Diskussion. Bei 
weiblichen und männlichen abstinenten Hysterikern liegt die genitale 
Tendenz derart oberflächlich, daß der Arzt gar nicht erst in die Lage 
kommt, den Standpunkt des erotischen Wirklichkeitssinnes zu vertreten. 
Ebenso in sehr vielen Fällen von Zwangsneurose mit der Einschränkung, 
daß hier die Genitalstreb ung schwerster Verdrängung unterliegt. Nach 
einiger analytischer Bearbeitung steigen diese Fälle auf das Niveau der 
Hysterie und es ist sehr interessant zu sehen und kann als experimenteller 
Beweis betrachtet werden, daß sehr häufig an Stelle der Zwangssymptome 
hysterische treten, wenn die sadistisch-anale Position von der Verdrängung 
schon befreit, während die genitale noch verdrängt ist. Es bleiben also 



312 



Dr. Wilhelm Reich 



nur mehr die schweren Zwangscharaktere mit sadistisch-(masochistisch-) 
anal-urethralem Primat und die Zyklothymien mit der sehr ausgeprägten 
oralen (sadistischen) Position, sowie die Perversionen, soweit es sich nicht 
um genitale handelt (genitaler Masochismus, Exhibitionismus). Und da 
spricht die praktische Erfahrung ganz eindeutig dafür, daß keine dieser 
Neurosen auch nur Besserungen aufweisen, solange nicht genitale Tendenzen 
aktiv in den Heilungsvorgang eingreifen. Und dies hat seine guten 
Gründe. 

Sämtliche Triebansprüche prägenitaler Natur sind als solche, d. h. soweit 
sie Anspruch auf Ausschließlichkeit erheben, realitäts widrig und können 
bei entsprechender Ichstruktur teilweise auf dem Sublimierungswege 
erledigt werden. Die Sublimierungsfähigkeit spielt eine große Rolle, ist 
aber keineswegs zu überschätzen, sie kann vor allem niemals Libido- 
stauungen in ausreichendem Maße beheben. Dies ist allein dem genitalen 
Orgasmus vorbehalten. 

Allerdings ist auch die Befriedigung der prägenitalen Wünsche in den 
Vorlustakten für viele Menschen eine notwendige Voraussetzung der 
genitalen Befriedigung. Hier knüpft das Problem der Differenziertheit des 
gesunden Liebeslebens an, mit dessen Übergängen zum sexuellen Infantilismus 
mit Ausschluß der Genitalität oder deren Unterordnung unter einen anderen 
Partialtrieb. Es ist nicht nur psychologisch, sondern auch dynamisch ein 
wesentlicher Unterschied, ob der Sadismus zum Zwecke der Eroberung 
des Partners in den Dienst der Genitalität tritt oder umgekehrt der Phallus 
ein sadistisches Instrument wird (Lustmord). Der Satz Stekels, daß jeder 
Mensch seine besondere Sexualform habe, kann sich nur darauf beziehen, 
daß die Vorlustakte und der Modus der Kohabitation verschieden sind. 
Man begegnet gerade bei neurotischen Menschen, insbesondere bei Frauen, 
einer Scheu vor jeder von der Norm abweichenden Lage beim Koitus, die 
Scheu entspricht aber gerade einem spezifischen Wunsch. Keineswegs kann 
aber die Onanie als selbständige Sexualform ge wertet werden. Wer bei der 
Onanie verharrt, hat Angst vor dem Koitus oder ist unbewußt homosexuell 
und erkrankt früher oder später an dem Überwuchern der onanistischen 
Phantasien. Von Schuldgefühl relativ freie Onanie wird nach gelungener 
Analyse nur dort als endgültige Befriedigungsart in Betracht kommen, wo 
vorgeschrittenes Alter oder körperliche Defekte die Erlangung eines Partners 
behindern. 

Hier kann nur beiläufig darauf hingewiesen werden, daß die am 
Genitale lokalisierten Sensationen bei der urethralen ejaculatio praecox 
nichts von orgastischer Wertigkeit an sich tragen. Beim Weibe ist die 
Sachlage insofern komplizierter, als zwei Organe prädestiniert sind, genitalen 



Weitere Bemerkungen über die therapeutische Bedeutung der Genitallibido 313 

Orgasmus zu vermitteln: das Innere der Scheide und die Klitoris. Der 
Klitorisorgasmus scheint in manchen Fällen, die ich studieren konnte, den 
Scheidenorgasmus an Intensität sogar zu übertreffen, obgleich keine vaginale 
Anästhesie besteht. Aber der Orgasmus ist nur zum kleinsten Teile 
Angelegenheit des Organs. Dieses spielt den Vermittler. In der Hauptsache 
ist der Orgasmus Ausdruck ungehemmter, eindeutig gerichteter Hingabe 
an einen Partner, die Libido des ganzen Körpers strömt am Genitale ab. 
Der Orgasmus kann nicht als vollwertig betrachtet werden, wenn er nur 
am Genitale verspürt wird. Vibrationen der Gesamtmuskulatur und leichte 
Bewußtseinstrübung sind seine normalen Attribute und ein Beweis dafür, 
daß der gesamte Organismus an ihm Teil hat. Nun bestehen aber bei der 
Frau mit Klitorisorgasmus starke psychische Gegenstrebungen aus dem 
Männlichkeitskomplex, sich dem männlichen Partner zu geben, die, wenn 
sie stark genug sind, einen Teil libidinöser Wünsche von der Teilnahme 
an der orgastischen Entladung ausschließen und häufig zu Konflikten vor, 
während und nach dem Akte führen. Nehmen die Konflikte überhand, so 
resultiert Frigidität beim Akt und orgastische Fähigkeit bei Klitoris- 
masturbation oder totale Frigidität, wenn die Onanie mit zu großem 
Schuldgefühl besetzt ist. Daher können wir als Kriterium der normalen 
Einstellung der Frau nur die orgastische Potenz der • Scheide akzeptieren. 
Wir lassen dabei die Frage vorläufig offen, woher die Vagina ihre orgastische 
Potenz bezieht. Denn während die orgastische Potenz des Mannes sich von 
der Kindheit an eindeutig aus der Erogeneität der Phalluszone ableiten 
läßt, fehlt bei der Frau die Berechtigung zur Annahme, daß in der ersten 
weiblichen Genitalphase andere, als Klitorisqualitäten bestehen. Es spricht 
jedenfalls sehr vieles für die erste Annahme Freuds über diesen Gegen- 
stand, die Klitoris erotik werde auf die Vagina verschoben. 1 Ich habe in 
vielen Fällen vaginaler Anästhesie mit bestehender Klitoriserotik den 
vaginalen Orgasmus dadurch in Funktion setzen können, daß ich riet, die 
K 1 i t o r i s masturbation zu unterdrücken, die vaginale Onanie aber frei- 
ließ. Soviel über diesen Gegenstand, der an die weitere Frage anschließen 
läßt, welche Funktion die Genitallibido nach erfolgter Heilung im Libido- 
haushalt übernimmt. 

Die durch Jahre fortgesetzte Katamnese analytisch behandelter Fälle 
besagt, wie ich zum Teil schon in meiner Arbeit „Über Genitalität" aus- 
führte, daß jene dauerndere und bessere Remissionen aufweisen, die nach 
der Analyse früher oder später mit orgastischer Potenz zu geordnetem 
Sexualleben kamen. Andere Fälle, die durch die Analyse weitgehende 
Besserung erfahren haben, arbeitsfähig geworden sind und aus inneren 

1) S. hiezu meine Ausführungen in „Der triebhafte Charakter", S. 59 ff. 



314 



Dr. Wilhelm Reich 



oder äußeren Gründen abstinent blieben oder ohne volle orgastische Potenz 
Sexualverkehr pflogen, wiesen immer eine gewisse Labilität ihres Zustandes 
auf. Die meisten Rezidiven auch vollkommen Remittierter rekrutieren 
sich aus diesen Fällen. Die Tatsachen sprechen ganz eindeutig für die 
Funktion der genitalen Libido als libidinöser Haft- 
punkt in der Realität, als Schutz gegen die Rezidive. 

Libidotheoretisch läßt sich diese Tatsache folgendermaßen erklären : der 
Patient kann durch die Analyse dazu gebracht werden, auf diese oder 
jene Lust, aber nicht auf Sexuallust überhaupt zu verzichten. Und wenn 
wir früher nicht auszuschließen wagten, daß es psychisch Gesunde 
bei voller Abstinenz gibt, so kann dies für geheilte Neurotiker 
ganz und gar nicht gelten. Denn gerade der Neurotiker zeichnet 
sich durch seine Libidostärke aus und ist seinerzeit daran erkrankt. 
Reachten wir aber einen weiteren Punkt des Heilungsvorganges : die 
Anteile der Libido und die Energien der Gegenbesetzung, welche seinerzeit 
in der Verdrängung miteinander rangen und nun auf dem S u b 1 i- 
mierungswege erledigt wurden, haben Haftpunkte früherer individueller 
Entwicklungsstufen verlassen, sie haben das sexuelle Ziel aufgegeben und 
ein neues, asexuelles, kulturell oder sozial wichtiges Ziel erfaßt, dessen 
Rewältigung große Refriedigung schafft. Der neurotische Ingenieur, welcher 
früher mit Unlust Häuserprojekte entwarf und zwangsneurotisch aus der 
Korrektur der Entwürfe nicht herauskam, wurde frei und sicher und fand 
Freude am Erfinden und Schöpfen von Ideen. Der zwangsneurotische 
Maler, welcher immer wieder ein seinem Hauptkomplex entsprechendes 
Sujet abwandelte, ohne künstlerische Form und ohne Freude, hat Trieb- 
kräfte freibekommen, die er früher nicht ahnte. Dieser Heilung s- 
v organ g im Ich schafft narzißtische, desexualisierte Refriedigung, welche 
erfahrungsgemäß nur dann anhält, wenn der Heilungsvorgang am 
Sexualanteile ebenso gelungen war. Reim ersten hat sich Libido aus 
der Verdrängung gelöst und in den Dienst kultureller Leistungen gestellt. 
Ebenso muß in der Sexual sphäre die Genitallibido das Mittel sein, mit 
dem die Persönlichkeit die erotische Welt erfaßt. Dieses Stück sexuell 
gebliebener Objektliebe ist für die Garantie der Heilungsdauer unerläßlich. 
Fehlt es oder ist es zu schwach, dann neigen auch die Ichstrebungen zur 
Loslösung. (Arbeitsstörungen u. ä.) 

Hier wird man anscheinend mit Recht einwenden, wir übersähen die 
Fälle, welche nach einer Periode seelischer Gesundheit erkrankten, also 
sich doch in jenem Zustande befanden, den wir soeben beschrieben 
haben. Sie waren sozial leistungsfähig, genitallibidinös befriedigt und 
erkrankten doch; es könne also mit dem Schutz gegen Rezidive durch 



Weitere Bemerkungen über die therapeutische Bedeutung der Genitallibido 315 



genitallibidinöse Haftung an die Außenwelt nicht so weit her sein. Dazu 
ist folgendes zu sagen: wir wollen gewiß nicht behaupten, daß unsere 
ideal geheilten Patienten gegen alle Stoße der rauhen Außenwelt gefeit 
sind. Aber dem anderen Einwand möchten wir doch entschieden entgegen- 
treten: wir behaupten, — wieder mit der bereits banalen Einschränkung, 
daß es keine Regel ohne Ausnahme gibt, — daß es eine schwere 
psychische Erkrankung bei weitgehender narzißtischer und obyektlibidinöser 
Heftung an die Außenwelt theoretisch nicht geben kann, wenn nicht alles 
Fassade war, hinter der neurotische Regressionsbereitschaften steckten. Aber 
noch eindringlicher spricht gegen diesen Einwand unsere analytische 
Erfahrung: wir decken in jedem Falle, dessen Erkrankung nach einer 
Periode scheinbarer psychischer Gesundheit ausgebrochen war, regelmäßig 
schwere neurotische Zustände auf, die Vorboten des umfassenden Zusammen- 
bruches waren und vom Patienten nicht als solche gewürdigt wurden. Er 
war krank, ohne es zu wissen. Was speziell die Genitalfunktion anbelangt, 
so kenne ich keine Patientin, die nach einer Phase orgastischer Potenz 
anästhetisch geworden wäre. Auch unter den männlichen Patienten über- 
wiegen weitaus die, welche entweder immer impotent waren oder von 
jeher an äußerst labiler Potenz gelitten hatten. 

Die Beachtung der genitallibidinösen Position, liefert uns auch wert- 
volle Anhaltspunkte, wenn an uns nach länger dauernder Behandlung die 
Frage herantritt, ob der Patient entlassen werden kann oder nicht. 
Der Analytiker kann sich nicht an das Persistieren oder Schwinden der 
Symptome halten. Er muß oft Patienten noch lange in Behandlung halten, 
trotzdem die Symptome geschwunden sind, weil er mit Bestimmtheit 
annehmen kann, daß es sich um einen Übertragungserfolg handelt, oder 
daß die Symptome bloß deshalb geschwunden sind, weil deren Sinn auf- 
gedeckt wurde. In diesem Falle handelt es sich um einen partiellen 
analytischen Erfolg, aber er muß die Gewähr haben, daß die Basis für die 
Bildung derselben oder anderer Symptome beseitigt ist. Das Schwinden 
der Symptome spricht nicht für erfolgte Heilung. Man 
hat wieder an anderen Fällen erfahren, daß Patienten, die bis zum letzten 
Tage der Behandlung, ja noch lange darüber hinaus ihre Symptome trotz 
aller Aufdeckung und Durcharbeitung ihrer Hintergründe behielten, später 
vollkommen gesundeten. Das Persistieren der Symptome 
spricht nicht gegen erfolgte Heilung. Nur aus der Betrachtung 
der Gesamthaltüng des Patienten kann man Schlüsse auf die erfolgte 
Heilung oder auf den Mißerfolg ziehen. Dabei spielt die Änderung der 
Libido struktur die Hauptrolle. Die Haltung des passiv-femininen männ- 
lichen Neurotikers ist straffer geworden, seine passive Hingabe an den Arzt 



316 



Dr. Wilhelm Reidi 



ist schrofferen Widerständen gegen dieselbe, einer Identifizierung mit dem 
Arzt (Vater) gewichen. Die Tendenzen prägenitaler Natur, die früher 
Traum- und Phantasieleben beherrschten, sind eindeutigen Wünschen nach 
genitaler Vereinigung mit dem Weibe gewichen. In Konflikten mit dem 
lebenden Vater ist er nachgiebiger geworden, die Scheu vor Frauen ist 
geschwunden. Das Ich ist stark genug geworden, die sexuellen Ansprüche 
teils zu akzeptieren, teils als realitätswidrig zu verurteilen. Die männlich- 
aggressive Patientin mit totaler Sexualablehnung hat in der Übertragung 
weichere, feminine Züge bekommen, der Wunsch nach genitaler Hingabe 
an den Arzt oder andere Vaterimagines ist erst leise in Andeutungen, 
später offenkundig und mit Vehemenz durchgebrochen. Wünsche nach 
einem Kinde, die früher nur unbewußt bestanden hatten, wurden laut. 
Sehr häufig ändert sich Gang, Haltung, ja sogar die Physiognomie vom 
Männlich-Harten, Herben zum Weiblich- Weichen. An Stelle des väter- 
lichen Ideals ist das mütterliche getreten. Bei verheirateten Frauen hat 
sich das Verhältnis zum Gatten gebessert und wenn die Frigidität nicht 
schon während der Analyse geschwunden ist, so spricht alles dafür, daß 
sie einige Zeit später weichen wird. Sehr oft geht der Heilungsvorgang 
über die Onanie. 

Ich habe mich oft überzeugen können, daß die Terminsetzung nur dann 
wirksam ist, wenn die Umstellung der Gesamtpersönlichkeit auf das genitale 
Primat, entsprechend der „nach-ambivalenten genitalen Phase" Abrahams, 
bereits vollzogen wurde. Die Anhaltspunkte für die Terminsetzung gewinnt 
man, sofern die genannte Umstellung nicht durch reale Handlungen 
(Orgasmus beim Koitus, von Schuldgefühl freie Onanie) bewiesen ist, aus 
den Träumen und Phantasien sowie aus der Art der Übertragung. 

Nun begegnet man aber bei der Heilung frigider verheirateter 
Frauen gerade in dieser Hinsicht oft unüberwindbaren äußeren Schwierig- 
keiten. Hat die Frau infolge starker Männlichkeitstendenzen einen femininen 
Mann zum Gatten gewählt, den sie beherrschen und quälen konnte, und 
hat dann die Analyse Erfolg gehabt, indem sie die Umstellung von der 
Männlichkeit zur Weiblichkeit bewirkte und die vaginale Bereitschaft die 
Klitoriserotik ablöste, so findet sich die Geheilte mit dem jetzt in- 
adäquaten Gatten nicht zurecht; sie begehrt ihrer neuen Einstellung ent- 
sprechend einen starken, führenden, über ihr stehenden Mann. Oder die 
Bereitschaft zum vaginalen Orgasmus ist analytisch freigelegt worden und 
harrt der Aktivierung durch den Gatten, der sich aber mit einer ejaculatio 
praecox leichteren Grades oder mit der Unfähigkeit zu einem zweiten Akt 
behaftet erweist» Es bleiben dann nur die Auswege der Resignation mit 
der großen Gefahr der Rezidive, der Ehetrennung, der onanistischen 



Weitere Bemerkungen über die therapeutische Bedeutung der Genital libido 317 

Befriedigung oder die eheliche Untreue. Hier hört der Einfluß der Analyse 
auf, die Entscheidung hat das Ichideal des Patienten zu fällen, das durch 
die Analyse ja auch triebbejahende Elemente aufgenommen hat. 

Man könnte noch einwenden, wir stellten an die normale Genital- 
funktion zu hohe Ansprüche, die konfliktschwangere Atmosphäre des 
modernen Kulturmenschen absorbiere libidinöse Kräfte in einem Ausmaße, 
daß libidinöse, der biologischen Tendenz entsprechende Ausbrüche wie 
beim primitiven Naturmenschen unmöglich werden; das Sexualleben des 
Kulturmenschen sei in Vorlustmechanismen und perversen Akten zer- 
splittert. Gewiß, aber gerade Freud hat als erster auf den innigen 
Zusammenhang zwischen kultureller Entwicklung und Abnahme der 
sexuellen Potenz hingewiesen ; die frigide Frau ist ein Produkt der Kultur. 
Dessenungeachtet gilt es, den „erotischen Wirklichkeitssinn" in der 
analytischen Therapie jedes Falles freizulegen, mag auch der reale 
Erfolg hinter dem idealen gedachten noch so weit zurückstehen. Wir 
gedenken hier einer schriftlichen Äußerung Freuds, wir müßten uns 
zufrieden geben, den Patienten soweit wieder herzustellen, als er unter 
günstigen Bedingungen es hätte von selbst werden können. Je genauer 
wir aber die Bedingungen der Erkrankung und die des Gesund- 
bleibens kennen werden, desto gründlicher und von desto besseren 
Erfolgen gekrönt werden unsere Heilbemühungen sein. 

Eingegangen am 10» September 1924. 



KASUISTISCHE BEITRÄGE 



Analyse eines Falles von „Tic convulsif" 

Vortrag in der Ungarischen Psychoanalytischen Vereinigung, November 1924 

Von Vilma Koväcs (Budapest) 
I 

Ein 45 jährige Frau kam wegen hysterischer Beschwerden in Behandlung. 
Sie litt an Agoraphobie, schweren Magen- und Darmstörungen, Angstzuständen, 
Arbeitsunfähigkeit und hatte außerdem einen Tic. Ihr Tic — ein heftiges 
Kopfnicken mit gleichzeitigem Stirnrunzeln und krampfhafter Zusammenziehung 
der Augenbrauen — wiederholte sich alle Augenblicke, störte sie aber nicht 
im geringsten. 

Sie erzählte auf mein Befragen, sie habe diese „schlechte Gewohnheit" seit 
ihrem zwölften Lebensjahre- die verschiedensten Behandlungen, wie Elektrisieren, 
Massage, sowie Uberredungsversuche seitens der Eltern, ihres Mannes, den sie 
sehr liebte, richteten nichts aus, der Tic bestünde ohne Unterbrechung in 
gleicher Stärke. 

Schon in den ersten Tagen der Analyse fiel es mir auf, daß die Patientin 
auf meine Deutungen mit dem Tic reagierte, u. zw. auf verschiedene Art. 
Wähnte sie sich unbeobachtet, so hielt sie den Kopf ruhiger, sah ich sie aber 
fest an, so zog sie die Stirne und die Brauen um so fester zusammen, auch 
auf Assoziationen verschiedenen, sie erregenden Inhaltes reagierte sie abwechselnd 
mit heftigeren oder schwächeren Ticbewegungen. Sie war mir gegenüber immer 
gleich entgegenkommend und voll Respekt. Hatte sie aber eine Deutung empört, 
so zeigte sich dies in wütendem Nicken; sprach sie — was ihr Hauptthema 
war — von ihren Vorzügen, ihrem guten Charakter, ihrer körperlichen Schönheit, 
so krampfte sie die Augen stärker zusammen und blinzelte. Sie verriet durch 
ihr Blinzeln, wie wenig überzeugt sie von ihrem Eigenlob war. 

Ich gewann bald den Eindruck, daß der Tic der Schlüssel zu ihrer ganzen 
Neurose sei, trotzdem er subjektiv im Leiden der Patientin keine Rolle spielte, 
gleichwie der Träumer oft das aufschlußreichste Stück seines Traumes für un- 
wichtig erklärt und es damit der Analyse vorenthalten will. 

Ich begann die Differenzen in der Stärke der Kontraktionen regelmäßig zu 
beobachten und zu analysieren und es gelang mir dadurch, wie ich glaube, 
etwas tiefer in den Mechanismus des Tic Einblick zu gewinnen. 



Analyse eines Falles von „Tic convulsif" 319 

Der Tic als Symptom erfuhr die erste Erschütterung, als die Patientin durch 
die Übertragung in ihrer Sexualität gestört wurde. Die seit 1 4 Jahren abstinent 
lebende Frau, die angeblich nie onaniert hatte und unter ihrer Abstinenz auch 
gar nicht litt, entwickelte bald eine heftige Übertragung. Die jetzt zum ersten- 
mal sich frei entfaltenden Gefühle waren so mächtig, daß sie genötigt war, 
sich der Spannung durch Selbstbefriedigung zu entledigen, wozu sie meine 
Erlaubnis einholen zu müssen glaubte. Die bisher durch die Verdrängung vom 
Genitale verschobene Erregung, die sich in verschiedenen, hier nicht zu be- 
sprechenden Symptomen äußerte, zeigte sich auch in ihrem Nicken und dem 
krampfhaften Hin- und Herzerren der Fopfhaut an der Schädeldecke. Das Hin- 
und Herbewegen der Kopfhaut milderte sich in auffallender Weise im Anschluß 
an die Masturbation und bestätigte dadurch die Auffassung Ferenczi's, 
,daß der Tic ein Onanieäquivalent ist. Sie selbst klärte den Zusammenhang 
auf, indem sie sagte; „Wenn ich den Tic zurückhalten will, fühle ich Angst, 
will ich mir einen guten Tag machen und lasse ich mich gehen, so bekomme 
ich Übelkeit und Kopfschmerzen. (Die bekannten Nachwirkungen der exzes- 
siven Onanie.) 

Die Patientin war sehr stolz auf die Besserung und suchte dies als einen 
Liebesbeweis mir gegenüber aufzufassen. Doch machte ich die Bemerkung, mit 
dem Ergebnis nicht zufrieden zu sein. Nächsten Tag kam sie scheinbar voll- 
kommen frei vom Tic in die Stunde. Natürlich sah ich darin nur einen 
Übertragungserfolg, erklärte ihn auch auf diese Weise und tatsächlich wieder- 
holte sich das Zusammenziehen der Augenbrauen und der Stirne schon am 
nächsten Tage. Doch das Schütteln des Kopfes blieb aus und stellte sich nur 
dann ein, wenn es mir nicht gelang, ihre durch die fortwährende Liebes- 
versagung entstandenen unbewußten Wut- und Haßreaktionen manifest zu 
machen. Es stellte sich nämlich heraus, daß der Tic nicht nur Onanieäquivalent, 
sondern zugleich auch Ausdruck ihrer gegen die Umwelt gerichteten Aggressions- 
tendenz war; dies zeigte sich schon in dem oben erwähnten Verhalten des Tic, 
•daß nämlich das Nicken stärker wurde, wenn sie mit meinen Deutungen 
unzufrieden war. Diese enge Verknüpfung der verdrängten Aggression mit dem 
Kopfnicken, die durch die Analyse deutlich wurde, bestätigte sich auch durch 
die Entstehungsgeschichte ihres Tic. Es war festzustellen, daß sich das Nicken 
nachträglich zu dem schon bestehenden Augenbrauenkrampf hinzugesellte, als 
Ausdruck des Protestes bei der Geburt eines Bruders. Dieses Ereignis bedeutete 
für sie nicht nur die Störung ihres Verhältnisses zur Außenwelt, sondern 
wurde auch zum Anlaß der Erweckung ihres Penisneides, wodurch ihr 
Männlichkeitskomplex eine plötzliche Steigerung erfuhr. Diesen Zusammenhang 
konnte ich nebst der zeitlichen Übereinstimmung durch eine Reihe von Traum- 
analysen rekonstruieren. 

Nun gewann ich eine wertvolle Einsicht in das Getriebe. Es wurde mir 
klar, daß dieser Tic verständlich wird, wenn man ihn als aus zwei über- 
einander gelagerten Schichten bestehend betrachtet. Das Kopfnicken, welches 
durch die Behandlung zuerst beeinflußbar war, entstand zu einer Zeit, als die 
Entwicklung zur Objektliebe weiter vorgeschritten war. Es kam darin deutlich 
eine wenn auch sadistische Objektrelation zum Ausdruck und diese konnte so 
mit dem Freiwerden der Libido in der Übertragung wie. ein hysterisches 
Symptom beseitigt werden. 



320 



Vilma Kovacs 



Von dem Augenbrauenkrampf zeigte sich im Verlauf der Analyse, daß er 
bedeutend tiefer im Narzißmus der Patientin verankert war. Die Einstellung 
der Patientin, ihre Assoziationen, die sich immer auf ihre eigene, von ihr 
aufmerksam beobachtete Person richteten, machten den Eindruck, als ob dieser 
noch bestehende Teil des Tic Zeichen einer narzißtischen Neurose wäre. 
Dieser ursprünglichere Teil des Tic entstand früher, am Anfang der Pubertät in 
ihrem zwölften Lebensjahr durch Nachahmung einer Schulkollegin, die ihr 
in jeder Hinsicht imponierte. Zur selben Zeit entwickelte sie eine leiden- 
schaftliche Liebe zu einer Lehrerin. Diese Lehrerin machte einmal eine 
Bemerkung über die Schönheit ihrer Augen und deren besonderen Blick. Es 
wurde bald klar, daß das Zusammenziehen der Brauen und Zwinkern dem 
Wunsche entsprach, die Aufmerksamkeit auf ihre Augen zu lenken, um das 
Lob möglichst oft zu hören. 1 

Hier ist die Stelle, auf den vorwiegend narzißtischen Charakter der 
Patientin etwas näher einzugehen. Als drittes Kind unter sechs Geschwistern, 
aus einer intellektuell hochstehenden Familie, selbst unbegabt und doch in 
eine Ausnahmestellung gedrängt, wurde sie zur peinlichen Beobachtung ihrer 
eigenen Person veranlaßt. Die Mutter, ihr Vorbild und ihre Rivalin, war selbst 
kränklich, mit sich selbst beschäftigt, der Vater Tag und Nacht außer Haus, 
niemand brachte ihr die Liebe und Aufmerksamkeit entgegen, die sie leiden- 
schaftlich ersehnte. Sie begann sich fortwährend aufmerksam im Spiegel zu 
beobachten, sah täglich öfters die Zunge an, ob sie nicht belegt sei, ihre 
Augen, ob sie keinen Fieberglanz hätten, und wandte große Aufmerksamkeit 
auf alle Körperfunktionen, besonders auf ihre Darmtätigkeit, die in ihrem 
Leben eine große Rolle spielte. Eigentlich teilte sie so ihre Persönlichkeit, sie 
spielte Mutter und Kind (Introjektion, Ichidealbildung 2 ), um sich für die zu 
geringe Aufmerksamkeit ihrer Umgebung zu entschädigen. 

Trotz ihrer großen Liebessehnsucht liebte sie eigentlich niemanden, ihre 
Tendenz ging nur darauf hinaus, geliebt zu werden; ihre Liebe war immer 
infantil, bestand darin, daß sie sich von der Person, von der sie Liebe 
erwartete, nicht loslösen konnte; sie konnte bis zur Zeit, da sie in Behandlung 
kam, ohne ihre Mutter, mit der sie bewußt nichts gemein hatte, nicht leben. 
Ihren Mann liebte sie, wie sie sagte, zu seinen Lebenszeiten leidenschaftlich, 
doch war in dieser Liebe gar keine Hingebung. Sie spiegelte sich in seiner 
Liebe, verlangte die größte Aufmerksamkeit, immer größere Beweise seiner 
Liebe und Opferwilligkeit, und dabei entwickelten sich in der Ehe ihre 
neurotischen Symptome immer stärker. Zu ihren Kindern war sie sehr 
ambivalent eingestellt, als streng und gut erzogener Mensch erfüllte sie jedoch 
immer ihre Pflichten. Nach der Geburt des ersten Kindes, eines Knaben, 



i) Während der Niederschrift dieser Arbeit bekam ich neue Bestätigungen zur 
narzißtischen Grundlage ihres Tic. Die Patientin, seit der Analyse vom Tic voll- 
ständig frei, befriedigt nun ihren Narzißmus in der Weise, daß sie nunmehr von 
ihrem Tic erzählt und jeden Menschen auffordert zu konstatieren, daß sie keinen 
Tic mehr habe. Die Selbstbestrafungstendenz jedoch (die darin zum Ausdruck kam» 
daß sie sich mit dem Tic verunstaltete), d. hu der Konflikt zwischen Narzißmus und 
Ichideal, ist durch die Analyse aufgehoben worden. 

2) Peren c z i, Introjektion und Übertragung, Jahrb. f. PsA, Bd. I, 1909. Freud^ 
Das Ich und das Es. (Int. PsA. Verlag, 1925.) 



Analyse eines Falles von „Tic convulsif" 321 

fühlte sie sich etwas besser, ihr Männlichkeitskomplex, der auch in ihrem 
Liebesleben manifest war, wurde durch die Geburt des Sohnes befriedigt. Ihr 
Benehmen wahrend des Koitus war vorwiegend männlich, sie nahm immer 
die Stelle des Mannes ein und bekam Angstzustände bei dem Gedanken, die 
weibliche Rolle einzunehmen. Nach der Geburt der Tochter verschärfte sich 
der narzißtische Konflikt. Ihre Obstipation verschlimmerte sich in einer Weise, 
daß ein ernster ärztlicher Eingriff nötig wurde. Die Geburt der Tochter 
scheint eine so große narzißtische Kränkung gewesen zu sein, daß sie sich 
danach in ihrem Unbewußten auf das energischeste weigerte, noch etwas von 
ihrer Person herzugeben. 

Derselbe Konflikt kam auch in ihrem weiteren Verhalten zum Kinde zum 
Ausdruck. Sie neidete dem Töchterchen die kindliche Position und trachtete 
diese Stelle einzunehmen, indem sie darauf bestand, ihre Mahlzeiten immer 
gleichzeitig mit dem Kinde zu bekommen. Sie bekam förmliche Angstzustände, 
wenn sie nicht irgend etwas Eßbares mit sich führte. Sechzehn Jahre lang 
behielt sie diese Gewohnheit bei und es war der erste aktive Eingriff der 
Analyse, daß sie sich das Mitschleppen von Lebensmitteln versagen mußte. 

Zum weiteren Verständnis ist es nun nötig, die Analerotik der Patientin 
etwas eingehender zu besprechen, da dies im Mechanismus des Augenbrauen- 
krampfes eine wichtige Rolle spielte. Sie behauptete, im Sphinkter ani einen 
ähnlichen Krampf zu fühlen, wie in cier Stirne, und ebenso an der rechten 
Bauchseite im Darm. Dieser Krampf verursachte wirklich eine zeitweilige 
funktionelle Verengerung des Darmes, was auch durch Röntgenuntersuchung 
festgestellt wurde. Bei der Analyse ihres Verhaltens stellte sich heraus, daß 
für sie das Verlieren des Kotes beinahe unerträglich war, bei gelegentlicher 
spontaner Stuhl entleerung bekam sie Depressionszustände und verlor den 
Appetit. 1 Normale Eßlust hatte sie nur bei vollständiger Verstopfung. Sogar 
die Eingüsse verringerten ihren Appetit. Der zum Sphinkterkrampf hinzu- 
tretende Krampf im Dickdarm kann als Ausdruck einer erhöhten Angst 
betrachtet werden, als ob diese durch den Sphinkterkrampf im Anus allein 
nicht hätte bewältigt werden können. Es ist anzunehmen, daß diese Angst 
aus der Zeit der Reinlichkeitsangewöhnung stammt und durch die Libido- 
stauung bei der Anpassung an die Forderungen der Erziehung verursacht 
wird. Die Überwindung dieser Entwicklungsstufe scheiterte im Falle unserer 
Patientin an ihrem Narzißmus, alles, was sie in sich aufnahm, wurde ihrem 
Ich einverleibt, d. h, mit narzißtischer Libido besetzt, und so mußte sie jede 
Trennung als eine narzißtische Schädigung empfinden. 

Es gelang durch aktives Eingreifen auch diesem hartnäckigen Symptom 
beizukommen. Nachdem die Übertragung stark genug war und ich darauf rechnen 
konnte, daß die Patientin meine Weisungen pünktlich einhalten werde, riet 
ich ihr, die Eingüsse vollständig aufzugeben und ruhig abzuwarten, bis sich der 
Stuhl von selbst entleerte. Ich stellte ihr sogar die Aufgabe, diese Entleerung 
bis zum äußersten aufzuschieben. Zu letzterem wurde ich veranlaßt durch 
die große Reizbarkeit der Patientin g^e^i Darmreize, die sich jedoch nur 
im Tenesmus äußerte und ohne Nachhilfe nie eine Entleerung mit sich 
brachte ; dies war eigentlich nur die Verhüllung der Tendenz, zurückzuhalten. 

i) Abraham, Beobachtungen über Melancholiker. 

Int Zeitschr. f. Psychoanalyse, XI/3. 21 



322 



Vilma Kovacs 



Es dauerte acht Tage, bis endlich eine recht schmerzhafte Entleerung ein- 
trat. Bei der weiteren Aufrechterhaltung dieses Gebotes verringerten sich all- 
mählich die Intervalle, und im Laufe von ungefähr vier Wochen stellte sich 
die normale Darmtätigkeit ein. Das erstemal reagierte sie auf die Entleerung 
mit großer Angst, wurde aber bei jedem späteren Versuche mutiger, bis end- 
lich die ganze Darmtätigkeit ihr besonders betontes Interesse verlor. Auch der 
schmerzhafte Krampf im Dickdarm hörte auf, gleichzeitig wendete sich ihre 
Libido mehr dem Genitale zu. 

Es war interessant zu beobachten, wie sich infolgedessen auch die Äußerungen 
ihres Charakters änderten. Die narzißtische Selbstbeobachtung wurde auf- 
gegeben, an ihrer Statt erwachte ein reges Interesse für die -Umgebung, ein 
echt mütterliches Gefühl für ihre Kinder, denen gegenüber sie bisher bloß 
Pflichtgefühle empfand. 

Der Tic war aber trotz dieser Charakterumwandlung noch immer nicht voll- 
ständig geschwunden. Er verschwand für längere Zeit, so daß Patientin erklärte, 
die Tic-Bewegungen überhaupt nicht mehr produzieren zu können, doch kehrte 
das Symptom gelegentlich noch wieder. Es war zu bemerken, daß die 
Patientin immer wieder den Versuch machte, ihre Libido vom Genitale fern- 
zuhalten; sie fühlte keinen Wunsch, zu masturbieren, ohne jedoch die auf- 
gestaute Libido sublimieren zu können. Sie schwankte noch immer zwischen 
infantiler Einstellung und Objektliebe, 

Bei der genauen Analyse ihres Benehmens, ihrer Gefühle beim Masturbations- 
akte, stellte sich dann heraus, daß sie auch in der Vagina manchmal ein ähn- 
liches Zusammenziehen fühlte, wie in der Stirne; zu dieser Zeit konnte sie 
die Stirne vollkommen ruhig halten. Dadurch wurde eine weitere Deter- 
mination des Stirnrunzeins deutbar, es war dies eine nach oben verlegte 
Genitalerregung. Ich wurde dann darauf aufmerksam, daß sie eigentlich den 
ganzen Körper gestreckt hielt, die Füße gekreuzt, sozusagen den ganzen Körper 
spannend und sich mit Aufmerksamkeit beobachtend. Ich gab ihr den Auftrag, 
die Füße zu strecken, zu versuchen, die Muskelspannung zu lösen und ihre 
ganze Aufmerksamkeit auf das Genitale zu richten. 1 

Sobald ihr dies gelang, seufzte sie tief auf und sagte erstaunt, sie fühle 
eine solche Erleichterung an der Stirne, als ob ihr jemand mit der Hand den 
Krampf weggewischt hätte; bald darauf fühlte sie aber eine starke, sie sehr 
erschreckende sexuelle Erregung, die jetzt am Genitale manifest wurde, als ob 
das Genitale in dem Zustand eines Dauerkramp fes gewesen wäre, der nie 
durch Hingabe gelöst wurde. Zur Aufrechterhaltung und zum Verbergen dieses 
Krampfes wurde die Mithilfe der ganzen Körpermuskulatur in Anspruch 
genommen. 

Ihre Abwendung vom Genitale wird verständlich, wenn wir ihren stark 
ausgebildeten Männlichkeitskomplex in Betracht ziehen. Der Penisneid, der in 
ihren Träumen und in ihrem Verhalten in der Ehe manifest war, brachte es 
zustande, alle Libido von der Vagina auf die Augen und ihre Umgebung zu 
verschieben. Das Fehlen des Penis kompensierte sie mit der verstärkten 



1) Ich bin mir dessen bewußt, daß die letztere Bemerkung eigentlich Sugge- 
stion war, und hätte eigentlich dasselbe Ergebnis ohne diese Bemerkung erzielen 
können. 



Analyse eines Falles von „Tic convulsif" 323 

Besetzung der Augen und mit dem besonderen Blick, mit dem sie erobern 
wollte. 

Während der Ablösungsphase in der Kur lernte sie nun ihre Libido auf 
reale Objekte zu verschieben; sie konnte nun auch entsagen, Schmerzen 
erdulden, indem sie sich gewöhnte, größere Reizquantitäten zu ertragen. Die 
Spaltung ihrer Persönlichkeit in Mutter und Kind verschmolz zu einer Ein- 
heit. Mit dem Aufgeben der infantilen Einstellung und der Umwandlung derselben 
in Objektliebe hörte sie auf, Kind zu sein und nahm die ihr zukommende 
mütterlich-weibliche Rolle an. Die Charakterumwandlung konnte eintreten, 
sobald der Narzißmus und die prägenitale Fixierung gelockert wurde und der 
Genitalprimat in seine Rechte trat. Nur wenn eine solche Umwandlung des 
Charakters gelingt, kann ein Tic als vollständig und dauernd geheilt betrachtet 
werden. 



H 

Zum Entstehen eines Tic bedarf es nach meinen Erfahrungen besonderer 
Bedingungen. Die hauptsächlichsten sind: Narzißmus, hypochondrische Selbst- 
beobachtung, Nachahmungstendenz, die sich auf imponierende Persönlichkeiten 
richtet; der stetige Wunsch, als Ausnahme behandelt zu werden, durch Eigen- 
art aufzufallen, ohne besondere Begabung, oder wo die an die Begabung 
geknüpften Er wartungs Vorstellungen nicht befriedigt sind; die sexuelle Grund- 
lage besteht in der Hauptsache in der Neigung zur Homosexualität, Angst 
vor dem Genitale, im Zusammenhang damit Angst vor der Onanie, die 
während der Pubertät aufgegeben wird. 

In einem Falle, wo die oben aufgezählten Bedingungen zusammentrafen, 
war dennoch kein Tic zu bemerken ; als ich aber vor dem Patienten die Ver- 
mutung aussprach, er müßte eigentlich einen Tic haben, stellte es sich heraus, 
daß ich bei ihm einen Gehtic, der mir während der wenigen Schritte, die 
er durch mein Zimmer machen mußte, nicht auffallen konnte, übersehen 
hatte. Diese Entdeckung setzte mich in den Stand, den Tic gleich im ersten 
Monate der Behandlung zum Gegenstand der Analyse zu machen. Auch in 
diesem Falle störte der Tic den Patienten so wenig, daß er ihm eigentlich 
kaum bewußt war, doch schon in der ersten Besprechung erwies er sich als 
Knotenpunkt der ganzen Neurose und als der Weg, auf dem der Narzißmus 
direkt beeinflußt werden konnte. Dieses Beispiel ist um so wichtiger, als es 
auch sonst vorkommen mag, daß der Tic so geartet ist, daß er bei Ein- 
haltung der analytischen Ruhelage unbemerkt bleibt. 

Über das Wesen des Tic können auf Grund unseres Materials folgende 
Vermutungen ausgesprochen werden. Abgesehen von den konversionshysterischen 
Elementen, mit denen der Tic in der Regel vergesellschaftet ist, erscheint er 
als das Symptom einer narzißtischen Erkrankung, ist eng mit der Charakter- 
bildung des Patienten verknüpft und kann als komprimierter Ausdruck der- 
selben betrachtet werden. Anknüpfend an Ferenczis Ausführungen über 
die Beziehungen des Tic zum Narzißmus, könnten wir sagen, daß, gleich wie 
im hysterischen Symptom der Konflikt zwischen dem Ich und der Objekt- 
liebe, im Tic der Konflikt zwischen Ich und Ichideal seinen Ausdruck findet. 

21" 



324 



Vilma Koväcs 



Auch in der Verknüpfung von Tic und Genitalität tritt der narzißtische 
Konflikt zutage. Die Ablehnung des Genitales erfolgt hier nicht als Folge 
der Liebes versagung, sondern als die der narzißtischen Verletzung des genitalen 
Körperichideals (Geburt des Bruders, Männlichkeitskomplex). Die Verschiebung 
auf die Augen geschieht in unserem Falle nur, weil gerade die Augen von 
Geliebten besonders gelobt wurden. In einem anderen Falle war ein realer 
Fehler der Schultern durch den Tic überkompensiert, in dem besprochenen 
Falle konnte die Analyse keine körperliche Begründung der Symptombildung 
finden. 

Die Angst vor dem Genitale ist größtenteils narzißtisch determiniert und 
durch die Angst, auf dem genitalen Wege etwas verlieren, an die Objektwelt 
abgeben zu müssen (Kind, Sperma). 

Ich kann nicht umhin, an dieser Stelle auch auf das technische Problem 
der Aktivität einzugehen. Schon Ferenczis Ausführungen machen darauf 
aufmerksam, daß die gewöhnliche psychoanalytische Technik, die wir bei den 
reinen Übertragungsneurosen oft allein mit Erfolg anwenden, dem Tic wenig 
anhaben kann. Bei fortgesetzter Erfahrung in der Anwendung der aktiven 
Technik gelangt man allmählich zu der Einsicht, daß die Gebote und Verbote, 
die sich in der Regel auf körperliche Verrichtungen, Stellungen usw. 
beziehen, nebst der reinen assoziativen Methode einen direkteren Zugang zum 
Ich des Patienten ermöglichen. Diese im Anfang nur praktische Erkenntnis 
gewinnt an theoretischer Bedeutung, wenn wir bedenken, daß nach Freud 
unser Ich wesentlich ein Körper-Ich ist. Die Beziehung des Tic zum Körper- 
narzißmus ist besonders eng, er kann gleichsam als Kunstleistung des Körpers 
betrachtet w erden. Bei Menschen, deren Sublimierungsfähigkeit durch ihren 
Narzißmus gehemmt ist, dient der Tic unbewußt nicht nur als Ablaufskanal 
ihrer Erregungen, sondern erfüllt sie auch mit dem erhebenden Gefühl, etwas, 
was ihre Eigenart hervorhebt, geschaffen zu haben. 

Zur teilweisen Bestätigung der Abraham sehen Auffassung über die 
Rolle der Analerotik beim Tic dient der Umstand, daß in einem der hier 
behandelten Fälle der Tic deutlich durch die Verlegung einer analen Betätigung 
(Sphinkterkrampf) auf einen anderen Körperteil entstanden ist. A braham 
schlägt dafür die Bezeichnung „Konversion auf der analen Stufe' vor. Diese 
Bezeichnung scheint uns für die Beschreibung des Tatbestandes um so eher 
geeignet, als wir sahen, daß die Sexualentwicklung jener Patientin auf der 
analen Stufe stehen geblieben ist. Die genauere Beschreibung der Art, in der 
Analerotik und Narzißmus in der Verursachung des Tic sich teilen, können 
wir auf Grund dieses einen Falles natürlich nicht versuchen, doch der Ver- 
gleich mit anderen Neurosenformen, insbesondere mit der Zwangsneurose, in 
denen die Analerotik ebenfalls eine hervorragende Rolle spielt, bestärkt uns in 
der Vermutung, daß die Bildung eines Tic ohne eine starke narzißtische 
Grundlage nicht möglich ist. 

Ich möchte hier wiederholt darauf aufmerksam machen, daß darin, daß in 
der genitalen Betätigung der Patientin das Nichthergeben wollen im Vorder- 
grund stand, sicher auch ihr Narzißmus eine Rolle spielt, ist doch ein voll- 
wertiger Orgasmus ohne Hingabe an das Objekt und Aufgeben des Selbst 
unmöglich. Ihr Geiz in libidinöser Hinsicht ist unleugbar; aber nicht weniger 
als das Steckenbleiben auf der analen Entwicklungsstufe scheint der narzißtische 



Analyse eines Falles von „Tic convulsiF 



325 



Charakter der Patientin beim Entstehen des Tic bestimmend gewirkt zu 
haben. ' 

Die Frage, ob bei der Unterdrückung des Tic Angst entsteht, kann auch 
bei dieser Patientin bejahend beantwortet werden. In beiden Fallen traten bei 
Unterdrückung der Bewegungen ausgesprochene Angstgefühle mit Beklemmung, 
Atemnot, Schweißausbruch und Kopfschmerzen auf. Die Angstentwicklung bei 
der Unterdrückung der Tic-Bewegung steht nicht im Widerspruch zur Annahme 
der narzißtischen Grundlage des Leidens. Die Unbefriedigung der narziß- 
tischen Libido kann ebensowohl zur Entstehung von Angst führen, wie die 
Versagung der Objektlibido. 

Eingegangen am 1. Dezember 1924» 



Zur Psydiogenese eines Ticfalles 

Von Dr. Helene Deutsch (Wien) 

Der Vergleich der beobachtenden Arbeitsweise des Analytikers mit der 
Laboratoriumstechnik zeigt besonders in jenen Fällen seine Richtigkeit, in 
denen der Umwandlungsprozeß psychischer Energien während der Behandlung 
über neue Symptombildungen führt. Die Mechanismen, deren sich die Trieb- 
tendenzen bei der Bildung der Symptome bedienen, können hier in statu 
nascendi erfaßt und ihre Dynamik mit besonderer Klarheit erkannt werden. 

Bei einem von mir behandelten Fall war nun die Beobachtung derartiger 
Symptombildungen besonders günstig, denn es handelte sich dabei nicht um 
„passagere Symptome" im Sinne Ferenczis, sondern um die direkte Über- 
leitung aller krankhaften Erscheinungen in eine vollkommen neue Ausdrucksform, 
die in einem bestimmten Stadium der Analyse unter den Augen des Analytikers 
wie in einem intendierten Experiment entstanden war. Das neue Symptom 
entwickelte sich auf Kosten der früheren, trat gleichsam vikariierend für die- 
selben ein und die Beobachtung konnte feststellen, was aus dem alten Material 
zu dieser Neubildung benützt, was verworfen und was neu dazugetragen 
worden war. Es ist einleuchtend, daß das Verständnis eines solchen Neu- 
produktes sich nur aus der Aufklärung der Übertragungssituation ergeben 
konnte. 

Es sollen hier aus der komplizierten und langwierigen Krankengeschichte 
des Patienten nur die Momente angeführt werden, die uns die Entstehung 
dieses Symptoms erhellen können. 

Es handelt sich in diesem Falle um einen typischen psychogenen Tic, der, 
wie oben erwähnt, während der Analyse entstanden war und zum Tummel- 
platz früherer, bereits klar gewordener neurotischer Konflikte wurde, nachdem 
die anderweitigen krankhaften Erscheinungen verschwunden waren. 

1) Ferenczi: Psychoanalytische Betrachtungen über den Tic. Diese Zschr., 
Bd. VII, 1921. 

Tic-Diskussion in der Berliner Psychoanalytischen Vereinigung. Diese Zschr., 
Bd. VII, 1921. 



326 



Dr. Helene Deutsch 



Der Patient, ein zwanzigjähriger junger Mann, dessen Lebenslauf * und Per- 
sönlichkeit einen par excellence narzißtischen Typus aufweist, sucht die Analyse 
wegen Schwierigkeiten auf, die seinem sehr ehrgeizigen künstlerischen Streben 
hindernd im Wege stehen. Er leidet seit seiner frühesten Jugend an 
exzessiver Masturbation, die er nur zeitweise unter größtem Willensaufwand 
vorübergehend aufzugeben vermag. In der letzten Zeit hat er — „die furcht- 
baren Folgen" des Übels befürchtend — die Onanie mit einem gewissen 
Erfolg zu unterdrücken vermocht. Daraufhin trat ein Symptom auf, das, sich 
immer intensiver gestaltend, sein Leben unerträglich machte. Das Symptom 
besteht darin, daß er seine Aufmerksamkeit ununterbrochen auf seine Atem- 
tätigkeit lenken, dieselbe fortwährend beobachten und zu regulieren versuchen 
muß. Dabei hat er das Gefühl, daß jede Ablenkung der Aufmerksamkeit zu 
einem Sistieren der Atmung führen könnte, das in einer Art Atemlähmung 
enden würde. Er führt deshalb derart komplizierte Atemprozeduren auf, daß 
man bereits von einem Atemzeremoniell sprechen kann. Die Dauer der ein- 
zelnen Atemzüge, die Reihenfolge der kurzen und langen Ein- und Aus- 
atmungen ist ihm vorgeschrieben-, das Sprechen darf dieselben nicht unter- 
brechen; die Silben müssen entsprechend geteilt werden usw. In Begleitung 
aller dieser Maßnahmen entstehen zischende und blasende Geräusche, die er 
nur schwer zu unterdrücken vermag. Jedes Versäumnis des Atemzeremoniells 
erscheint ihm mit einer Todesgefahr verbunden. Unterläßt der Patient die 
Selbstbeobachtung, so tritt eine mit Erstickungsgefühl verbundene Angst auf, 
die ihn zur sofortigen Wiederaufnahme der Prozedur zwingt. 

Wenn wir diesem, dem Tic vorausgegangenen Symptom die Tatsache bei- 
fügen, daß der Charakter des Patienten ausgesprochen zwangsneurotische Züge 
trägt, daß er bereits in der Kindheit vorübergehend an Zwangszählen, Zwangs- 
beten, Grübeleien usw. gelitten hat, so wird uns die zwangsneurotische Natur 
seines Symptoms, das sich offenbar um einen hysterischen Kern entwickelt hatte, 
leicht ersichtlich. Die Tatsache, daß das Symptom mit dem Versuch der 
Unterdrückung der Onanie aufgetreten war, daß es sich jedesmal bei Wieder- 
aufnahme derselben besserte und daß es sich nach dem endgültigen Aufgeben 
der Onanie in der Analyse steigerte, weist unzweideutig auf eine enge 
Beziehung desselben zur Onanie hin. Die analytische Erforschung der mastur- 
batorischen Tätigkeit bestätigte auch den tieferen Zusammenhang derselben 
mit dem Symptom. 

Zum sonstigen Sexualleben des Patienten wäre noch zu bemerken, daß es 
sich nicht nur auf die Masturbation beschränkt. Er hat zahlreiche hetero- 
sexuelle Beziehungen mit sehr schwacher libidinöser Besetzung, jedoch ohne 
Potenzstörung. Die Mädchen seiner Wahl gehören immer demselben Dirnen- 
typus an. Das jeweilige Interesse für seine Sexual Objekte hat stets eine stark 
narzißtische Betonung, z. B. sich mit dem Besitz der Betreffenden au rühmen, 
ihre Gunst einem anderen streitig zu machen usw. 

Seine zahlreichen freundschaftlichen Zuneigungen zu Männern, unter denen 
sich viele manifest Homosexuelle befinden, verraten seine latente homosexuelle 
Einstellung. 

Die bewußte masturbatorische Phantasie galt jenem oben beschriebenen 
Mädchentypus. In der Analyse wurde es bald klar, daß diese Phantasie nur 
zur Überdeckung stark sadistischer, homosexueller Regungen diente. 



Zur Psychogenese eines Ticfalles 



327 



Aus seiner Kindheitsgeschichte sollen einige, auf die infantile Masturbation 
sich beziehende Details hervorgehoben werden: Als dieselbe zwischen seinem 
vierten und sechsten Lebensjahr durch eine real erlebte und erinnerte, vom 
Vater ausgehende Kastrationsdrohung eine jähe Unterbrechung erfuhr, reagierte 
er schon damals mit neurotischen Äußerungen seines Kastrationskomplexes. 
Er gab zwar die manuelle Onanie auf und glaubte damit der Drohung aus- 
zuweichen, setzte aber die Betätigung in einer anderen Form fort. Um sein 
bedrohtes Organ besorgt, versuchte er sich von dessen Existenz durch Hervor- 
rufung von Erektionen — ohne manuelle Betätigung — zu überzeugen : „Ich 
wollte wissen, ob es noch gelingen wird." Dies erzielte er wiederholt mit 
Zuhilfenahme heterosexueller Phantasien; allmählich, sichtlich unter dem 
Drucke des Schuldgefühls, gibt er das Phantasieren auf, worauf sich dann 
spontan exzessive Erektionen einstellten. Schließlich traten die Erektionen 
nur unter bestimmten Bedingungen auf, z. B. regelmäßig, wenn er in der 
Schule aufgerufen wurde, wenn er den Vater nach Hause kommen hörte, von 
ihm zur Rede gestellt oder um etwas befragt wurde. Die nun vollkommen 
seinem Willen entzogenen Zustandsänderungen des Penis versetzten ihn in die 
größte Erregung, die vor allem die Vorstellung „der Vater könnte es bemerken 
zum Inhalt hatte. Zeitweise bemächtigte sich seiner das Gefühl, der Vater 
schaue prüfend auf sein Genitale, wodurch oder vielmehr wogegen erst recht 
der Penis sich erigierte. 

Die bereits neurotische Störung am Genitale war sichtlich mehrfach deter- 
miniert: vor allem war es eine Fortsetzung jenes früher willkürlich hervor- 
gerufenen „Organgefühls", das ihn von der unversehrten Existenz des Organs 
durch die Erektionen überzeugen, sein „ Organmangelgefühl' überwinden, d. h. 
seine Kastrationsbefürchtung beschwichtigen sollte, u. zw. in jenen Situationen, die 
seine Kastrationsangst aktivierten (Lehrer, Vater). Dann war es eine trotzige 
Herausforderung des Vaters, dem er die verbotene Handlung ad oculos demon- 
strierte. Gleichzeitig war es eine aus dem Schuldgefühl herrührende Selbst- 
anklage, die den Vater zur Ausführung der Strafe mahnen sollte. Schließlich 
war es eine gegen den Vater gerichtete Aggression, der Ausdruck stark 
sadistischer Tendenzen, die sich des Genitales als Werkzeug bedienten. In allen 
Träumen und Phantasien jener Entwicklungsperiode fungierte der Penis als 
Mordinstrument. Die regressiven Tendenzen zur sadistisch- analen Phase ver- 
rieten sich schon damals in dieser Bedeutung des Genitales, 

Erst um das achte Lebensjahr herum hören die Erektionen gänzlich auf. 
Die sadistischen Tendenzen weichen masochistischen. Von nun an drückt der 
Kastrationskomplex und die masochistische Einstellung der ganzen psychischen 
Persönlichkeit des Patienten den Stempel auf. Nach dem Aufgeben des Genitales 
kommt es zur regressiven Besetzung der analen Komponente, die einen 
beträchtlichen Anteil seiner libidinösen Struktur darstellt. Um diese Zeit 
meldeten sich die ersten oben erwähnten zwangsneurotischen Symptome: 
Zwangszählen, Zwangsbeten. 

In der Vorpubertät wurde er von einem Freunde zu gegenseitiger Mastur- 
bation verführt. Auf der Flucht vor der Homosexualität greift er lieber zur 
Befriedigung durch Onanie, die er bis zum Auftreten der Atemstörung weiter- 
führt. Aus der Analyse dieser Störung ging folgendes hervor: Der Versuch 
der Unterdrückung der Onanie führt dazu, daß die narzißtische Libido- 



328 



Dr. Helene Deutsch 



besetzung des Genitales und die aus ihr hervorgehende Kastrationsangst bei 
der Entziehung des Genitales als Ausführungsorgan nach einer anderen Körper- 
stelle verlegt werden. Die Atemmuskulatur als Ersatzorgan zieht nicht nur die 
narzißtischen Quantitäten des Genitales, sondern auch die in der Disposition 
des Patienten gelegenen analen Tendenzen an sich (Geräusche beim Atmen). 
Aus der Summation und Vermischung beider narzißtischer Strömungen ergibt 
sich eine starke Überbesetzung des zum Ersatz verwendeten Organs. 

Von den mehrfachen Determinierungen der Organwahl sei hervorgehoben: 
Eine im zehnten Lebensjahr überstandene Diphtherie mit Erstickungsgefahr, 
bei der ihm eine Tracheotomie drohte, hinterließ eine nachhaltige Angst um 
die bedrohte Körperpartie (als Kastrationsdrohung). Im selben Sinne wirkte 
ein frühzeitig erfolgtes, mit starkem Protest aufgenommenes Rauchverbot von 
seiten des Vaters. 1 

Die sonst reflektorisch vor sich gehende Tätigkeit des Atmens verliert im 
Symptom charakteristischer weise ihren automatischen, gewöhnlich nicht 
bewußt kontrollierten Charakter. Das Organ dient jetzt nicht nur der früheren 
Funktion, sondern es stellt sich auch in den Dienst der es besetzenden libidinösen 
Triebkräfte. Infolge der Stauung der narzißtischen Libido am Organ kommt 
es zuerst zu hypochondrischer Einstellung und Beobachtung desselben; die 
sexualisierte Funktion unterliegt dem Verbote von Seiten der Zensur und es 
kommt am Organ zu jenem typischen, zwangsneurotischen Mechanismus, 
in dem sich die Lustfunktion und die sich ihr entgegenstellende Schutzmaß- 
regel durchsetzen. 

Die hypochondrische Einstellung und die bewußte Innervation der Atem- 
muskulatur wiederholen vollinhaltlich jenes, im Kastrationskomplex basierende 
„Organmangelgefühl", das den Patienten in der ersten Kindheit zu seinen 
Erektionsprozeduren veranlaßt hat. 

Während der neurotische Vorgang am Genitale der Kastrationsangst entsprang, 
wobei das Angstobjekt (der Vater) sich in der Außenwelt befand, steht 
das Atemsymptom bereits unter dem Drucke und der Drohung des Üb er -Ichs. 
Der Kampf spielt sich jetzt überwiegend zwischen dem stark narzißtisch 
besetzten Ich und dem streng waltenden Über-Ich ab. Als Resultat dieses 
Kampfes sehen wir beim Patienten die Todesangst entstehen. Sie ist ein direkter 
Abkömmling jener Kastrationsangst, die sich im Genitalsymptom seiner Kind- 
heit manifestierte. Die aggressiven Tendenzen jener Zeit sind im neuen Symptom 
masochistisch auf das Ich bezogen. 

Nach etwa drei Monaten analytischer Behandlung gibt der Patient das 
Symptom auf und erklärt sich für gesund. Nach kurzem, symptomfreiem Intervall 
macht sich während der analytischen Stunde ein Tic bemerkbar, dessen Existenz 
dem Patienten selbst vollkommen unbekannt geblieben war. Der Tic bestand 
in Zuckungen im Bereich der Hals- und Nackenmuskulatur, die zu einem Vor- 
strecken und Heben des Kinns und zum Beugen des Nackens führten. Es stellte 
sich heraus, daß der Tic anfangs nur in der Analysenstunde produziert wurde 



O Auf die anderweitigen Determinierungen des Atem Symptoms, die in der 
Analyse klar wurden, so auf die sadistisch gefärbten Koitusphantasien, in denen sich 
der Pat. mit beiden Partnern identifizierte, auf die Geburtsphantasien (vor allem im 
Sinne des „analen Kindes") usw., gehe ich hier nicht ein. 



Zur Psychogenese eines Ticfalles 



329 



und erst, als die Aufmerksamkeit des Patienten auf das Symptom gelenkt 
war, darüber hinaus anhielt und schließlich zu einer Berufsstörung zu führen 
drohte. 

Der Prozeß der Symptom Wandlung und die Entstehung der neuen Störung 
Heß sich aus der Übertragungssituation verstehen: Die äußeren Umstände, 
unter denen die Behandlung eingesetzt hatte, bewirkten a priori einen bestimmten 
Übertragungsmodus. Patient war mir von einem Arzt, den er wegen der ver- 
mutlichen „organischen" Natur seines Leidens konsultierte, zugewiesen worden. 
Das Verhältnis zu diesem Arzt stand vom Anfang an unter dem Zeichen des 
Kastrationskomplexes, und Patient konnte lange die bewußte Befürchtung nicht 
los werden, derselbe werde ihn wegen seines Leidens operieren. (Reminiszenz 
an die Diphtherie und an zahlreiche Halsoperationen der Kindheit.) Die nahen 
Beziehungen zwischen mir und dem Arzt waren dem Patienten bekannt. Daher 
mußte die Übertragung auf den Arzt mit der Mobilisierung des Ödipus- 
komplexes in der Übertragung auf mich zunehmen und zur Quelle heftigster 
Widerstände werden. Zur Zeit der neuen Symptombildung nahm dieser Wider- 
stand zu und es lag nahe anzunehmen, daß sich derselbe des Symptoms als 
Ausdrucksform bediente. 

Der Patient produzierte nun in der Analyse folgende Phantasie: Er habe 
das Gefühl, hinter meinem Sessel sei eine Öffnung angebracht, durch die der 
oben erwähnte Arzt zuhöre und ihn beobachte. In die Irrealitat dieser 
Phantasie hatte er volle Einsicht. 

Allmählich stellte sich heraus, daß der Tic mit dieser Phantasie in engster 
Verbindung stehe und beide das Produkt der libidinösen Umgestaltung in der 
Übertragung darstellen. 

In der Phase, in der das Atemsymptom analysiert wurde, war die Objekt- 
libido zu sehr verdrängt und damit die Fähigkeit zur Übertragung noch von 
den narzißtischen, im Symptom zum Ausdruck kommenden Tendenzen über- 
wuchert. Erst durch die allmähliche Herstellung der Objektbeziehungen in der 
Übertragung konnte es zur Symptomwandlung kommen. 

Die narzißtisch gestaute Libido bemächtigt sich nun weiter eines anderen 
Körperteiles, dessen Eignung zur narzißtischen Besetzung uns auch sonst 
bekannt ist. 

Im früheren Symptom ist ein reflektorischer Vorgang durch die 
libidinöse Besetzung der Funktion unter die Kontrolle und Regulierung von 
Seiten des Bio geraten und zum Schauplatze des zwangsneurotischen Kampfes 
zwischen Ichlibido und Über-Ich geworden. Im neuen Symptom erreicht ein 
sonst bewußt und willkürlich reguliertes Innervationsgebiet eine 
autonome Freiheit, wobei der ganze Betrag der Triebtendenzen in den 
motorischen Entladungen des Symptoms untergebracht wird. Wie diese 
Umwandlung zustande kommen konnte, erfahren wir aus dem Verständnis der 
Übertragung. 

In der Auffrischung der Ödipuskonstellation ist vor allem die stark 
sadistische Beziehung zur Vaterimago mobilisiert und die objektlibidinöse 
Relation wieder hergestellt. Gleichzeitig wurde das Über-Ich, das im Atem- 
symptom grausam die Kontrolle geübt hatte, dem Wege der Übertragung 
folgend, in die Außenwelt projiziert, so daß die libidinösen Tendenzen statt 
unter der Zensur des Über-Ichs zu stehen, unter . die strafende Obhut des 



330 



Dr, Helene Deutsch 



— symbolisch — hinter dem Sessel verborgenen väterlichen Auges geraten 
sind. Die frühinfantile Situation, in der das libidinöse Objekt gleichzeitig das 
strafende Ichideal in der Außenwelt war, ist in der analytischen Situation wieder 
hergestellt. 

Das zwangsneurotische Atemzeremoniell wird jetzt in ein Konversionssymptom 
überführt \ durch dieses befreit sich der Patient von der Angst. Das Spannungs- 
gefühl, das zur Wiederholung der motorischen Aktion drängt, ist nicht mit Angst 
identisch, obzwar es genetisch der Kastrationsangst angehört. Es ist ein Abkömm- 
ling jenes Organmangelgefühls, das den Patienten in der Kindheit zu 
Versuchserektionen, im Atemsymptom zu Atemprozeduren, drängte. In allen 
drei Phasen will das bedrohte Organ (Penis, Atmungsorgan, Hals-, Nacken- 
muskulatur) seine Funktionstüchtigkeit behaupten und beweisen. 

In der genital-narz iß tischen Besetzung des Organs 
stellt somit der Tic — in unserem Fall — die Erektions- 
tätigkeit dar und wird zum typischen Onanieersatz: 1 Das 
treibende Motiv ist im Kastrationskomplex zu suchen. 

In der ob j e k tlib i d inös en Beziehung entspricht die moto- 
rische Funktion einem sadistischen Impuls, das befallene Muskel- 
gebiet stellt, wie das Genitale in der ursprünglichen infantilen Phase, eine 
Angriffswaffe dar. Gleichzeitig ist das zur Schau getragene Symptom eine 
Selbstbestrafung durch die körperliche Entstellung und ein Selbstverrat, wie 
es die Erektion in Anwesenheit des Vaters in der Kindheit gewesen war. 

Warum die Progression zu objektlibidinösen Beziehungen mit einer neuer- 
lichen Verschiebung nach oben einherging und die „Genitalisierung sich 
nicht dem ursprünglichen Organ, dem Penis, zuwendete, hängt mit der 
Kastrationsangst zusammen, von der der Patient in diesem Stadium der Analyse 
noch lange nicht befreit war. Das mit Schuldgefühlen des Ödipuskomplexes 
belegte Organ wird gemieden und es scheint mir, daß die besondere Bevor- 
zugung der oben liegenden Körperpartien beim Tic auch mit dieser Flucht 
vor dem bedrohten Genitale zusammenhängt. 

Bei der Bildung der Körpersymptome überhaupt scheint das durch die 
Schuldgefühle bedingte, als Kastrationsangst zum Ausdruck kommende Tabu 
des Genitales eine wichtige Rolle zu spielen. Ich konnte einige Fälle beobachten, 
bei denen die Konversionsneigung den ganzen Körper betraf. Alle Organe 
konnten genitalisiert werden, so daß man von einem regressiven Vorgang zu 
jener Phase, wo „der ganze Körper ein Genitale" war, sprechen konnte. Das 
Genitale war die einzige Körperstätte, die frei von jeder libidinösen 
Besetzung blieb. 2 

Daß bei der Genitalisierung einer Körperpartie auch die narzißtische Libido- 

1) Auf die Bedeutung des Tic als Onanieersatz hat jüngstens auch W. Reich hin- 
gewiesen (Der psychogene Tic als Onanieäcjuivalent, „Zeitschrift f. Sexualwissen- 
schaft", 11. Bd., 12. Heft, 1925. Referiert in diesem Heft der Zschr.). 

2) Ich verweise auf die während der Korrektur dieser Arbeit erfolgte Publikation 
einer Abhandlung von Ferenczi „Zur Psychoanalyse von Sexualgewohnheiten". Es 
wird dort eine meinem Gedankengang nahestehende Anschauung vertreten: „Diese 
neurotische Identifizierung des ganzen Körpers mit dem Genitale wird sich, wie ich 
glaube, in der Pathologie der Neurosen sowohl als der Organerkrankungen sehr 
bedeutsam erweisen." Diese Zschr., Bd. XI, 1925, S. 14. 



Zur Psychogenese eines Ticfalles 331 

besetzung des Genitales verlegt wird und damit auch der Kastrationskomplex 
auf das neue Organ übergeht, ist wohl sicher. 1 Für den Tic ist — wenigstens 
in diesem Falle — diese Verlegung einer genital-narzißtischen Besetzung mit 
besonderer Vorherrschaft des Kastrationskomplexes das Charakteristische. Die 
Intensität des Kastrationskomplexes ergibt sich wieder aus der sadistisch-analen 
Disposition und das „Konversionssymptom auf sadistisch-analer Stufe" entspricht 
eben der Genitalisierung eines Körperteiles, wobei die Funktion des Genitales 
auf die sadistisch- anale Stufe regrediert ist, nach welcher sie vielleicht von 
Anbeginn tendiert hat. 

Somit wird der Tic einmal mehr unter dem Zeichen der Hysterie, einmal 
mehr unter dem Zeichen der Zwangsneurose stehen. Immer aber wird seine 
narzißtische im Kastrationskomplex enthaltene Komponente das Maßgebende 
sein. 

Beim Versuch der theoretischen Formulierung der Genese dieses Tic- 
falles ergibt sich die Notwendigkeit, sich kurz mit den bisherigen analytischen 
Anschauungen über die Ticentstehung auseinanderzusetzen. 

Ferenezi 2 hebt hervor, daß zum Ausgangspunkt des Tics eine hypo- 
chondrische Selbstbeobachtung werden kann, die einen konstitutionellen Narzißmus 
des Erkrankten zur Voraussetzung hat, „wobei dem Tic die Funktion zukomme, 
einzelne Körperpartien fühlen und beachten zu lassen". Die Lokalisation des 
Tics setzt in diesen Fallen eine Libidostauung im betroffenen Organ voraus, 
durch psychische oder organisch- traumatische Ursachen. 

Was „die narzißtische Genese" des Tics betrifft, so ist mein Fall eine volle 
Bestätigung dieser Anschauung. Auch Ferenezi weist auf die genitale 
Bedeutung der befallenen Körperpartien hin und bringt den Tic in Zusammen- 
hang mit der onanistischen Genitalfunktion. 

Dagegen kann durch meine Beobachtung die Behauptung F.s, daß der Tic 
keine Objektrelationen enthält, nicht bestätigt werden. Denn die Genese 
dieses Ticfalles hatte ja eine ihrer stärksten Motivierungen im Übertragungs- 
verhältnis, das einen stark sadistischen Charakter hatte. Die motorische Ent- 
ladung der gestauten Libido durch den Tic diente eben in einer Deter- 
minierung der Bemächtigung des Objektes. 

Auch kann ich der Anschauung F.s nicht beistimmen, daß die Unter- 
drückung des Tics mit Angstreaktionen einhergeht. Das Spannungsgefühl ent- 
sprach in meinem Fall jenem Organgefühl, dessen Schilderung ich im Obigen 
gegeben habe. 

Die genetische Entstehung dieses Tics aus einer zwangsneurotischen Hand- 
lung bestätigt die Anschauung Abrahams, 3 der den Tic als ein „Kon- 
versionssymptom auf der sadistisch- analen Stufe" auffaßt; dagegen kommt bei 
meinem Patienten der narzißtischen Genese des Symptoms eine viel größere 
Bedeutung zu, als Abraham ihr zugemessen hat. Die anale Komponente, die 

i) Damit will gesagt sein, daß der narzißtische Faktor bei der Bildung eines 
jeden Konversionssymptoms eine Rolle spielt. Bei der Entstehung des Tics gewinnt 
er jedoch eine zentrale Bedeutung. 

2) S. Ferenezi: Psychoanalytische Betrachtungen über den Tic. Internationale 
Zeitschrift für Psychoanalyse, Bd. VII, 1921. 

3) Ticdiskussion in der Berliner psychoanalyt. Vereinigung in der Sitzung 
vom 2. Juni 1921. Internat. Zeitschr. f. PsA., Bd. VII, 1921, S. 593, 



332 



Melanie Klein 



in dem dem Tic vorausgegangenen Symptom eine so große Rolle gespielt hat, 
lieferte zur Entstehung des Tics keinen nachweisbaren Beitrag, was natürlich 
nicht gegen die sadistisch-anale Disposition zum Tic im Sinne Abrahams 
spricht; denn auch bei Fällen von ausgesprochen zwangsneurotischem Charakter 
finden wir in der Symptombildung einmal mehr die sadistische, das andere 
Mal mehr die anale Komponente im Vordergrund. 

Es ist selbstverständlich, daß die hier vorgebrachte Einzelbeobachtung 
keinen Anspruch darauf erhebt, diese Fragen endgültig entschieden zu haben. 

Eingegangen im März l$2f. 



Zur Genese des Tics 

Von Melanie Klein (Berlin) 

Ich bringe in Nachfolgendem einen Auszug aus einer längeren Kranken- 
geschichte, wobei ich in erster Linie auf das einzugehen beabsichtige, was 
sich auf den Tic bezieht. Der Tic schien in diesem Falle ein ganz neben- 
sächliches Symptom zu sein und konnte längere Zeit nur mühsam in die 
Analyse einbezogen werden; trotzdem hatte er eine so zentrale Bedeutung für 
die ganze Persönlichkeit des Patienten, für die Entwicklung seiner Sexualität, 
seiner Neurose und seines Charakters, daß mit der analytischen Behebung des 
Tics im wesentlichen auch die Analyse beendigt war. Ich werde es also 
nicht vermeiden können, stellenweise auch diese Beziehungen zu berühren. 

Der dreizehnjährige Felix zeigte, als er zu mir in Analyse gegeben wurde, 
durchaus ein Bild dessen, was Alexander den „neurotischen Charakter 
genannt hat. Ohne eigentliche neurotische Symptome war er in seinen intel- 
lektuellen Interessen und in seiner sozialen Einstellung sehr gehemmt. Der 
geistig entschieden gut begabte Knabe besaß außer dem Sport keinerlei 
Interesse. Sein Verhältnis zu Eltern, Brüdern und Kameraden war ein völlig 
ablehnendes. Auffallend war auch seine Affektlosigkeit. Ganz nebenbei nur 
erzählte mir die Mutter, er habe seit einigen Monaten auch einen Tic, der 
aber nur gelegentlich auftrete, und dem sie (und längere Zeit auch ich) keine 
besondere Bedeutung beimaß. 

Da die Analyse wiederholt unterbrochen wurde und nur wöchentlich drei- 
malige Behandlung stattfand, erstreckte sie sich mit ungefähr 570 Stunden 
über einen sehr langen Zeitraum, und zwar 3V4 Jahre. Als der Knabe zu 
mir kam, war er noch in der Vorpubertät ; so gestattete mir die lange Behand- 
lungsdauer den Einblick in die Verstärkung aller Schwierigkeiten durch die 
einsetzende Pubertät. 

Ich berichte nun das Wesentlichste aus seiner Entwicklung. Mit drei Jahren 
wurde beim Knaben ein ärztlicher, wenn auch unblutiger Eingriff am Penis 
ausgeführt, dessen Zusammenhang mit der Onanie man ihm ganz besonders 
betont hat. Der Vater hatte es auch nicht an Ermahnungen und Drohungen 
fehlen lassen, die in dem Knaben den Vorsatz, die Onanie zu meiden, hervor- 
riefen. Es ist ihm aber auch in der Latenzzeit nur zeitweise gelungen, diesen 
Vorsatz durchzuführen. Im Alter von elf Jahren ergab sich die Notwendigkeit 



Zur Genese des Tics 



333 



einer Nasenuntersuchung, die das Trauma des Eingriffes im dritten Jahre 
wieder aktiviert und dazu geführt hat, daß Felix den Abgewohnungskampf g^g^n 
die Onanie neuerlich und jetzt mit vollem Erfolge aufnahm. Die Rückkehr 
des Vaters aus dem Kriege und erneuerte Drohungen trugen wesentlich dazu 
bei. Die Kastrationsangst und der von ihr getragene fortwährende Kampf 
gegen die Onanie beherrschte die Entwicklung des Knaben. Für seine Ent- 
wicklung war es von großer Bedeutung, daß er bis zu seinem sechsten Lebens- 
jahr das Schlafzimmer der Eltern geteilt und von seinen Beobachtungen des 
elterlichen Verkehrs den nachhaltigsten Eindruck davongetragen hatte. 

Das Trauma des ärztlichen Eingriffes im Alter von drei Jahren, in der 
Blütezeit der infantilen Sexualität, verstärkte den Kastrationskomplex und 
führte die Abwendung von der heterosexuellen zur homosexuellen Einstellung 
herbei. Aber auch die invertierte Ödipusein Stellung mußte an der Kastrations- 
angst scheitern! Seine Sexualentwicklung wurde auf die sadistisch-anale Stufe 
zurückgeworfen und zeigte die Tendenz zur weiteren Regression zum Narzißmus. 
Damit war die Grundlage zu einer Ablehnung der Außenwelt hergestellt, 
die später in seinem asozialen Verhalten immer deutlicher zum Ausdruck 
kam. 

Als kleines Kind sang er und hörte damit im Alter von ungefähr, drei 
Jahren auf. Erst während der Analyse zeigten sich wieder musikalische Begabung 
und musikalisches Interesse. Eine starke Überbeweglichkeit begann schon in 
diesem frühen Alter und nahm weiter zu. Es war ihm in der Schule gar nicht 
möglich, die Beine still zu halten. Er rutschte ununterbrochen auf seinem Platz 
herum, schnitt auch Gesichter, rieb die Augen usw. 

Im Alter von sieben Jahren verstärkte die Geburt eines Brüderchens seine 
Schwierigkeiten nach mehreren Richtungen. Sein Bedürfnis nach Zärtlichkeit, 
die Ablehnung der Eltern und der Umgebung wurden immer größer. 

Er war in den ersten Schuljahren ein guter Schüler. Vor Sport, Turnen usw. 
empfand er Angst und eine ausgesprochene Abneigung. ,Als er elf Jahre alt 
wurde, bedrohte ihn der heimgekehrte Vater wegen seiner Feigheit in sport- 
lichen Dingen. Es gelang dem Kinde, seine Angst so sehr zu überwinden, daß 
sie ins Gegenteil umschlug. 1 

Er wurde ein passionierter Fußballspieler, entschloß sich auch zum Turnen 
und Schwimmen, wobei allerdings auch immer wieder Rückfälle zu verzeichnen 
waren. Dagegen wurde er, auch im Zusammenhang damit, daß der Vater 
sich um seine Schulaufgaben kümmerte — ein gleichgültiger Schüler. Die 
zunehmende Abneigung gegen das Lernen machte ihm nach und nach die 
Schule zum Martyrium. Ein sehr energisches Wiedereinsetzen des Abgewohnungs- 
kampf es gegen die Onanie fällt in dieses Alter. Die Analyse seiner Leiden- 
schaft für den Sport, die (nebst seiner Antipathie gegen die Schule) besonders 
im ersten Teil der Behandlung im Vordergrunde stand, zeigte deutlich, daß 
ihm die sportliche Betätigung ein Ersatz für die Onanie war. Die einzige 
Onaniephantasie, die ihm zu Beginn der Analyse noch in Resten bewußt war, 
hatte folgenden Inhalt: Er spielt mit kleinen Mädchen, liebkost ihre Brüste 



1) Über das Abwechseln der Neigung für Sport und für Lernen, dem ich auch 
in anderen Fällen, wenn auch nicht, so deutlich, begegnete, s. meine Arbeit „Zur 
Frühanalyse", Imago, IX, Band, 1923. 



334 



Melanie Klein 



und spielt mit ihnen Fußball. In diesem Spiel wird er immer wieder durch 
ein Häuschen gestört, das sich hinter den Mädchen zeigt. Dieses Häuschen 
erwies sich in der Analyse als eine Toilette, die für ihn die Mutter darstellt, 
seine anale Fixierung zu ihr ausdrückt und zugleich sie dadurch entwertet. 
Das Fußballspiel bildete für ihn nachweisbar eine Art Realisierung seiner 
Koitusphantasien. Das Fußballspiel trat an die Stelle der Onanie als eine 
erlaubte, vom Vater geförderte, ja sogar gebotene Art der sexuellen Entspannung. 
Der Sport bot ihm zugleich die Möglichkeit, seine mit dem Entwöhnungs- 
kampf innig zusammenhängende Überbeweglichkeit unterzubringen. Aber diese 
Sublimierung war eine nur wenig geglückte. 1 Daß der Sport für ihn Koitus- 
bedeutung besaß, hatte in früheren Jahren, von der Kastrationsangst aus- 
gehend, zur Hemmung seiner Sportneigung geführt. Es war ihm dann zufolge 
des Eingreifens des Vaters gelungen, einen Teil dieser Angst auf das Lernen 
zu verschieben, das auch Koitusbedeutung hatte und nun an Stelle des Sportes 
zur verbotenen Betätigung wurde. Wie sehr das im einzelnen determiniert 
war und auch sonst im allgemeinen der Fall ist, habe ich in meiner Arbeit 
„Die Rolle der Schule in der libidinÖsen Entwicklung des Kindes " (Diese Zeit- 
schrift, Bd. IX, 1923) naher ausgeführt. Hier will ich nur erwähnen, daß 
die Faktoren, die mir eine geglückte Unterbringung der Angst in der Sport- 
betätigung, im Lernen und sonstigen Sublimierungen zu ermöglichen scheinen, 2 
in diesem Falle nicht genügend gegeben waren. Die Angst kam doch immer 
wieder zum Durchbruch. Je deutlicher durch die Analyse wurde, daß der 
Sport eine nicht gelungene Überkompensierung der Angst, ein nicht gelungener 
Ersatz für die Onanie war usw., um so geringer wurde nach und 
nach sein Interesse dafür. Gleichzeitig setzte — ebenfalls nach und nach 
— das Interesse für verschiedene Lerngegenstände ein. Zugleich kam es 
auch zur Verminderung seiner Berührungsangst und nach vielen miß- 
glückten Versuchen allmählich zu der so lange gemiedenen Onanie. Um diese 
Zeit war ein gehäuftes Auftreten seines Tics zu beobachten. Er hatte sich 
zuerst einige Monate vor der Analyse, und zwar bei folgendem Anlaß gezeigt: 
Der Knabe hatte seinen Vater in einer Situation belauscht, die einer Wieder- 
holung der Urszene gleichkam. Unmittelbar anschließend zeigte sich ein starkes 
Zucken des Gesichtes und Zurückwerfen des Kopfes, aus dem sich dann der 
Tic entwickelte. Er bestand aus drei Teilen. Zuerst empfand Felix ein Gefühl 
des Einreiß ens im Nacken, und zwar in der Einsenkung unterhalb des 
Hinterhauptes. Diesem Gefühl zufolge mußte er den Kopf zuerst nach rückwärts 
legen und dann folgte eine rotierende Bewegung von rechts nach links hin- 
über. — Diese zweite Bewegung ging mit dem Gefühl des Krachens 
einher. Den Abschluß bildete eine dritte Bewegung, mit der das Kinn, so tief 
es ging, nach vorne abwärts gedrückt wurde, wobei Felix ein Gefühl des 
Bohrens empfand. — Eine Zeitlang führte er diese drei Bewegungen auch 
dreimal nacheinander aus. Eine Bedeutung der „Drei" war, daß Felix im Tic 
(ich komme später ausführlich darauf zurück) drei Rollen — die passive der 



1) Meine Arbeit „Zur Frühanalyse" (Imago, IX, 1925) hat einen Beitrag zur 
Theorie t_der_ Sublimierung gebracht und auch speziell diesen Fall und die Ursachen 
des Auf geh ens einer solchen nichtgeglückten Sublimierung besprochen. (S. 238/59.) 

2) Siehe „Zur Frühanalyse". 



Zur Genese des Tics 335 



Mutter, die passive des eigenen Ichs und die aktive des Vaters — spielte. 
Die passiven Rollen waren vorwiegend durch die ersten zwei Bewegungen 
dargestellt; im Krachen war allerdings auch die sadistisch-aktive Rolle des 
Vaters angedeutet, die dann in der dritten Bewegung — dem Bohren — zum 
Ausdruck kam. 

Um den Tic in die Analyse einzubeziehen, mußte ich den Patienten zum 
freien Assoziieren über die Empfindungen beim Tic und über die Gelegen- 
heiten, wann er auftrat, veranlassen. Nach einiger Zeit hatte er sich zu einem 
immer häufigeren Symptom entwickelt, das anfangs regellos auftrat. Erst 
als ich tiefer in die Analyse der verdrängten Homosexualität eindringen 
konnte, wozu mir zuerst die Sportberichte und Phantasien des Patienten 
das Material boten, begann er seine Bedeutung zu offenbaren. Die Homo- 
sexualität äußerte sich später darin, daß ein bis dahin nicht bestandenes 
Interesse für Konzerte, und zwar speziell für den Dirigenten und einzelne 
Musiker auftrat. Eine Liebe zur Musik trat in Erscheinung, die sich 
steigerte und zu einem haltbaren und wirklichen Verständnis für Musik 
geführt hat. 

Im Alter zwischen zwei und drei Jahren hatte der Knabe seine Identifizierung 
mit dem Vater schon im Singen gezeigt. Nach dem Trauma war mit der 
übrigen früher besprochenen ungünstigen Entwicklung auch dieses Interesse 
der Verdrängung verfallen. Beim Wiederauftauchen in der Analyse kamen 
zuerst frühinfantile Deckerinnerungen. Es fiel ihm ein, daß er als kleiner 
Knabe des Morgens nach dem Aufstehen sein Gesicht in der Politur des 
Flügels betrachtete, es verzerrt sah und Angst empfand. Eine andere Deck- 
erinnerung war, daß er in der Nacht den Vater schnarchen hörte und sah, 
daß ihm dabei Hörner aus der Stirne herauswuchsen. Die Assoziationen, 
die über den dunklen Flügel, den er bei einem Freunde gesehen hatte, zum 
Ehebett der Eltern führten, ergaben, daß die Geräusche, die er aus dem 
Ehebett erlauscht hatte, sein sehr starkes musikalisches Interesse zunächst 
mächtig gefördert, dann aber auch gehemmt hatten. 1 In der Analyse klagte 
er nach einem Konzertbesuch, daß ihm der Flügel ganz den Künstler verdeckt 
habe. Im Zusammenhange damit produzierte er die Erinnerung, daß sein Lager so 
am Fußende des elterliches Ehebettes gestanden hatte, daß die Rückwand der 
Betten ihm die Aussicht nahm, was aber Belauschungen und Beobachtungen 
nicht verhindert hatte. Das Interesse für den Dirigenten erwies sich immer 
mehr als durch die Gleichsetzung des Dirigenten mit dem koitierenden Vater 
determiniert. Sein Wunsch, in der Rolle des Zuschauers sich doch aktiv zu 
beteiligen, geht aus folgenden Äußerungen hervor : Er möchte so gerne wissen, 
wie der Dirigent es den Musikern beibringt, daß sie immer haargenau nach 
seinen Bewegungen mit ihren Stimmen einsetzen. Dies scheint ihm deshalb 
so schwierig, weil der Dirigent einen größeren Stock hat, die Musiker hingegen nur 
ihre Finger benützen. 2 Phantasien, daß er als Musiker mit dem Dirigenten im gleichen 
Takte spielen möchte, bilden einen wesentlichen Bestandteil seiner verdrängten 

1) Die Bedeutung der Urszene für die Erweckung der Schaulust und des 
akustischen Interesses gedenke ich an anderer Stelle ausführlich zu behandeln. 

2) Dieses gleichen Takt halten wollen kam auch sonst zum Ausdruck, z. B. im 
Aifekt darüber, daß ihn ein größerer Junge im Gehen überholte. 



336 



Melanie Klein 



Onaniephantasien. Die bereits begonnene Sublimierung seiner Onaniephantasien 
zum Interesse für die rhythmischen und motorischen Elemente der Musik konnte 
zufolge der zu früh und zu stark dagegen einsetzenden Verdrängung — das 
Trauma des ärztlichen Eingriffs im Alter von drei Jahren war dafür bedeutungs- 
voll — nicht gelingen. So entlud sich das motorische Bedürfnis dann in der 
Überbeweglichkeit und kam in der -weiteren Entwicklung auch sonst zum 
Ausdruck, wovon ich noch sprechen werde. 

Bei dem Knaben war die Phantasie, die Mutter beim Vater zu ersetzen, 
also die passiv-homosexuelle, von der aktiv-homosexuellen Phantasie, die Rolle 
des Vaters im Verkehr mit einem Knaben zu spielen, überdeckt. Diese Phan- 
tasie war der Ausdruck seiner homosexuellen Objektwahl auf der. narzißtischen 
Stufe, er wählte sich selbst zum Liebesobjekt. Die zufolge des Traumas ent- 
standene Kastrationsangst war für die narzißtische Entwicklung seiner Homo- 
sexualität bestimmend geworden. Auch die Abwendung, zuerst von der Mutter, 
dann vom Vater als Liebesobjekten, war die Folge der narzißtischen Regression 
und wurde zur Grundlage seines asozialen Verhaltens. Hinter diesem homo- 
sexuellen Inhalt der Onaniephantasien konnten wir aber in zahlreichen Details, 
wie im Interesse für den Flügel, die Noten, die ursprüngliche Identifizierung 
des Knaben mit dem Vater, also die heterosexuelle Phantasie des Koitus mit 
der Mutter, kennen lernen. Dieser Identifizierung hatte der Knabe in seinem 
dritten Lebensjahr durch das Singen Ausdruck gegeben, das dann völlig aufhörte. 

Auch die anale Komponente seiner Onaniephantasien wurde deutlich. Ich 
führe als Beispiel dafür an : Das Interesse, ob das Orchester unterhalb der 
Bühne sei und deshalb die Tone so gedämpft klängen, war determiniert durch 
die anale Auffassung der aus dem Ehebett kommenden Geräusche. Daß ein 
jüngerer Komponist nach seiner Meinung zu viel Blasinstrumente verwendet, 
führte zu seinem frühinfantilen Interesse an Flatusgeräuschen. Er selbst, dessen 
Aufmerksamkeit für Töne schon auf analer Grundlage entwickelt war, war 
der junge Komponist, der sich im Vergleich zu den genitalen Fähigkeiten des 
Vaters nur der analen fähig fühlte. Hier ist zu bemerken, daß diese Steigerung 
des akustischen Interesses z. T. ein Resultat der Verdrängung des optischen 
Interesses war. In einem sehr frühen Entwicklungsstadium hatte schon die 
Verdrängung der mit dem Erleben der Urszene in Zusammenhang stehenden 
gesteigerten Schaulust eingesetzt. In der Analyse wurde dies wieder deutlich. 
Er phantasierte nach einer Opernvorstellung von den schwarzen Punkten und 
Strichlein auf dem vor dem Dirigenten liegenden Notenblatt, die er von 
seinem nahe der Bühne gelegenen Platze aus zu erkennen bemüht gewesen war. 
(Auch hier führt wieder ein Weg zu seinen heterosexuellen Wünschen, denn 
die Identifizierung der vor dem Dirigenten liegenden Noten mit dem mütter- 
lichen Genitale war nachzuweisen.) Dies wird auch in den späteren Ausführungen 
bei Besprechung des passageren Symptoms des Augenblinzelns und Augenreibens 
deutlich werden. Der Knabe besaß auch, als er in die Analyse kam, eine 
ungewöhnliche Neigung, die nächstliegenden Dinge zu übersehen. Eine Abneigung 
gegen das Kino, 1 das er nur für wissenschaftliche Zwecke gelten ließ, hing 
mit der Verdrängung seiner Schaulust anläßlich der Urszene zusammen. 



i) Auch in einem anderen Falle von Tic — es handelte sich um einen fünfzehn- 
jährigen Knaben, bei dem der Tic auch nur ein nebensächliches Symptom schien - 



Zur Genese des Tics 



337 



In der Bewunderung für den Dirigenten, der unbekümmert um Zuschauer 
und Applaus „zugleich dirigieren und auch die Notenblätter herumreißen" 
konnte, finden wir ein Beispiel für seine sadistische Auffassung des Koitus. 
Das ihm so interessante Geräusch des Herumreißens, das ihn an Umsturz und 
Gewalt erinnert, meint er bis zu seinem Platz zu hören, bezweifelt aber selbst, 
daß dies möglich gewesen sei. Das Gefühl, es gehört zu haben, bezog sich 
auf die ursprüngliche frühinfantile Situation. Dieses Reißen, das für ihn 
zugleich ein Einreißen war, erweist sich als ein bedeutungsvoller sadistischer 
Anteil seiner Onaniephantasien, der uns später bei der Analyse des Tics noch 
beschäftigen wird. 

Sein zu gleicher Zeit zunehmendes Interesse für Dichter, Schriftsteller und 
Komponisten ging auf die tiefverdrängte frühinfantile Bewunderung für den 
Vater zurück. Im Zusammenhang damit trat zum erstenmal ein direktes 
homosexuelles Interesse auf, und zwar nach der Lektüre eines Buches, in dem 
die Liebe eines Mannes zu einem Knaben geschildert war. Er wurde von 
einer schwärmerischen Liebe für einen Kameraden ergriffen. Dieser Knabe, der 
übrigens von einer ganzen Anzahl anderer Knaben verehrt wurde, war der 
Liebling eines Lehrers. Die ganze Klasse nahm — und anscheinend mit 
gutem Grunde - — zwischen diesem Lehrer und dem Schüler eine Liebes- 

o 

beziehung an. Für Felix war gerade die Beziehung zum Lehrer für diese 
Objektwahl bestimmend. Wir hatten zahlreiche Belege dafür, daß dieser 
Knabe, den wir A. nennen wollen, für ihn einerseits eine Idealisierung seiner 
eigenen Person darstellte, andererseits aber ihm als ein Mittelding zwischen 
Mann und Weib, als die Mutter mit dem Penis erschien. Die Situation von 

A. zeigte ihm also die Realisierung seiner eigenen nie erfüllten Sehnsucht, 
als Sohn vom Vater geliebt zu werden und in der Beziehung zu ihm an die 
Stelle der Mutter zu rücken; seine Schwärmerei für A. gründete sich somit 
auf eine durchgreifende Identifizierung und entsprach einer narzißtischen 
Objektbeziehung. Die Liebe zu A. war eine unglückliche. Sie blieb unerwidert, 
allerdings wagte Felix sich kaum an sein Liebesobjekt heran. Er fand sich 
in seiner unglücklichen Liebe mit einem anderen Kameraden, namens B., 
zusammen und wählte dann diesen als Liebesobjekt. Das Material ergab, daß 

B. in der Gesichtsfarbe und in verschiedenen anderen Zügen an den Vater 
erinnerte und diesen ersetzen sollte. Es kam zu einem Akt gemeinsamer 
Onanie zwischen den zwei Knaben, und ich war zufolge der ganzen Situation 
genötigt, den weiteren Verkehr mit Rücksicht auf den Fortgang der Analyse 
zu verbieten. Hand in Hand aber mit diesen Entwicklungen — dem Hervor- 
treten des musikalischen und homosexuellen Interesses, dem Gelingen des 
Onanierens usw. — war der Tic bedeutend seltener geworden und wir konnten, 
wenn er gelegentlich auftrat, seine unbewußten Voraussetzungen erfassen. Als 
mir Felix erzählen konnte, er habe das Gefühl, mit seiner Liebe sowohl 
zu A. als zu B. vollkommen fertig geworden zu sein, da trat der Tic mit 

hing die Antipathie gegen das Kino mit der Verdrängung der Schaulust anläßlich der 
Koitusbeobachtung zusammen. Es bestand auch eine starke Augenphobie. Diesen 
Fall konnte ich nicht weit genug analysieren, da er mir zufolge einer bald einge- 
tretenen Besserung entzogen wurde. Der Tic — es war auch ein Kopftic — kam 
nicht in die Analyse. Immerhin erhielt ich Ergebnisse, die mit meinem in dieser 
Arbeit besprochenen Material übereinstimmen, 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XI/3. 22 



338 



Melanie Klein 



verstärkter Vehemenz auf. Er zeigte uns dadurch deutlich, wofür er als Ersatz 
eingetreten war: Nämlich für die der Verdrängung anheimgefallenen homo- 
sexuellen Antriebe, bzw. für deren Abfuhr in den Phantasien und dem 
onanistischen Akt. 

In der Periode der frühinfantilen Konflikte mußte Felix seine der Mutter 
und dem Vater geltenden Objektbestrebungen aus Kastrationsangst der Ver- 
drängung preisgeben; jetzt hatte er diesen Vorgang in der — zum Teil von 
mir erzwungenen — Abwendung von A. und B. wiederholt. Da stellte sich 
als Ersatz der Tic ein, ebenso wie seinerzeit die Überbeweglichkeit an Stelle 
der Onanie und der Onaniephantasien getreten war. Nun wurde erst die voll- 
kommene Analyse seiner homosexuellen Antriebe möglich. Die direkten 
Bestrebungen traten bedeutend zurück, Sublimierungen setzten ein, insbeson- 
dere Freundschaften mit anderen Knaben nahmen von dieser Zeit ihren 
Ausgang, 

Die weitere Analyse des Tics führte uns über die ihn auslösenden Momente 
immer wieder zu seinen frühinfantilen Grundlagen. 

Felix machte seine Schulaufgaben gemeinsam mit einem Freund und hatte 
die Absicht, die Lösung der Mathematikaufgabe dem anderen vorzulesen. 
Dieser aber kam ihm darin zuvor. Da setzte der Tic ein. Assoziationen 
ergaben, daß sein Unterliegen im Rivalitätskampfe mit dem Freunde um die 
Lösung der Aufgabe ihm die Überlegenheit des Vaters, sein Kastriertsein, 
vorführte, so daß er sich wieder in die weibliche Rolle dem Vater gegenüber 
zurückgedrängt fühlte. 

Ein anderes Mal setzte der Tic ein, als er dem englischen Lehrer gestehen 
mußte, daß er nicht gut nachkomme und versuchen wolle, durch einige 
Nachhilfestunden das Fehlende nachzuholen. Auch dies bedeutete ihm das 
Bekenntnis des Unterliegens in der ^Beziehung zum Vater. 

Besonders charakteristisch war folgender Anlaß. Felix hatte versucht, zu 
einem ausverkauften Konzert doch noch Einlaß zu finden und stand mit 
vielen anderen im Vorraum des Konzerthauses. Beim Drängen wurde eine 
Scheibe von einem Manne eingedrückt, ein Polizist mußte einschreiten. Im 
selben Augenblick setzte bei Felix der Tic ein. Die Analyse ergab, daß diese 
Situation für ihn eine Wiederholung der frühinfantilen Belauschungsszene war, 
die mit der Entstehung seines Tics im innigsten Zusammenhang stand: Mit 
dem die Scheibe eindrückenden Manne identifizierte er sich selbst, denn 
gleich diesem wollte ja auch er seinerzeit dem „Konzert , d. h. dem Verkehr 
der Eltern, beiwohnen. Der Polizist stellte dabei den ihn bei dieser Handlung 
ertappenden Vater dar. 

Der weitere Abbau des Tics war zugleich mit seiner quantitativen 
Abschwächung in der Weise erfolgt, daß aus den drei Bewegungen zwei und 
dann nur eine wurde. Zuerst hörte das die erste Bewegung auslösende Gefühl 
des Einreiß ens auf — dann das die zweite einleitende Gefühl des Krachens. 
Es blieb dann nur mehr das Gefühl des Bohrens, das auch ein Drücken im 
analen Sinne, zugleich aber ein Einbohren des Penis bedeutete. Phantasien von 
Zerstörung sowohl des väterlichen wie des mütterlichen Penis durch dieses 
sein Einbohren waren mit diesem Gefühl verbunden. In diesem Stadium 
wurden dann die Ticbewegungen in eine zusammengezogen, in der die ersten 
zwei allerdings noch angedeutet waren. 



Zur Genese des Tics 339 

Dem Wegfallen des Einreißens und Krachens, die passiv-homosexuell 
determiniert waren, ging auch die Veränderung der Onaniephantasien — eben- 
falls vom passiven zum aktiv-homosexuellen Inhalt — parallel. 

Der Rhythmus des Koitus war übrigens sowohl im Einreißen wie im 
Krachen und im Bohren enthalten. Wenn Felix trotz des Drängens dieser 
Gefühle die Ticbewegung unterließ, fühlte er selbst ein starkes Gefühl der 
Spannung, ein Ansteigen und dann Abnehmen dieser Gefühle, und zwar eine 
Zeitlang vorwiegend des Einreißens, dann des Krachens, — später nur des 
Bohrens. 

Nach einiger Zeit blieb der Tic ganz weg, wurde aber durch ein Ziehen 
beider Schultern nach rückwärts ersetzt. Der Sinn dieser Bewegung ließ sich 
aus folgendem erkennen. Bei einem Gespräch mit dem Schuldirektor empfand 
Felix plötzlich das unwiderstehliche Bedürfnis, sich im Rücken zu kratzen, 
dem dann ein Jucken im After und ein Zusammenziehen des Sphinkter 
folgte. In der Analyse ergab sich, daß auch der verdrängte Wunsch bestanden 
hatte, dem Direktor koprolale Schimpfworte zuzurufen und ihn mit Stuhl zu 
beschmutzen. Auch hier handelte es sich um die Wiederholung der früh- 
infantilen Situation der Koitusbeobachtung, bei der der gleiche Wunsch gegen 
den Vater aufgetreten war und sich im Beschmutzen und Schreien geäußert 
hatte. 

In einem weiteren Stadium der Rückentwicklung des Tics trat als Ersatz 
für den Tic Augenreiben und Augenzwinkern auf. Auch die Motive dieser 
Umbildung lassen sich erkennen. In der Schule war eine mittelalterliche 
Inschrift auf die Tafel geschrieben worden; Felix hatte das real nicht 
begründete Gefühl, sie nicht gut zu erkennen — da trat das Augenzwinkern 
und -reiben vehement auf. Die Assoziationen ergaben, daß die Tafel und das 
darauf Geschriebene, wie es sich auch sonst in seiner Analyse wiederholt 
ergeben hatte, 1 ihm das mütterliche Genitale bedeuteten, als das Unerkennbare, 
das Unverständliche aus der Situation der Koitusbeobachtung. Ich weise hier 
auf die Analogie zwischen der Inschrift auf der Tafel und den Noten des 
Dirigenten hin, deren schwarze Strichelchen er von seinem Platz im Theater 
aus zu erkennen suchte. Aus beiden Beispielen geht hervor, wie die verdrängte 
Schaulust zum Augenblinzeln führte, daß dabei aber, besonders im Augenreiben, 
bereits auch der zugleich auftretende Onaniewunsch in verschobener Form 
zum Ausdruck kam. Wir konnten auch den Zusammenhang dieser Situationen 
mit den Zuständen von Versunkenheit, die ihn in der Schule häufig befielen, 
analytisch vollständig aufklären. Mit diesem Vor-sich-Hinstarren waren Phan- 
tasien verbunden, wie z. B. folgende : Er sieht und hört ein Gewitter vor sich, 
das erinnert ihn an ein Gewitter in seiner frühen Kindheit; nach dem 
Gewitter beugte er sich aus dem Fenster, um zu sehen, ob der Hauswirt und 
dessen Frau, die vorher im Garten gewesen waren, beschädigt seien. Diese 
Erinnerung erwies sich aber als eine Deckerinnerung, die wieder zur Urszene 
führte. 

Wir waren in der Analyse des Tics und seiner Ersatzbildungen so weit 
vorgeschritten, daß auch das Augenblinzeln und Augenreiben aufgehört hatte 

1) Zu dieser typischen Bedeutung der Tafel, ferner des Pultes, des Federhalters, 
des Schreibens usw. s. „Zur Rolle der Schule usw." S. 525. 



340 



Melanie Klein 



und nur mehr der Gedanke an den Tic bei speziellen Gelegenheiten einsetzte. 
Als auch diese ihren Zusammenhang mit den verdrängten Onaniewünschen 
und der Urszene erwiesen hatten, blieb auch der Gedanke an den Tic weg, 
womit erst die völlige und dauernde Behebung des Tics erreicht war. Zugleich 
hatte sich auch sonst eine bedeutsame Veränderung in der Analyse ergeben: 
Die erste heterosexuelle Regung trat auf, und zwar als Bewunderung für eine 
Schauspielerin. Diese Objektwahl stand im Zeichen der bei Felix sich immer 
wieder bestätigenden Identifizierung 1 von Theater, Konzert usw. mit dem 
Koitus, bzw. den Darstellern mit den Eltern. Er selbst figuriert dann, wie ich 
hier bereits ausgeführt habe, als Zuschauer und Zuhörer und zugleich in 
Identifizierung mit den Eltern als Darsteller der verschiedenen Bollen. 

Als Felix einmal im Behandlungszimmer einige Augenblicke auf mich 
warten mußte, erzählte er mir nachher, er sei zum Fenster gegangen, habe 
aus diesem in die gegenüberliegenden Wohnungen geblickt und dabei eine 
besondere Sensation gehabt. Er habe an den verschiedenen Fenstern Schatten 
und Gestalten gesehen und phantasierte, was diese wohl täten. Es sei ihm 
ähnlich wie im Theater erschienen, wo man die verschiedenen Rollen 
zugleich spielen sehe und dabei auch die Empfindung habe, sie selbst mit- 
zuerleben. 

Die erste heterosexuelle Objektwahl von Felix war durch seine homo- 
sexuelle Einstellung beeinflußt. Diese Schauspielerin hatte für ihn männliche 
Züge; sie war eine Mutter mit dem Penis. Ähnlich verhielt es sich noch 
mit der zweiten heterosexuellen Objektwahl. Er verliebte sich in ein Mädchen, 
das, älter als er, ihm gegenüber die Initiative ergriffen hatte. Sie verkörperte 
ihm die frühinfantile Vorstellung von der Mutter als Dirne, zugleich auch 
die von der ihm überlegenen Mutter mit dem Penis. Die Übertragung 
erwies sich stark genug, um bei Felix eine vorläufige Unterbrechung dieser 
Beziehung zu erreichen. 2 Dazu trug auch seine zu dieser Zeit schon erreichte 
Erkenntnis bei, daß Angstgefühle mit diesen Beziehungen verknüpft seien. 
Diese Objektwahl diente der Flucht vor den auf mich gerichteten Phantasien 
und Wünschen, die wir nun erst voll in die Analyse hineinbringen konnten. 
Die Verstärkung der homosexuellen Einstellung, die Phantasien von der 
gefürchteten kastrierenden Mutter erwiesen sich nun auch hier wesentlich mit- 
bestimmt durch die Abwendung von der ursprünglich geliebten, aber verbotenen 
Mutter. 

Die Wendung von der homosexuellen zur heterosexuellen Einstellung und 
die Veränderung innerhalb derselben fanden ihren Ausdruck auch in der 
Entwicklung und Veränderung seiner Onaniephantasien, Wir waren in der 
Analyse rückläufig bei den frühesten, direkt an die Koitus- 
beobachtungen anschließenden Onaniephantasien angelangt, 
deren Entwicklung ich nun in umgekehrter Reihenfolge — allerdings nur in den 
Hauptlinien — wiedergebe. Als kleiner Knabe, der noch das Schlafzimmer der 



1) Die Gleichsetzung von Theater, Konzert, Kino und jeder Aufführung mit der 
Urszene habe ich als typisch in allen Kinderanalysen gefunden und sie auch m 
meiner Arbeit „Zur Frühanalyse" (S. 254) beschrieben. 

2) Ich mußte auch in diesem Falle — gegen meine sonstige Gepflogenheit — mit 
einem Verbot vorgehen, um überhaupt die Fortsetzung der Analyse zu ermöglichen. 



Zur Genese des Tics 



341 



Eltern geteilt hatte, was bis zum Alter von sechs Jahren der Fall war, hatte er 
einen Baumstamm, vor sich gesehen, der nach der dem Elternbett entgegen- 
gesetzten Richtung führte. Auf diesem rutschte ein Männchen auf ihn zu, das, 
halb Greis, halb Kind, eine Verdichtung vom Vater und ihm selbst war — der 
Ausdruck seiner narzißtischen, homosexuellen Objektwahl. Später waren es 
Männerköpfe, speziell Köpfe griechischer Helden, die er auf sich zufliegen sah, 
und die er auch als Geschosse, Gewichte empfand. Da lag auch schon das Material 
für die späteren Fußballphantasien und damit auch die Möglichkeit vor, seine 
Angst vor dem kastrierenden Vater im Fußballspiel durch Geschicklichkeit zu 
überkompensieren. Mit dem Einsetzen der psychischen Pubertät erfolgte ein 
neuerlicher Versuch zur heterosexuellen Objektwahl, in den Onaniephantasien 
mit den Mädchen, mit denen er Fußball spielte. Auch da veränderte er die 
Köpfe, — analog der Darstellung durch Heldenköpfe — um die wirklichen 
Liebesobjekte unkenntlich zu machen. Im Verlauf der Analyse und mit dem 
schrittweisen Einsetzen der Onanie, deren völliges Gelingen dem Abbau des 
Tics im umgekehrten Verhältnis entspricht, kam es in seinen Onaniephantasien 
stufenweise zu folgender Entwicklung: Er phantasierte von einer Frau, die 
auf ihm lag, dann von einer die auf ihm, gelegentlich auch unter ihm lag, 
und zuletzt nur mehr von dieser Lage. Diesen verschiedenen Situationen ent- 
sprechen auch verschiedene Details des damit verbundenen phantasierten Koitus. 

Die analytische Erforschung der Onaniephantasien hat sich in diesem Falle 
für die Auflösung des Tics als entscheidend erwiesen. Der Verzicht auf die 
Onanie hat zu motorischen Entladungen auf anderen Wegen geführt. Diese 
waren, wie wir gesehen haben, Gesichterschneiden, Augenblinzeln und Augen- 
reiben, die Überbeweglichkeit in den verschiedensten Formen, der Sport und 
schließlich der Tic. 

Wenn wir aber schließlich das Schicksal der einzelnen verdrängten Onanie - 
phantasien betrachten, so sehen wir, daß sie z. T. an diese motorischen Ent- 
ladungen geknüpft waren, z. T, aber in all seinen Sublimierungsver suchen 
wiederzufinden sind. Dem Sport lagen die gleichen Onaniephantasien zugrunde, 
die wir als zum Tic gehörig feststellen konnten: Die im Zusammenhang mit 
der Urszene stattfindende Identifizierung mit beiden koitierenden Eltern, wobei 
er selbst als Zuschauer und Liebesobjekt mitwirkte. Wie sehr das aber auch 
in seinen den Sport begleitenden Phantasien der Fall war, habe ich — da ja 
ein großer Teil seiner Analyse durch sein Sportinteresse und die diesbezüg- 
lichen Berichte ausgefüllt war — an reichem Material feststellen können. 
Der ihm gegenüberstehende Fußballspieler usw. war immer sein Vater, der 
ihn zu kastrieren droht, und dessen er sich zu erwehren hat. Aber das Tor, 
in das der Ball geworfen wird und der Spielplatz stellten dabei die Mutter 
dar, und auch sonst konnten wir die Gestalt der Mutter hinter der homo- 
sexuellen Einstellung in derselben Weise durch die Analyse deutlich machen, 
wie es dann später in den Phantasien zum Tic der Fall war. Der Sport und 
die Überbeweglichkeit hatten auch der Flucht vor dem Tic, resp. der Onanie 
dienen sollen. Sie waren eben zufolge der immer wieder dagegen einsetzenden 
Kastrationsangst die Ursache, daß diese Sublimierung nur sehr unvollkommen 
glückte und sein Verhältnis zum Sport ein schwankendes blieb. Wir finden diese 
Onaniephantasien aber auch als Ursache seines ambivalenten Verhältnisses zum 
Lernen, da sie mit diesem auch auf das innigste verknüpft waren. Dem sich an das 



342 



Melanie Klein 



Katheder lehnenden vortragenden Lehrer wünschte Felix, er möge das Katheder 
umwerfen, es einschlagen und sich dabei beschädigen; er war für ihn die 
Neuauflage des die Mutter koitierenden Vaters, er selbst der Zuschauer bei 
diesem Akt. Sein Verhältnis zum Lehrer ist von vornherein eine Wieder- 
holung des Verhältnisses zum Vater und wird ebenso wie dieses von seiner 
verdrängten Homosexualität bestimmt. Jede Antwort, die er in der Schule 
gibt, jede Schulaufgabe bedeuten ihm den homosexuellen Akt mit dem Vater. 
Aber auch hier sehen wir analog dem Verhältnis zum Partner oder Gegner 
beim Sport hinter der homosexuellen Einstellung, wenn auch stark durch 
diese verdeckt, das ursprüngliche Verhältnis zur Mutter. Die Bank, auf der er 
in der Schule sitzt, das Pult, an das sich der Lehrer lehnt, die Tafel, auf 
der dieser schreibt, das Klassenzimmer, das Schulgebäude bedeuten im Ver- 
hältnis zum Lehrer ebenso die von diesem koitierte Mutter, wie beim Sport 
das Tor, in das der Ball fällt, der Spielplatz, der Sportplatz usw. Seine Lern- 
hemmung erfolgt ebenso wie die Sporthemmung von der Kastrationsangst 
aus. So können wir uns auch erklären, daß der Junge, wenn auch unter 
gewissen Hemmungen, einige Jahre hindurch gut lernte, denn in diese Zeit 
fiel die Abwesenheit des Vaters zufolge des Krieges, so daß die mit dem 
Lernen in Verbindung stehende Angst immerhin gemildert war. Mit der 
Rückkehr des Vaters begann aber auch schon die Abneigung gegen die Schule. 
Dagegen brachte Felix dann, und zwar in Überkompensierung der Angst, diese 
Onaniephantasien in der vom Vater geforderten Sportbetätigung eine Zeitlang 
besser zur Geltung. Bei einer anderen, noch viel stärker gehemmten, durch 
die Analyse dann frei werdenden Sublimierung, nämlich seiner Liebe zur 
Musik, finden wir, wie ich bereits ausgeführt habe, den gleichen Aufbau der 
Onaniephantasien wieder. Daß es zu dieser allerdings noch viel ausgeprägteren 
Hemmung kam, findet also wieder seine Ursache in den damit verknüpften 
Onaniephantasien und der gegen diese wirksamen Angst. 

Die innige Verknüpfung des Tics mit der ganzen Persönlichkeit des 
Patienten, und zwar sowohl mit seiner Sexualität wie auch mit seiner Neurose, 
dem Schicksal seiner Sublimierungen, seiner Charakterentwicklung und sozialen 
Einstellung wird in diesem Falle vollkommen deutlich. Diese Verknüpfung 
erfolgte durcji die Onaniephantasien, deren Bedeutung für die Sublimierungen, 
die Persönlichkeit und die Neurose in diesem Falle besonders klar ist. 

Analog wie in diesem Falle war auch in einem zweiten die Entwicklung 
des Tics durch die Bedeutung und den Aufbau der Onaniephantasien 
bestimmt. Er betraf keinen ausgesprochenen Tic, aber motorische Entladungen, 
die in verschiedenen wichtigen Punkten dem Tic außerordentlich verwandt 
•erscheinen. Der neunjährige neurotische Werner, bei dem schon im Alter 
von eineinhalb Jahren eine Überbeweglichkeit auftrat, die sich immer mehr 
verstärkte, nahm im Alter von fünf Jahren die Eigentümlichkeit an, mit 
Händen und Füßen die Bewegungen der Lokomotive nachzuahmen. Aus 
diesem Spiel entwickelte sich das, was er selbst und seine Umgebung „zappeln 
nennt. Diese mit Händen und Füßen ausgeführten Bewegungen nahmen immer 
mehr Raum in seinen Spielen ein ; das ursprüngliche Lokomotivspiel war bald 
nicht mehr der einzige Inhalt. Jetzt im Alter vom neun Jahren „zappelt er 
oft stundenlang. Er sagt, „daß ihm das Zappeln Spaß macht, daß es aber 
nicht immer Spaß macht, daß man damit nicht aufhören kann, wenn man 



Zur Genese des Tics 343 



will, so wenn man z. B. schon seine Aufgaben machen soll". In der Analyse 
wurde es ersichtlich, daß die Unterdrückung der Bewegungen nicht Angst, 
sondern ein Spannungsgefühl erzeugt, — er muß eben dann immer an das 
Zappeln denken — ebenso wie bei dem ersten Falle die Unterdrückung des 
Tics keine Angst, sondern nur Spannung ausgelöst hatte. Weitere sehr 
bedeutsame Analogien betrafen den Inhalt der Phantasien. Gelegentlich erfahre 
ich von dem, was Werner seine „Zappelgedanken" nennt. Er berichtete, daß 
er über „Tarzans Tiere" 1 gezappelt hat. Die Affen gehen durch einen Urwald; 
er geht in seiner Phantasie hinter ihnen her und paßt sich dabei ihrer Gang- 
art an. Der assoziative Zusammenhang zeigt deutlich seine Bewunderung für 
den Vater, der die Mutter koitiert (Affe = Penis), sowie seinen Wunsch, als 
dritter dabei mitzutun. Diese Identifizierung, und zwar wieder mit Mutter 
und Vater, bildet auch die Grundlage seiner anderen vielfachen Zappel- 
gedanken, die sich alle als Onaniephantasien erkennen lassen. Bezeichnender- 
weise muß er beim Zappeln unbedingt einen Bleistift oder ein Lineal zwischen 
den Fingern der rechten Hand drehen, ferner kann er das Zappeln in Gegen- 
wart anderer nicht ausführen. 

Ich führe von seinen, das Zappeln begleitenden Phantasien noch eine 
weitere an: Er sieht ein Schiff vor sich, aus besonders festem Holz gebaut 
und mit ganz starken Leitern ausgerüstet, auf denen man ganz sicher auf 
und ab klettern kann. Auf dem Unterteil liegen Lebensmittelvorräte uncj. ein 
großer, mit Gas gefüllter Ballon. Auf dieses „Rettungsschiff" können sich 
Wasserflugzeuge niederlassen, wenn sie in Not geraten. Diese Phantasie drückt 
seine aus der femininen Einstellung zum Vater sich ergebende Kastrations- 
angst, seinen Protest gegen dieselbe aus. Das in Not geratene Wasserflugzeug 
ist er selbst, der Schiffskörper die Mutter, — Ballon und Lebensmittel Vorräte 
der väterliche Penis. Die Kastrationsangst führte auch bei ihm, wie es bei Felix 
der Fall war, zur narzißtischen Zurückziehung auf die eigene Person als Liebes- 
objekt. Der Kleine, der mittut und dabei noch geschickter sein kann als der 
Große, spielt in seinen Phantasien eine besondere Rolle, wie z. B. die kleinere 
Lokomotive und speziell auch der kleinere Clown. Der Kleine ist aber nicht 
nur der Penis, sondern er selbst im Vergleich zum Vater, und die Bewunde- 
rung, die er sich dabei zuteil werden läßt, zeigt die narzißtische Unter- 
bringung seiner Libido. 

Eine weitere Analogie zwischen den beiden Fällen ist die Bedeutung des 
Akustischen für Werners Phantasien. Ein besonderer Sinn für Musik ist in 
diesem Falle noch nicht hervorgetreten, aber ein starkes Interesse für Geräusche, 
und zwar, wie die Analyse zeigt, im innigsten Zusammenhang mit seinen 
Koitusbeobachtungen und Phantasien. Dieses Kind hat nur im Alter von 
fünf Monaten vorübergehend das Schlafzimmer der Eltern geteilt. Es läßt 
sich — wenigstens im jetzigen Stadium der Analyse — nichts über die 
Beobachtungen in diesem frühen Alter feststellen. Dagegen ergibt die 
Analyse mit Sicherheit die Bedeutung der Belauschungen, die durch die 
offene, ins Elternzimmer führende Türe im Alter von eineinhalb Jahren 
einige Zeit hindurch erfolgt waren. Das ist auch die Zeit, in der seine Über- 

1) Es handelt sich um eines der Tarzan-Bücher, dessen Titelbild er sah und zum 
Inhalte seiner Phantasien machte. 



344 Melanie Klein 



beweglichkeit eingesetzt hat. Die Bedeutung des akustischen Momentes für 
seine Onaniephantasien möchte ich durch folgendes Beispiel illustrieren: Er 
erzählt mir, daß er über ein Grammophon „gezappelt hat, das er gewinnen 
wollte; das Zappeln war, wie immer, die Nachahmung von Bewegungen, und 
zwar des Kurbeins und dann der Bewegung der Nadel auf der Platte. Dann 
geht er zu Phantasien über ein Motorrad über, daß er besitzen möchte und 
dessen Bewegung er ebenfalls durch Zappeln darstellt. Er macht zu seinen 
Phantasien Zeichnungen. Das Motorrad hat einen übergroßen, deutlich als 
Penis gezeichneten Motor, der — ähnlich wie der Ballon auf dem Rettungs- 
schiff — wohlgefüllt ist, und zwar mit Benzin. Auf dem Motor sitzt eine 
Frau, die das Motorrad in Gang setzt. Die Töne, die das Ankurbeln ver- 
ursacht, dringen in Form spitzer Strahlen auf „ein armes kleines Männchen" 
ein, das sich davor sehr fürchtet. Im Anschluß daran phantasiert er von einer 
Jazzband^ deren Geräusche er nachahmt, wobei er wieder sagt, daß er darüber 
zappelt. Er zeigt mir, wie der Trompeter trompetet, der Kapellmeister diri- 
giert, der Mann mit der großen Pauke schlägt. Auf meine Frage, was er 
denn dabei zappelt, sagt er, er mache all diese Musik mit. Dann zeichnet er 
auf dem Papier einen Riesen mit riesigen Augen und Kopf, in dem Antennen 
und Radioapparate untergebracht sind. Ein winziges Männchen will den Riesen 
betrachten und erklettert da den Eiffelturm, der mit einem Wolkenkratzer in 
Verbindung ist. Seine Bewunderung für den Vater wird hier durch die für die 
Mutter ausgedrückt; hinter der passiv-homosexuellen Einstellung läßt sich also 
noch die heterosexuelle erkennen. 

Ähnlich wie bei Felix ist auch bei Werner das starke akustische Inter- 
esse, das er rhythmisch ausdrücken muß, mit einer Verdrängung der Schau- 
lust verbunden. Im Anschlüsse an die eben beschriebene Phantasie von der 
Jazzband, die durch den Riesen dargestellt wird, erzählt er mir von den 
Kinos, die er gesehen hat. Zwar liegt bei ihm keine so deutliche Abneigung gegen 
das Kino vor, aber ich bemerkte Anzeichen der verdrängten Schaulust, als 
ich ihn einmal mit anderen Kindern bei einer Kinder-Theatervorstellung 
zufällig beobachten konnte; er wendete seinen Blick oft längere Zeit von der 
Bühne ab, erklärte alles für langweilig und unwahr. Zwischendurch war er 
wie gebannt an den Anblick der Bühne gefesselt, um dann wieder das 
frühere Verhalten einzuschlagen. Auch bei Werner liegt ein außerordentlich 
starker Kastrationskomplex vor, auch sein AbgewÖhnungskampf gegen die 
Onanie ist mißlungen und der Knabe sucht in anderen motorischen Ent- 
ladungen Ersatz. Welche traumatischen Eindrücke bei ihm zur Entwicklung 
eines so starken Kastrationskomplexes und damit zur Angst von der Onanie 
geführt haben, konnte die Analyse noch nicht ermitteln. Zweifellos haben 
akustische Koitusbeobachtungen im Alter von fünf Jahren, — wieder durch 
die Türe — dann wahrscheinlich auch visuelle zwischen sechs und sieben 
Jahren, wo er vorübergehend das Schlafzimmer der Eltern teilte, zur Ver- 
stärkung all seiner Schwierigkeiten, auch des Zappeins beigetragen, das damals 
schon bestanden hat. 

Die Analogie zwischen dem Zappeln und einem Tic ist nicht zu bezweifeln. 
Möglicherweise darf man in dem motorischen Symptom eine Art Vorstufe 
des echten Tics erblicken. Auch bei Felix hatte sich von früher Kindheit 
zunächst eine diffuse Überbeweglichkeit gezeigt, die erst beim Einsetzen der 



Zur Genese des Tics 



345 



Pubertät nach einem besonderen, auslösenden Erlebnis durch einen Tic abgelöst 
wurde. Vielleicht läßt häufig erst die Pubertät, die so viele Schwierigkeiten 
deutlich hervortreten läßt, auch den Tic in ausgeprägter Form sich entwickeln. 

Ich möchte jetzt die aus meinem Material resultierenden Folgerungen mit 
den bisherigen psychoanalytischen Bearbeitungen der Tiefrage vergleichen. Ich 
beziehe mich dabei auf die umfassenden „Psychoanalytischen Betrachtungen 
über den Tic" von Ferenczi, 1 ferner auf die Ausführungen von Abra- 
ham in der Berliner PsA. Vereinigung. 2 

Eine der Folgerungen Ferenczi s, der Tic sei ein Onanieäquivalent, hat sich 
in meinen beiden Fällen eindeutig bestätigt. Im Falle Werners, bei dem wir diese 
Zustände in Entwicklung beobachten können, ist auch die von Ferenczi 
hervorgehobene Neigung, den Tic in der Abgeschlossenheit austoben zu lassen, 
vorhanden; das Alleinsein ist eine Bedingung für ihn, um „Zappeln" zu können. 

Die Feststellung Ferenczi s, daß der Tic in der Analyse nicht die Rolle 
spiele, wie andere Symptome, daß er sich ihr gewissermaßen entziehe, kann 
ich — allerdings nur bis zu einem gewissen Grade — ebenfalls bestätigen. 
Auch ich hatte längere Zeit den Eindruck, daß der Tic in der Analyse von 
Felix sich ganz anders verhalte, als seine übrigen Symptome, die viel früher 
und deutlicher ihren Sinn offenbarten. Ich konnte ferner in Übereinstimmung 
mit Ferenczi bei Felix feststellen, daß ihn sein Tic gar nicht störte. Ich 
stimme mit Ferenczi auch darin überein, daß dieses andersartige Verhalten 
des Tics auf die narzißtische Natur dieses Symptoms zurückzuführen sei. 

Hier aber ergibt sich mir eine wesentlich andere Auffassung, als Ferenczi 
sie vertritt. Ferenczi faßt den Tic als ein primär narzißtisches 
Symptom auf, das eine gemeinsame Wurzel mit den narzißtischen Psychosen 
hat. Mir zeigte die Erfahrung, daß der Tic der therapeutischen Beeinflussung 
so lange nicht zugänglich ist, bis die Analyse die ihm zugrunde liegenden 
Objektrelationen nicht aufdeckt. Ich fand beim Tic genitale, analsadi- 
stische und oralsadistische Objektstrebungen. Allerdings mußte dazu die Analyse 
bis zu den frühesten Etappen der, Kindheitsentwicklung vordringen und die 
völlige Aufhebung des Tics konnte erst erfolgen, nachdem die disponierenden 
Fixierungen der infantilen Vorzeit analytisch durchforscht waren. 3 

i) Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, Bd. VII, 1921. 

2) Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, Bd. VII, 1921. 

5) Dies scheint mir auch zu erklären, warum sich der Tic in den Analysen 
Erwachsener, wie Ferenczi sagt, „am Ende der Analyse nicht als in das Gefüge 
des komplizierten Neurosengebäudes gehörig" (1. c. S. 34) erweist. Es wird wohl 
bei Erwachsenen häufig nicht möglich sein, die Analyse so tief zu treiben, als es 
zur Bloßlegung der für den Tic bestimmenden frühesten Fixierungen und Objekt- 
relationen erforderlich ist. So lange dies aber nicht der Fall ist, wird sich der Tic 
durch seinen, wie ich es nennen möchte, halbnarzißtischen Charakter der Analyse 
entziehen. Bei Felix ist es der Analyse gelungen, die Daten der frühesten Entwicklung, 
die für den Aufbau seiner Onaniephantasien und seines Tics bestimmend waren, 
nicht nur zu rekonstruieren, sondern auch, durch einsetzende Erinnerungen gestützt, 
wieder dem Bewußtsein voll zuzuführen. Man darf wohl annehmen, daß der narziß- 
tische Anteil am Tic dieses Symptom der Analyse um so schwerer zugänglich macht, 
je älter der Patient ist. Daraus ergäbe sich die therapeutische Forderung, daß die 
Behandlung des Tics in jüngeren Jahren, möglichst bald nach seinem Auftreten ein- 
zusetzen habe. 



346 



Melanie Klein 



Die von Ferenczi vertretene Auffassung, daß sich beim Tic hinter dem 
Symptom überhaupt keine Objektrelationen zu verstecken scheinen, 
läßt sich nicht aufrecht halten. Die ursprünglichen Objektrelationen waren 
in meinen Fällen analytisch sicher zu erfassen, sie hatten nur vom Kastrations- 
komplex her eine Regression zum Narzißmus erfahren. 

Die analsadistische Obj ektrelation, auf die Abraham hinweist, 
zeigte sich auch in meinen Fällen deutlich. Bei Felix war das dem Tic voran- 
gehende Zusammenziehen der Schultern ein Ersatz für das Zusammenziehen 
des Sphinkters, dessen Nachbildung auch der rotierenden Bewegung des Tics 
zugrunde lag. Damit im Zusammenhang trat sein Bedürfnis auf, dem Schul- 
direktor Schimpfworte zuzurufen. Die „bohrende" Bewegung beim Tic — 
dessen dritter Teil — entsprach nebst einem Hineinbohren auch einem Hinaus- 
bohren : der Defäkation. 

Zur Zeit, da der Tic noch durch diffuse Überbeweglichkeit ersetzt war, 
hatte Felix die Gewohnheit, deren er trotz vieler Unannehmlichkeiten nicht 
Herr werden konnte, mit den Füßen so zu schlenkern, daß er wiederholt 
den an ihm vorbeigehenden Lehrer stieß. Diese aggressive Komponente der 
Motilität, die auch im späteren Tic von Felix vertreten war, zeigte sich auch 
ganz deutlich bei Werner, und zwar in einem so einleuchtenden Zusammen- 
hang, daß sie die prinzipielle Bedeutung der sadistischen Antriebe für dessen 
ticähnliche Entladungen einwandfrei nachweist: In der Analysenstunde setzten 
wiederholt nach einer Reihe leidenschaftlicher und zwanghafter Fragen, die 
sich als Äußerungen des Wiß trieb es in Zusammenhang mit der Urszene 
erwiesen, für deren Einzelheiten das damals anderthalbjährige Kind keine 
Erklärung finden konnte, heftige Wutanfälle ein. Dabei beschmierte er mit 
farbigen Beistiften Fensterbrett und Tisch, machte Versuche, auch mich zu 
beschmieren, bedrohte mich mit geballten Fäusten und mit der Schere, ver- 
suchte mich mit den Füßen zu stoßen, produzierte durch Aufblasen der 
Backen flatusähnliche Geräusche, beschimpfte mich auf alle Arten, schnitt 
Fratzen, pfiff und hielt sich dazwischen immer wieder die Ohren zu, 1 wobei 
er plötzlich erklärte, er höre auch wie aus der Ferne ein eigentümliches 
Geräusch, das er sich nicht erklären könne. Ich führe noch ein Moment an, 
das eindeutig diese Szenen als Wiederholung der von der Urszene provozierten 
aggressiven motorischen Entladungen erweist. Während des Wutanfalles ging 
Werner aus dem Zimmer in den Vorraum und versuchte, ob er von dort 
durch die offene Tür mich mit einem Ball treffen könne, — also eine deut- 
liche Wiederholung der Situation mit anderthalb Jahren, wo er durch die 
offene Tür die Eltern beschimpfen und beschädigen wollte. 2 

Zahlreiche Phantasien, die ihren Zusammenhang mit dem Tic erwiesen 

1) Das Pfeifen, Zuhalten der Ohren usw. ist bei ihm ein immer wiederkehrendes 
Zeichen des Widerstandes in der Analysenstunde, das er aber auch zu Hause anwendet. 

2.) Die Eltern bestätigen, daß zur Zeit, in die diese Belauschungen fielen, — also 
im Alter von anderthalb Jahren — das Kind wiederholt in der Nacht die Eltern 
gestört hätte und des Morgens auch häufig in seinen Exkrementen liegend auf- 
gefunden wurde. Zu dieser Zeit. traten auch, wie schon erwähnt, die ersten Anzeichen 
seiner Überbeweglichkeit auf, und zwar zeigte sich das zuerst beim Tragen von 
Holz, mit dem er von einem nahe gelegenen Holzplatz immer wieder hin und her 
lief. 



Zur Genese des Tics 



347 



haben, wie z. B. die von den Blasinstrumenten, mit denen Felix beim elter- 
lichen Koitus mitwirken will, zeigen die anale Objektrelation. Auch 
Werner ahmt beim Zappeln den Trompeter in der Jazzband — der ihm den 
kodierenden Vater bedeutet — nach und gibt dem auch durch das Pfeifen 
und das Nachahmen der Flatusgeräusche Ausdruck. 

Daß diese analsadistischen Anteile sich in diesen Fällen nicht nur wirksam 
zeigen, sondern ihre Bedeutung für den ganzen Aufbau des Tics erkennen 
lassen, scheint mir voll die Auffassung Abrahams zu bestätigen, der den 
Tic für ein Konversionssymptom auf der analsadistischen 
Stufe erklärt. Dieser Auffassung hat auch Ferenczi in seiner Erwiderung 
auf die Ausführungen Abrahams beigestimmt; die Bedeutung der analsadi- 
stischen Komponente für den Tic, ihren Zusammenhang mit der Koprolalie 
hatte er übrigens auch in seiner Darstellung erwähnt. 

Die genitale Objektrelation geht deutlich aus dem mitgeteilten 
Material hervor. Die an den Tic gebundenen Koitusphantasien hatten ursprüng- 
lich in der onanistischen Betätigung ihren Ausdruck gefunden. Dies zeigte sich 
auch in der Wiederholung, als im Verlauf der Analyse die homosexuelle 
Objektwahl wieder zutage trat, damit in Zusammenhang aber erst die Onanie 
— die so lange aus Berührungsangst gemieden worden war — dem Knaben 
möglich wurde. Die zuletzt freigelegte heterosexuelle Objektwahl ging mit 
weiteren Veränderungen der Onaniephantasien einher, mit denen auch die 
Rückkehr zu der frühinfantilen Onanie deutlich wieder hergestellt worden war. 

Ich kann hier auf eine Stelle der Ferenczi sehen Arbeit hinweisen, die 
mir die beste Brücke zwischen seiner und meiner Auffassung scheint. Ferenczi 
schreibt (S. 59): „Beim Tic der ,konstitutionell Narziß ten' scheint der Primat 
der Genitalzone überhaupt nicht ganz fest begründet zu sein, so daß schon 
banale Reizungen oder unvermeidliche Störungen eine solche Verlegung zur 
Folge haben. Die Onanie wäre so eine noch halbnarzißtische 
Sexualbetätigung, von der der Übergang sowohl zur nor- 
malen Befriedigung an einem fremden Objekt als auch die 
Rückkehr zum Autoerotismus leicht möglich ist." 

Aus meinem Material ergibt sich, daß ein Rückzug von den bereits 
erreichten Objektrelationen her zu einem sekundären Nar- 
zißmus gerade auf dem Wege der Onanie stattgefunden hat und diese 
somit aus bestimmten, noch näher zu besprechenden Gründen wieder zu 
einer auto erotischen Betätigung wurde. Damit scheint mir aber auch die Ver- 
schiedenheit zwischen Ferenczis und meiner Auffassung klargelegt : Der Tic 
wäre nach meinen Ermittlungen kein primär narzißtisches, sondern 
ein sekundär narzißtisches Symptom. 

Wie ich schon im Verlauf der Arbeit hervorhob, trat in meinen Fällen 
bei Unterlassung des Tics keine Angst auf, sondern ein Spannungsgefühl, was 
in Übereinstimmung mit den Ausführungen Abrahams ist. 

Ich möchte nun zeigen, inwieweit sich aus meinen Fällen eine Ergänzung 
zu den Auffassungen Ferenczis und Abrahams gewinnen läßt. Der Tic 
hat sich mir durch Aufdeckung der ursprünglichen, ihm zugrunde 
liegenden analsadistischen und genitalen Objektrelationen als ein 
sekundär narzißtisches Symptom, erwiesen. Es ergab sich ferner, daß der Tic nicht 
nur Onanieäquivalent ist, sondern an ihn auch die Onaniephantasien gebunden 



348 



Melanie Klein 



sind. Die analytische Erforschung und Auflösung des Tics ist mir erst durch 
die eingehendste Analyse der Onaniephantasien geglückt, und zwar mußte ich 
diese bis zu ihrem frühesten Auftreten zurückverfolgen, d. h. also die ganze 
frühinfantile Sexualentwicklung bloßlegen. 

So hat sich mir die Analyse der Onaniephantasien als der Schlüssel zum 
Verständnis des Tics erwiesen. 

Dabei gelangte ich zur Einsicht, daß das fürs erste so nebensächlich und 
abseitig scheinende Symptom des Tics mit der schwersten Gehemmtheit und 
der asozialen Charakterentwicklung auf das innigste organisch verbunden war. 
Ich habe des öfteren darauf hingewiesen, daß bei geglückter Sublimierung die 
Onaniephantasien eine der Grundlagen jeder Begabung und jedes Interesses 
bilden. Bei Felix waren die Onaniephantasien aufs engste an seinen Tic 
gebunden; erst mit dem Abbau und der Auflösung des Tics ging die Subli- 
mierung der Onaniephantasien in zahlreiche Interessen parallel. Das Endergebnis 
der Analyse -war zugleich eine weitgehende Behebung von Hemmungen und 
Charakter verbildungen. Auch bei Werner ließ die Analyse die zentrale Bedeutung 
des Zapp eins sowie dessen Zusammenhang mit seiner enormen Gehemmtheit 
und seinem asozialen Verhalten erkennen. Es läßt sich — wiewohl die Analyse 
noch nicht so weit vorgedrungen ist, das Symptom selbst therapeutisch zu 
beeinflussen — bereits klar erkennen, wie sehr seine ganze reiche Phantasie- 
tätigkeit in den Dienst dieses Symptoms gestellt und dadurch den übrigen 
Interessen entzogen ist. Auch zeigt die Analyse deutlich, daß die Hemmung 
seiner Persönlichkeit eine progrediente ist. 

'Aus diesen Feststellungen scheint sich mir die Notwendigkeit zu ergeben, 
die Bedeutung der Tics auch von dieser Seite her zu prüfen: wie weit er 
nicht nur ein Anzeichen von Hemmungen und asozialer Entwicklung, sondern 
für diese Fehlentwicklungen von geradezu zentraler Bedeutung ist. 

Ich möchte noch die Momente hervorheben, die nach meinem Material 
«1s spezifische Faktoren für die Genese des Tics in Betracht kommen 
könnten. 

Die dem Tic zugrunde liegenden Onaniephantasien sind gewiß nichts Spezi- 
fisches, denn wir wissen, daß sie für fast jedes neurotische Symptom und, wie 
ich wiederholt zeigen konnte, auch für die Phantasietätigkeit und damit für 
alle Sublimierungen dieselbe Bedeutung beanspruchen. Aber auch die spezielle Art 
der in meinen beiden Fällen übereinstimmenden Onaniephantasien: Die Identi- 
fizierung zugleich mit Vater und Mutter und das Mitspielen der eigenen 
Person, scheinen an sich nichts Spezifisches zu sein. Man wird dieser Art der 
Phantasien sicherlich auch in sehr vielen anderen Fällen begegnen, bei denen 
es nicht zur Entwicklung eines Tics kam. 

Ein spezifischeres Moment scheint mir immerhin in der Entwicklung zu liegen, 
die diese Art der Identifizierungen in meinen beiden Fällen genommen hat: 
Zunächst wurde die Identifizierung mit dem Vater durch eine Identifizierung 
mit der Mutter (passiv-homosexuelle Einstellung) überdeckt; eine besonders 
intensive Kastrationsangst bewirkt dann die Ablösung dieser Einstellung durch 
einen neuerlichen Schub von Aktivität» Es kommt wieder zu einer Art Identi- 
fizierung mit dem Vater, die nicht mehr gelingt, denn seine Züge werden mit 
dem eigenen Ich verschmolzen und ergeben als neues Liebes ob jekt das vom 
Vater geliebte Ich. 



Zur Genese des Tics 



349 



Deutlich wurde aber in beiden Fällen ein spezifisches Moment, das die vom 
Kastrationskomplex ausgehende narzißtische Rückentwicklung und den auf ihr 
fußenden Tic begünstigte. Sowohl bei Felix wie bei Werner waren die Koitus- 
beobachtungen in der Weise erfolgt, daß das Hauptinteresse den den Koitus 
begleitenden Geräuschen galt. Bei Felix wurde dieses akustische 
Interesse durch eine sehr bedeutende Verdrängung der Schaulust verstärkt, 
bei Werner war zweifellos die Tatsache, daß seine Beobachtungen, die vom 
Nebenzimmer erfolgten, also vor allem Belauschungen waren, zur Ent- 
faltung seines akustischen Interesses führten. Eine wohl auch konstitutionell 
gegebene Verstärkung der Motilität (s. auch Ferenczi, S. 50) zeigt sich im 
Zusammenhang mit diesem akustischen Interesse. 1 Das durch das Ohr Ver- 
nommene, das, zuerst durch rhythmische Onaniebewegungen dargestellt, nach- 
geahmt 2 wurde, muß, als die Onanie aus Kastrationsangst aufgegeben wurde, 
durch andere motorische Entladungen wiedergegeben werden. (Das im Takt 
mit dem Dirigenten Musizieren in beiden Fällen!) Für dieses akustische 
Interesse läßt sich nebst den begünstigenden Umständen ein konstitutioneller 
Faktor annehmen, der sich in diesen Fällen deutlich in Zusammenhang stehend 
mit der starken anal-sadistischen Komponente erwiesen hat. Sie kam sowohl 
im Interesse für Flatusgeräusche zum Ausdruck, wie in der der gesteigerten 
Motalität zugrundeliegenden Aggression. 

Ob die in den von mir beobachteten Fällen wirksamen spezifischen 
Momente auch in anderen Fällen für die Genese des Tics bedeutsam sind, 
kann nur durch weitere Erfahrungen festgestellt werden. 3 

Eingegangen am 23. April 192 f. 



1) Den Zusammenhang zwischen akustischen Eindrücken und deren motorischer 
Wiedergabe sehen wir als normale Erscheinung in der Tanzlust, die beim Anhören 
von Tanzmusik einsetzt. 

2) Bei Felix und Werner handelt es sich um eine Nachahmung des koitierenden 
Vaters. Von dem Bedürfnis der Tickranken zur Nachahmung, zu „schauspielerischem 
Wesen" spricht Ferenczi (S. 54). 

3) Nachtrag bei der Korrektur: 

Ich begann nach Abschluß dieser Arbeit die Analyse eines fünf und einhalb- 
jährigen Knaben — namens Walter — bei dem als Hauptsymptom eine Bewegungs- 
stereotypie vorlag. Das jugendliche Alter des Patienten und der günstige Gang der 
Analyse ermöglichten mir in der bisherigen Behau dlungsdauer von sechs Wochen, die 
dem Symptom zugrunde liegenden Zusammenhänge analytisch vollkommen zu durch- 
forschen und das noch frische Symptom selbst weitgehend günstig zu beeinflussen ;, 
die Zwangsneurose und beginnende Charakterverbildung des Knaben machen noch 
eine durchgreifende weitere Analyse erforderlich. Auch dieser Fall zeigt mir die 
Wirkung der in in den ersten zwei Fällen nachgewiesenen determinierenden Faktoren. 
Ich greife kurz heraus: Akustische Koitusbeobachtungen vom Nebenzimmer im 
zweiten Lebensjahr. In diesem Alter Einsetzen von Überbeweglichkeit und eine 
Klopfphobie. In der Analyse wiederholt und variiert Walter wochenlang zwangsmäßig 
eine Kasperle- Vorstellung. Dabei habe ich immer anzufangen, u. zw. als Kapellmeister 
durch Klopfen mit einem länglichen Gegenstand „Musik" zu machen — er führt 
dann im Takte mit dieser seine motorischen Kunststücke vor. Zahlreiche Details. 



350 



Dr. Gustav Bydiowski 



Psychoanalytisches aus der psychiatrischen 
Abteilung 1 

Von Dr. Gustav Bychowski (Warschau) 

I. Zum weiblichen Kastrations komplex 

Eine schizophrene Patientin hatte seit einigen Jahren Streitigkeiten mit 
ihrer Mutter, denen ausgesprochene Wahnideen folgten. Sie wähnte sich von 
der Mutter vergiftet, bestohlen, meinte, man müsse clie Mutter 
wegen des Diebstahles, den sie an ihr beging, einsperren. Auf der 
Abteilung erklärte sie, von Männern umgeben zu sein, welche ihr feindlich 
gesinnt wären. Bei eindringlichem Befragen, ob sie sich unter Männern oder 
Frauen befinde, erwiderte sie, dies sei eine sehr schwere Frage. Sie erklärte, 
Blutungen im Unterleib zu haben, dann sagte sie, sie hätte einen 
Fehler an der Gebärmutter. Auf die Frage, was ihr denn eigentlich 
die Mutter, gestohlen habe, anwortete sie : „Das ist eben der Fehler 
an der Gebärmutter. 



erweisen die Kasperle-Vorstellung als Koitus, wobei er an Stelle der Mutter 
gerückt ist. Seine Angst vor der Onanie, u. zw. im Zusammenhang mit einem 
traumatischen Erlebnis im Alter von drei Jahren, wurde deutlich. Der Theatervor- 
stellung folgen immer Wutausbrüche verbunden mit aggressiven motorischen Ent- 
ladungen und Darstellung analer und urethraler Beschmutzung — alles gegen die 
koitierenden Eltern gerichtet. Im motorischen Symptom ist deutlich die analsadistische 
Grundlage erkennbar. — Meine Ergebnisse werden durch diesen dritten Fall in allen 
Punkten bestätigt, wobei besonders lehrreich ist, daß die Fälle verschiedenen, u. zw. 
sehr bedeutungsvollen Lebensabschnitten angehören. Es scheint mir nun einwandfrei 
nachgewiesen, daß der Tic in der im frühen Kindesalter so häufigen „Zappligkeit" 
seine Grundlage findet, diese also ernste Beachtung verdient. Ob diese diffuse Über- 
beweglichkeit, auch wo sie sich nicht zum Tic entwickelt, immer akustische Koitus- 
beobachtungen zur Voraussetzung hat, müssen weitere Erfahrungen entscheiden; 
jedenfalls waren sie die Grundlage in den drei von mir analytisch durchforschten 
Fällen, in denen sich die Überbeweglichkeit zum Tic, resp. ticähnlichen Symptomen 
entwickelte. Bei Walter ebenso wie bei Werner fand die Verdichtung zum 
motorischen Symptom im sechsten Lebensjahr statt. Ich verweise auf die auch von 
Ferenczi erwähnte Tatsache, daß im Latenzalter vorübergehende Tics häufig sind. 
Die nicht geglückte Bewältigung des Ödipus- und Kastrationskomplexes (in zwei 
Fällen von dreien waren traumatische Eindrücke sicher mitbestimmend — der 
dritte Fall ist nach dieser Richtung noch nicht genügend durchforscht) führte nach 
dem Abklingen des Ödipuskomplexes zu einem besonders intensiven Abgewöhnungs- 
kampf gegen die Onanie, deren unmittelbarer Ersatz das motorische Symptom wurde. 
Es läßt sich annehmen, daß auch in anderen Fällen diese oft vorübergehenden Tics 
und Bewegungsstereotypien des Latenzalters ihre weitere Entwicklung im echten 
Tic finden, wenn eine verstärkte Neuauflage der früh- infantilen Konflikte oder 
traumatischen Erlebnisse — speziell im Pubertätsalter oder auch später als aus- 
lösende Momente hinzukommen. 

i) Psychiatrische Abteilung des israelitischen Krankenhauses. Primararzt Dr, Wizel. 



Psychoanalytisches aus der psychiatrischen Abteilung 



351 



II. Seele als introjizierte Mutter 

Ein dreißigjähriger Patient, welcher auch rein klinisch insofern sehr 
bemerkenswert ist, als er nach einigen Jahren dauernder, anscheinend genuin 
epileptischer Anfälle ein schizophrenes Zustandsbild bietet, 
berichtet folgendes: 

Seine Seele hat ihn verlassen, sie ist ihm von einem Mitpatienten geraubt 
worden, wohingegen die Seelen zweier Mitpatienten in ihn hereinkamen. 
Seine Seele spürt er gewöhnlich als etwas Feines, Seidenes. Seit die Seele 
ihn verlassen hat, spürt er eine Leere, fühlt sich wie ein leeres Faß; dieses 
Gefühl lokalisiert er vornehmlich in der Herzgegend, Seine Seele, die ihn nun 
verlassen hat, weint wie die Mutter nach ihrem Kinde. Die Seele 
war in ihm wie Mutter und Vater, wie die. stillende Mutter. Wenn 
die Seele in ihm ist, hat er das Gefühl, als ob er an der Mutter- 
brust saugen würde. Die Seele umsorgt ihn, wie die Mutter, welche er 
im zweiten Lebensjahr verlor. 



III. Kastration. - Anale Geburt 

Ein fünfunddreißigjähriger Schizophrene hat sich schon zu wiederholten 
Malen den Penis abgebunden und erklärte einmal, wenn er ein Messer 
hätte, möchte er sich ihn ganz abschneiden. Auf diese Weise wollte er es 
verhindern, daß er den Urin abgeben müsse, diesen setzt er mit Sperma 
gleich, so daß ihm das Urinieren die Ejakulationbedeutet, Das 
Zurückhalten des Urins ist für ihn das Behalten der Lebenskraft, welche 
sonst vergeudet wird. Demzufolge trinkt der Kranke seinen Urin, 
wie er auch des öfteren seinen Kot verzehrt. Er behauptet, daß auch 
seine Eltern ihren Kot essen, die Mutter habe auch den seinen 
gegessen. Den älteren Bruder, der ihn erzogen hatte, nennt er seinen Vater 
und erzählt, daß er mit dessen Einverständnis mit der Schwägerin gelebt 
habe. 

Seine Frau hat ein Glied wie ein Mann, sie ist eine „M ännerin". 
Die Frau, welche mit ihm in der Nacht verkehrte, lag auf ihm, sie hatte 
einen Penis, den sie dem Patienten weggenommen hatte. Er ist weder Mann 
noch Frau, sondern Kastrat. 

Durch den Anus sei aus ihm die Gebärmutter herausgekommen. So wie 
das Huhn Eier legt, so hat auch er eine Gebärmutter. Seine Eier 
— er weist auf die Hoden — seien durch den Anus herausgekommen, jemand 
sagte ihm, er habe im Skrotum Gold, da habe er dies durch den Anus her- 
ausgebracht. Seine Eier (Hoden) sind eben sein Kind, er ist seine 
Mutter. Die Frau, mit der er in der Nacht verkehrte, ist er selbst. Schon 
vor Jahren hatte er ein Kind geboren. Jeden dritten Tag legt er 
auf dem analen Wege ein Eichen. 

Eines Tages erklärte er, er habe ein Mädchen auffressen 
wollen', dieses wehrte sich aber und so habe er beschlossen, sich von einer 
Mauer zu stürzen — da er sie nicht vernichten könne, wolle er sich selber 
vernichten. Sein Vater habe seine Mutter, während sie mit dem 
Patienten schwanger war, aufgegessen, der Patient sei 
dann vom Vater als Kot geboren worden. 



352 Dr. Bychowski: Psychoanalytisches aus der psychiatrischen Abteilung 



IV. Ödipuskonflikt. - Christussymbolik. - Symbolik des 

Ko tschmierens 

Ein fünfundfünf zigj ähriger Patient mit einem schweren Depressionszustand 
erklärt: „Ich bin kein Mensch mehr, sondern ein Teufel. Ein böser Geist in 
mir verfolgt mich. Ich sollte vergiftet werden, es gibt für mich keine Rettung." 
Jesus Christus sei der größte Gegner Gottes, er selbst sei jetzt Jesus Christus 
(der Patient ist ein orthodoxer Jude). Schon als er geboren wurde, sei er jener 
Gott (Jesus) gewesen. Auf Befragen entsinnt er sich, zum erstenmal gegen Gott 
gerichtete Gedanken mit fünf Jahren gehabt zu haben, es war nachts im 
elterlichen Schlafzimmer, welches auch das seine war. Damals habe er Gott 
verflucht. Aus der Situation kann er nichts mehr erinnern, wir führen aber 
seine Einfälle an: Wenn die Eheleute beieinander sind, ist Gott mit ihnen 
(Talmud). Ein Kind sollte nicht dabei sein. — Er mochte den Vater nicht gut 
leiden, dieser war streng und schalt ihn, da er nicht lernen wollte. 

Eines Tages schmierte sich der sonst durchaus ruhige und besonnene 
Kranke mit Kot ein. Unter großen Widerständen gelang es, die Handlung zu 
analysieren. 

Er tat es angeblich zur Selbstbestrafung, zur Buße. Gott verfolgt ihn wegen 
seiner großen Sünden. Schon als Knabe beobachtete er Frauen am Abort, zum 
erstenmal die Frau seines Meisters. Dabei bekam er Erektion und onanierte. 
Auch jetzt beim Schmieren onanierte er, das Schmieren selbst verschaffte ihm 
Genuß. Er hatte großes Begehren nach dem Koitus. Aus diesen und anderen 
Äußerungen des Kranken sieht man, daß er das Weib mit dem Kot 
gleichsetzt. Der vom Patienten des öfteren ausgesprochene Impuls, sich 
in den Abort zu stürzen, bedeutete den Wunsch nach dem Koitus, 
nach der Wiederkehr zur Mutter. Nach langem Schweigen spricht er 
ein unflätiges Schimpfwort aus, welches den Koitus mit der Mutter des 
Beschimpften beinhaltet. Auf weiteres Befragen erklärt er, daß er mit achtzehn 
Jahren seine Mutter vergewaltigt hatte. Seit jeher habe er sich 
aktiv homosexuell betätigt, habe auch einmal seinen Sohn zum Verkehr 
gezwungen. 

V. Projizierter weiblicher Ödipuskomplex. - Weiteres zur 

Symbolik des Kotschmierens 

Eine neunzehnjährige Patientin erklärt, ihr Vater habe ihre Vereinigung 
mit dem Bräutigam verhindert. Er sei nie ein guter Vater zu ihr gewesen, 
denn er habe sie zu sehr geliebt, d. h. nicht wie ein Vater, son- 
dern wie ein Geliebter. (Es sei bemerkt, daß der „Bräutigam" nur in 
ihrer Phantasie existiert, der Vater jedoch ein passives, intellektuell minder- 
wertiges Individuum ist.) 

Für das Kotschmieren fanden sich bei dieser Kranken folgende Deter- 
minierungen: Man hat sie verleumdet, man meinte, sie sei schwanger. Wenn 
sie defäziert, wird ihr Bauch wieder klein, die Verleumder werden widerlegt. 
Durch das Schmieren zeigt sie auch, daß sie ihre Menses hat, was demselben 
Zweck dienen soll. 



Gedanken bei Analyse einer Folie du doute 



353 



Gedanken bei Analyse einer Folie du doute 

Vortrag in der Berliner Psychoanalytischen Vereinigung am IQ. Januar 1924 

Von Dr. Karl Landauer (Frankfurt a, M.) 

Diese Ausführungen ^ind keine Analyse einer Folie du doute, eines Sym- 
ptomenkomplexes, den man gemeinhin der Zwangsneurose zurechnet, Ist es doch 
kaum möglich, eine einigermaßen tiefgehende Analyse einer derartigen Störung 
zu überschauen oder gar darzustellen. Ja, es handelt sich nicht einmal um die 
Wiedergabe der zusammenfassenden Eindrücke eines abgeschlossenen Falles, 
sondern um Überlegungen, die während der Behandlung und zu ihrer 
Bewältigung etwa um die 120. Analysenstunde angestellt wurden. Die 
Publizierung des Falles erfolgt wegen des technischen Problems, während 
das Motiv der Niederschrift ein therapeutisches war. Durch fünf Wochen 
ungefähr ging nämlich ein Widerstand, nicht nur passiv, Tag für Tag auf- 
lösbar, sondern volle Auflehnung, an der die Analyse zu scheitern drohte : Der 
Kranke werde das, was ihm in den Kopf komme, nicht sagen; intime Dinge 
werde er nicht reden, da sein Verhältnis zum Arzt zu wenig persönlich sei. 
Er fühle sich nur als Fall behandelt, der Analytiker möge ja theoretisch ganz 
tüchtig sein, aber er interessiere sich nicht für ihn als Menschen*, er nehme 
ihn zu schematisch. Die homosexuellen Wünsche, die sich in den Äußerungen 
zeigten, gab er ohne weiteres, aber auch ohne jeglichen Affekt als möglich zu, 
aber eben nur als möglich. Irgend welchen Eindruck machten diese Auf- 
klärungen ebensowenig, wie die über den dahinter sich verbergenden Ödipus- 
komplex, vielmehr wurde haarscharf bewiesen, daß alles doch nichts nütze, 
nur Theorie sei, daß er nur als Sache behandelt werde u. s. f., endlos dasselbe. 

In solchen Fällen empfiehlt sich ein zwiefaches Verfahren: Erstens dem 
Patienten gegenüber Geduld und völlige Passivität. Dieses Vorgehen erlaubte 
es der Analyse, daß sie sich weiterschleppte. Der zweite Teil des therapeu- 
tischen Verfahrens spielt sich ohne Patienten ab und besteht zunächst in 
einer Selbstanalyse des Analytikers. Hiebei kann man von einem einfachen 
Kunstgriff ausgehen: Erfahrungsgemäß werden, wenn man mehrere Analysen 
gleichzeitig führt, täglich fast alle Triebregungen wenigstens gestreift. Fehlt 
nun mehrere Tage mir eine oder tauchen bei verschiedenen Analysen ver- 
schiedenster Krankheiten und verschiedenster Bearbeitungsdauer gehäuft und 
vordringlich dieselben Komplexe auf, so klopfe ich mir auf die Finger: was 
hast du gegen jenen Trieb, für jenen Komplex?, und ich finde dann fast 
stets die Ursache des Verhaltens der Patienten in mir. In unserem Falle ver- 
sagte das Hilfsmittel: fast täglich kam fast jeder Trieb irgendwie zum An- 
klingen. Ein grobes Übersehen infolge einer bei mir bestehenden Verdrängung 
lag also ebensowenig vor, wie das Sich-Aufdrangen eines bestimmten Triebes 
in mir, den ich dann fälschlich meinen Patienten zugeschoben hätte. 

Es konnte sich demnach nur um eine im Kranken vor sich gehende 
Verdrängung, eine Trieb verknotung, um eine komplexe Erscheinung 
handeln. Also mußte ich mir, soweit dies schon möglich war, seine Trieb- 
kräfte vor Augen führen, mir Rechenschaft darüber geben, wie und aus welchen 
Bausteinen der Patient die Fassade gebaut hat, die er eben bot. Ich mußte für 
mich den Versuch zu einem konstruktiven Erfassen seiner Persönlichkeit machen. 



Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XI/5. 



23 



354 



Dr. Karl Landauer 



Hiebei war von einem Aktualereignis auszugehen. Freud hat, als er sich 
Rechenschaft über das Scheitern der D o r a - Analyse geben wollte, sie uns als 
eine Traumanalyse dargestellt. Ähnlich markante Traume, bzw. die dazu 
nötigen Assoziationen fehlten hier 1 ; ich bringe jedoch später im Auszuge einen 
Traum, der ein Jahr vor Beginn der Analyse sich ereignete, und einen 
weiteren aus dem vierten Lebensjahr. 

Man konnte auf die Krankheitserscheinungen zentrieren, die der Patient 
bot: es war eine schwere Arbeitshemmung, die den sechsundzwanzigj ährigen 
Chemiker zu mir geführt. Alle manuellen Verrichtungen, wie sie sein Beruf, 
aber auch das tägliche Leben verlangen, gingen ihm unendlich langsam von 
der Hand und nahmen entsetzlich viel Zeit in Anspruch. Zu jeder Kleinigkeit 
mußte er sich einen Ruck geben, und zwei Dinge gleichzeitig unternehmen, 
war immer wieder sein Ziel, aber unmöglich durchzuführen. Hatte er es 
sich vorgenommen, so vertrödelte er es. Filtrierte oder kochte er z. B. eine 
Substanz, so konnte er währenddessen keine andere wiegen oder titrieren. 
Immer wieder traten Zweifel auf, ob er das eine oder das andere zuerst 
machen solle, wie er sich seine Zeit und seine geringe Arbeitsfähigkeit am 
besten einteilen solle. Hatte er etwas angepackt, ließ er's liegen, griff zum 
anderen, träumte, ließ es fahren usw. Ständig war er daran, sich seine Zeit 
einzuteilen, Stunden verwandte er auf die Überlegung, wie etwas am 
raschesten und billigsten zu erledigen sei. 

Nun wäre es am Schlüsse einer Analyse sehr reizvoll, eben diese Symptome 
— so vielgestaltig und verschwommen sie auch sind — bis in ihre letzten 
Wurzeln zu verfolgen. Das wäre hier besonders schwer, da man — abgesehen 
von der zwangsmäßigen Neugierde und Einteilungswut — keinen positiven, 
sondern negativen Erscheinungen gegenübersteht. Bei dieser Zwischensynthese 
ist es völlig unmöglich. Denn eben um die zentrale Stellung der eigentlichen, 
als Krankheit empfundenen Phänomene ballte sich der Widerstand schon seit 
Jahren an. Nur von der Flanke konnte man hoffen, in die Tiefe vorzudringen. 

Eine zweite eklatante Krankheitserscheinung war allerdings während der 
Analyse zutage getreten: Eine Hemmung der Potentia coeundi, er nannte es: 
Mangel an Aktivität, wieder eine höchst unscharfe und vor allem negative 
Leistung. 2 

Positiv aber war eine Reihe von „Erfindungen", mit denen er sich seit 
längerer Zeit beschäftigte: Nach den Sommerferien nämlich berichtete er, daß 
er einen Teil von ihnen darauf verwandt habe, in einer Patentbibliothek 
nachzusehen, ob einige Erfindungen, zu denen ihm die Idee gekommen, schon 
patentiert seien. Natürlich sei er wieder einmal zu spät daran gewesen, da 
sie samt und sonders längst gemacht worden waren. Auf Befragen zählte 
er einige auf: eine Petroleumlampe, die man ohne Abnahme des Zylinders 
anzünden könne, ein Licht, das beim Öffnen einer Türe von selber angehe. 



1) Patienten mit Folie du doute sind „schlechte Träumer", da sie bei ihrem starken 
Schuldgefühl Traume nicht als Schäume ab zutun imstande sind, sie also schleunigst 
verdrängen müssen. 

2) Bereits während der Niederschrift der Arbeit wurde es klar, daß die ange- 
gebenen Gründe nicht das Motiv zur Zurückschiebung dieser Krankheitserscheinungen 
sein können. Vielmehr reizten Gedanken, dieTausk ausgesprochen, zur Ergänzung. 



Gedanken bei Analyse einer Folie du doute 355 

Sein erster Einfall sei ein Klosett gewesen, dessen Spülung sich beim Auf- 
stehen automatisch einschalte. Wegen einer solch unappetitlichen Sache würde 
er jedoch nie ein Patent nehmen. Das automatische Licht könne man auch 
anderwärts in dunklen Räumen verwenden. 

Patient nimmt sich auf dem Abort stets sehr in acht, unnötig mit Gegen- 
ständen in Berührung zu kommen, um sich nicht zu beschmutzen. Einmal als 
Achtjähriger sei beim Abwischen das Papier gerissen und er habe seine 
Hände verunreinigt. Unter großem Widerstand berichtet er dann, daß die 
Finger der Mutter (von der schon früher einmal erzählt worden war, daß 
sie unappetitlich esse) manchmal gerochen hätten. (Sie hat pruritus ani.) All- 
mählich habe sich jene Scheu vor dem Berühren all der schmutzigen Gegen- 
stände entwickelt. Dabei hält er sich aber, wie er manchmal klagt, endlos 
auf dem Klosett auf, liest dort jeden Fetzen, der ihm in die Hand kommt. 

Die Frage, wie er sich beim Urinieren benehme, versteht er zunächst gar 
nicht. Auf die Präzisierung, wie er den Strahl dirigiere, meint er : man gehe 
doch vor oder rückwärts, damit das Wasser in die Öffnung träfe. Auch wird 
das Glied bei der Herausnahme zum Wasserlassen nicht berührt. Demnach 
verhält er sich dem Penis und dem Urinstrahl gegenüber 
passiv. 

Besonders eklatant wird die Scheu, den Penis zu berühren, und die Neigung, 
ihm die Funktion in eigener Regie zu überlassen, um selbst nur zu beobachten, 
bei einem kurz vor den Ferien vorgenommenen ersten „Koitus" : Nach den 
unglaublichsten und ungeschicktesten Vorbereitungsmaßnahmen kam er endlich 
so weit, das Bett mit einem Mädchen zu teilen. Als dies nun das Glied 
anfaßte, um es einzuführen, wehrte er mit einem Pfui ab und versuchte 
durch über eine Stunde, den ganzen Körper hin und her schiebend, den nicht 
erigierten Penis in die Vagina zu jonglieren. Endlich gab er angewidert auf. 
Jetzt wurde plötzlich das Glied steif, rutschte ohne Hilfeleistungen einer Hand 
in die Scheide und ejakulierte dort; dabei lag er selbst ganz ruhig und 
verlangte dasselbe von dem Mädchen, da er nichts Künstliches machen wollte, 
das irgendwie an Onanie erinnert. 1 

Setzen wir die hier in Erfahrung gebrachten Mechanismen in die Abort- 
riten ein, so ergibt sich, daß diese zwangsmäßigen Handlungen der Ver- 
meidung der verpönten Onanie — und zwar der bewußten, in die Pubertät 
fallenden genitalen, wie der noch unbewußten älteren analen — dienen. 2 Um der 
drohenden Angst zu entgehen, werden Phantasien, wie jeder Berührung der 
verpönten Organe ausgewichen werden kann, gesponnen, die — um die 
obszöne Genese zu verdecken — ganz bewußt auf harmlose Gegenstände ver- 
schoben werden: eben die Erfindungen, die uns beschäftigen. In ihnen kehren 
dann, in der mannigfaltigsten Weise symbolisiert, die ursprünglichen, ver- 
drängten Antriebe zurück. Ich deute nur kurz an: Licht == Mittel zur 

1) Der Vorgang ist natürlich recht kompliziert; abgesehen von der Tatsache des 
Gehorsams gegen das Verbot sexueller Betätigung, spielt noch die Entwertung des 
Sexual Objektes, der Trotz gegen das Koitusverbot mit, ja eigentlich alle verpönten 
Tendenzen, die die Analyse bisher aufgedeckt. 

2) Ich lasse hier eine Reihe sekundärer Onanien an anderen Organen (vor allem 
Nase, Ohren und Augen) weg. 

23* 



356 



Dr. Karl Landauer 



Behebung der Angst erregenden Dunkelheit, Befriedigung- Zylinder = Penis; 
mit dem Lichte spielen = urinieren, onanieren; sich die Finger verbrennen = 
kastriert werden, Akzeptierung der Kastration, Selbstkastration. Das Lampen- 
problem lautet etwa: wie kann ich onanieren, ohne der Kastration zu ver- 
fallen ? Nun dachte er .sich die Ausführung so, daß man ein Loch im Zylinder 
anbringt. Diese Wunscherfüllung bringt neben der bereits zugänglichen Deter- 
mination (Loch ^Vagina) eines Koituswunsches in tieferer Schicht (Loch =Anus) 
die unbewußten Antriebe nach analer Selbstbefriedigung. 1 

Wenn ein Techniker einen Apparat konstruiert, ist es zunächst seine 
Absicht, Hände durch leblose Instrumente unnötig zu machen. Apparate oder ihre 
Teile oder auch nur ihre Namen erinnern daher noch oft an Hände und Arme, 
z. B. die Klammern, die Hebelarme usw., aber mit der Zeit ward die Maschine 
komplizierter, individuenhafter. Sie ersetzt nicht nur Hände, sondern ganze 
Menschen» Sie soll Menschen darstellen, unerschöpflich an Kraft, Ideale der 
Potenz, soll, was weder dem menschlichen Arm, noch dem Penis, noch dem 
Anus möglich war, sein: Perpetuum mobile. Namentlich die an diesen Erfin- 
dungen so reichen Schizophrenien 2 und die an magische Kräfte glaubenden 
und daher narzißtischen Menschen des Mittelalters haben sich dem Problem 
der Verselbständigung und Personifikation eines solchen „Idealpenis und 
„Idealanus" gewidmet. Dieses sich selbst, seinem Penis als einem Objekt Gegen- 
überstehen finden wir aber auch ganz ausgesprochen bei unserem Kranken, 
z. B. beobachtete er selbst sich dauernd bei jenem Koitus ; der Penis ejakuliert 
erst, nachdem das Ich auf die Lust verzichtet hatte. Aber auch sonst haben 
wir Beweise für jene Selbständigung des Genitales bei ihm, z. B. in einem 
Traum. 3 

Alle Apparate, mit denen er zu tun hat, namentlich in seinem Berufe, 
sind Penes, Vaginae und nicht zuletzt Ani, die er nicht berühren darf. Er 
scheut die Betastung, um nicht der Kastration zu verfallen. Ein schöner Traum, 
wenn die Organe von selber, ohne daß ihm eine Schuld zugemessen werden 
könnte, Lust spenden würden; darauf wartet er. Andererseits akzeptiert er 
aber die gefürchtete Kastration, um aus seinem weiblichen Genitale, dem Anus, 



1) Es kann wohl nicht bloßer Zufall sein, daß unser Patient all seine Ideen — 
es waren etwa fünfzehn, von denen nur die primäre und die beiden ersten Über- 
arbeitungen genauer analysiert wurden — bereits ausgeführt fand. Die automatische 
Einschaltung des Lichtes im Lift, einem bekannten Angstort (Schweben in einem 
Schacht!) ist ja wohl allgemein bekannt. Mit einer sehr populären Erledigung des 
automatisch spülenden Klosetts wurde ich in Straßburg bei einem eintägigen 
Besuch als Student vertraut; im Triumph wurde ich in den Abort der Universität 
geführt, wo zahlreiche junge Leute sich dem schönen Spiel hingaben, abwechselnd 
sich auf die Sitze zu setzen und wieder rasch aufzuspringen. Und laute Heiterkeit 
erfüllte die anderwärts so stillen Räume, J 

2) Vergl. Tausk, diese Zschr. Bd. V., 1919 und Kielholz, ebenda IX., 1923. 
5) Ich zitiere nur Bruchstücke und den Schluß nach einer am Morgen nach 

dem Traum, ein Jahr vor der Analyse, angefertigten Niederschrift. 

„Das große häßliche Mädchen, ... . das dann . . « von dem jungen Manne, der mit ihr auf 
der Bank saß, in das Freudenhaus hineingelockt wurde . . . Ich durfte später in das Haus 
hineingehen. Das Mädchen wurde mir gezeigt. Es zeigte sich mir als eine auf einem Spül- 
brett liegende Trichterröhre, die gerade von einem der Männer, ausgespült wurde." 



Gedanken bei Analyse einer Folie du doute 



357 



Lust zu gewinnen. Diesen mit seinem Bewußtsein gänzlich unverträglichen 
Wunsch hat er verdrängt. Als Beleg für diesen Teil der Analyse dient eine 
Deckerinnerung an die Belauschung eines Koitus zwischen einem Dienst- 
mädchen und dem Onkel im vierten Lebensjahr, die wir in späterem 
Zusammenhang bringen. 

Dem Erfinder gilt es aber — wie gesagt — nicht nur, Arme, Hände, 
Genitalien, Ani usw. zu ersetzen, sondern durch seine Apparate Menschen zu 
verdrängen. So werden Apparate individualisiert und Verrichtungen auto- 
matisiert, damit wir unseren Todeswünschen ungestraft nachgeben können. 
Schon die ersten Erfindungen in der Kinderstube dienen dazu, ein Liebes- 
objekt, das uns nicht zu Willen und deshalb zu beseitigen ist, zu ersetzen, 
z. B. ein Geschwister, über das wir uns geärgert, weil wir ein Spielzeug 
allein haben wollten, oder das uns erzürnte, weil es nicht mitspielte. Dann 
muß entweder ein phantastisches Liebesobjekt herhalten oder ein lebloses 
Ding die Funktion des Liebesobjektes übernehmen. Und es wird dann nicht 
nur Instrument zum Verschaffen von Lust, an dem wir unseren ganzen Macht- 
willen 1 austoben können, sondern auch Abieiter des Hasses gegen das geliebte 
Objekt. Oft auch Mittel zur direkten Bestrafung desselben. Solche feindliche 
Brüder, die Arbeiter, will der Fabrikherr ersetzen durch tote Wesen, die keine 
Lustgewinne zum Entgelt für seinen Vorteil verlangen. Nicht immer tritt das 
Haßmoment sekundär so deutlich wieder hervor, wie bei der Fabrikation 
der Kriegsmaschine. Oft finden wir die ursprünglichen Haßmotoren des Perpe- 
tuum mobile noch angedeutet : Ich erinnere an die Konzeption Z o 1 a s in 
„Arbeit", wo die Sonne, der Vater, die Apparate speist, an die tausendjährigen 
Versuche, die Mutter Meer zur unerschöpflichen Kraftspenderin 2 zu machen . 

In unserem Falle finden wir das Haßobjekt nicht positiv ausgedrückt, nur 
negativ, die Erfindungen sollen alle Menschen überflüssig machen. In einer 
bewußt feindseligen Art ist der Patient gegenüber seiner Familie eingestellt: 
den Vater zwar verehrt er, kann es jetzt leicht tun, weil er schon lange tot ist; 
auch ist er weitgehend durch einen Vatersbruder, der lang im Hause wohnte, 
ersetzt, zu dem die Ambivalenz bewußt ist; mit der Mutter verbindet ihn 
ständiger Kampf- eine Schwester ignoriert er möglichst; bei einer anderen 
hat er den Haß auf deren links gerichtete politische Anschauung abgelenkt. 

Durch Automatisierung der Apparate hat er aber nicht nur die äußeren 
Liebesobjekte beseitigt, sondern vor allem auch sich selbst. Er hat damit 
die Todeswünsche, welche ursprünglich den Objekten galten, zur Selbst- 
bestrafung gegen sich gewendet und erfüllt. Sein Ich wurde zum Haß ob jekt, 
das — zur Strafe für seine Sünden — durch Krankheit ruiniert werden soll. 
Also nicht nur narzißtische Liebes wähl, wie wir oben sahen, auch 
narzißtische Haßwahl. 

Wenden wir uns nun der Tatsache zu, daß sich die Tabus von deutlich 
obszönen Dingen auf solche, die de normet gleichgültig sind, fortgesetzt haben. 
Er sexualisiert z. B. die Zugleine der Wasserspülung, indem er in ihr ein 



i) Ich gebrauche natürlich den Ausdruck nur der Kürze wegen für ein recht 
verwickeltes Phänomen mit Komponenten; groß, Vater sein wollen, Sadismus usw. 

2) Vor wenigen Tagen erst ging die Nachricht durch die Zeitungen, daß ein 
Schwindler den Erdmagnetismus als movens ausgenützt haben wollte. 



358 



Dr. Karl Landauer 



herabhängendes Glied erblickt und vermeidet. Dies Instrument, das unsere 
Berührung mit dem Kot verhüten soll, wird aber auch selber Kot, schmutzig, 
ebenso wie alle anderen Gegenstände, die örtlich mit Kot etwas zu tun haben. 

Diese allmähliche Übertragung auf immer entferntere zum Abort gehörige 
Gegenstände vollzog sich im siebenten Lebensjahr, in das eine Hochblüte 
sexueller Forschung fiel. Damals beobachtete er dasselbe Dienstmädchen 
Therese, dessen Koitus er früher belauscht, bei einem Spaziergang während 
der Defäkation. 1 Kurz darauf zog er im Gartenhäuschen eine etwas jüngere 
Spielgefährtin Eva völlig aus. Was er hieb ei sah, weiß er nicht. Er erinnert 
sich nur an sein Schuldgefühl hiebei und „sieht" sein eigenes .neugieriges 
Gesicht. Also: was er sehen wollte, daran erinnert er sich nicht: Therese 
hatte etwas Herabhängendes (die Kotstange), das sie verlor, Eva — 
überhaupt nichts; das will er nicht anerkennen. Dann müßte er sich 
mit der Tatsache der Kastrationsmöglichkeit abfinden. 

Die war ihm schon einmal vertraut geworden; mit vier Jahren etwa hatte 
er den ersten Traum, dessen er sich erinnert: er sieht eine schmierige 
Ebene. Zu diesem Traume, der um die zwanzigste Analysenstunde aufgetaucht 
war, kamen folgende Einfälle: 1) daß das Dienstmädchen ihn oft morgens 
ins Bett genommen; 2) daß er bei dem Onkel öfters geschlafen und morgens 
im Bett gespielt habe; 5) daß sein Onkel das Dienstmädchen, mit dem er 
eben das Zimmer teilte, besucht habe, wobei er den Onkel nur bis zum 
Bauch, das Mädchen selbst überhaupt nicht, sondern nur ihr Bett sieht. 

Damals hatte er die Gefahr der Kastration dadurch beseitigt, daß er den 
Vater — dieser war Mathematiker und sehr pedantisch — durch Identifi- 
kation aus der Welt schaffte und in einen Zähl- und Beobachtungszwang 
verfiel, von dem später noch die Rede sein wird. Das erste Schuljahr mit 
einer Liebesbindung an die sehr gütige Lehrerin hatte die Heilung von 
diesem ersten Schub der Neurose gebracht. 2 

Jetzt steht er wieder vor der Tatsache: Du kannst kastriert werden, aber 
auch wieder vor der anderen : die Kastration hat ihre lustvollen Seiten. Er 
durchschlägt den Knoten durch Selbstkastration: Er traut seinen Augen 
nicht mehr. Diese Autotomie durch Blendung, wie wir sie auch im 
Odipus finden, ist kein seltener Wunschtraum. Ein anderer Zwangs- 
neurotiker meiner Beobachtung hatte in der Pubertät ganz bewußt dahin- 
gehende Phantasien und beabsichtigte, sich dadurch zu vertiefen und zu ver- 
innerlichen, daß er sich hinderte, die Welt zu „erkennen" (bewußt vom 
Kranken im Doppelsinn gebraucht). Die Selbstvollziehung der Kastration 
bringt neben der narzißtischen Identifikation mit dem strafenden Vater auto- 
sadistische Wunschbefriedigung. 

Drei Symptome, unter denen er leidet, datieren von dem neuen Insult: Ein 
hysterisches (er reibt sich oft die Augen; dies enthält vor allem noch onani- 

1) Es traten Zweifel auf. ob dieses frühere Erlebnis sich nicht auf eine Vor- 
gängerin von Therese beziehe. Dieser Punkt ist nicht geklärt. Vorläufig muß ich, 
da sich jedenfalls beide Personen vielfach decken, sie als eine einzige betrachten. 

2) Für die Beobachtung einer Urszene im engeren Sinne, zwischen Vater und 
Mutter, fehlen Beweise, doch hat Patient bis ganz kurz vor der traumatischen Szene 
das elterliche Schlafzimmer geteilt. 



IM 



Gedanken bei Analyse einer Folie du doute 



359 



stische Komponenten), seine zwangsneurotische Zweifelsucht, und seine Perver- 
sion Neugierde, die ihn immer wieder zwingt, jede Arbeit zehnmal zu unter- 
brechen, umherzuschauen, alle Dinge, die in der Nahe liegen, zu betasten, 
auf der Straße plötzlich stehen zu bleiben, sich umzudrehen, alle Plakate anzu- 
stieren, jeden bedruckten Fetzen, besonders auf dem Klosett zu lesen. Die 
Neugier ist der Motor der Unterbrechung jeder geregelten Tätigkeit. 1 

Allerdings besteht noch eine weitere Motivierung für die Eigentümlichkeit, 
stets mehrere Dinge gleichzeitig zu intendieren, in der Erinnerung, daß er zu 
Anfang seiner Schulzeit einmal von seiner Mutter Bekannten als Wunderkind 
gezeigt worden sei, da er neben seinen Schularbeiten auf Klavierspielen 
horchen, Reden zuhören usw. konnte. Damals sei er sehr stolz darauf gewesen 
und habe wohl gemerkt, daß seine Mutter ihn darob bewundere, wenngleich 
sie ihn zur Aufmerksamkeit und Konzentrierung schon damals anhielt. Diese 
Mahnung erschien ihm natürlich dadurch recht verlogen, und er befolgt sie 
deshalb auch heute, da sie sicherlich ehrlich gemeint ist, noch nicht. Daß es 
sich bei dem Wunsche, gleichzeitig auf mehrere Beschäftigungen konzentriert 
zu sein, nicht um einen Ausnahmefall handelt, ersieht man aus der Tatsache, 
daß die Geschichte es der Mühe wert fand, von Cäsar diese Eigentümlichkeit 
zu überliefern. 

Die Wunscherfüllung gleichzeitiger Betätigung auf verschiedenen Gebieten 
ist für den Menschen so wichtig, da sie in sich noch andere Wunscherfüllung 
enthält. Nicht nur die Zeit, auch der Ort ist damit aufgehoben. Wir sehen 
es schon in jener kleinen angeführten Erinnerung. Das Kind saß nicht nur 
an seinem Tisch über den Schularbeiten, es belauschte gleichzeitig die 
Schwester beim Klavierspiel in einem, die Mutter bei ihren Gesprächen im 
anderen Zimmer. Ist nun wirklich Ort und Zeit aufgehoben, so ist damit die 
Neugier gestillt. Er weiß dann, was im Abort 2 und elterlichen Schlafzimmer 
vor sich geht. Mit der Allzeitlichkeit und Allgegenwärtigkeit ist aber (Fabel 
von der Tarnkappe) 3 die Allmacht verknüpft: der Mensch ist Gott, d. h. Ideal, 

Wir haben im vorhergehenden die mannigfaltigsten Gründe gefunden, die 
unseren an einem zwangsneurotischen Symptomenkomplex leidenden Kranken 
veranlassen, Wunschträume von Automatisierungen zu phantasieren. Er will 
die Berührung von bewußt unsympathischen Gegenständen vermeiden, ersetzt 
deshalb seine Hände durch Maschinen. Die werden verselbständigt, gehen auf 
eigene Verantwortung auf Lust aus und wachsen zum Ideal von Potenz, 
ersetzen nicht nur erogene Zonen, sondern ihn selbst und die Umwelt. Zugleich 
erreicht er, daß seine Sinnesorgane, denen er mißtraut, ausgeschaltet sind. 
Vor allem kann er nun vieles gleichzeitig tun, ist über Ort und Zeit erhaben. 
All dies soll erreicht werden, indem er die Zerissenheit des Affektes bei sich 
und anderen durch automatisierte, tote, Affektlosigkeit ersetzt. 



i) Es fällt nicht schwer, die Zweifelsucht — man nennt sie gerne lobend wissen- 
schaftliche Skepsis — als allgemein wirkenden Motor technischer Vervollkommnung und 
Automatisierung zu erkennen: Eine wissenschaftliche Beobachtung gilt eigentlich 
erst dann als erwiesen, wenn bei ihr möglichst das menschliche Auge usw. durch 
tote Instrumente, z. B. photographische Platte, ersetzt wird. 

2) Er muß stets aufpassen, wenn im Abort Geräusche entstehen. 

3) Frühere Erfindungen beschäftigen sich mit diesem Problem. 



36o 



Dr. Karl Landauer 



Es handelt sich bei der Automatisierung um einen Spezialfall des allge- 
meineren psychologischen Mechanismus der Affektverschiebung. Doch ist es 
nötig, ihn speziell hervorzuheben, da er eine große Rolle in der Psychologie 
der Zwangsneurose spielt. Es ist ein biologisch wertvoller, ja lebensnot- 
wendiger psychischer Mechanismus. Um seine Wichtigkeit zu ermessen, ver- 
gegenwärtige man sich ein Kind, das eben das Laufen erlernt: Das Heben eines 
Beinchens, das vielleicht an und für sich schon ganz gut geht, wird zum schwierigen 
Problem, wenn gleichzeitig der Körper in Gleichgewicht zu halten ist. Dabei 
auch ein Spielzeug in der Hand zu halten, ist Heldentat. Aber gar den Kopf 
nach einem anderen wenden, darnach greifen, das alte festhalten, Gleichgewicht 
bewahren und gehen: das ist unmöglich. Und dagegen eine alltägliche Leistung 
eines Erwachsenen, z. B. während man zur Türe geht, in der Absicht, etwas 
zu besorgen, in der einen Hand Hut und Schirm, in der anderen eine Mappe, 
verabschiedet man sich mit Geste und Wort von einem Bekannten, den man 
dabei ansieht. Diese vom kindlichen Standpunkt aus phänomenale Vielseitig- 
keit gelingt nur durch die Einsparung der Affekte, die wir ursprünglich jeder 
Einzelleistung zuwenden mußten: der Automatisierung des Gehens, Gerierens, 
Sprechens, Festhaltens usw. 1 

Greifen wir auf die Zeit der ersten Erwerbungen von Automatisierungen 
in der Kindheit zurück, so ist es neben dem biologischen Wert, dem Real- 
wert, der Lustgewinn, der ins Auge fällt : man beachte den Stolz, mit dem 
irgendeine derartige Leistung wie ein Wunderei begackert wird, wie sich das 
Kind narzißtisch aufbläht und darnach trachtet, sich in der Liebesgunst seiner 
Objekte zu spiegeln. 

Heben wir die Automatisierungen auf, so werden die gleichzeitigen Ver- 
richtungen für den Erwachsenen wieder fast ebenso unmöglich wie für 
das Kind. Man mache das einfache Experiment: wenn wir auf einen Gegen- 
stand, dem unsere Aufmerksamkeit zugewendet ist, losgehen, benötigen wir 
nur die Gehbreite eines Randsteines. Über ein Brett von gleicher Breite, in 
i m Höhe angebracht, können wir kaum gehen. Über einen Abgrund von 
100 m wäre es uns völlig unmöglich, uns einem so schmalen Pfade an- 
zuvertrauen. An diesem Beispiel zeigt sich, wie bei jedem Versuch, eine 
Automatisierung zu durchbrechen, neurotische Angst ausgelöst wird, denn bei 
dem Gehen über das wenig über dem Boden stehende Brett kann wohl nicht 
von Realangst die Rede sein. 2 

Beim Zwangsneurotiker ist der Automatisierungsvorgang von zweifacher 
Bedeutung: einmal können die normal automatisierte Vorgänge (wie Ankleiden 



i) Ein zweiter Spezialfall von Affektverschiebung, der gleichfalls für die Zwangs- 
neurose charakteristisch ist und auf den Freud schon früher aufmerksam gemacht 
hat, ist die Tatsache, daß bei Zwangsneurosen das Trauma, welches die Erkrankung 
auslöst, im Bewußtsein ist (im Gegensatz zum Hysteriker, der es meist, zum min- 
destens großenteils, verdrängt hat), daß es aber affektlos gebracht wird. Nicht das 
Ereignis, sondern der dazugehörige Affekt ist verdrängt. Die Mehrzahl der Analysen 
von Zwangsneurosen scheitert an der Schwierigkeit des Mangels an Schwierigkeiten. 
So wird es hier zum Problem, neben der bestehenden lauwarmen positiven Über- 
tragung eine möglichst stark negative hervorzurufen. Hier sehe ich eine Berechtigung 
der aktiven Therapie, mag es dann auch oft zum Abbruch der Behandlung kommen. 

2) Die Analyse dieses Phänomens bringe ich in einer späteren Arbeit. 



Gedanken bei Analyse einer Folie du doute 36t 

und Gehen) durch Intentionen, die aus dem Unbewußten kommen, gestört 
sein. Sie sind dann im Gegensatz zum Gesunden, bei dem sie affektlos, 
sozusagen passiv ablaufen, mit oft starken, positiven und negativen Affekten 
besetzt, sind konfliktuös und erfordern starke Aktivität. Andererseits bilden 
sich häufig magische Schutzhandlungen aus (z. B. Kopfschütteln, Räuspern usw.), 
von denen den Affekt zu verschieben allmählich gelingt, oft so gut, daß die 
toten Schatten kaum noch die Realanpassung stören. Erst ihre Behinderung 
macht dann die Affekte wieder deutlich und läßt sie als Angst wieder- 
kehren. 

Während also im Leben des Gesunden der Automatisierungsvorgang als 
solcher mit der Zeit affektlos wird und es — abgesehen von den beiden 
positiven Strömungen : Realwert und narzißtischer Lustgewinn — fast stets 
bleibt, ist der Mechanismus bei der Zwangsneurose so gut wie immer einer- 
seits Wunschziel, andererseits Tabu. 

Mit der Erkenntnis dieser Zusammenhänge sind die Grenzen der Therapie 
gezogen : Es kann nicht das Ziel des Arztes sein, den Mechanismus der 
Automatisierung an sich — und überhaupt einen psychischen 
Mechanismus — anzugehen, mag er auch noch so charakteristisch für 
eine Neurose oder Psychose sein, sondern nur seine Anwendung da, wo 
das Wohl des Kranken oder der Gesellschaft bedroht ist. Dazu ist dann aller- 
dings nötig, die Affekte aus der Verdrängung zu heben und sie an die 
ursprünglich konfliktuösen Verrichtungen wieder zu binden. Aber wo sind 
diese Affekte? Sicher nicht in der lauwarmen positiven Übertragung, welche 
die Analyse von Zwangsneurotikern oft endlos sich hinschleppen läßt; nicht 
in dem narzißtischen Wohlgefallen an tausend schönen und interessanten 
Onaniephantasien. 

Durch die Betrachtung der Automatisierung waren wir von unserem Fall 
auf allgemeine Betrachtungen gelenkt worden. Wir haben uns nun einem 
Umstände zuzuwenden, der wenigstens nicht in diesem Umfange verallgememter 
werden darf: Bisher sprachen wir von Erfindungen und haben außer acht 
gelassen, daß es sich ja nicht um wirkliche Erfindungen, sondern 
nur um Ideen zu solchen handelt. Natürlich stoßen wir bei der Analyse 
dieses Umstandes wieder auf die bereits bekannten Triebkomponenten : die 
Eigentümlichkeit, alle Produkte, vom Kot angefangen bis zur Mitteilung 
in der Analyse, zurückzuhalten, die Angst, an die Dinge heranzugehen, sie zu 
berühren. Wir stoßen aber auch auf die Tatsache, daß Patient larvierter 
Linkshänder ist: er schneidet Brot links, zeichnet links wie rechts und 
dergleichen mehr. Verrichtungen allerdings, über denen einst die Tyrannis der 
Erziehung im besonderen Masse waltete, namentlich das Schreiben, versieht 
er rechts. Man kennt die gewaltsamen Eingriffe der Erziehung, wie „gib die 
schöne Hand", jenes Zweifeln des Kindes, mit welcher Hand die Gabel zu 
halten sei. Und man wird wohl nicht fehlgehen, hier eine Wurzel der 
Zweifelsucht zu suchen. Nicht, daß ich glaubte, in der Linkshändigkeit 
meines Kranken einen Anhalt für somatische Grundlagen gefunden zu haben, 
wie das für die Epilepsie gälte ; einzig die psychischen Folgen der Erziehungs- 
maßnahmen möchte ich in ihrer Bedeutung charakterisieren. 

Immerhin handelt es sich auch bei dieser Determination um keine Rarität : 
zwei weitere Zwangsneurotiker aus meiner Beobachtung sind gleichfalls Links- 



362 



Dr. Karl Landauer 



händer und eine an derselben Neurose leidende Dame hat als Lieblings- 
schwester eine Linkshänderin, 1 die sie (nicht nur in dieser Beziehung) stets 
bei der Mutter auszustechen trachtete. Zwei der Genannten haben es übrigens 
verstanden, einmal ihren rechten Arm zu brechen, um (unter anderem) ungestraft 
einmal Linkser sein zu dürfen. 

"Wir haben im Vorhergehenden einen Längsschnitt durch die Entwicklung 
der Neurose unseres Kranken zu legen gesucht. Wenden wir uns, nachdem wir 
' die Triebe in der Vergangenheit erschlossen, der Gegenwart zu, seinen 
akuten, schier unüberwindlichen Widerständen. Es handelte sich um eine 
Auflehnung des Kranken gegen die psychoanalytische Grundregel, rationalisiert 
mit Äußerungen wie : das Verhältnis von Arzt und Kranken sei zu wenig 
persönlich; der Analytiker nehme den Kranken nicht als Menschen, sondern 
als Fall, er schematisiere. Also: der Patient empfindet sich nicht als Mensch, 
sondern als Sache genommen und lehnt dies ab, während wir gerade 
gefunden haben, daß er ambivalente Personen und sich selbst und Teile von 
sich durch Sachen, Automaten ersetzen will. 

Es bedarf wohl nach vorliegender Arbeit, die ich freiwillig dem Kranken 
gewidmet habe, um mir über ihn klar zu werden, keiner Widerlegung, daß 
ich nicht zu wenig Interesse und Liebe auf den Patienten verwende. Es handelt 
sich demnach nicht um eine objektiv vorhandene, sondern um eine subjektiv 
empfundene „Schematisierung", g e gen die sich der Kranke auflehnt. Mit 
anderen Worten: Während die Lust, durch eine Sache, einen Automaten 
ersetzt zu werden, an sein bewußtes Ich geknüpft ist und in seinen Erfindungs- 
phantasien lauten Ausdruck findet, scheint bei ihm die gleichsinnige Unlust 
von einem — homosexuellen — Objekte auszugehen, wird auf dieses proji- 
ziert und dann, reflektiert, auf das Ich zurückgewendet. Sein Ich spiegelt sich 
im Analytiker, wie es der Narziß der Fabel in den Wassern tat. Durch eben 
diese Projektion, eine Regression in den Narzißmus, erwehrt er sich der bedroh- 
lich anwachsenden homosexuellen Triebregung, welche durch die Übertragung 
aktiviert wurde. 

Er wiederholt damit in der Übertragung einen Vorgang seiner frühen 
Jugend: der Verliebtheit in seinen Penis entfloh er durch Verselbständigung 
desselben und Automatisierung; der liebenden und neidenden Bewunderung 
des Penis des Onkels und des herabhängenden Gegenstandes, den er bei 
T h e r e s e sah, wich er aus durch deren Ersetzung durch Automaten. Besonders 
deutlich tritt diese Neigung zur Projektion in der Art zutage, in der sich unser 
Kranker nicht nur selber erfindend betätigt, sondern von klein auf den Erfindungen 
Anderer seine Liebe und Zeit gewidmet hat. So war von je das Hauptobjekt 
seiner Neugierde Eisenbahn und Tram. An den Elektrischen lernte er das 
Zählen und die Ziffern lange vor der Schulzeit. Sie und die Zeiten, wann sie 
das väterliche Haus passierten, kontrollierte er früh. An den Geräuschen lernte 
er Vororts- und Stadtbahn unterscheiden. Er muß jedem abfahrenden Zug nach- 
sehen, „um seiner verlorenen Aktivität nachzutrauern". Charakteristisch ist 
für ihn die Häufigkeit, mit der in seinen Träumen Viadukte und Lokomo- 
tiven eine Rolle spielen. Zum Beleg folgendes Bruchstück aus dem bereits 



1) Auch die älteste Schwester unseres Kranken, eine Zwangsneurotikerin, ist 
Linkshänderin. 



Gedanken bei Analyse einer Folie du doute 



363 



zitierten Traum: „Eiseribahnviadukt, viele rauchende Kaminschlote, -pracht- 
voller gelbroter Abendhimmel. Weissagung um $ I 4 II Uhr (es fahrt gerade 
ein Zug über den Viadukt): I. Dies zvird der letzte Zug gewesen sein, der 
über den Viadukt fuhrt . . ." Diesen nach außen projizierten 
Automaten gegenüber tritt die Selb st au t o m a tisier ung 
zurück. Ja, man könnte sagen : eigentlich ist fast ausschließlich die 
Perversion der Neugierde und die Überlegung über Zeit- und Geldeinteilung 
automatisiert; sie durchbricht stetig die normalerweise automatisierten Betäti- 

Kranke hat den Arzt gerade deshalb auf- 
Behinderung leidet, Automat 



gungen in Alltag und Beruf; der 
gesucht, weil er unter der 
zu sein. 

Liegt nun in Anbetracht davon, daß wir Schritt für Schritt auf Narzißmus 
stoßen, in tiefster Schicht etwa keine Zwangsneurose, sondern ein Paranoid 
vor? Ist die analerotische Regression, die wir aufgezeigt haben, vielleicht nur 
ein allerdings mißglückter Heilungsversuch aus der narzißtischen? Wird der 
weitere Verfolg der Analyse am Ende die Zwangsneurose abbauen und ein 
absolut asoziales Paranoid aktivieren? Mir scheint: noch sind wir zu diesen 
Schlüssen nicht berechtigt, denn noch könnte es sein, daß umgekehrt die 
narzißtische Stufe einen Heilungs versuch durch Progression von der Anal- 
erotik darstellte. 

Und dies um so mehr, da bisher eine affektive Auseinandersetzung mit dem 
Trotz auf analerotischer Basis noch aussteht. Wohl wissen wir, daß Patient 
seinen Stuhl noch heute tagelang zurückhält, daß seine gleichfalls an chroni- 
scher Verstopfung leidende Mutter ihn mit der ihr eigenen Pedanterie zur 
Stuhl- und Urinabgabe zu bestimmten Zeiten anhalten wollte; wir kennen 
Erinnerungen, in denen sich das Kind vor befohlenen Spaziergängen unfähig 
zur kommandierten Defäkation zeigte und durch endloses Sitzen auf dem 
Klosett das Fortgehen vereitelte. Des fernem ist die Übertragungsparallele 
von Mutter und Arzt voll bewußt, von der Mutter, die noch heute den Sechs- 
un dz wanzigj ährigen in fast allen praktischen Fragen als unmündig nimmt, 
dessen affektive Einstellung als quantite negligeable betrachtet wird. Allerdings: 
all dies wurde und wird affektlos berichtet, denn besprochen wurde es natür- 
lich bereits mehrfach in der Analyse, auch akzeptiert als interessante Hypothese 
des Arztes. Das kann sowohl als paranoide Affektlosigkeit gelten wie auch als 
jener häufige Fall bei Übertraguxigsneurosen, wo die ersten Mitteilungen affekt- 
los gebracht werden, um erst nach Monaten mit entsprechendem Affekt wieder- 
holt zu werden. Nun sind die genannten Tatsachen erst im sechsten Lebens- 
jahr belegt und es ist, bis auf den Traum im vierten Jahre, noch unbekannt, 
ob sie nur Neuauflagen älterer noch unbewußter Vorkommnisse sind. Das 
gewichtigste Moment, das man trotz der narzißtischen Mechanismen für 
Zwangsneurose geltend machen kann, ist jedoch, daß der sogenannte anal- 
erotische Trotz stets eine narzißtische Reaktion auf die Kränkung des Nar- 
zißmus, allerdings auf analerotischem Gebiet, ist. 

Sei dem nun wie es seil In diesem Augenblick konnte die Analyse nicht 
abgebrochen werden, selbst wenn es ein Paranoid war. Sperrung für die 
gesamte Außenwelt (sei es in Form schwerster Stuporen, sei es als halluzina- 
torische Erregungszustände) sind allen Analytikern, die sich an Paranoide so 
weit herangearbeitet und hier abbrechen oder nach Art der Übertragungs- 



3Ö4 



Dr. Karl Landauer 



analyse passiv weiter analysieren, bekannt. 1 Vor allem dürfen wir nicht aus 
dem Auge verlieren, daß der Projektionsmeehanismus an sich durchaus nicht 
pathologisch ist. Ist es doch nur durch ihn dem Ich möglich, ein Du zu 
hypothetisieren, es zu verstehen, mit ihm zu rechnen. 

Ob allerdings die lauwarme Übertragung die Belastungsprobe einer aktiven 
Therapie aushalten würde, war nicht zu beurteilen, denn das Problem, das 
jetzt der Analyse gestellt war, lautete; die homosexuellen Triebkomponenten 
zu verstärken, sie gegen die Verdrängung, welche vom Narzißmus ausging, 
mit dem bewußten Ich zu verbinden. Da aber seine Homosexualität im 
Narzißmus, in der Identifikation mit Therese, wurzelt, würde sich eine 
Verstärkung desselben nicht umgehen lassen, ja sie würde wünschenswert 
sein. 

Die nächsten Wochen der Analyse gestalteten sich dementsprechend drama- 
tisch: Als Patient seinen Einwurf, er werde vom Arzt nur als Fall behandelt, 
wiederholte, wurde ihm erklärt: Er projiziere seine Abneigung gegen die 
Automatisierung, die er bewußt in anderer Beziehung anstrebe, auf den Arzt. 
Dieser habe sich ihm im Gegenteil außerordentlich stark gewidmet, d. h. da 
er mir das Geschenk der Mitteilungen verweigerte, bot ich ihm ein Geschenk 
dar. Zum Beweis: hier die Arbeit mit ihrem Zeitaufwand und mit Liebe. 
Schweigen, dann mit zitternder Stimme der Kranke: „Das hätte ich nicht 
erwartet." Wieder Schweigen, dann in herzlicherem Tone einige Mitteilungen. 
Tagelanges Weiterschreiten der Analyse auf von Zensur freiem Gebiet alter 
affektl oser Erinnerungen . 

Noch in einem anderen Punkt war die Technik zu ändern: Schon wieder- 
holt hatte Patient auf Mitteilung einer Deutung mit dem Verlangen geant- 
wortet, der Arzt möge ihm die Mitteilung wiederholen, damit er sie besser 
sich einprägen könne. Man solle sie ihm einpauken; Patient wolle sie sich 
aufschreiben, um sie auch untertags vornehmen zu können. Diese Auf- 
forderung war bisher als Widerstand gegen das Bewußtwerden der Tatsachen, 
als Zweifelssucht erklärt und zurückgewiesen worden. Nunmehr wurde in ihr 
die Komponente des Wunsches, wie ein Schuljunge, als „Automat" behandelt 
zu werden, erkannt und demgemäß entsprochen. Der zu befürchtenden Aus- 
nützung wurde zu begegnen gesucht, indem ausdrücklich auf dieses Entgegen- 
kommen als Gegengewicht gegen den zur Projektion führenden Wunsch her- 
vorgehoben wurde. 

Nach ungefähr zehn Stunden erschreckte die Mitteilung, daß Patient während 
der Stuhl Verrichtung mit seinem Kot rede, ihn noch lange betrachte, ja Zwie- 
gespräche mit ihm halte. 

Dies war die Krisis der Analyse, die am Projektionsmechanismus des 
Patienten beinahe gescheitert wäre, denn die Zurückführung des Phänomens 



1) Es ist mir Pflicht, auf einen Prioritätsanspruch Freuds für die Deutung der 
Sperrung hinzuweisen. In einer Diskussion eines von mir 1913 in der Wiener 
PsA. Vereinigung gehaltenen Vortrags über analytische Erfahrungen an Schizophrenen 
führte Freud in einer Diskussionsbemerkung den von mir heute vertretenen 
Gedankengang aus, dem ich damals lebhaft widersprach. Ich habe deshalb auch erst 
nach Fertigstellung der Arbeit mich dieses Intermezzos erinnert, was ich als 
hübschen Beitrag zur Psychologie des Vergessens erwähne. 



Gedanken bei Analyse einer Folie du doute 3"5 

auf das „anale Kind", als das ersieh selbst in die Welt setzen wollte, brachte 
es zum Schwinden. Damit waren die Bahnen wieder frei für die Erscheinungen 
der Objektübertragung. 

Eingegangen im Januar 1924» 



Nachtrag bei der Korrektur: 

Wenn ich heute, fünfviertel Jahre nach Beendigung der Behandlung, ihren 
Weiterverlauf kurz andeuten darf, so geschieht das am besten als Analyse der Tat- 
sache, daß Patient bei all seinen bisherigen Erfindungen „natürlich wieder einmal 
zu spät kam". Er veranlaßte eine Kollegin, in dieselbe Pension zu ziehen. Bei einer 
der ersten Zusammenkünfte kam es während des Küssens zu einem unwillkürlichen 
Samenabgang, „Coitus discretus", wenige Tage darauf zur Ejaculatio praecox. Ich kann 
mich nunmehr ganz kurz fassen, da ich mich auf die vorzügliche Arbeit von 
Abraham (Klinische Beiträge zur PsA., Int, PsA. BibL X, S. 259) beziehen 
kann, für die mein Fall als Paradigma dienen könnte. Besonders mächtig zeigte sich 
die Urethralerotik entwickelt (vergleiche auch S a d g e r, Jahrbuch f. PsA., Bd. II., 
1910, S. 409 ff). Die Unfähigkeit, gleichzeitig zwei Flüssigkeiten chemisch zu verarbeiten, 
erwies sich als Folge der Tatsache, daß der Kranke Urin und Sperma nicht aus- 
einander hielt, während das Unvermögen gleichzeitiger Beschäftigung mit festen 
Substanzen und Flüssigkeiten die gegenseitigen Hemmungen analer und urethraler 
Tendenz illustriert. Der aus dem Kastrationsverbot abzuleitende Haß gegen das 
andere Geschlecht war gut fürs Bewußte verdeckt durch die Liebe zum Kameraden, 
dessen Kollegenschaft die homosexuelle Komponente durchbrechen und infantile 
Urinspiele erneuern ließ. Die Tatsache, daß sie, nicht zur Familie gehörig, dieselbe 
Wohnung teilte, charakterisiert sie noch besonders als Imago von T h e r e s e und 
dem Onkel. 

Die Aufhellung der Zusammenhänge, die ungefähr 60 Stunden beanspruchte, 
führte zu einer Entwertung des Verhältnisses, ohne daß es zu einer Lösung 
kommen konnte: die Ejaculatio praecox verwandelte sich in Ejaculatio retardata. Wir 
waren beim letzten, etwa 40 Sitzungen umfassenden Abschnitt angelangt, bei der 
Besprechung der Analerotik und ihrer Zusammenhänge mit dem Narzißmus, dem 
Kastrationskomplex und den Geburtsphantasien. In Übertragung gelang es ihm, sich 
freiwillig an ein Objekt auf Zeit zu binden und sich von ihm neugeboren zu 
lösen. 

Die urethral- und analerotischen Manipulationen der praktischen Chemie mit 
ihren früher unwiderstehlich lockenden, aber verpönten Determinationen hatten mit 
diesen ihre Bedeutung verloren: seit mehr als Jahresfrist betätigt er sich zu seiner 
eigenen und der Umgebung Zufriedenheit als Propagandachef einer chemischen 
Fabrik. Die Automatisierungstendenzen gegen sich, die Mechanisierungs ab sichten 
gegen die Umwelt finden hier sublimierten Ausdruck dadurch, daß er sich und 
anderen die Zeit einteilt, die Arbeit zuweist und vor allem, daß er viel in die 
Schreibmaschine diktiert oder auf ihr selbst schreibt. Jetzt ist es ihm auch gelungen, 
rechtzeitige Erfindungen zu machen : er konnte zwei Patente auf dem Gebiet beweg- 
licher Reklame nehmen, die den toten Buchstaben verlebendigen. Der Zweifel 
zwischen urethraler Exkretions« und analer Retensionslust hat er durch genitale 
„Amphimixis" (F e r e n c z i) bei Imagines der guten Mutter T h e r e s e überwunden. 



366 



Landauer: Gedanken bei Analyse einer Folie du doute 



Die „verzweifelte" Suche nach dem Idealpenishater aufgegeben, am männlichen Liebes- 
objekt, das ihn doch vorenthalten würde, wie es der Onkel tat, am weiblichen, das 
ihn immer wieder verlieren würde, wie einst T h e r e s e die Kotstange ; er hatte 
es können, weil er am eigenen Körper den realen wieder entdeckt hatte, aus dem 
ungestraft Lust zu gewinnen war. Das große „Kunststück" (Rank) war gelungen: 
Lust ohne Ver-Lust, ohne Verlust des eigenen Penis, ohne Abtötung des 
Fleisches und des Ichs, die sich in Lust immer wieder neu gebaren. Das gestrenge 
Über-Ich hatte damit seine Macht verloren. Er weiß jetzt, daß die linke Hand auch 
„die schöne" sein kann und etwas nicht schon deshalb verboten ist, weil es gefällt. 
Durch all diese Veränderungen war auch der Aktualanlaß seines letzten Krank- 
heitsschubes weggefallen, der nach dem Examen eingesetzt hatte. Da wär"e es seine 
Pflicht gewesen, sich als praktischer Chemiker zu betätigen. Namentlich seine 
Mutter drängte dazu. Urethralen und analen Spielen, die sie einst verboten, hätte 
er sich nun auf ihr Geheiß sein Lebtag ergeben sollen! Aber zwingen läßt sich so 
leicht kein Zwangsneurotiker, gewiß nicht von der realen Mutter (bezw. vom 
Vater; oder ihren realen Imagines, nur von seinem Über-Ich, der Mutter von 
einst, und am wenigsten zur Lust, die sie einstmals verboten. 



REFERATE 



Aus den Grenzgebieten 

Handwörterbuch der Sexualwissenschaft, Enzyklopädie der natiuv 
und kulturwissenschaftlichen Sexualkunde des Menschen. Herausgeg. v. Max 
Marcuse. A. Marcus u. E. Webers Verlag, i, Auflage 19^3. 2. Auflage 1925 
(im Erscheinen). 



Es sei im allgemeinen gesagt, daß jeder 
Sexualforscher und damit jeder Psycho- 
analytiker dem Herausgeber für das not- 
wendige Unternehmen, das bisherige 
Wissen auf dem Gebiete der Sexual- 
wissenschaften in einem Handwörterbuch 
zusammenzufassen, Dank schuldet. Bio- 
logen, Vererbungs Wissenschaftler, Psych- 
iater, Psychologen, Ethnologen, Sozio- 
logen, Philosophen, Juristen u. a. haben 
Beiträge über die große Zahl der sexuo- 
logischen Themata geliefert, die eine 
Fülle von Wissen vermitteln. Für die 
Darstellung der Psychoanalyse hat der 
Herausgeber Freuds Mitwirkung ge- 
wonnen, der wir in zwei Abhandlungen 
(Libidotheorie, Psychoanalyse) einen 
meisterhaften Abriß unserer Wissenschaft 
verdanken. In der 2. Auflage werden 
Hermine H ug-Hellmuth und Schul tz- 
H e n c k e mit psa. Themen vertreten sein. 

Daß die 2. Auflage des Werkes außer 
der Hinzufügung von Illustrationen wesent- 
liche Erweiterungen und Verbesserungen 
des Textes aufweist, ist vom Herausgeber 
angekündigt worden und wird durch den 
Inhalt der drei bisher erschienenen Liefe- 
rungen bestätigt. So bringt Marcuse 
einen scharfsinnigen und kenntnisreichen 
Aufsatz über die „Enuresis nocturna", in 
welchem neben der Besprechung der 
innigen anatomischen und physiologischen 
Zusammenhänge zwischen dem uropoeti- 
schen und dem Genital-Apparat die 



psychosexuellen Bedingtheiten voll ge- 
würdigt und die psychoanalytischen For- 
schungen (Freud, Abraham, Rank, 
S a d g e r) ausgiebig verwertet werden. 
Überhaupt ist zu betonen, daß der Heraus- 
geber in seinen eigenen Beiträgen die 
psychoanalytische Forschung überall be- 
rücksichtigt, was man nicht in dem 
gleichen Maße von seinen Mitarbeitern 
sagen kann. So verwertet z. B. — der 
sonst über ein großes ethnologisches 
Wissen verfügende und mit ausgezeich- 
neten Beiträgen vertretene — Reitzen- 
stein nicht R e i k s Untersuchungen 
über die „Couvade", Scheuer nicht 
Freuds „Tabu der Virginität" in den 
Artikeln „Brautnacht und Defloration". 
Bei v. Wiese, der sonst anregend über 
Ehe, Eifersucht u. a. zu schreiben weiß, 
vermißt man die psa. Erkenntnisse ins- 
besondere bei der Behandlung der „Eifer- 
sucht". Vierkandt, klar in „Geschichte 
der Ehe" wirft in seinem Beitrag „Ero- 
tischer Trieb" der psychoanalytischen Lite- 
ratur vor, daß in ihr das Wort „Libido" 
hin und her schwanke zwischen sinnlichem 
Verlangen und allgemeinem Lebens- und 
Gemeinschaftsdrang, bringt die Behand- 
lung seines Themas aber seinerseits durch 
sein Vorbeigehen an den grundlegenden 
psychoanalytischen Einsichten über die 
genetischen Zusammenhänge zwischen 
jeder Art „Liebe" und dem Sexualtrieb 
weder zu Tiefe noch Klarheit. Die an den 



368 



Referate 



Beiträgen der eben aufgezählten Forscher 
beobachtete Nichtberücksichtigung der 
PsA. wiederholt sich in beiden Auf- 
lagen. 

Vorzüglich sind Beiträge von Siemens, 
dem Verfasser von „Einführung in die 
allgemeine Konstitutions- und Verer- 
bungspathologie", über „Blutsverwandt- 



schaft", „Geschlechtsabhängige Verer- 
bung" „Domestikation" u. a. 

Wir wollen es zunächst bei diesen 
Notizen über das bedeutsame Werk be- 
wenden lassen und behalten uns vor, 
auf einzelne Aufsätze im Laufe des Er- 
scheinens der 2. Auflage zurückzukommen. 

Mülle r-B raunschweig (Berlin) 



Hirschfeld, San.-Rat Dr. Magnus: Geschlechtskunde, auf Grund dreißig- 
jähriger Forschung und Erfahrung bearbeitet. (In Lieferungen, nur auf Sub- 
skription, Lieferung 1— 4.) Stuttgart, Julius Püttmann. 



Dieses groß angelegte, allgemein für 
Gebildete verständliche Werk zur Be- 
lehrung über das menschliche Sexualleben 
behandelt in Breite alle einschlägigen 
Themen — mit der überlegenen Erfahrung, 
die dem leitenden Arzt des Instituts für 
Sexualwissenschaft in Berlin wohl ansteht. 
Daß Hirschfeld über dreißigjährige 

Rivers, W. C.: Von menschlichen 
von Helmut Müller, Leipzig 1925- 

Nach einer längeren Einleitung, die 
der populär- wissenschaftlichen Darstellung 
der verschiedenen Sexualtheorien dient, 
wobei die Freud sehe an erster Stelle 
steht, folgen einige lose aneinandergefügte 
Aufsätze, i. „Eine neue Theorie 
des Küssen s." Die psychoanalytische 
Zurückführung des Kusses, der Fellatio 
und des Gunnilingus auf die Munderotik 
und die infantile Saugelust wird abgelehnt. 
Sie seien nicht bloß „zum Vergnügen" da, 
sondern dienen einer biologischen Funktion, 
nämlich der, die Geschlechtsteile des 
Partners schlüpfrig zu machen. Diese 
Theorie „würde die Freu dianer vor nutz- 
losem Theoretisieren abhalten". 2. „D i e 
Ärztinnen zukünftiger Zeiten", 
ein etwas an ti femin istisch gehaltener 
Artikel über die Unzweckmäßigkeit der 
Besetzung männlicher Berufe durch 
Frauen. 3. „W eiteres über Walt 
Whitmann." 4. „Ein neues Merkmal 



Forschung und Erfahrung auf dem Gebiet 
der Psychoanalyse verfügt, wird er selbst 
nicht behaupten; daher steht ihm die 
Überlegenheit nicht zu, mit der er sie — 
unter Verwerfung des Ödipus-Komplexes — 
recht ausführlich zwar und relativ gnädig 
hier abhandelt. 

Hitschmann (Wien) 

Trieben. Aus dem Englischen übersetzt 

homosexueller Manne r. 44 Frauen 
zeigen eine besondere Vorliebe für Katzen; 
dasselbe soll bei homosexuellen Männern 
der Fall sein. 5. „Der Künstler und 
der Wilde": Im Anschluß an die 
R a n k sehen Untersuchungen werden wei- 
tere Beziehungen, auch physiognomische, 
zwischen sexueller Abnormität, Atavismus 
und Künstler tum aufgezeigt, die aber 
nicht überzeugend wirken, so wenn z. B. 
gesagt wird, „der schöpferische Künstler 
neige naturgemäß zu Gewalthandlungen 
und Kriegsdienst 44 . 6. „Rassenmischung 
und Atavismus 44 : Bei übergroßer 
Rassenmischung sollen Atavismus und 
Entartungen aller Art mitgezüchtet werden. 
Im Interesse der Eugenik sei es gelegen, 
mehr „intrarassisch i4 als „interrassisch' 4 
vorzugehen. Der „auf die Spitze getriebene 
Internationalismus 44 sei nicht zu empfehlen. 
Reich (Wien) 



B 1 eu 1er, E., Prof. : Die Psychoide als Prinzip der organischen 
Entwicklung. Springer, Berlin 1925. 

In konsequenter Verfolgung der in der zuweisen, daß die lebende Substanz 
„Naturgeschichte der Seele und „beseelt" ist, bzw. daß ein „Etwas, das man 
ihres Bewußtwerdens" auseinander- Seele nennen konnte," Leben, Gestalt und 
gesetzten Ideen versucht der Autor nach- Funktion schafft. Diese Seele des Or- 






Referate 



369 



ganischen, die der Autor „die Psychoide" 
(femin. singuL) nennt, sei aber nicht von 
außen in die Substanz hineingefahren, wie 
sie nicht ohne Substanz denkbar ist, 
sondern sie ist „ein Funktionskomplex, 
eine mnemische Aktivität, die in ganz 
einfachem Zustande schon in der leblosen 
Welt vorkommt und erst in ihren kom- 
plizierten Ausbildungen als Psychoide mit 
der Seele des Menschen, einem ziel- 
gerecht handelnden Wesen, vergleichbar 
ist und in ihrer Spezialisierung in der 
Rindenfunktion als Psyche erscheint." Es 
sei falsch, die Funktionen der mensch- 
lichen Psyche auf niedere Wesen zu über- 
tragen, in Wirklichkeit sei die Psyche 
aus den Funktionen der „Lebsubstanz" 
zu erklären. Der Autor will „die Psychoide" 
als „rein naturwissenschaftlichen Be- 
griff" aufgefaßt wissen, im Gegensatze zum 
philosophischen Begriff des „Psychoids" 
bei D r i e s c h, dessen Lehre von der 
Entelechie als zielsetzendem Entwicklungs- 
prinzip er ablehnt. Die „huschen 
Funktionen" des Reflexes und 
der Artentwicklung beruhen nicht 
auf einer primären zielenden oder ord- 
nenden Funktion, sondern sie sind Erfolge 
eines Gedächtnisses, also kausal (nicht 
final) zu erklären. 

Der Versuch, einer naturphilosophischen 
Betrachtung des Lebendigen eine natur- 
wissenschaftliche entgegenzusetzen, 
ist aber Bleuler nicht völlig geglückt. Die 
mechanistische Entwicklungstheorie und 
die Lehre vom Zufall und der Auslese 
als alleinigem Entwicklungsprinzip werden 
in klarer und überzeugender Weise wider- 
legt. Jede Entwicklung ist durch mne- 
mische Erfahrungen determiniert, die die 
Anpassung bewerkstelligten: „Die Länge 
eines Gliedes ist einer Tierart infolge 
dauernder Änderung der äußeren Um- 
stände, oder z. B. weil sie vom Land ins 
Wasser geht, hinderlich geworden — sie 
hemmt im Verlaufe der Generationen sein 
Wachstum immer mehr, bis die Dimen- 
sion des Gliedes sich auf ein Optimum 
eingestelllt hat (Artentwicklung)." „In 
den Erfahrungen und der Anpassung 
ist die Zielstrebigkeit des Lebendigen 
gegeben." Das Ziel „aller Lebfunktionen 
ist der Schutz des Lebens und das ist 

Int. Zeitschr. £ Psychoanalyse XI/3 



auch das einzig Konstante in den bii sehen 
Anschauungen." Doch scheint uns gerade 
hier die Lücke zu klaffen, die der Autor 
nicht auszufüllen vermochte: wie läßt 
sich die Tendenz zum Schutz des Lebens 
oder die Anpassung selbst aus der Er- 
fahrung allein erklären? Wenn die Giraffe, 
nach einem Beispiel Bleulers, ihren 
Hals verlängert, um zu den hochhängenden 
Früchten zu gelangen, oder eine Tierart 
ihre Gliedmaßen modifiziert, so tun sie 
es gewiß auf Grund gemachter Er- 
fahrungen. Aber was bewirkt, daß 
die Erfahrung aktiv wird? Hier 
hat sich Driesch mit dem irreduziblen, 
vitalistischen Prinzip der Entelechie als 
zielstrebender Funktion, und Bergs on 
mit seiner „schöpferischen Kraft 11 geholfen. 
Auch bei Bleuler schleicht sich, un- 
eingestandenermaßen. eine vitalistische 
Voraussetzung ein, wenn er schreibt: 
„Wir haben in der Biologie immer mit 
einer bestimmten Art Aktivität zu tun, 
die nach der Erhaltung der Art gerichtet 
(ist) .... Die Aktivität („Er gie") ist eine 
Voraussetzung bei allen unseren folgenden 
Überlegungen, und wir dürfen sie voraus- 
setzen, weil wir sie überall antreffen," 
Daß der Autor übersieht, daß er die Er- 
fahrung (als Material der Anpassung) mit 
dem Motiv, die Erfahrung überhaupt 
auszunützen, gleichsetzt, beweist auch ein 
Satz auf S. 151, wo der Vitalismus „als 
noch in keiner Weize zwingend oder 
auch nur wahrscheinlich", ebenso wie die 
mechanistische Theorie abgelehnt wird. 
„An deren Stelle tritt ein zweckmäßiges 
Streben » , . ., das sich aus der Mneme 
der lebenden Substanz von selbst 1 
ergibt." (Streben und Gedächtnis werden, 
wohl um die Kontinuität: Psyche — 
Psychoide — nichtlebende Materie nicht 
zu zerreißen, auch der letzteren zu- 
geschrieben). Und selbst wenn die Er- 
fahrung wesensgemäß genügte und auch 
das Motiv zur Anpassung in sich schlösse — 
was bewirkt, daß Erfahrungen 
gemacht, Engramme gesammelt 
werden? So ist auch der Autor um 
die Notwendigkeit einer vitalistischen 
These, die aus der Ablehnung der mecha- 



1) Vom Ref. gesperrt. 



24 



370 



Referate 



nisti sehen Entwicklungslehre erfließt, trotz 
eifrigen Bemühens nicht herumgekommen. 
„Ergie" und „Psychoide" sind doch nur 
Umschreibungen von „Entelechie", 
^schöpferische Kraft", „Lebenstrieb" 
(Freud), die vorläufig unerklärbar sind. 
Darüber hinaus bedeutet aber der ge- 
lungene Nachweis kausaler, „psychoider" 
Beziehungen in der Entwicklung zweifellos 
eine Errungenschaft, die auch für die 
Psychoanalyse von Bedeutung ist. So sind 
insbesondere die Ausführungen über die 
Beziehungen zwischen Psychoide und 
Psyche beweisend auch für die Richtig- 
keit der psychoanalytischen Theorie des 
Unbewußten, dessen Grenzen gegen das 
Organisch - Lebendige verschwimmen. 
Freud und die Psychoanalyse 
werden zwar an keiner Stelle 
erwähnt, doch wird manche psycho- 
analytische These in die Lehre eingeführt. 
„Die Ähnlichkeit solcher (psychoider) 
Reaktionen mit psychischen besteht darin, 
daß der Organismus förderlich und schäd- 
lich unterscheidet", (Lust- Unlust-Prinzip). 
Psychoide und Psyche überdecken einander 
im Bereiche der Triebe, Die Psyche wird 
von der Psychoide maßgebend bestimmt, 
sie beeinflußt wieder ihrerseits psychoid- 
körperliche Funktionen, doch „nur in ihrem 
unbewußten Anteile" (z. B. Quaddel- oder 



Blasenbildung auf Suggestion). „Das Un- 
bewußte" (offenbar ist der Freud sehe 
Begriff gemeint) stelle „in naturwissen- 
schaftlicher Auffassung wohl nichts als 
eine Rindenfunktion dar, die assoziativ 
nicht mit dem Komplex, der in einem 
gegebenen Moment die bewußte Persön- 
lichkeit darstellt, verbunden ist." So wird 
auch versucht, eine Rindenpsyche von 
einer „Subpsyche" zu unterscheiden, die 
an Hirnstamm-Rückenmark gebunden sein 
soll. So umfaßt die „Psyche" *B leulers 
das Bewußte, Vorbewußte und einen 
kleinen Teil des eigentlich Unbewußten 
Freuds, die „Psychoide" den übrigen 
Teil des Unbewußten samt dem Archa- 
ischen („Phylopsyche") und darüber hin- 
aus alle Funktionskomplexe des Organisch- 
Lebendigen („Urpsyche"). 

Die tief durchdachten und reichlich be- 
legten Ausführungen über die Wirkungs- 
weise der Psychoide, über den Bau- und 
Funktionsplan (die Leb formendes leb enden 
Organismus können hier nicht im ein- 
zelnen besprochen werden, sie sind klare 
Widerlegungen jeder mechanistischen 
Entwicklunglehre. Dem biologisch inter- 
essierten Analytiker ist die Lektüre des 
Buches bestens zu empfehlen. 

Reich (Wien) 



Liepmann, W.: Gynäkologisc 

Schwarzenberg 1925- 
. Ein Buch, in dem Verfasser der Psycho- 
analyse gerne gerecht werden möchte. 
Das Kapitel über das psychotherapeutische 
Vorgehen in der Gynäkologie, das in dem 
205 Seiten starken Buche in 15 Seiten 
abgehandelt wird, enthält einen kurzen 
wörtlichen Ausschnitt aus Freuds Ab- 
handlung im „Handwörterbuch der Sexual- 
wissenschaften" über das Anwendungs- 
gebiet der Psychoanalyse. Der Autor 
weist auf die Bedeutung der Psychoanalyse 
hin und gibt seinen Hörern den Rat, 
falls sie als wirkliche Psychoanalytiker 
sich mit der gynäkologischen Psycho- 
therapie beschäftigen wollen, sich analy- 
sieren zu lassen. Er meint aber, indem 
er sich an Kronfeld hält, daß sich 
die Grundpfeiler psychoanalytischen Den- 



he Psychotherapie. Ürban Sc 

kens auch für den nicht „dogmatisierten" 
Arzt, nämlich den Gynäkologen verwen- 
den lassen. Darunter versteht er eine Be- 
handlungsart, der er die Form der Ana- 
lyse gibt und die er auf der „affektiven 
Bindung" des Patienten an den Arzt 
aufbaut. „Tritt diese affektive Bindung 
nicht ein, so versagt der analytische Er- 
folg und das Ergebnis zahlloser über 
Jahre hingehender Sitzungen ist gleich 
null." Abgesehen von solchen Mißver- 
ständnissen, ist die sonstige Einstellung 
des Autors zur Psychoanalyse die weitaus 
fortschrittlichste, die in einem Buch eines 
Klinikers zu finden ist. Besonders geht 
dies aus dem Kapitel über die Entstehung 
gynäkologischer Erkrankungen, wie Fluor, 
Vaginismus, Frigidität, Menstruations- 



Referate 



371 



Störungen, hervor, in dem er für die Be- 
deutung des Psychischen bei organischen 
und funktionellen Erkrankungen eintritt. 
Bei allem übrigen, was sonst in dem 
Buche z. B. über die phylogenetische 
Entwicklung des Psychischen, über die 
Triebentwicklung bei der Frau, über die 



seelischen Auswirkungen der Umweltsein- 
flüsse bei derselben steht, schöpft der 
Autor zum größten Teil aus Anschau- 
ungen Adlers, Kretschmers und 
Kronfelds. 

F. Deutsch (Wien) 



Hofstätter, Dr. R. : Die rauchende Frau. Eine klinische, psychologische 
und soziale Studie. Verlag Hölder-Pichler-Tempsky A. G. Wien. 



Diese Arbeit, die mit Gründlichkeit 
alles zusammentragt, was über Ursache 
und Wirkung des Nikotinmißbrauchs von 
Seiten der Frau beobachtet ist, ist sehr 
nachdrücklich psychologisch orientiert 
und somit für den Analytiker von 
einigem — wenn auch beschränktem — 
Interesse, Der Verfasser ist durchaus be- 
müht, nicht alle Erscheinungen, die nach 
dem Rauchen auftreten, einfach auf das 
Konto des Nikotins zu buchen, sondern 
sieht, daß hier vielfach psychische Kräfte 
die größere Rolle spielen. Bei der Be- 
sprechung der Motive, die bei der Frau 
zum Rauchen drängen, zieht er vornehm- 
lich unbewußte Motive heran, wie die 
Angst vor der Sexualität, die Ablehnung 
der weiblichen Rolle und den Wunsch, den 
Mann zu spielen, andererseits die sym- 
bolische Demonstration für sexuelle Frei- 
heit, ferner das Verlangen nach Geltung 
oder Fürsorge und endlich die Lust am 



Zündeln. Das Bedenkliche am Rauchen 
sieht er — außer in der eventuellen direkten 
Nikotinschädigung — in der leichten 
Erreichbarkeit dieses Genußmittels und 
damit, ähnlich wie bei Onanie, in der 
Gefahr der Willensschwächung und des 
Selbstbetruges. 

Wir werden als Analytiker gerade bei 
diesen Schlußfolgerungen nicht ganz mit- 
gehen können, weil wir ebenso wie bei 
der Onanie zu sehr überzeugt sind von 
der endlichen Nutzlosigkeit einer peri- 
pheren Bekämpfung. Im übrigen müssen 
wir es begrüßen, daß ein Buch, welches 
für die breitere Öffentlichkeit bestimmt 
ist, entschieden für die Bedeutsamkeit 
ubw Triebkräfte eintritt, auch wenn es 
in vielen Einzelheiten (z. B. Psychoanalyse 
sei nur das Mittel zum Ziel der Psycho- 
synthese u» a. n.) vom analytischen^ esichts- 
punkt aus sehr anfechtbar erscheint. 

Horney (Berlin) 



W ei gel, Dr. B. J. (Albuquerque Sanatorium, New Mexiko): Neuropsych- 
iatrie in Tuberculosis. A Survey of Two Hundred Patients. (Medical 
Journal and Reeord, New York, 1925, Nr. 1.) 



1. Funktionelle Nervenleiden treten sehr 
oft bei Tuberkulösen auf. 

2. Die Störungen der Körperfunktionen 
durch neuropsychische Zustände können 
zweifellos einen prädisponierenden Faktor 
für Tuberkulose abgeben. 

5. Psychoneurotiker werden oft irr- 
tümlich als Tuberkulöse diagnostiziert und 
kommen so in Heilanstalten für Tuber- 
kulose. 

4. Die Rolle solcher Patienten in der 
Statistik von Heilanstalten, in denen neuro- 
psychische Krankheiten nicht erkannt 
werden, ist beachtenswert. 

5. Die Feststellung des neuropsychischen 
Leidens eines Tuberkulösen und dessen 



psychische Behandlung sind entscheidend 
für die Behandlung seiner Tuberkulose. 

6. Die Prognose der Tuberkulose eines 
Psychoneurotikers ist eine ausgesprochen 
schlechtere, als diejenige eines Indivi- 
duums von annähernd normaler Persön- 
lichkeit. 

Zu diesen Sätzen faßt der Verfasser die 
Ergebnisse seiner Studien über 200 genau 
beobachtete Fälle aus obgenanntem Sana- 
torium zusammen. Er schildert recht an- 
schaulich die wohlbekannten Typen der 
Neurotiker, die seit ihrer Kindheit der chro- 
nischen Invalidität zuzusteuern scheinen, 
bei denen geringste organische Leiden 
genügen, damit sie sich als mit „ge- 



24* 



372 



Referate 



schwächter Widerstandskraft", mit „schwa- 
chen Lungen" behaftet, oder als „recht 
zart" betrachten. Von diesen Leuten ge- 
winnt Verfasser den Eindruck, daß sie eine 
krankhafte Genugtuung von ihrer Krank- 
heit haben, auf die sie schon seit Jahren 
gewartet zu haben scheinen. Es kommt 
dem Verfasser vor, als ob viele sich mit 
Behagen hinter diese oft sehr bequeme 
Deckung flüchten würden. Der Neur- 
astheniker, der Hysteriker, der an Angst- 
neurose usw. Leidende, kann für Tuber- 
kulose charakteristische Symptome, wie 
Gewichtsabnahme, kleine Temperatur- 
erhöhungen, vage Verdauungsstörungen 
produzieren. Gibt er uns eine Geschichte 
der Tuberkulose in seiner Familie, so er- 
weckt er sofort starken Verdacht. Vorher- 
gegangene ältere fibrotische Vernarbungen 
oder akute Bronchialkatarrhe ergeben der 
Tuberkulose derart ähnliche Krankheits- 
bilder, daß nur genaueste Untersuchung 
die Differentialdiagnose ermöglicht. Nach 
W e i g e 1 s Erfahrung sind viele Patien- 
ten, die über Symptome klagen, die wir 
als für Tuberkulose charakteristisch 
kennen, entweder ausgesprochene Neuro- 
tiker oder Individuen, die an Störungen 
der inneren Sekretion leiden. Sie sind es, 
die in den Lungenheilstätten durch 
schnelle Heilung, Stillstand des Lungen- 
prozesses usw. zur Besserung der Statistik 
wesentlich beitragen. Andererseits läßt 
uns W e i g e 1 den Schaden bedenken, 
den das psychische Trauma, als Tuber- 
kulotiker gebrandmarkt worden zu sein, 
für ein neurotisches Individuum bedeutet, 
das dann — und dies ist ein Typus für 
sich — von Ordination zu Ordination 
wandernd, Bestätigung für diese Diagnose 
suchend, in dieser Aufregung oft akut 
erkrankt, und zum Schlüsse den Zustand 
„geschwächter Widerstandskraft" zeigt, 
der im allgemeinen als der Tuberkulose 
günstigste Nährboden betrachtet wird. 



So kann denn als Schluß ergebnis der 
falschen Diagnose eine tatsächliche Tu- 
berkulose auftreten. 

Die von der normalen so stark ab- 
weichende Lebensweise der für Monate, 
oft für Jahre bettlägerigen Tuberkulösen,. 
an die sich die intakte Persönlichkeit 
anzupassen bestrebt ist, wird viele neu- 
rotische Individuen in einen Zustand ver- 
setzen, der bei der spezifischen Behand- 
lung in Betracht gezogen werden muß, 
ein Abweichen von der Norm (Unter- 
brechung von Liegekuren usw.) geraten 
sein läßt und neben der somatischen 
Behandlung auch eine psychische not- 
wendig macht. 

In welchem Maße Psychoneurosen bei 
Verschlechterungen des Zustandes Tuber- 
kulöser mitspielen und psychische 
Behandlungen das spezifische Heilver- 
fahren erfolgreich unterstützen, darüber 
gibt eine genaueste, nach verschiedenen 
Gesichtspunkten aufgenommene Statistik 
der 200 Fälle Auskunft. Ein beherzigens- 
werter Appell wird an alle Ärzte, die in 
Lungenheilstätten wirken, gerichtet, das 
nicht immer instinktiv vorhandene Ver- 
ständnis für die Psyche des Kranken 
durch spezielle Studien zu erwerben. 
Dr. W e i g e 1 hat einen bewunderungs- 
würdigen Scharfblick für den psychischen 
Faktor bei Lungenleiden. Doch etwas ist 
er uns schuldig geblieben : die Beschrei- 
bung der angewendeten Psychotherapie, 
von der er nur auf Versuche mit Isolie- 
rung ganz flüchtig hinweist; und die 
Forderung, die wir aus seiner Darstellung 
abzuleiten uns bemüßigt sehen: die psy- 
chische Behandlung der Psychoneurotiker 
in Lungenheilstätten eigens hiefür ange- 
stellten Seelenärzten, Psychoanalytikern 
zu übertragen, statt sie zum Experimente 
von guten Lungenspezialisten werden zu- 
lassen. Kata Levy (Budapest) 



Watson, Dr. J. B.: Behaviorism. - The Modern Note in Psychology 
(Der Behaviorismus - Die moderne Strömung in der Psychologie). Psyche I9%4r 
Vol. V. 

Die Arbeit gibt ein kurzes Re- introspektiven Psychologie McDougalls 
sume des Behaviorismus und will zeigen, bewährt. Die Anfänge der Psychologie 
warum sich dieser im Gegensatz zur waren behavioristisch und der Behavioris- 



Referate 



373 



mus ist eine Rückkehr zum gesunden 
Menschenverstand jener Zeiten. Seine 
Grundlagen sind die Reaktionen des 
Individuums auf ein bestimmtes Objekt, 
auf eine Situation, oder die Vorhersage 
des Grundes für eine bestimmte Reaktion. 
Wenn man über den Ursprung des Über- 
natürlichen bei der allgemeinen Trägheit 
des Menschen nachdenkt, findet man, daß 
das menschliche Verhalten (behavior) 
leichter durch Furcht als durch Liebe 
bestimmbar ist. Auf der Furcht vor dem 
Vater beruht die Macht der Religion und 
des Aberglaubens, ebenso wie die moderne 
Psychologie; sie ist auch zum Teil die 
Ursache für die Überzeugungskraft von 
Mc Dougalls »argument for purpose". 
Das Dogma des Seelenbegriffes hat von 
frühester Zeit an die Psychologie be- 
herrscht, wobei Wundt das Wort 
„Seele" einfach durch die Bezeichnung 
„Bewußtsein" ersetzt hat, das ebensowenig 
beweisbar ist wie der frühere Begriff 
einer „Seele". Diese Annahme und der 
Glaube an die Analysierbarkeit des Be- 
wußtseins durch Introspektion erklären 
es, daß es ebensoviele Analysen wie 
Individualpsychologen gibt. Es fehlt dabei 
jede Kontrolle und jeder Maßstab. Der 
Behaviorismus beschränkt sich auf Ob- 
jekte, die der Beobachtung zugänglich 
sind, seine Gesetze gelten nur für be- 
obachtete Phänomene. Das Verhalten, 



oder mit anderen Worten: die Betäti- 
gungen und Äußerungen des Organismus, 
kann man beobachten. Die Behavioristen 
beschreiben das Verhalten mit Hilfe der 
Termini Reiz und Reaktion! Sie befassen 
sich mit dem menschlichen Leben in 
allen seinen Stadien. Der Behaviorismus 
untersucht den Reiz, der das Neugeborene 
zu einer bestimmten Verhaltungsweise 
veranlaßt, und findet, daß die Furcht- 
reaktion nur durch laute Geräusche oder 
ungenügende Stütze verursacht wird. 
Wenn später zwischen dem lauten Ge- 
räusch und etwas anderem eine Asso- 
ziation hergestellt wird, erfolgt eine 
Furchtreaktion, die der B ehaviorist als 
bedingte Affektreaktion be- 
zeichnet. Unter bestimmten Bedingungen 
kann auch die Liebe dieselben bedingten 
Affektreaktionen auslosen. Die Methoden 
zur Vermeidung gefährlicher Affekt- 
reaktionen werden in einem Säuglings- 
laboratorium in NewYork studiert. Der 
Denkprozeß ist nichts Geheimnisvolles; 
Gedanken sind einfach Worte, die vor 
der Umwelt verborgen werden müssen. 
Das Denken ist Muskeltätigkeit, die sich 
der gewöhnlichen Beobachtung entzieht. 
Die Annahme des Behaviorismus muß 
für jeden den Umsturz altgewohnter Be- 
trachtungsweisen bedeuten. 

Rigall (London) 



Mc D o u g a 1 1, William: Fundamentals o f Psychology - AReplyto 
Dr. Watson (Grundlagen der Psychologie: Eine Entgegnung an Dr. Watson). 
Psyche 1924, Vol. V. 



Mc D ougall wendet sich in schärfster 
Form gegen die von den Behavioristen 
aufgestellte Theorie von der Überflüssig- 
keit der introspektiven Psychologie. Er 
führt aus, daß derartige Anschauungen 
auf viele junge Menschen anziehend 
wirken, weil sie seit über zwei Jahr- 
tausenden bestehende Probleme der 
Psychologie dadurch vereinfachen, daß 
sie sie als nicht vorhanden betrachten. 
Mc D o u g a 1 1 beginnt seine Erwiderung 
gegen Watson mit der Feststellung, 
daß er ihm gegenüber von vornherein im 
Vorteil ist, da alle Leute mit gesundem 
Menschenverstand unbedingt auf seiner 



Seite stehen müssen; für Watson ist 
dagegen günstig, daß alle Gegner her- 
gebrachter Grundsätze sich ihm an- 
schließen, die Blasierten und die Bolsche- 
wisten in gleicher Weise von seinen 
Theorien angezogen sein werden. Die 
grundlegenden Einwände richten sich 
gegen seinen Behaviorismus und seine 
mechanistische Auffassung. Die drei Haupt- 
formen des Behaviorismus sind erstens 
der Neo-Realismus, der eine Umkehrung 
des subjektiven Idealismus darstellt. 
Zweitens der ursprüngliche Watsonsche 
Behaviorismus, der die Metaphysik nicht 
anerkennt und die introspektive Methode 



374 



Referate 



verwirft und nur Beob achtun gstatsachen 
als Material benutzt. Drittens der ver- 
nünftige Behaviorismus, bei dem die 
introspektive Methode mit der Beobachtung 
des Verhaltens vereint ist. Mc Dougall 
erklärt sich als Hauptvertreter dieser ver- 
nünftigen behavioristischen Psychologie 
und geht daran, zu zeigen, wie er sie 
als Verbesserung aus dem Hedonismus 
von J. S. M i 1 1 und B a i n sowie der 
Schule Spencers entwickelt hat. 
Watson betrachtet die Psychologie 
als die Wissenschaft vom Bewußtsein und 
versucht eine neue Wissenschaft des Ver- 
haltens aufzustellen ; er unterscheidet sich 
von den Auffassungen J. S. M i 1 1 s und 
Charles Merciers dadurch, daß er 
dem Bewußtsein den wissenschaftlichen 
Wert abspricht. Dagegen behauptet 
Mc Dougall, daß die durch Intro- 
spektion erschlossenen und die durch 
objektive Beobachtung des Verhaltens er- 
haltenen Data nicht zwei getrennte Dis- 
ziplinen darstellen, sondern beide für eine 
einzige Wissenschaft, die Psychologie, un- 
entbehrlich sind. Man darf das aus der 
Introspektion gewonnene Material nicht 
vernachlässigen. Die Richtigkeit oder 
Falschheit des introspektiven Urteils ent- 
schied in gewissen Fällen während des 



Krieges über die Verhängung der Todes- 
strafe. Derartige Probleme würden den 
W at'son sehen Behavioristen nicht interes- 
sieren. Bezüglich der mechanistischen 
Lehre ist der Pragmatismus der einzig 
brauchbare. Die mechanistische Auffassung 
hat sich nicht als wertvolle Hypothese 
auf dem Gebiet der menschlichen Natur 
und Verhaltungsweisen bewährt und hat zu 
übertriebenen und absurden Anschauungen, 
wie dem Watson sehen Behaviorismus, 
geführt. Ein Richter, der durch seine 
Grundsätze daran gehindert ist, nach den 
Motiven des Verbrechens zu forschen, 
wäre unbrauchbar, eine solche Psychologie 
ohne praktischen Wert. Diese mechani- 
stische Psychologie paralysiert das mensch- 
liche Streben dadurch, daß sie die Tatsache 
des menschlichen Begehrens und Strebens 
nach einem Ziel nicht anerkennen will. 
Freuds Genie verdanken wir die 
Psychologie, deren Kernpunkt die Wunsch- 
strebung ist und die zu großen Fort- 
schritten in der Psychiatrie führt. 
Watson und seine Mechanisten sind 
in der veralteten Metaphysik eines ver- 
flossenen Zeitalters befangen; in wenigen 
Jahren werden die Anschauungen, für die 
sie sich einsetzen, in Vergessenheit ge- 
raten sein. , R i g a 1 1 (London) 



Aus der psydiiatrisch-neurologisdien Literatur 

Schultz, Prof. J. H. : Die Schicksalsstunde der Psychotherapie 
(AbhandL auf dem Gebiete der Psycho ther. u. med. Psycho!. Hgg. von A. Moll, 
1, Heft), 1Q2S Stuttgart, Ferd. Enke. 



Professor Schultz, der die gesamte 
Psychotherapie zu seinem praktischen und 
literarischen Arbeitsgebiet gemacht hat, 
fordert die Psychotherapeuten aller Rich- 
tungen auf, sich zu gemeinsamer Arbeit 
und Organisation zu verbinden, um die 
gebührende Achtung und Form für ihr 
Fach zu erkämpfen. Des Autors Versuch 
einer Wesensschau der verschiedenen 
Methoden bringt unter anderem das 
treffende Urteil, daß „die sogenannte 
Individualpsychologie Adlers zur Zeit 
kaum mehr von Dubois Methodik zu 
unterscheiden ist". In allen Methoden sei 
eine Annäherung an das pädagogische 
Problem nachweisbar, das Ziel jeder 



psychotherapeutischen Arbeit sei „die 
Persönlichkeit des Kranken, ihre Ent- 
wicklung und das Bestreben, hier zu 
klären, zu bahnen und zu erleichtern". 
Auch die Psychoanalyse heile in den 
meisten Fällen nicht durch Hebung und 
Bearbeitung vergessenen Materials, sondern 
durch das „psychoanalytische Erlebnis", 
die Eigenart ihrer ärztlichen Persönlich- 
keitswirkung, die Übertragung in allen 
Auswirkungen und Formen. Die seelische 
Behandlung sei im Wesen gleichzusetzen 
einer — Bekehrung, die Heilung einer — 
Erleuchtung. Schultz führt daher hier 
Literatur zum Thema religiöser Be- 
kehrungen an (James, Girgensohn 



Referate 



375 



und andere). Besonders beweisend er- 
scheinen ihm Fälle von „inhaltslosem 
Abreagieren", hei denen der „durch Jahre 
beständig" Geheilte in längeren Sitzungs- 
serien nicht faßbare psychische Inhalte 
gebracht hatte, sondern von Sitzung zu 
Sitzung zunehmend intensiv eine zu- 
ständliche Wandlung erlebt hat, die ohne 
irgendwelche, man möchte sagen „illu- 
strierende" Materialien zur Gesundung 
leitet. 

Obwohl der Autor also die spezifische 
Wirkung der psychoanalytischen Arbeit — 
insofern sie Erkenntnis gibt und durch 
sie wirkt — entwerten will, zeigt er doch 
hier eine viel wärmere Annäherung an 
dievonihrnachgewiesenenpsychologischen 
Inhalte und Deutungen als früher. Er hat 
sich der Mühe unterzogen, seine letzten 
hundert eingehender psychotherapeutisch 
behandelten Patienten zusammenzustellen 
und auf das Vorhandensein analytischer 
Mechanismen statistisch zu verarbeiten. 
Dem Ödipus- und Kastrationskomplex, 
der Fixierung an die Geschwister, den 
Todeswunschträumen etc. etc. wird nun 
ihr Recht; sogar der Analerotik, die 



seinerzeit (1919) von Schultz noch als 
terminologische Verbohrtheit und Station 
einer „abstrusen Irrfahrt" durchs Sexuelle 
erschien. Schultz nennt die Psycho- 
analyse jetzt „eine psychotherapeutische 
Methode ersten Ranges, deren Wirkung 
und Verantwortung um so tiefer sind, als 
die von ihr angeregten Erlebnisse in 
stärkstem Maße letzte Dinge bewegen". 
Mag für die rein suggestiven Heilmethoden 
der Zusammenschluß durch zunehmende 
Vereinheitlichung nahe liegen, so wird die 
Psychoanalyse ihre Eigenart und spezifische 
Heilart nie ändern, sondern gründlich 
empirisch weiterarbeitend, weiter neue 
psychologische Erkenntnisse entdeckend, 
auf Grund dieses zunehmenden psycho- 
analytischen Wissens ihre Heilkraft 
potenzieren und auch Skeptiker wie. Pro- 
fessor Schultz noch überzeugen, daß 
Suggestion nur eine kleine Rolle in ihr 
spielt und das „psychoanalytische Erlebnis" 
nur ein Mittel zum Zweck ist. Daß es 
praktisch wäre, alle als Psychotherapeuten 
und Psychoanalytiker ihr Spezialfach aus- 
übenden Ärzte zu organisieren, ist wohl 
möglich. Hitschmann (Wien) 



Eliasberg, Wl. : Das Ziel in der Psychotherapie. (Ztsdir. f. d. ges. 
Neur. u, Psydi., Bd. 96, 1925.) 

Die „höchste Leistung" des Psycho- 
therapeuten sei das „Führen", d. h. „vor- 
angehen, ohne das Ziel zu kennen", 
Psychagogik ohne Eingriff in die Persön- 
lichkeit. Daher wird auch die Adler- 



Strauß, Erwin : Wesen und V o 
Berlin 1925. 

Der Autor versucht eine Phänomeno- 
logie der Suggestion zu geben, ein Ver- 
such, der an sich wertvoll gewesen wäre, 
wenn er sich auf die Beschreibung des 
phänomenalen Erlebens beschränkt hätte 
und nicht ausgegangen wäre, Motivationen 
und Einstellungen zu erklären, die einzig 
und allein mit der Theorie des Unbe- 
wußten faßbar sind. So kommt es^ daß 
das Buch von falschen Behauptungen 
strotzt. Ein Beispiel für viele: Es wird 
richtig gesagt, daß das Empfangen der 
Suggestion ein intentionales Er- 
leben sei, doch seien die Akte des 
Bejahens, Verneinens usw. seitens der 



sehe Lehre der Freud sehen vorgezogen. 
Freud sei ausgezogen, „um die Mannig- 
faltigkeit der Individualität zu entdecken 
und blieb hängen im Gestrüpp psychischer 
Mechanismen". Reich (Wien) 

rgang der Suggestion. Karger, 

Suggerierten nicht auf auJÖ erbe wußte Ur- 
sachen, sondern auf bewußte Motive 
zurückzuführen. Die psychoanalytische 
Theorie der Suggestion wird nicht er- 
wähnt, aber die Wirkung der Fremd- 
Suggestion wie folgt erklärt: „Die Motive 
suggestiver Art müssen darum in jeder 
Mitteilung wirksam sein, weil diese als 
Kundgabe neben der sachlichen Bedeutung 
stets auch eine Beziehung der Äußerung 
zu dem Äußernden gegenständlich aus- 
drückt, eine Beziehung, die als eine be- 
sondere Art der Beziehungen vom Ganzen 
zum Teil zu charakterisieren ist.' 1 

B e i c h (Wien) 



376 



Referate 



Hattingberg, Hans v.: Der nervo 
Anthropos- Verlag, Prien, Obb. 

Der Herausgeber Hattingb erg 
überreicht ein Bukett von zwölf dunkel- 
gelben Broschüren, die „in einer jedem 
Gebildeten ohne besondere Vorkenntnisse 
verständlichen Form" über Nervosität 
aufklaren sollen. Hattingberg selbst 
behandelt die Themen: „Ist Nervo- 
sität eine Krankheit ?", „D e r 
seelische Hintergrund der 
Nervosität" und „Anlage u n d 
U m w e 1 1", Prof. Schultz erörtert 
klarer die gegenständlicheren Fragen 
„Nervosität und erbliche Be- 
lastung" sowie „Suggestion und 
H y p n o s e". Marcinowski schreibt 
in erfrischend entschiedener Weise über 
„Probleme und Praxis der ge- 
schlechtlichen Aufklärung" 
und in weiteren drei Broschüren über 
S chuldgefühle, Minderwertig- 

F o r e 1, Dr. Oskar: Psychologie de 

Kleine, gemeinverständliche Darstel- 
lung der modernen Neurosentheorien. 
Der Autor steht vornehmlich unter dem 
Einfluß der Lehren von August F o r e 1, 
Bleuler, Janet, Jaspers, Freud, 
Kretschmer und S e m o n. Wir an- 
erkennen bei F o r e 1, daß er nicht aus- 
schließlich an einer Doktrin festhält, aber 
die Verschiedenheit seiner Eingebungen 
macht seine Gedankengänge oft schwan- 
kend und unschlüssig. Er schreibt mehrere 
Seiten gegen den psychologischen Deter- 
minismus, gleichzeitig findet man aber 
dann wieder Sätze wie den folgenden 
(S. 126 — 127): „Daneben eine Hingabe 
und ein sehr großes Anlehnungsbedürfnis, 
die sich aus dem unbewußten Wunsch 
nach Zärtlichkeit erklären, die sie sich 
nicht gestatten." Dies ist aber gerade doch 



s e Mensch. Eine Schriftenreihe. 1924. 

keitsgefühle und das komplizierte 
Thema „Gefühlszerrissenhei t". 
H e y e r s Arbeiten über das nervöse 
Herz sowie nervöse Magen- und 
Darmkrankheiten sind in ihrer 
Oberflächen-Psychologie besonders primi- 
tiv; Mohr endlich bespricht anregend 
den Zusammenhang von „Nervosität 
und organischen Leide n". 

Trotz aller ernsten Bemühungen, die 
übrigens mit Adler sehen Auffassungen 
zumeist die Lehre der Psychoanalyse 
verwässern, scheint der Zweck der 
Schriftenreihe kaum erfüllbar: denn der 
Gesunde bringt für dergleichen psycho- 
logische Erörterungen selten das Inter- 
esse auf, den Kranken macht medizinische 
Lektüre oft erst recht hypochondrisch. 
Hits ch mann (Wien) 

s nevroses. Kundig, Geneve, 1924. 

eine Erklärung unter Zuhilfenahme des 
psychologischen Determinismus. Analoge 
Erklärungen sind auch in der Geschichte 
des sehr interessanten Falles (S. 244) zu 
finden, den F o r e 1 publiziert. Die Stel- 
lungnahme des Autors zur Psychoanalyse 
entbehrt der Klarheit. Aus übergroßer 
Angst sich zu kompromittieren, nimmt er 
sozusagen mit der einen Hand zurück 
was er mit der anderen gegeben hat. 
Die Hauptkapitel dieses Buches sind 
betitelt: 1) Normalpsychologie und Psycho- 
pathologie. 2) Geisteskrankheit und Neu- 
rose. 5) Einige psychische Elemente der 
Neurosen. 4) Psychische Störungen der 
Kindheit und der Pubertät. 5) Die Neu- 
rosen der Erwachsenen. 6) Die psychi- 
schen Heilmethoden. 

de Saüssure (Genf) 



S t e k e 1, Wilhelm : Sadismus und Masochismus. Urban u. Schwarzen 

berg, Berlin-Wien 1925. 

Während Freud und seine Schule 
geduldig empirisch weiterarbeiten und 
zögern, voreilig klinische Zusammen- 
fassungen zu geben, sucht S t e k e 1 in 
verantwortungsloser Hast seine Bände auf 
den Markt zu werfen und tut, als ob er 



Fertiges brächte. Nur mit der Psycho- 
analyse nicht vertrauten Lesern oder 
schnellgesottenen Schülern mag damit 
Sand in die Augen gestreut sein ! Stekel 
charakterisiert seine zunehmende Distanz 
von der rechten Psychoanalyse in seinem 



Referate 



377 



Vorwort wie folgt: „Der Gewinn des 
Praktikers, der sich der Lektüre der 
Werke der orthodoxen Psychoanalyse 
hingibt, ist ein negativer. Er wird eher 
verwirrt als aufgeklärt. Im Gegensatz zu 
den medizinischen Phantasten halte ich 
mich an die klaren und eindeutigen Er- 
gebnisse meiner Forschung. Ich bin ein 

Ratcliff, A. J. J.: Traum und Schicksal. Aus dem Englischen von Otto 
Francke. Dresden, Sybillen- Verlag, 1925. 



Feind mystischer Grübeleien und hasse 
Konstruktionen, die am grünen Tische 
entstanden sind. Für mich sind Wissen- 
schaft und Klarheit identische Begriffe. 
Wissenschaft ist nicht Phantasiearbeit, 
sondern Konstatierung von Tatsachen." 
Hitschmann (Wien) 



Ein wenig erfreuliches Buch eines 
Engländers, der nicht etwa eigene Er- 
fahrung besitzt, sondern in Gelehrtenart 
Historisches, Literarisches und Psycho- 
analytisches zusammengetragen hat. Daher 



fehlt das Überzeugende. Auch der Über- 
setzer ist keineswegs Fachmann und ver- 
mehrt bloß den Ballast von Titelangaben 
aus der Träume behandelnden Belletristik. 
Hitschmann (Wien) 



Aus der psychoanalytischen Literatur 

Abr aha m, Karl: Psychoanalytische Studien zur Charakter- 
bildung. (Internationale Psychoanalytische Bibliothek, Nr. XVI.) Internationaler 
Psychoanalytischer Verlag 1925. 



Dieses kleine Meisterwerk kann sowohl 
dem wertvollen Inhalt als der klaren 
Darstellung nach als Vorbild für die 
psychoanalytische Literatur gelten. Es 
enthält kein- Wort zuviel ; darum ist es 
schwierig, über den Inhalt zu berichten, 
ohne es in Gänze wiederzugeben. Der klare 
und flüssige Stil des Autors macht das 
Buch zu einer anregenden Lektüre. Es 
besteht aus folgenden drei Teilen : 

1. Ergänzungen zur Lehre 
vom Analcharakter. Als Referent 
den Versuch unternahm, die damals be- 
kannten Beiträge der Analerotik zur 
Charakterbildung übersichtlich zusammen- 
zufassen, begegnete er der Kritik, daß er 
„alles auf Analerotik zurückführe". Die 
Sachverständigen waren jedoch anderer 
Ansicht, und Abraham bemerkt mit 
Recht, daß jener Versuch keineswegs er- 
schöpfend war. Er stimmt mit allen 
Punkten jener Abhandlung überein, er- 
gänzt sie aber durch die Hinzufügung 
neuer und erläutert außerdem viele dort 
angedeutete Gesichtspunkte aus seinem 
reichen Erfahrungsschatze. Er stellt die 
beiden Typen von auffallender Fügsam- 
keit und Trotz einander gegenüber und 
zeigt, wie beide in derselben Person ver- 
eint sein können. Er betont die Zu- 



sammenhänge zwischen Analerotik und 
Machtgefühl und bespricht die Möglich- 
keit einer Regression von der genitalen 
zur analen Stufe, die dann in ihrer 
negativen Form zu der von ihm treffend 
so genannten intestinalen Impotenz führt. 
Er erörtert einige Möglichkeiten, wie 
anale Verhaltungsweisen auf die analy- 
tische Situation übertragen werden können, 
wobei er wieder zwei gegensätzliche 
Typen unterscheidet, einerseits den 
zuerst von Abraham in einer früheren 
Arbeit beschriebenen Typus, der Patient, 
der, unabhängig vom Analytiker, selbst 
die Führung der Analyse übernehmen 
will, andererseits der Patient, der die 
ganze Arbeit dem Analytiker über- 
lassen möchte ; der Erfolg ist in beiden 
Fällen eine Weigerung, dem Gebot der 
freien Assoziation nachzukommen. Der 
Autor hebt richtig hervor, daß der anale 
Charakter sich in manchen Fällen physio- 
gnomisch ausprägt, besonders durch einen 
gewissen mürrischen Ausdruck. 

2. Beiträge der Oralerotik zur 
Charakterbildung. Vor einigen 
Jahren machte Referent den Versuch 
(Jahrbuch V), die aus der Oralerotik 
stammenden Charakterzüge zu unter- 
suchen, konnte aber nur einige vorläufige 



378 



Referate 



Angaben darüber mitteilen. Es folgte 
keine eingehendere Untersuchung dieses 
Gebietes, bis Abraham jetzt, fast gleich- 
zeitig mit Edward G 1 o v e r, einen außer- 
ordentlich wertvollen Beitrag geliefert 
hat. Ein typischer Zug für die Oralerotik 
ist das große Ausmaß, in welchem sich 
noch der Erwachsene direkte erotische 
Befriedigung gestattet. Die Sublimierung 
ist daher eine geringere als bei den an- 
deren Zonen und wie Referent seinerzeit 
hervorgehoben hat, kommt der Einfluß 
auf die Charakterbildung zum großen 
Teil durch die Wechselwirkung zwischen 
Oral- und Analerotik zustande. Abraham 
zeigt den Ursprung der Dreiecksbeziehung 
zwischen Erwerben, Besitzen und Aus- 
geben sowie die weitgehenden Wirkungen, 
die sich aus den Ökonomischen Variationen 
dieser drei Funktionen für die Charakter- 
bildung ergeben. 

Die reinste und wohl auch typischeste 
Form von direkter Sublimierung scheint 
der Charakterzug des Optimismus zu 
sein, die Sicherheit, daß alle Wünsche 
erfüllt werden und die Außenwelt alles 
Nötige beisteuern wird, im Gegensatz 
zum Ernst und Pessimismus gewisser 
analer Typen, vor allem jener, die das 
Resultat frühzeitiger Enttäuschung der 
oralen Wünsche sind. Bei Enttäuschung 
oder Verwöhnung während des ersten 
Saugestadiums folgt gewöhnlich eine 
besonders intensive Entwicklung des 
nächsten, d, h. des Beißstadiums, der 
primitivsten Form des Sadismus, wie auch 
die Bildung des analen Charaktertypus. 
In Übereinstimmung mit Edward Glover 
weist Abraham auf die Ambivalenz- 
tendenzen dieses späteren Stadiums hin, 
im Gegensatz zur eindeutigen Einstellung 
der früheren Phase. Verschiedene Eigen- 
schaften, wie Neid, Sparsamkeit und 
ähnliche Züge, werden mit Variationen 
in der Entwicklung der oralen Phase in 
Zusammenhang gebracht. 

Einen interessanten Typus bilden jene 



Personen, die vampirartig Aufmerksam- 
keit und Geschenke von seiten der 
Außenwelt fordern. Abraham will auch 
die Ungeduld hier einreihen. Hemmungen 
auf oralem Gebiet können zu Erwerbs- 
unfähigkeit oder Störungen in der beruf- 
lichen Laufbahn führen, womit sich 
häufig die Angst vor jedem Besitzverlust 
verbindet. Merkwürdigerweise kann gleich- 
zeitig mit dieser Einstellung eine prak- 
tisch positive Verschiebung der oralen 
Erotik auf das Gebiet der Sprache ein- 
hergehen. Manche Menschen mit großer 
Redegewandtheit sind imstande, viele 
primitive Affekte, z, B. ihre Aggressivität, 
auf diesem Wege zum Ausdruck zu bringen. 

Abraham führt schließlich aus, wie 
orale Erotismen sich mit anderen Partial- 
trieben verbinden können — vor allem 
in der Neugier — und bespricht ihren 
gemeinsamen Einfluß auf die Charakter- 
bildung. 

3. Zur Charakterbildung auf 
der „genitalen" Entwicklungs- 
stufe. Dieses Kapitel ist mehr allgemein 
gehalten. Der Autor betont die Bedeutung 
der zielgehemmten zärtlichen Gefühle 
für die Beziehung zur Außenwelt und 
spricht in diesem Zusammenhang über 
das Problem des ungeliebten, z. B. des 
außerehelichen Kindes. 

Die Psychoanalyse verwirft die Auf- 
stellung irgendeiner absoluten Norm und 
erkennt, wie Charakterzüge im selben 
Individuum je nach der Altersstufe vari- 
ieren und wie sich der Begriff der Norm 
bei den verschiedenen Rassen und in den 
verschiedenen Zeitaltern verändert. Trotz- 
dem kann man allgemein sagen, daß zur 
Annäherung an die Normalität vor allem 
anderen die Überwindung des primären 
Narzißmus und der Ambivalenz not- 
wendig ist. 

Jeder Psychoanalytiker wird sich ein- 
gehend mit der Lektüre dieser wertvollen 
Arbeit befassen müssen. 

Jones (London) 

P f i s t e r, Dr. Oskar : D i e L i e b e vor d e r E h e und i h r e F e h 1 e n t w i ck- 
lungen. Tiefenpsydiologisdie Untersudiungen im Reidie des Eros. 1Q25- 
Verlag Ernst Birdier A.-G., Bern und Leipzig. 
In dem 500 Seiten starken Bande setzt seine Arbeit fort, deren 1. Band die 

der verdienstvolle Popularisator der PsA. „Liebe des Kindes und ihre Fehlentwick- 



Referate 



379 



hingen" behandelte. Die Liebe vor der 
Ehe ist für den Verf. nur dann keine 
Fehlentwicklung, wenn sie auf die Ehe, 
„die sinnliche und sittliche Lehens- 
gemeinschaft" hinzielt („wenn sie 
auch oft ihr heiliges Ziel nicht erreicht"), 
und wenn sie bis zur Schließung des Ehe- 
bündnisses zur sexuellen Enthaltsamkeit 
fähig ist. 

Wir wollen die Absicht, die der Autor 
auch in diesem Buche bekundet, im 
breiteren Publikum Verständnis für die 
PsA. zu wecken, und die Darbietung 
einer Fülle instruktiver Beispiele gern 
anerkennen, wenngleich er der Gefahr, 
der popularisierenden Darstellung von 
den Ansprüchen strenger Wissenschaft- 
lichkeit mehr oder weniger zu opfern, 
nicht entgeht. Im übrigen können wir 
nicht mit der moralisierenden Tendenz 
einverstanden sein, deren Eindruck man 
sich nicht entziehen kann, obgleich sich 
der Verf. immer wieder dagegen verwahrt, 



moralisieren zu wollen. Geht es an, die 
mannigfachen individuellen Formen der 
Liebeserlebnisse nach einem bestimmten 
moralischen Kodex daraufhin beurteilen 
zu wollen, ob sie als gesund oder als 
Fehlentwicklung anzusehen sind? Darf 
man Goethes Liebesleben unter solchem 
Gesichtspunkt betrachten? In dem Buche 
sind die Grenzen des Gesunden und Nor- 
malen so eng gezogen, daß nur wenige 
Individuen mit einer guten Zensur weg- 
kommen würden. Wir glauben, daß eine 
Betrachtungsweise, die von einem indivi- 
duell bestimmten und außerdem zu hoch 
gespannten Maße geführt wird, weder 
den biologischen und psychologischen 
Tatbeständen völlig gerecht werden, 
noch — was doch sicherlich im Wunsche 
des Verfassers liegt — die Heraus- 
arbeitung und Entbindung selbständiger 
Individuen mit autonomer Moralität för- 
dern kann. 

Müller-Braunschweig (Berlin) 



Rank, Otto ; Eine Neurosenanalyse in Träumen (Neue Arbeiten zur 
ärztlichen Psychoanalyse, Nr. III). Internat. PsA. Verlag, Leipzig- Wien- Zürich, 1924. 

Die expeditivere psychoanalytische 
Therapie, wie sie Ferenczi und Rank 
in ihrer Arbeit „Entwicklungsziele der 
Psychoanalyse" vertreten, wird hier in 



Bezug auf die Technik der Traumdeutung 
an einem in sechs Monaten dauernd 
(jetzt schon drei Jahre) geheilten Fall einer 
weiblichen Zwangsneurose exemplifiziert. 
Einen so ausgezeichneten Traumforscher 
und Symbolik-Kenner wie Rank sieht 
man hier in virtuoser Weise der Kranken 
in 150 Stunden ihre Träume nur hin- 
sichtlich der Symbolik und der „psycho- 
analytischen Situation" deuten und er- 
fährt die Phasen des Widerstands und 
der Heilung an der Hand der Träume 
und der zugehörigen Einfälle. Als Heilungs- 
faktoren werden Ungeduld und Resi- 
gnation, die Akzeptierung der (jüngeren) 
Schwester, die Entwöhnungsphase, Iden- 
tifizierung mit und Lösung von dem 
Analytiker als Hauptgesichtspunkte berück- 
sichtigt, — zum Teil unter enger Be- 
ziehung auf des Autors „Trauma der 
Geburt". Die psychoanalytische Traum- 
deutung berücksichtigt hier nicht sowohl 



Tagesreste und unbewußte Triebkräfte, 
sondern überwiegend die noch unbekannten 
Reaktionen, die sich im Laufe der Be- 
handlung verändern und an denen „allein" 
man den Fortgang der Kur in seinen ver- 
schiedenen Phasen verfolgen könne. Das 
ganze psychische Leben dieser Kranken 
spiele sich sozusagen unter der Devise, 
„ein Kunststück" zu leisten, ab; Rank 
will spater an einem größeren Material 
erweisen, daß das Schicksal der Menschen 
unter solch unbewußten Leitmotiven ab- 
läuft, die ihre Leistungs- und Liebesfähig- 
keit wesentlich bedingen und auch in ihrer 
Bedeutung für die Neurosenbildung be- 
dacht werden müssen. Ausführliche Ana- 
lysen zu lesen, ist bekanntlich eine Geduld- 
probe; so wird man sie auch hier nicht 
auf einmal durchlesen ; aber da die vielen 
höchst bedeutsamen und zum Teil umstürz- 
lerischen Anregungen Ranks erst noch 
erwogen, erprobt und diskutiert werden 
müssen, — darf man es sich der Mühe 
nicht verdrießen lassen. 

Hitschmann (Wien) 



38o 



Referate 



Jelliffe, Smith Ely: Old age factor in psy choanaly ti cal therapy. 
Medical Journal and Reeord. New York. No. I, 1925- 



Jelliffe behandelt die Aussichten 
der Anwendung der Psychoanalyse bei 
Patienten in vorgeschrittenem Alter und 
berichtet über seine diesbezüglichen Ver- 
suche. Er kann auf eine Reihe von Er- 
folgen zurückblicken, von denen er be- 
sonders Neurosen in der Menopause her- 
vorhebt; ferner Fälle von Greisen, bei 
denen die Abnahme der Fähigkeit, den 
Koitus auszuüben, bei gleichzeitig zu- 
nehmendem Erotismus und häufigen 
frustranen Erregungen hohen Blutdruck, 
Neigung zu Blutaustritt aus den Arterien 
und psychische Spannung mit steigender 
Reizbarkeit hervorriefen, Er hat durch 
Psychoanalysen oder durch verständnis- 
volles Eingehen auf die psychische Situation 
der Patienten mehr Erfolge erzielt, als 
durch seine zwanzig Jahre hindurch an- 
gewendeten diätetischen und pharmako- 
therapeutischen Prozeduren. Allerdings 
war eine dem tatsächlichen Alter nicht 
entsprechende relative Jugendlichkeit in 
den einzelnen Fällen mitentscheidend für 
seine Heilerfolge. Er berichtet auch über 
Mißerfolge, doch sollen diese bei solchen 
Kranken gewesen sein, denen Psychose 
oder Neurose eine bessere Lösung ihrer 
Konflikte bot als der Arzt, als Vertreter 
der Realität, ihnen hatte bieten können. 

Von den fünf vom Verfasser beschrie- 
benen Fällen gehören zwei der Gerichts- 
medizin an, und diente Jelliffes 
Kenntnis der Psychoanalyse hier nur 
diagnostischen Zwecken. Sie bewahrte 
einen siebzigjährigen Greis, der bei 
Öffentlicher Exhibition ertappt wurde, vor 
dem Gefängnis und führte ihn dem 
Krankenhaus zu. 

Am ausführlichsten wird der Fall eines 



fünfundfünf zig jährigen Mädchens be- 
schrieben, das seit frühester Kindheit an 
Zwangsvorstellungen und Angst litt, eine 
langwierige, chronische Psychoneurose 
durchmachte, die seit sieben Jahren zur 
ernstlichen Psychose entwickelt war und 
trotz dieser erschwerenden Umstände 
nach vierjähriger Behandlung (tatsächliche 
Behandlungsdauer vierzehn Monate) ge- 
sund wurde. Eine kurze „Behandlung" 
von insgesamt vier Unterredungen heilte 
einen sechsundfünfzig Jahre alten Eisen- 
bahnbremser von periodischen Depres- 
sionen, als deren Ursache er seine starke 
Mutteridentifikation zu erkennen lernte. 
Er hielt die Menstruationstermine seiner 
Mutter, die bei ihr immer von starken 
Depressionen begleitet waren, seit deren 
Tod ein und war dementsprechend jeden 
Monat vier bis fünf Tage lang in einem 
so argen Depressionszustand, daß er kaum 
arbeitsfähig und von Selbstmordgedanken 
erfüllt war. 

Mit Berufung auf Prof. Freud, der 
schon im Jahre 1898 sich mit den Schwie- 
rigkeiten der Anwendung der Psycho- 
analyse bei vorgeschrittenem Lebensalter 
befaßte, und auf Abrahams diesbe- 
züglichen, mehr ermutigenden Mit- 
teilungen späteren Datums (1920) äußert 
Jelliffe die Meinung, daß mit der 
fortschreitenden Entwicklung der psycho- 
analytischen Technik der Altersfaktor an 
Bedeutung verliert und es oft gelingt, 
den durch das Alter verlorenen oder ge- 
schwächten Kontakt mit der Realität 
wieder herzustellen; und wenn auch 
nicht jeder Versuch zu Erfolgen führt, 
so doch Versuche immerhin die Mühe 
lohnen. Kata Levy (Budapest) 



Reich, Dr. Wilhelm: Der psychogene Tic als Onanieäquivalent 

(Zeitsdhr. f. Sexuabviss. 11, 12.) 

Die Arbeit, die die Bezeichnung trägt 
„Aus denn Wiener psychoanalytischen 
Ambulatorium", berichtet über einen Fall, 
der aus äußeren und inneren Gründen 
für eine psychoanalytische Behandlung un- 
geeignet war und der, als auch die Hypnose 
versagte, der „palimnes tischen Methode" 



Kohnstamms unterworfen wurde ; 
es handelte sich um eine 47jährige Virgo, 
die an einem „psychogenen Zwerchfelltic", 
angsthysterischen und zwangsneurotischen 
Symptomen litt. Es wurde ihr in leichter 
Hypnose aufgetragen, von bestimmten 
Themen zu träumen. Den Autor lockte 



Referate 



381 



es, „zu erfahren, wie weit man ohne die 
regelrechte Behebung der Widerstände in 
das Unbewußte vordringen könne". 

Es ergab sich, daß dem psychoanalytisch 
geschulten Arzt solches Vordringen recht 
wohl möglich ist, aber nur bis zu einem 
gewissen Punkte, an dem die Widerstände 
solcher Explorationsmethode eine ener- 
gische Grenze setzen. So beantwortete die 
Patientin den ersten Auftrag, die Be- 
deutung eines Tics aus früherer Zeit zu 
träumen, mit einem symbolischen De- 
floration träum, den Auftrag, die Ursache 
einer zeitlich umgrenzten nervösen Schlaf- 
losigkeit zu träumen, mit einem Traum, 
in dem ein junger Mann mit der Schwester 
der Patientin Klavier spielte, sie selbst 
eifersüchtig wurde, auf dem eigenen 
Klavier spielen wollte, ihr aber die Noten 
weggenommen wurden. Im Anschluß an 
diesen Traum brach die unbewußte Eifer- 
sucht und Onanieneigung der Patientin 
ins Bewußtsein, sie begann zu onanieren — 
und gleich darauf sistierte der Tic, der 
so als onanistische Ersatzbefriedigung 
entlarvt worden war. Der Auftrag, von 
der Aürt der Onanie und dem Onanie- 



verbot der Mutter zu träumen, konnte 
auch noch den Kastrationskomplex der 
Patientin zum Vorschein bringen, indem 
sie sich „mit verstümmelten Händen", 
später „in einem blutigen Hemd, das 
zerfetzt ist", träumte und darauf Konver- 
sionssymptome in den Armen und Händen 
produzierte, die ihr „wie tot" erschienen. 
Dann aber wurde ein weiteres Verstehen 
unmöglich, die Traumexperimente ver- 
sagten und der Widerstand wurde ohne 
Analyse undurchdringlich; der Autor 
macht die nicht aufgelöste Übertragung 
dafür verantwortlich. 

Interessant ist, daß die Patientin schon 
vorher gelegentlich, statt einen kompli- 
zierten Traumauftrag zu erfüllen, von 
einer ihr vom Autor gestellten schwierigen 
arithmetischen Aufgabe träumte, ein 
anderesmal, statt von einer organischen 
Erkrankung zu träumen, dieselbe kon- 
versionshysterisch rekapitulierte. 

Der als Onanieäcpiivalent erkannte Tic 
ist geschwunden, auch sonst ist der er- 
reichte Erfolg durchaus respektabel, wenn 
auch „vom Ideal der analytischen Heilung 
weit entfernt". Penichel (Berlin) 



Reich, Wilhelm: Der triebhafte Charakter. Eine psychoanalytische 
Studie zur Pathologie des Ich. (Neue Arbeiten z. ärztl. Psychoanalyse, Nr. IV.) 
Internat. Psychoanalyt. Verlag, 1925. 



Die Pathologie des Ichs, dieser von der 
Psychoanalyse notwendigerweise so lange 
vernachlässigte und doch so bedeutungs- 
volle Teil der Neurosenlehre, ist nun, 
seit ihr Freud durch das „Ich und Es" 
den Weg der Forschung gewiesen hat, in 
den Mittelpunkt des psychoanalytischen 
Interesses gerückt. Das Reich sehe Buch 
stellt einen sehr hoffnungsvollen und viel 
versprechenden Schritt in dies noch so 
dunkle Gebiet dar. An Hand eines recht 
seltenen Materials von triebhaften Psycho- 
pathen gelang es R e i c h, in die Ent- 
wicklung ihres Ichs, speziell in die 
genetischen Beziehungen von Ich und 
Über-Ich interessante Einblicke zu ge- 
winnen, durch die er in der „Isolierung 
des Über-Ichs" eine normale Durchgangs- 
phase der Ichentwicklung erkannt zu 
haben glaubt. Die Beschreibung dieser 
Beobachtungen und der Gedankengang, 



der aus ihnen theoretische Schluß- 
folgerungen zieht, wird durch zahlreiche 
erläuternde und interessante Exkurse auf 
Nebenthemen unterbrochen, die, wie etwa 
die Beschreibung der „geschlechtlichen 
Fehlidentifizierungen", an Bedeutung 
hinter dem Hauptinhalt des Buches nicht 
zurückstehen. 

Reich hat völlig recht, wenn er ein- 
leitend eine psychoanalytische Charakter- 
lehre als ideale Voraussetzung für eine 
wirksame Therapie erklärt. Diese Voraus- 
setzung ist durch prinzipielle Beachtung 
der Form, in welcher der Widerstand sich 
äußert, durch eine vergleichende 
analytische Psychologie zu schaffen. Ihr 
Grundstein ist die in „Ich und Es" dar- 
gelegte Rolle des Über-Ichs, speziell jene 
Stelle, in der Freud von den Konflikten 
handelt, die dem Ich durch verschiedene 
Identifizierungen erstehen müssen. Es 



382 



Referate 



kommt nun darauf an, welche Haltungen 
der Eltern das Kind sich als bejahendes, 
welche es sich als verneinendes Ichideal 
einverleibt, in welchem Zeitpunkt der 
libidinÖsen Entwicklung diese Einver- 
leibung- erfolgt und wie das Ich sich zum 
entstehenden Über-Ich verhält, und zwar 
sowohl, ob es später seine Gebote 
akzeptiert oder nicht, als auch im Zeit- 
punkt der Entstehung selbst. An dieser 
Stelle ist zum erstenmal von einer „Reali- 
sierung der Ichidealforderungen", resp. des 
Über-Ichs die Rede. Obwohl kein Zweifel 
bestehen kann, was Reich meint, 
nämlich die Änderung des Ichs 
durch Gefügigkeit gegenüber 
dem drängenden Über-Ich, 
halten wir den Ausdruck „Realisierung 
des Über-Ichs" für nicht sehr glücklich, 
denn psychisch real ist das Über-Ich ja 
auch, wenn sich das Ich ihm nicht 
unterwirft. 

Die „neurotischen Charaktere" (A 1 e- 
xanderj und speziell der vom Autor 
so genannte „triebhafte Charakter", bei 
dem vom „Wiederholungszwang diktierte 
Aktionen . . . den Charakter beherrschen 44 , 
die von unverhüllten und ungehemmten 
Sexualantrieben durchsetzt sind, leiden 
nun nicht etwa an Mangel oder Schwäche 
der Verdrängung; sie haben wie die 
Neurotiker infantile Amnesien und meist 
auch einzelne neurotische Symptome, die 
sich wie „pathologische Verzerrungen der 
gut bürgerlichen Symptome der Neurotiker 
ausnehmen". Es wird nicht erörtert, daß 
dieselbe Frage bei den Perversen vor- 
liegt. Doch hören wir auch von den 
triebhaften Charakteren, daß bei ihnen 
„unverhüllte Perversionen fast zur Regel 
gehören 44 ($.27). Sachs hat Sinn und 
Mechanismus dieser „Parti al Verdrängung 44 
in einer ausgezeichneten Arbeit „Zur 
Genese der Perversionen 1 ' klargestellt, die 
bei Reich nur in einer Anmerkung 
flüchtige Erwähnung findet. Freilich 
konnte Reich» Hauptproblem, welche 
Struktur des Ichs die Kompromißbildung 
solcher Partialverdrängung bedinge, in 
der Arbeit von Sachs, die vor dem 
„Ich und Es 44 erschienen ist, noch keine 
genügende Losung finden. — In gedrängter 
Kürze wird uns gezeigt, wie die 



psychiatrische Wissenschaft so gut 
wie gar nichts für das Verständnis dieser 
Fälle geleistet hat. Von der Zwangs- 
neurose sind sie durch die bejahende 
Einstellung des Ichs zu den triebhaften 
Impulsen sowie durch ausgiebigere 
Rationalisierungen unterschieden, von der 
Schizophrenie durch ihre lebhaften 
Beziehungen zur Außenwelt, durch Fehlen 
der schizophrenen Spaltungen sowie durch 
Erhaltenbleiben der Realitätsprüfung 
(wenn auch Reich bei seinen Fällen 
gelegentlich Stuporzustände, Halluzina- 
tionen und Wahnbildungen beschreibt). 
Im manifesten Bild überwiegen die De- 
s trukti n s tr i eb e . 

Um das Verständnis des triebhaften 
Charakters vorzubereiten, untersucht 
Reich zunächst die Bildung des Über-Ich 
beim neurotischen „triebgehemmten' 4 
Charakter. Am Beginn derselben steht 
immer die Versagung, die das Kind 
zunächst dem Objekt „zuliebe 4 ' erträgt. 
Die ersten Forderungen der Eltern (des 
Über-Ichs) erfahren vollständige „Reali- 
sierung 44 , d. h. das Ich gehorcht ihnen, 
selbstverständlich unter Widerstand. Später 
erfolgt diese „Realisierung" nur mehr 
partiell, „das Real-Ich entsteht zum 
größten Teile aus realisierten Forderungen 
der Über-Ichs 44 . Es scheint, als ob Reich 
hier einen einfachen Sachverhalt über- 
sehen hatte, auf den er selbst in anderem 
Zusammenhang hinweist (Anm, auf S. 103) 
und den Freud schon in „Massen- 
psychologie und Ichanalyse" erwähnt hat: 
Es gibt zweierlei Identifizierungen. Erstens 
solche, bei denen das Objekt direkt ins 
Ich aufgenommen wird (das Ich bietet 
sich dem Es als Objektersatz an), und 
zweitens solche, bei denen das introjizierte 
Objekt eine Sonderstellung dem übrigen 
Ich gegenüber einnimmt, sich ihm als 
Über-Ich entgegenstellt. Das Ich, das 
vorher nur von Außenwelt und Es ab- 
hängig war, erhält so seine dritte Ab- 
hängigkeit und muß sich eventuell unter 
dem Einfluß dieses Herrn ändern; nur 
solche Änderungen können gemeint sein, 
wenn Reich von der „Realisierung des 
Über-Ichs" spricht. Er vernachlässigt, daß 
an der Entstehung des Real-Ichs neben 
solchen Änderungen offenbar auch An- 



Referate 



383 



passungen an die Außenwelt, Gefügigkeit 
gegen das Es sowie Identifizierungen der 
ersten Art wesentlichen Anteil haben. 

Das bis zur Pubertät trieb vernein ende 
Real-Ich muß von dieser Zeit an den 
Trieb bejahen, d. h. die triebbejahenden 
Bestandteile des Über-Ichs werden zu 
einem späteren Zeitpunkt „realisiert" 
(d. h. ichgestaltend) als die triebver- 
neinenden. Ein vorwiegend triebbejahen- 
des Über-Ich wird ein Real-Ich schaffen, 
wie wir es beim „triebhaften Charakter" 
vorfinden. — Das Ichideal des Knaben hat 
erst „Erwachsenheit mit Genitalausschluß" 
zum Inhalt, später „Genitalbejahung mit 
Mutterausschluß". Mit den Worten, „die 
Vateridentifizierung muß stark sein, ja 
sie muß die Fähigkeit in sich schließen, 
den Vater zu überwinden", kann nach 
dem oben Gesagten nichts anderes ge- 
meint sein, als daß die Aufnahme des 
Vaters ins Ich über die ins Über-Ich 
überwiegen muß. Dazu ist nötig, daß die 
phallische Stufe in der Kindheit voll 
erreicht worden ist. Mit ihrer Reakti- 
vierung, mit dem Erreichen des Genital- 
primats, wird die Ambivalenz über- 
wunden und der bleibende Charakter 
geformt (Abraham). Aber auch dann 
noch erfolgen Identifizierungen mit neuen 
Vaterfiguren, es hat eine „sublimierende 
Wandlung des väterlichen Ideals" (S. 57) 
statt; eine wohl noch recht dunkle 
Angelegenheit, bei der die Identifizierung 
wohl meist im Ich, nicht im Über-Ich 
erfolgt, was Reich als eine notwendige 
Bedingung jedes kulturellen Fortschritts 
bezeichnet. R a d 6 hat, einer Bemerkung 
Freuds folgend, von einem „parasiti- 
schen Doppelgänger des Über-Ichs" ge- 
sprochen. 

Die analoge Entwicklung bei der Frau 
gestaltet sich wegen der notwendigen 
Überwindung der an die Klitoris ge- 
bundenen Sexualität viel komplizierter. 
Auch die „Realisierung des triebbejahenden 
Über-Ichs" ist infolge der doppelten Moral 
viel schwieriger als beim Mann. Eine 
Besserung erhofft sich Reich durch 
soziale und wirtschaftliche Änderungen. 
Die häufigste Störung dieser Entwick- 
lung beim „Triebgehemmten" ist die 
„geschlechtliche Fehlidentifizierung". Es 



handelt sich bei ihr selbstverständlich 
nur um ein quantitatives Überwiegen 
der auch sonst vorhandenen Identifizierung 
mit dem gegengeschlechtlichen 
Elternteil. Hier weist Reich darauf hin, 
wie bedeutungsvoll es ist, ob solche 
Identifizierungen im Ich oder im Über- 
Ich erfolgen. Ausschlaggebend für eine 
Fehlidentifizierung ist (neben der bi- 
sexuellen Anlage) die Ambivalenz des 
Kindes. Die Über-Ichbildung 
erfolgt vorwiegend nach jenem 
Elternteil, dem gegenüber die 
Ambivalenz besonders wirk- 
sam ausgeprägt war. 

Es werden nun je zwei Männer- und 
zwei Frauentypen geschildert, deren 
Charakter durch solche Fehlidentifizie- 
rung beherrscht ist. Bei Männern gibt 
es erstens die Mutteridentifizierung der 
ambivalenten genitalen Stufe : Das sind 
narzißtische Homosexuelle. Die von 
Freud formulierte Bedingung des 
„Wegfalls eines starken Vaters" ge- 
staltet die Aktivierung der genitalen 
Stufe besonders intensiv, schließt 
aber dennoch die Mutteridentifizierung 
nicht aus. Zweitens die Mutteridenti- 
fizierung der analen Stufe: Das sind Im- 
potente, voll demütiger Hingabe an 
Vaterimagines, Menschen mit hohen 
Idealen bei neurotisch-resignierender Hal- 
tung. Bei Frauen gibt die Frigidität Ge- 
legenheit zur. Untersuchung der Fehl- 
identifizierungen. Einem ersten Typ mit 
mütterlichem Wesen und libidinoser Bin- 
dung an den Vater steht ein zweiter 
gegenüber von ausgeprägt männlichem 
Wesen und Identifizierung mit dem 
Vater. Der Analyse gelingt es, diesen in 
jenen zu wandeln, weil auch dieser in 
der Kindheit eine Periode der Mutter- 
identifizierung durchgemacht hat. — Alle 
diese Formen des „triebgehemmten Cha- 
rakters" stimmen aber darin über ein, daß 
die Forderungen des Über-Ichs „reali- 
siert" werden ; „das Ich identifiziert sich 
mit ihnen". Der oben beschriebene zweite 
Typ männlicher Fehlidentifizierung, ist 
dadurch charakterisiert, daß die Forde- 
rungen des Über-Ichs vom Ich nicht 
erfüllt werden. Der Ausdruck, „Das Ich 
identifiziert sich mit den Forderungen des 



384 



Referate 



Über-Ich", dafür, daß „sich das Ich diesen 
Forderungen entsprechend ändere", ist 
sicher nicht glücklich gewählt, weil der 
Ausdruck „Identifizierung" in der psycho- 
analytischen Nomenklatur bereits für einen 
ganz andersartigen Vorgang reserviert ist. 

Nunmehr untersucht Reich die ana- 
logen Entwicklungsvorgänge beim tri e b- 
haften Charakter. Im Gegensatz zum 
„Triebgehemmten", bei dem in der Kind- 
heit eine partielle Triebbefriedigung und 
eine allmähliche Versagung angetroffen 
werden, folgte hier einer weitgehenden 
Befriedigung eine plötzliche und trauma- 
tische Versagung, woraus höchste Ambi- 
valenz und Liebesunfähigkeit bei starker 
Liebessehnsucht hervorgingen. Neben den 
plötzlichen Versagungen spielen hier 
regelmäßig auch andere psychosexuelle 
Traumata in der Kindheit eine weit größere 
Rolle als bei den Neurosen; es gibt hier 
keine oder nur eine schwache Latenzzeit. 
Es ist ein triebbejahendes Über-Ich bereits 
in der Kindheit gleichzeitig mit dem 
triebverneinenden erworben worden. 

Ein der Schizophrenie nahestehender 
Fall, dessen Krankengeschichte uns mit- 
geteilt wird, produzierte u. a. außer- 
ordentlich heftige sadistische Impulse 
gegen die Mutter; gleichzeitig ent- 
wickelte sie eine Weltuntergangsphantasie. 
Es gelang nachzuweisen, daß diese die 
Strafe für jene bedeutete. „In der Tren- 
nung zwischen sadistischem Impuls und 
Schuldgefühl sehen wir einen der typi- 
schen Mechanismen beim triebhaften 
Charakter." Allerdings bemerkt auch 
Reich, daß dieser Mechanismus auch 
bei Zwangsneurosen vorkommt. Es scheint 
dem Referenten gar nicht selten zu sein, 
daß Zwangsneurotiker mit ichfremden 
sadistischen Zwangsimpulsen ihr (meist 
grell bewußtes, eventuell auch entstelltes) 
Schuldgefühl ebenfalls ganz wo anders 
untergebracht haben und daß auch hier 
in der Analyse die Verknüpf img von Schuld- 
gefühl und Impuls gelingt. Trotzdem emp- 
findet der Zwangsneurotiker im Gegensatz 
zum triebhaften Charakter seinen Impuls 
als ichfremd. Reich hebt aus der 
Krankengeschichte weiter hervor, daß kein 
prävalenter Fixierungspunkt vorhanden 
war, genitale, anale, orale Haltungen 



und Symptome traten nebeneinander in 
Erscheinung. Das Vorbild („triebbejahen- 
des Ideal") für die sadistische Haltung 
war der Vater gewesen, der die Patientin 
u. a. gezwungen hatte, Erbrochenes zu 
essen, und sich ihr wahrscheinlich auch 
sexuell genähert hatte. Daß der Welt- 
untergang auch die Mutterleibsphantasie 
enthielt, bewies die Patientin durch eine 
sehr interessante Zeichnung, die sie in 
Embryonalstellung in der „Weltkugel" 
schwebend darstellte. — Es wird noch 
in längerem Exkurs die Diagnose des 
Falles diskutiert, wobei Reich zum 
einleuchtenden Resultat kommt, daß kein 
prinzipieller Gegensatz zwischen Schizo- 
phrenie („Prozeßpsychose") und den 
Psychoneurosen bestehe ; passagere Wahn- 
bildungen und Halluzinosen bei „trieb- 
haften Charakteren" werden beschrieben. 
Es ist kein Zweifel, daß Schizophrenien 
durch aktuelle Erlebnisse ausgelöst 
werden können, die eine „Neigung zur 
schizophrenen Ablösung der Libido von 
der Außenwelt" (S. 75) aktivieren ; aller- 
dings muß gesagt werden, daß nicht 
diese Ablösung, sondern die ihr folgen- 
den Heilungsversuche einen Großteil des 
schizophrenen „Prozesses" ausmachen. 
Sehr klar wird der von Freud auf- 
gezeigte Gegensatz zwischen dieser Ab- 
lösung und der Introversion der Neuro- 
tiker beschrieben, die ihren Phantasie- 
objekten ihre Besetzung belassen. An der 
Formulierung „Ein breiter Regressions- 
weg zum Autismus wird die Entscheidung 
zu Ungunsten der Phantasiebesetzung 
beeinflussen" (S. 78) hätten wir nur 
lieber den Ausdruck „Autismus" durch 
den umständlicheren „narzißtische Ein- 
ziehung der Objektbesetzungen" ersetzt 
gesehen, weil Bleuler bei der Ein- 
führung seines Terminus gerade den in 
Frage stehenden Gegensatz gegenüber 
der Introversion nicht beachtet hat. 

Welches nun der kennzeichnende Mecha- 
nismus ist, der aus den bisher besprochenen 
Voraussetzungen gerade den „triebhaften 
Charakter" entstehenläßt, glaubt Reich 
aus der Besprechung eines zweiten Falles 
ableiten zu können. Es handelt sich um 
eine Patientin, die mit dem Stiel eines 
Messers bis zu zehnmal im Tag onaniert, 



Referate 



385 



bis sie, wie sie glaubt, aus der Gebär- 
mutter blutet. Sie phantasiert dabei, ihr 
Genitale sei ein kleines Mädchen, und 
spricht dabei, beide Rollen spielend, 
etwa: „Jetzt, mein Kind, wirst du be- 
friedigt werden, schau, der Doktor ist 
bei dir. Der hat ein schönes, langes 
Glied, aber es muß dir weh tun." Die 
„Lotte" (das Genitale): „Nein, ich will 
nicht, daß es mir weh tut." (Sie weint.) 

„Du mußt leiden, das ist die Strafe für 
deine Geilheit . . ." usw. — Die Analyse 
bestätigte, daß das Genitale sie selbst, 
sie aber ihre Mutter darstelle. „Das 
überstrenge Über-Ich ist vollkommen der 
Mutter entlehnt und seine Forderung 

wird während der Onanie zur Gänze 
realisiert." (S. 84.) Diesem Über-Ich steht 
das mit dem Genitale identifizierte Ich 
als masochistisch gegenüber, das durch 
eine verdrängte genitale Beziehung zum 
Vater und eine orale (Mutterleibsphan- 
tasie) Beziehung zur Mutter charakteri- 
siert ist. Wir sehen also eine enorme 
Diskrepanz zwischen Über-Ich (Mutter) 
und Ich, jenes ist von diesem völlig 
„isoliert". Eine solche schreiende 
„Isolierung des Über-Ichs" kommt — 
meint Reich — bei Neurotikem und 
Normalen nicht vor. Da wird „Stück um 
Stück der realen Außenwelt als Über- 
Ichf orderung aufgenommen und mit 
dem bestehenden Ich aufs 
innigste verschmölze n." (S. 85.) 
Schon hier erhebt sich eine Frage, die 
man der Reich sehen Auffassung ent- 
gegenhalten kann: Wie ist es mit den 
Fällen von neurotischem Minderwertig- 
keitsgefühl und hohem Ideal und wie 
ist es mit dem Melancholiker? Sind 
nicht diese beiden Typen durch eine 
ähnliche „Isolierung des Über-Ichs" 
charakterisiert? Bei der Melancholie 
wissen wir durch Freud und Abra- 
ham, daß es die Ambivalenz gegen 
das Objekt ist, deren Feindseligkeit das 
„isolierte" Über-Ich gegen das durch die 
Introjektion des Objekts veränderte Ich 
so wüten läßt. Nun hat Reich auch 
für den triebhaften Charakter die Ambi- 
valenz gegenüber dem Objekt als 
wesentlich beschrieben. Allerdings laßt 
sich die Diskrepanz zwischen Über-Ich 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse XI/3 



und Ich beim Melancholiker und beim 
„Minderwertigkeitskomplex" nicht auf 
ein aktives Vorgehen des Ichs beziehen, 
wie Reich es für seine Fälle annimmt. 

Es zeigte sich, daß eine solche „Iso- 
lierung" begünstigt wird, wenn entweder 
das Ich bereits vorher sehr intensive 
Organlust erfahren hat oder wenn es 
dem Objekt gegenüber, das als Über-Ich 
neu ersteht, ambivalent eingestellt ist. 
Beide Voraussetzungen waren im unter- 
suchten Faye vorhanden. In der Wirkung 
kann „diese Isolierung einer Verdrängung 
gleichkommen" (S. 87), d. h. die „iso- 
lierten" Üb er-Ichf orderungen wirken auf 
das Ich in gleicher Weise ein wie ver- 
drängte Triebansprüche. Sie schaffen das 
Strafbedürfnis, das zu Masochismus und 
zu „Verbrechen aus Schuldbewußtsein" 
führt. Wenn die Impulse vom Schuld- 
gefühl entlasten, so ist das dann eine 
sekundäre Folge der primären Diskre- 
panz zwischen Ich und Über-Ich. Vom 
Über-Ich der Triebhaften selbst horten 
wir, daß es ein „triebbejahendes" sei, 
das Verhalten der Objekte, die es wider- 
spiegelt, war im Einklang mit der Trieb- 
haftigkeit des Kindes. Ein häufiger 
Wechsel der Erziehungspersonen oder 
-methoden (traumatische Versagung!) 
wirkt im gleichen Sinne. Das wird in 
ausgezeichneter Weise durch die Ge- 
schichte eines dritten Falles illustriert, 
der, im Findelhaus und bei verschie- 
denen Verwandten aufgewachsen, schlecht 
behandelt und sexuell mißbraucht, eine 
ungehemmte Triebhaftigkeit entwickelte, 
und erst im zwölften Lebensjahr, als er 
in einer Anstalt vom Direktor gütig be- 
handelt wurde, Angst und Schuldgefühle 
entwickelte, die einer späten Über-Ich- 
bildung entsprachen. 

Was wir bisher davon gehört haben, 
daß die „isolierte" Üb er-Ichf orderung 
einer verdrängten Triebregung gleich- 
komme, war sehr plausibel und treffend 
dargestellt. Ein nunmehr folgendes kurzes 
theoretisches Kapitel ist aber offenbar 
weniger geglückt. Schon der Titel „Zur 
Frage der Verdrängung des Über-Ich" 
Öffnet Mißverständnissen Tür und Tor, 
Wir wissen, daß der seelische Apparat 
sich nach Freud in Es, Ich und Über- 



25 



386 



Referate 



Ich gliedert. Das Über-Ich ist zwar der- 
jenige struktuelle Bestandteil, der zuletzt 
entsteht, ist aber deshalb doch den beiden 
anderen prinzipiell gleichwertig. Die Ver- 
drängung, also ein Mechanismus, der 
gewisse spezielle seelische Inhalte vom 
Bewußtsein (vom Ich) fernhält, kann 
schwerlich einen struktuellen Bestandteil 
der Seele im allgemeinen betreffen. Eine 
„Verdrängung des Über-Ichs" als solche 
scheint uns ebenso unmöglich wie etwa 
eine Verdrängung des Es. Die R e i c h- 
sehe Vermutung, seine „Isolierung" könne 
sich als Spezialfall einer „Verdrängimg 
des Über-Ichs" erweisen (S, 99), scheint 
uns also rein logisch unmöglich. 
Möglich ist, daß das Ich, ebenso wie 
es unliebsame Regungen des Es durch 
Verdrängung von sich fernhält, auch un- 
liebsame Forderungen des Über-Ichs 
verdrängt. Das ist es, was Freud für 
die Hysterie im Gegensatz zur Zwangs- 
neurose beschrieben hat: Die vom Über- 
ich ausgehenden Schuldgefühle werden 
verdrängt, nicht das Über-Ich. Diesen 
Unterschied erkennt auch Reich, wenn 
er meint, auch bei der Hysterie liege 
eine unbewußte Akzeptierung der Über- 
Ichforderungen vor, nur das Ich stelle 
sich verschieden zum Schuldgefühl ein 
(S. 97). Dennoch interessiert ihn — - im 
Gegensatz dazu — die Frage nach der 
„Verdrängung des Über-Ichs", obwohl 
er der Tatsache, daß der Kern des Über- 
Ichs (dank seiner innigen Verbindung 
mit dem Es) unbewußt ist, in rich- 
tiger Weise entgegenhält, „unbewußt be- 
deutet nicht dasselbe wie verdrängt" 
(S. 98). In Verfolgung dieser Frage 
gerat er allerdings in starke Schwierig* 
keiten. 

Freud hat dem Unbewußten im 
deskriptiven Sinne (seelische Inhalte, von 
denen man nichts weiß), das dyna- 
mische Unbewußte, das durch be- 
stimmte Kräfte vom Bewußtsein fern 
gehalten wird und selbst als Kraft wirk- 
sam ist, und das systematische 
Unbewußte gegenübergestellt, das durch 
ganz bestimmte Eigenschaften seine Zu- 
gehörigkeit zu einem bestimmten psychi- 
schen System erweist. Das dynamische 
Unbewußte wird zu einem solchen durch 



den Akt der Verdrängung. Eine 
andere Verdrängung als eine dynamische 
ist nicht denkbar. Insoferne das Ver- 
drängte durch die Verdrängung im System 
Ubw festgehalten wird, kann man die 
Verdrängung auch einen systematischen 
(richtiger; topischen < ) Vorgang nennen. 
Eine „Unterscheidung zwischen dynami- 
scher und systematischer Verdrängung", 
die Reich, S. 98, Freud zuschreibt* 
hat dieser unseres Wissens nie unter- 
nommen. Wir können Reich nicht 
sicher verstehen, wenn er meint, beim. 
Triebmenschen sei „die systematische 
Verdrängung lückenhaft, die dynamische 
sehr stark und mißglückt", bei den Ge- 
sunden und Neiirotikern sei- der Über- 
Ichkern „systematisch verdrängt, die 
dynamische Verdrängung geht; nicht über 
die Verhinderung des Bewußtwerdens 
hinaus" (S. 98/99). Wir vermuten, er 
meint, bei diesen werde der Über-Ieh- 
kern niemals bewu0t, ohne daß dies 
großen Aufwand an Gegenbesetzung 
koste, bei jenen kehre das Verdrängte 
trotz starker Gegenbesetzung aus der 
Verdrängung wieder. Klarer ist die andere 
Formulierung von S. 99, derzufolge das 
Ich bei Gesunden und Neurotikern eine 
Gegenbesetzung nur gegen das (ver- 
drängte) Es aufzurichten habe, bei den 
Triebmenschen aber eine doppelte Gegen- 
besetzung, eine gegen das (verdrängte) 
Es, eine andere (im Dienste des Es) 
gegen das („isolierte") Über-Ich. Wir 
möchten dazu erwähnen, daß unseres Er- 
achtens auch dieser Unterschied nur ein 
quantitativer ist; eine gewisse 
Gegenbesetzung gegen das Über-Ich muß 
das Ich immer aufwenden. (S. das Kapitel 
über „Die Abhängigkeiten des Ichs" in 
Freuds „Ich und Es"). 

Die Erkenntnis, daß die den Psyoho- 
neurosen zugrundeliegenden Libido- 
organisationen normale Durchgangs- 
stadien der Entwicklung gewesen sind* 
die durch Regression zu neuer Wirksam- 
keit gelangt sind, macht es wahrschein- 
lich, daß auch der „Isolierung des Über- 
Ichs", wie sie der triebhafte Charakter 
aufweist, ein Durchgangsstadium in der 
normalen Ichentwicklung entspricht. 
Reich glaubt, das annehmen zu dürfen.. 



Referate 



387. 



Das primitive Ich muß sich ja als Lust- 
Ich gegen die Erziehungsversagungen 
wehren. Es entwickelt gegen die Er- 
ziehungsperson zunächst eine manifest 
ambivalente Objektbeziehung, die erst 
allmählich auf dem Umweg über die 
Verdrängung einer der ambivalenten 
Gefühlsregungen reaktiven Haßes oder 
reaktiver Liebe zur ambivalenzfreien Ein- 
stellung führt. 

Es schließen sich „Bemerkungen über 
die schizophrene Projektion und die 
hysterische Spaltung" an, die sehr lesens- 
wert sind. Die Patientin mit der sonder- 
baren Onanie hatte ihr Über-Ich wieder 
projiziert. Es scheint, daß sich gerade 
die Teile des Über-Ichs besonders leicht 
projizieren lassen, die „isoliert" geblieben 
sind. Mit dem Über-Ich wird auch der 
Trieb, gegen den sich sein Verbot richtet, 
projiziert, wie ja auch im Widerstand 
(und, wie Reich nicht hinzufügt, 
natürlich auch im Symptom) Verdrängtes 
und Verdrängendes vereinigt ihren Aus- 
druck finden. Das Über-Ich stammt ja 
auch aus der Außenwelt ; es ist also kein 
Wunder, wenn gerade die „isolierten" 
Anteile, also die, die nicht ins Ich auf- 
genommen worden sind, die also der 
Außenwelt nahe blieben, um ökonomi- 
scher Vorteile willen in der Projektion 
wieder in die Außenwelt zurückversetzt 
werden können. Ganz analog verhält es 
sich bei der hysterischen Spaltung. Hier 
wird nicht einer der beiden Gegner aus 
dem Ich hinausversetzt, sondern das Ich 
identifiziert sich abwechselnd mit dem 
einen und mit dem anderen» Auch sie 
hat eine „Isolierung" gewisser Über-Ich- 
anteile zur Voraussetzung. (In einer An- 
merkung auf S. 110 konstruiert Reich 
einen Widerspruch zwischen „Massen- 
psychologie" und „Ich und Es". Dieser 
wird von Freud selbst besprochen und 
erledigt. Siehe „Ich und Es" S. 55/56.) 

Daß die praktische Behandlung solcher 
Falle außerordentliche Schwierigkeiten 
macht, liegt auf der Hand. Reich 
läßt uns noch einen Blick in diese 
Schwierigkeiten tun : Der Gesundungs- 



wille, ja die Krankheitseinsicht fehlt, die 
Patienten sind mißtrauisch und können 
ihre Wiederholungsaktionen gut rationa- 
lisieren. Oft sind Änderungen des Milieus 
der Kranken und lange Erziehungsarbeit 
notwendig, bevor die eigentliche Analyse 
beginnen kann. Wird Krankheitseinsicht 
durch Identifizierung mit dem Analytiker 
und unter Verknüpfung des verschobenen 
Schuldgefühls mit den sadistischen 
Impulsen gewonnen, dann stellt sich oft 
Suizidneigung ein. Große Schwierig- 
keiten entstehen durch die Hemmungs- 
losigkeit im Benehmen der Patienten. Sie 
attackieren den Arzt ■ — feindselig oder 
sinnlich — und verlangen Realisierung 
der aus der Verdrängung gehobenen in- 
fantilen Wünsche; die Übertragung wird 
oft unlöslich; infantile Menschen kann 
man oft überhaupt nicht zur Assoziations- 
arbeit bringen ; sie erzwingen sich auf 
raffinierteste Weise ihre Wiederholungs- 
aktionen in der Übertragung. Ein er- 
zieherisches Eingreifen, etwa in der Art 
Aichhorns, ohne Analyse reicht nicht 
aus, muß aber oft die Analyse vorbereiten. 
Das Beste für solche Fälle wäre eine 
analytische Anstaltsbehandlung, — Die 
zu leistende „Ichanalyse" läßt sich von 
der Libidoanalyse praktisch nicht trennen ; 
die Identifizierungen werden durch Ana- 
lyse der ihnen zugrunde liegenden Ob- 
jektbeziehungen aufgelöst. Gelingt das, 
so schwinden oft auch intellektuelle 
Schwächen, die erst als Debilität imponiert 
hatten. 

Die Lektüre des geistreichen Buches 
ist für den Psychoanalytiker ein Genuß. 
Leider wird dieser an manchen Stellen 
durch formale und terminologische Un- 
achtsamkeiten sehr beeinträchtigt. Wir 
hatten ein so gedankenreiches und aus- 
gezeichnetes Buch, das eine solche Fülle 
von Problemen aufwirft und zum Teil 
auch lost, das so vielfachen Gesichts- 
punkten Rechnung trägt und zur Psycho- 
logie des Ichs so viel Neues überzeugend 
zu sagen weiß, gerne auch von solchen 
Schlacken frei gesehen ! 

Fenichel (Berlin) 



25* 



388 



Referate 



Deutsch, Dr. Helene: Zur Psychologie der weiblichen Sexual- 
funktionen. (Neue Arbeiten zur ärztlichen PsA. Nr. V.) Internat. PsA. 
Verlag, 1925. 



Allem voran : es ist von größtem Wert, 
daß ein solches Unternehmen, die Ge- 
samtheit der weiblichen Sexualfunktionen 
einer psa. Betrachtung zu unterziehen, 
überhaupt gewagt wurde. Und wir gehen 
an diese Arbeit mit doppeltem Interesse 
heran, einmal weil hier wieder einmal 
ein Gebiet der Normalpsychologie der 
psa. Forschung erschlossen werden soll, 
und zwar nicht irgend ein Teilgebiet, 
sondern nicht weniger als das ganze 
Sexualleben der Frau; und zweitens weil 
hier von der Basis der neuesten theo- 
retischen Einsichten aus etwas Ganzes 
geschaffen werden soll, das die sehr zer- 
splitterten Einzelergebnisse zusammen- 
faßt und sie außerdem durch neue 
Gesichtspunkte und Funde bereichert, die 
aus den eigenen ärztlichen Erfahrungen 
der Autorin stammen. 

Ich werde mich in dem folgenden 
Referat darauf beschränken, das schon 
bekannte Material nur kurz zu streifen, 
um vor allem die neuen Ergebnisse aus- 
führlich darzustellen. 

Die Besonderheiten der infantilen 
Sexualentwicklung des Weibes beginnen 
in der von Freud beschriebenen „phal- 
lischen Phase"; das Wesen dieser Phase 
sieht die Autorin in zwei Momenten: 

1) Die Klitoris werde in ihr vom 
kleinen Mädchen für ein „absolut voll- 
wertiges Organ" angesehen, und das 
Mädchen entwickle dieselbe Besorgnis 
um die Klitoris, wie der Knabe um den 
Penis. 

2) Die Tendenzen dieser Stufe seien 
vollkommen männlich gerichtet 
und wurzelten in einer Identifizierung mit 
dem Vater. 

Erst die Entdeckung der Penislosigkeit 
führe zu einer Mutteridentifizierung, und 
zwar zu einer regressiven, analer Natur, 
wobei der Wunsch nach dem analen Kind 
als Ersatz und Entschädigung für den 
Penis wiederbelebt würde und sich in- 
folgedessen an diesen Wunsch dieselben 
Schuld- und Angstgefühle hefteten, wie 
an das Genitale. Mit der Entdeckung des 



Organmangels würde dann überhaupt die 
Klitorissexualität und mit ihr die Identi- 
fizierung mit dem Vater aufgegeben. 

Diese rücke auf eine höhere Stufe, 
indem sie teils desexualisiert und im Über- 
Ich aufgerichtet würde, teils zur Objekt- 
libido dem Vater gegenüber fortschreite. 
Mit diesem „Passivitätsschub" .ginge der 
Ödipuskomplex des kleinen Mädchens 
unter, nicht nur, weil sich seine Wünsche 
nie erfüllten, sondern auch darum, weil 
in weiterer Folge auch die Mutteridenti- 
fizierung auf die höhere Phase der Über- 
Ich-Bildung rücke und von da aus die 
Rivalitätskämpfe mit dem Vater ent- 
fielen. Beim Mißlingen dieser Ichideal- 
bildung durch die Introjektion der Mutter 
bliebe sie das niedrige Sexualobjekt, und 
die Identifizierung mit ihr in dieser Re- 
lation liefere einen Beitrag zum Dirnen- 
komplex. 

Im übrigen wird das, was wir über 
die möglichen Reaktionen auf die Ent- 
deckung des Penismangels wissen, in 
guter Zusammenfassung dargestellt; ins- 
besonders wird neben dem von Abra- 
ham aufgestellten Wunsch- und Rache- 
typus jener Frauen gedacht, die die 
Kastration auch ubw nicht akzeptieren, 
an der Identifizierung mit dem Vater 
festhalten, ein männliches Üb er-Ich bilden 
und später zur Homosexualität oder doch 
zu einer männlich- führen den Rolle in einer 
heterosexuellen Beziehung gelangen. 

Die Autorin meint nun, daß die Ent- 
deckung dieser phallischen Organisations- 
stufe imstande sei, uns die Entstehung 
und Bedeutung des Männlichkeits- 
komplexes restlos aufzuklären. Sie 
meint, daß die Gesetzmäßigkeit, mit der 
die Analyse beim Weibe den Männlich- 
keits- (Kastrations-) Komplex aufdeckt, für 
eine biologische Bedingtheit desselben 
spräche; die Bildung einer phallischen 
Phase sei tatsächlich eine biologische Not- 
wendigkeit, wie etwa die Entstehung 
der oralen oder analen Organisation. Für 
diese phallische Entwicklungsphase „stelle 
der Besitz des aktiven Genitalorgans eine 



Referate 



389 



biologische Notwendigkeit dar". Die Ent- 
stehung des Genitalprimats überhaupt ist 
dabei gedacht als herrührend aus den aus 
äußeren — Erziehung — und inneren 

— Verlustmoment — Gründen erfolgten 
Entwertung des Kotbesitzes. „Diese Ent- 
wertung führt die narzißtische Libido 
beider Geschlechter zur Entdeckung einer 
neuen Quelle am eigenen Körper." 

Da eine entsprechende weibliche Ent- 
wicklungsphase beim Manne fehle, sei 
bei ihm auch nicht die Möglichkeit der 
Fixierung oder Regression auf diese 
Phase gegeben, wie es bei der Frau für 
die phallische Organisationsstufe der 
Fall sei. 

Die Pubertät gestalte sich in getreuer 
Wiederholung der Vorgänge in der phal- 
lischen Phase zweizeitig: sie begänne 

— wie beim Knaben — mit einem 
„Aktivitätsschub", „wie der Penis dränge 
auch die Klitoris männlich in die Außen- 
welt". Diese aktiv gerichtete Funktion 
erlahme dann — wie früher — infolge 
des „Organmangels" und wende sich 
darum gegen die eigene Person, d. h. sie 
verwandle sich in Masochismus, Passi- 
vität. Dieser sekundäre Masochismus 
summiere sich zum primären, erogenen, 
und ergebe mit diesem zusammen die 
masochistische Einstellung des Weibes. 

Durch den Passivitätsschub werde auch 
das bisherige aktive Organ, die Klitoris, 
„zur Vernichtung bestimmt". Sie müsse 
zurücktreten, weil sie „den gesteigerten 
Aktivitätsansprüchen nicht nachkommen" 
könne. 

Als Beleg für den „ Aktivitäts schub" 
wird angeführt, daß man knapp vor der 
Entwicklung zur Weiblichkeit eine auf- 
fallend regelmäßige Steigerung des Mas- 
kulinen beim Mädchen beobachten könne, 
die sich in verstärkter Sublimierungs- 
fähigkeit, in der nun manifest werdenden 
Homosexualität und im ganzen psychi- 
schen und physischen Habitus ausdrücke. 

Der Organmangel gestalte sich durch 
das körperliche Ereignis der Menstrua- 
tion zu einem „endgültigen Verlust". Die 
Menstruation bringe eine zweifache Ent- 
täuschung: „kein Penis, kein Kind", um 
die sich alle Menstruationsbeschwerden 
gruppierten. 



Diese Enttäuschungen einerseits und 
die Frist zwischen Befriedigungsmöglich- 
keit und Sexualreife andererseits drängten 
das Mädchen nachdrücklich in das Reich 
der Phantasie. Typische Pubertätsphan- 
tasien seien die von der Autorin so be- 
nannten „parthenogenetischen" und die 
Dirnenphantasien. Die ersteren seien 
charakteristisch für jenen Frauentypus, 
der eine Entschädigung für die genitale 
Kränkung in der Überwertung des Intel- 
lekts suche, die 'letzteren für die Frauen, 
bei denen die Libido vorwiegend vom 
Genitale auf das Körper ganze verschoben 
sei. Weiter seien auch Vergewaltigungs- 
phantasien typisch für die Pubertät. 
Ebenso wie die Menstruationsblutungen 
bereiteten auch diese Phantasien den 
Deflorationsakt und die Libidobesetzung 
der Vagina vor. 

So würde in der Pubertät eine Bereit- 
schaftseinstellung geschaffen für die Be- 
wältigung durch den Mann. Die eigent- 
liche Überleitung von der Klitoris als 
Leitzone zur Vagina vollzöge sich 
aber erst im Sexualakt selbst. Der Weg 
dahin ginge nicht direkt, denn die 
Defloration bedeute für die Frau eine 
„restlose Enttäuschung, nicht nur im 
Sinne der erwarteten sexuellen Lust, 
sondern auch als narzißtische Kränkung". 
Die durch die Defloration wachgerufenen 
feindlichen Regungen müßten erst durch 
günstige Liebeseinstellungen zum Partner 
überwunden werden, ehe es gelänge, den 
infantilen Peniswunsch „gegen den realen 
und gleichwertigen Besitz der Vagina" 
umzutauschen. „Dieses neuentdeckte 
Organ müsse für die Frau — ebenso wie 
der Penis für den Mann — zur Minia- 
tur des ganzen Ichs werden." 

Zu dieser Umwertung des weiblichen 
Genitales müsse die Libido nicht nur von 
der Klitoris, sondern auch von den ur- 
sprünglichen erogenen Zonen auf die 
Vagina übergeleitet werden. An diesen 
bleibe von vornherein mehr Libido als 
beim Knaben haften, weil die Klitoris 
auch in der intensivsten masturbatorischen 
Betätigung nicht so viel Libido an sich 
zu reißen vermöge, wie der Penis. In der 
Pubertät verstärke sich dann noch diese 
Erogeneität des ganzen Körpers, indem 



r" 



390 



Referate 



ein Teil der von der Klitoris abgedrängten 
Libido auf dem Wege der inneren Sekre- 
tion den ganzen Körper besetze. 

Die Überführung der Klitorislibido 
auf die Vagina gelänge auf dem Wege 
der Identifizierung mit dem Penis des 
Partners, so daß der Penis einen Besitz 
des eigenen Körpers darstelle. In dieser 
Beziehung liege die psychische Bedeutimg 
des Sexualaktes in der Wiederholung und 
Bewältigung des Kastrationstraumas. Das 
physische Korrelat dieser Einstellung sei 
in der orgastischen Tätigkeit der Vagina 
zu finden. 

Bei der Überführung der Libido vom 
ganzen Körper auf die Vagina spiele die 
Verlegung der oralen Libido von oben 
nach unten die Hauptrolle, Wie früher 
die Körperlibido des Säuglings am Mund 
zentralisiert gewesen sei, so übernehme 
jetzt die Vagina die passive Rolle des 
säugenden Mundes, wobei der Penis der 
Mamma gleichzusetzen sei. Diese orale, 
saugende Tätigkeit der Vagina sei auch 
in ihrem anatomischen Bau vorgezeichnet. 
Und in dieser oralen Funktion sei ihre 
wirklich feminine, passive Einstellung 
begründet. 

Aus dieser Auffassung des Koitus er- 
geben sich mehrere Schlußfolgerungen 
für die psychische Bedeutung des Aktes 
für die Frau. 

Der Koitus wiederhole dann nämlich 
das Saugen an der mütterlichen Brust und 
stelle insofern „eine Wiederholung und 
Bewältigung des Entwöhnungstraumas" 
dar» Zwischen den Sexualpartnern stelle 
sich also die Relation Mutter-Kind her. 
Somit bedeute letzten Endes der Koitus für 
das Ubw der Frau „die orale Einverleibung 
des Vaters, der zum Kinde gemacht werde 
und diese Rolle auch in der real ein- 
tretenden oder phantasierten Schwanger- 
schaft beibehalte". Erst mit der Her- 
stellung dieser mütterlichen Funktion der 
Vagina und der mütterlichen Einstellung 
zum Manne im Koitus habe sich die 
Entwicklung zum Weibs ein wirklich 
vollzogen. 

Daß es so häufig zur Frigidität komme, 
und zwar häufiger als beim Manne zur 
Impotenz, sei aus verschiedenen Gründen 
zu erklären : einmal werde eben sehr 



häufig die Klitorisphase nicht voll erledigt. 
Ferner sei bei der Frau die sinnliche 
Komponente mehr als beim Mann durch 
seelische Momente überladen und führe 
daher sowohl zu einer Erschwerung der 
Liebesbedingungen als auch zur Er- 
schwerung der wirklichen Hingabe. 

Während nun der Sexualakt beim 
Manne mit dem Orgasmus beendet sei, 
sei er — im psychischen Sinne — bei 
der Frau erst mit dem Geburtsvorgang 
zu Ende. 

Koitus und Geburt seien eigentlich ein 
Vorgang, der durch einen Zeitintervall in 
zwei Phasen verlegt werde, wobei die 
sexuelle Lust im Geburtsakt kulminiere. 
Der Koitus würde überhaupt erst dadurch 
zu einem lustvollen Akt, daß er „den Ver- 
such und Beginn des Gebäraktes" darstelle. 

In der Schwangerschaft würden die 
früheren Organisationsstufen wiederbelebt, 
so daß das Kind nacheinander ein oral 
einverleibtes Objekt, Darminhalt und 
schließlich den Phallus bedeute. 

Gleichzeitig sei das Kind aber auch ein 
Objekt der Außenwelt, an dem sich die 
Ambivalenzkonflikte aller Entwicklungs- 
phasen des Libido abspielten. Das Kind 
als Objekt würde teils ins Ich auf- 
genommen und trüge dann zur Steigerung 
des sekundären Narzißmus der schwan- 
geren Frau bei, teils strömten ihm alle 
„Sublimierungstendenzen" der Frau zu, so 
daß das Kind zum Ichideal würde. Als 
solches könne es ein so großes Ausmaß 
von Ichlibido an sich ziehen, daß das Ich 
verarme. Auf dem Grund der Mutter-Kind- 
Identität sei es erlaubt, vom psychischen 
Zustand der Frau beim Geburtsakt auf 
den des Kindes zu schließen. Die Ent- 
bindung bedeute für die Frau eine Wieder- 
holung der eigenen Geburt. 

Nach der Entbindung folge ein sehr 
kurz dauerndes Stadium einer grenzen- 
losen Leere und Enttäuschung, das ge- 
wöhnlich der Amnesie verfalle. Denn die 
Entbindung bedeute für das Ubw eine 
neuerliche Kastration in der Gleichsetzung 
Kind-Penis. Erst wenn eine günstige 
Objektbeziehung zum Kind hergestellt 
sei, fände das Weib im Kinde eine Ent- 
schädigung für die früheren Kränkungen. 

Die ambivalente Einstellung zum Kind 



Referate 



391 



gewänne im Wochenbett an Intensität, 
weil sie jetzt nicht mehr durch die völlige 
Identifizierung gemildert sei. 

Diese Einheit Mutter-Kind würde wieder 
hergestellt in der Laktation. Der Ein- 
verleibungsvorgang, der im Koitus vor 
sich gegangen sei, erführe jetzt seine 
Wiederholung. In beiden Situationen seien 
die Grenzen zwischen Objekt und Subjekt 
verwischt, und in beiden handle es sich 
um eine „orale Einverleibung des Objektes 
im Saugeakt". Nur die Rollen der beiden 
Partner des Saugeaktes seien umgekehrt. 
Auf diese Weise würde für die Mutter 
noch einmal das Entwöhnungstrauma 
aufgehoben. 

Im Klimakterium seien es gerade die 
Errungenschaften der Pubertät, die ver- 
loren gingen: das Genitale als Fort- 
pflanzungsorgan würde entwertet, und die 
damals entstandenen Körperreize gingen 
zurück. Diese enge Beziehung zur Pubertät 
käme auch in den psychischen Inhalten 
des Klimakteriums zum Ausdruck, und 
zwar derart, daß die dort durchlaufenen 
Phasen in umgekehrter Reihenfolge wieder 
durchlebt würden. Das eigentliche Klimak- 
terium würfe seine Schatten voraus: im 
Vorklimakterium reagiere die Frau auf die 
drohende narzißtische Kränkung mit einer 
intensiven Steigerung der narzißtischen 
Libido, insbesondere in Bezug auf die 
genitalen Tendenzen. Erst weiterhin käme 
es dann zur vaginalen Enttäuschung, zur 
Regression auf neuerliche Klitorismastur- 
bation und zu einer verstärkten Phan- 
tasietätigkeit. Die Phantasien seien eben- 
falls eine Wiederholung der inzestuösen 
Pubertätsphantasien und richteten sich 
auf den Sohn oder dessen Ersatzfiguren. 
Auch von somatischen Beobachtungen aus 
sei die Ähnlichkeit der Pubertät mit dem 
Klimakterium aufgefallen. Wegen der 
schweren Erschütterungen und der Re- 
gressionen sei die Frau in dieser Zeit be- 
sonders gefährdet in Bezug auf psychische 
Erkrankung. Das männliche Klimakterium 
sei wahrscheinlich darum leichter, weil 
die Sublimierungen des Mannes auf kul- 
turellen Gebieten lägen, während die 
Sublimierungen des Weibes zum großen 
Teil innerhalb der sexuellen Sphäre ver- 
blieben. 



Es ist eine leitende Idee, die auf 
breiter Basis das ganze Buch trägt. Auf 
eine knappe Formel gebracht, hat sie 
etwa folgenden Inhalt: 

In der phallischen Phase wertet 
das Mädchen ihre Klitoris voll und ganz als 
Penis. Erst die Entdeckung der tatsäch- 
lichen Penislosigkeit führt dann unter dem 
Eindrucke einer narzißtischen Kränkung 
regressiv zu einer weiblichen Einstellung. 
Dieser zweiseitige Vorgang bleibt vor- 
bildlich für alles weitere sexuelle Erleben 
des Weibes. In der Pubertät, im Sexualakt, 
bei der Entbindung — immer muß das 
Weib erst eine andrängende männliche 
Strömung überwinden, um die Möglich- 
keit zu einer weiblichen Einstellung zu 
gewinnen. 

Wir sehen daraus: die Grundlage, auf 
der dieser Gedankengang sich aufbaut, 
ist die „phallische Phase" ; wollen wir zu 
einer Stellungnahme zu der Arbeit ge- 
langen, müssen wir diese Phase einer 
genaueren Betrachtung unterziehen. 

Die Freud sehe Auffassung der 
„phallischen Phase" wird von der Autorin 
dahin erweitert, daß die Klitoris alsdann 
den „realen Peniswert" habe, daß das 
kleine Mädchen ,, dieselbe Besorgnis um 
ihren Besitz entwickle wie der Knabe 
um den Penis"', und daß endlich diese 
Männlichkeit am „Organmangel 4 ' scheitere. 

Dieses Scheitern am Organmangel ist 
ohne weiteres einleuchtend. Das eigent- 
liche Problem liegt aber darin, wieso 
und inwieweit eine solche Männ- 
lichkeitsströmung trotz des 
Organmangels überhaupt zu- 
stande kommt, oder anders aus- 
gedrückt: wieso die entwicklungs- 
geschichtliche Identität von Klitoris und 
Penis sich über das Anatomische 
hinweg in einer funktionalen Gleich- 
wertigkeit auswirken kann? 

Man kann diese Frage durch die bloße 
Überlegung nicht umgehen, daß die 
Hauptinhalte der phallischen Phase beim 
kleinen Mädchen offenbar ubw und nur 
psychisch real sind; die Lustempfindungen, 
die im Mittelpunkt jeder Libidoorgani- 
sation stehen, können nur bw sein, ebenso 
wie es die zahllosen Eindrücke sind, die 
der kleine Knabe von seinem Penis 



r" 



392 



Referate 



empfängt und in der narzißtischen Hoch- 
schätzung desselben verwertet. 

Des weiteren: Wenn die Genitalorgani - 
sation des kleinen Mädchens so restlos 
identisch mit der des Knaben wäre, so 
bliebe die unbestreitbare und sich im 
ganzen Lebensverhalten ausdrückende 
seelische Andersartigkeit des kleinen 
Mädchens libidotheoretisch unverständlich. 

Dieses Problem hat die Autorin offenbar 
selbst gesehen, denn es findet sich auf 
S. 58 folgender Hinweis : „In allen Phasen 
der infantilen Entwicklung divergiert 
dennoch der psychische Habitus des kleinen 
Mädchens trotz der bisexuellen Anlage 
von der des kleinen Buben .... Die 
Beobachtung der Kinderspiele zeugt un- 
zweideutig von der passiv-femininen Ein- 
stellung des kleinen Mädchens . . . .". 
Wenn dennoch die ganze Sexualentwick- 
lung des kleinen Mädchens bis zu jenem 
„Scheitern am Organmangel" als nahezu 
identisch mit der des Knaben geschildert 
wird, so kann man sich des Eindrucks 
nicht erwehren, daß die Autorin, das 
heikelste Stück des Problems einfach 
umgangen hat, und daß es ihr demnach 
vorläufig noch nicht gelingen konnte, das 
letzte Rätsel der phallischen Phase zu lösen. 

Dieser Punkt ließe sich nur durch sehr 
eingehende analytische Beobachtungen 
aufklären. 

Auch hinsichtlich der von der Autorin 
aufgezeigten biologischen Grundlage der 
Vateridentifizierung muß es der klinischen 
Nachprüfung vorbehalten bleiben, ob diese 
Vateridentifizierung tatsächlich allemal 
zeitlich mit der Blüte der phallischen 
Phase zusammenfällt, und wie weit nicht 
Milieueinflüsse und individuelle Lebens- 
schicksale als mit dem „Organbesitz" 
konkurrierende Momente in Be- 
tracht kommen. 

Es tritt überhaupt nicht ganz klar zu- 
tage, welche Bedeutung die Autorin dem 
Nachweis beimißt, der „Penisbesitz" des 
kleinen Mädchens sei die biologische 
Grundlage seiner Vateridentifizierung. 
Man muß ja dabei berücksichtigen, daß 
der Mutteridentifizierung des Mannes, 
deren Intensität und Tragweite keines- 
falls geringer ist, keine analoge biologische 
Voraussetzung entspricht. 



Es muß ausdrücklich betont werden, 
daß diese kritischen Bemerkungen keine 
Gegenargumente gegen die von der 
Autorin vertretenen Auffassung sind, daß 
sie vielmehr die Frage nach der Richtig- 
keit und Sicherheit ihrer Feststellungen 
völlig offen lassen. Schon jetzt haben 
diese Theorien ihren positiven Wert in 
verschiedener Hinsicht: einmal liegt in 
ihnen ein höchst interessanter Gedanke, 
nämlich der, daß die Natur in der Onto- 
genese beim Weibe sozusagen immer erst 
einen Umweg über die Männlichkeit 
mache, um zum Ziel der weiblichen 
Bereitschaft zu gelangen. Ferner stellt sie 
unter allen Umständen eine nicht nur 
anregende und durchweg geistvolle, son- 
dern auch für bestimmte Probleme offenbar 
vielversprechende Arbeitshypothese 
dar. Denn sie ermöglicht uns, die Regel- 
mäßigkeit und den Umfang des Männ- 
lichkeitskomplexes unabhängig von den 
individuellen Kindheitserlebnissen zu er- 
fassen und sie als Fixierung oder Regres- 
sion auf diese Stufe zu verstehen. 

Auch die Pubertät des Mädchens 
beginnt nach der Darstellung der Autorin 
mit einem Männlichkeitsschub, den sie 
als einen typischen und allgemeinen Vor- 
gang auffaßt. 

Daß normalerweise in der weiblichen 
Pubertät ein Stück Männlichkeit zugrunde 
geht, wissen wir von Freud, Inwieweit 
nun diesem Untergang der Männlichkeit 
ein Auflodern derselben vorangehen 
soll, läßt sich ohne klinisches Material 
nicht beurteilen. Für eine Anzahl neuro- 
tischer Fälle ist die Darstellung sicher 
zutreffend, aber ob man in diesem Männ- 
lichkeitsschub eine regelmäßige Phase der 
normalen Entwicklung anzusehen hat, 
bleibt einstweilen fraglich. Die einfache 
Beobachtung im täglichen Leben zeigt 
uns häufig genug das Gegenteil, nämlich, 
daß Mädchen bereits um die Zeit der 
herannahenden Reife^ also in der Vor- 
pubertät, ja schon in der infantilen 
Sexualperiode, zärtlicher, anschmiegender, 
schamhafter werden, und daß sich in 
ihrem ganzen Habitus die weiblichen 
Züge immer deutlicher ausprägen. 

In der theoretischen Begründung des 
Männlichkeitsschubs geht die Autorin von 



Referate 



393 



dem Libidoschub der Pubertätsentwicklung 
aus, wobei sie das aktiv-männliche Ver- 
halten des Mädchens direkt aus der er- 
höhten Aktivität des erstarkten Triebes 
ableitet. Dabei liegt jedoch offenbar eine 
doppelsinnige Verwendung des Wortes 
„aktiv" vor. Es ist natürlich richtig, daß 
der stärkere Trieb der Pubertätszeit 
aktiver ist als der schwächere der 
Latenzzeit. Die größere Aktivität eines 
Triebes kann sich aber sehr wohl in der 
bloßen Schaffung einer erhöhten Spannung 
äußern und muß nicht notwendigerweise 
zu einem entsprechend aktiven Verhalten 
des Ichs führen und es zu Abfuhraktionen 
veranlassen. Die — jederzeit aktiven — 
Triebe können sich passive Ziele 
gesetzt haben — wie dies beim normalen 
Weibe offenkundig der Fall ist — wobei 
die Einleitung und Errichtung der motori- 
schen Abfuhraktionen von außen er- 
wartet wird. Aus der ihm seinem Wesen 
nach innewohnenden Aktivität des Triebes 
folgt demnach keinesfalls ein entsprechen- 
des aktiv-männliches Verhalten des Ichs 
nach außen. 

Auf einem weit sichereren klinischen 
Boden bewegt sich die Autorin bei der 
Darstellung der Defloration und der 
mit ihr beginnenden Schwierigkeiten in 
der Einstellung zum Sexualakt. Denn 
hier zeigen uns gesicherte analytische 
Erfahrungen, daß tatsächlich erst ein 
Rest Männlichkeit überwunden werden 
muß, ehe die weibliche Hingabe voll 
gelingt. 

Gegen die merkwürdige Auffassung der 
Autorin, daß der eigentliche Orgasmus 
der Frau erst in der Entbindung läge, 
also ebenso wie beim Manne mit der 
Trennung von Soma und Keimplasma 
zusammenfalle, müssen vom nüchternen 
klinischen Standpunkt aus einige Bedenken 
zu Worte kommen. Es kann doch wohl 
kaum bestritten werden, daß das normale 
Weib im Sexualakt zu einer echten End- 
lust, das heißt vollkommenen sexuellen 
Entspannung gelangt, mithin der Koitus für 
sie ökonomisch dieselbe Bedeutung bean- 
sprucht wie für den Mann. Welche prak- 
tische und metapsychologische Bedeutung 
soll man angesichts dieser Tatsache der 
Behauptung zumessen, daß der eigentliche 



Höhepunkt des weiblichen Sexualgenusses 
in dem so unvergleichlich selteneren Ent- 
bindungsakte läge? Wenn sich das Weib 
durchgängig mit einem bloß mittleren 
Maß von Sexualbefriedigung zufrieden 
geben müßte, und nur vereinzelt das volle 
Maß der ihr erreichbaren Genitallust 
erlebte, so müßten sich doch beim nor- 
malen Weibe Reste von unerledigten 
Spannungen oder sonstige Anzeichen einer 
mangelhaften Befriedigung bemerkbar 
machen, was a*ber offenbar nicht der 
Fall ist. 

Der Sachverhalt wird noch undurch- 
sichtiger, wenn man sich überlegt, daß 
beim Entbindungsakt die intensiven Un- 
lustempfindungen die mit ihnen einher- 
gehende masochistische Lust bei weitem 
überwiegen. Man müßte sich also mit der 
Idee eines u&iu-Orgasmus vertraut machen, 
denn für die Bewußtseinswahrnehmung 
stehen ja der eindeutigen und einheit- 
lichen Lustsensation des im Geschlechtsakt 
erreichten Orgasmus die durchaus gespal- 
tenen Empfindungen bei der Entbindung 
gegenüber. 

Diese einfachen Überlegungen mahnen 
uns zur Vorsicht gegenüber , Gedanken- 
gängen, die von dem weitgehenden 
Parallelismus zwischen Mann und Weib 
ausgehen. Es ist sicherlich ein durchaus 
berechtigter und sogar ungemein frucht- 
barer und weiter Gesichtspunkt, von dem 
aus die Unterschiede zwischen Mann und 
Weib verschwinden. Die Aufgabe der 
weiteren klinischen Forschung wird dann 
die sein, uns umgekehrt diese Unterschiede 
kennen und verstehen zu lehren. 

Ebenso zurückhaltend müssen wir uns 
vorläufig gegenüber der Hypothese ver- 
halten, die die Autorin bei der Be- 
sprechung des Geschlechtsaktes über 
die Erotisierung der Vagina entwickelt. 
Denn es ist aus dem Mitgeteilten nicht 
ganz ersichtlich, wie sie dazu gekommen 
ist, aus der einwandfreien Analogie 
zwischen Mund und Vagina Penis und 
Mamma einen Schluß auf die tatsächliche 
dynamische Beteiligimg der Munderotik 
bei dem Vorgang der Libidobesetzung der 
Vagina zu ziehen. Erst das kasuistische 
Material, das sie uns hoffentlich recht 
bald mitteilen wird, wird uns Gelegenheit 



r" 



394 



Referate 



geben, diesen Weg und sein Ergebnis 
nachzuprüfen. Mit dieser Annahme stehen 
und fallen dann auch die weiteren Schlüsse, 
die sich aus ihr ergeben : nämlich, daß sich 
auch für die Empfindungen der Sexual- 
partner die Saugesituation und also das 
Mutter-Kind-Verhaltnis im normalen 
Koitus wiederholt. Ganz unverständlich 
ist gebliehen, warum es erlaubt sein soll, 
auf Grund dieser Mutter-Kind-Identität 
„vom psychischen Zustand der Frau auf 
den psychischen Zustand des Kindes 
während der Geburt zu schließen". 

Für den psychischen Zustand der Frau 
im Wochenbett kommt die Autorin 
konsequenterweise zu der Auffassung, 
daß die Entbindung zunächst eine Ent- 
täuschung bedeute für ihre Männlichkeits- 
wünsche durch die ubw Gleichsetzung 
von Entbindung und Kastration. Ob das 
beschriebene „Stadium einer grenzenlosen 
Leere und Enttäuschung" ein für die 
gesunde Frau typischer Vorgang ist, müßte 
erst an einem breiteren Material von 
praktisch gesunken Frauen aufgezeigt 
werden. Die unanalytische Beobachtung 
auf geburtshilflichen Kliniken spricht 
anscheinend vorläufig nicht allgemein 
dafür. Man möchte hier wie an manchen 
anderen Stellen der Arbeit die Frage auf- 
werfen, ob nicht diese Resultate aus 
einem Material von neurotischen Frauen 
mit besonders betontem und besonders 
schlecht überwundenem Kastrationskom- 
plex stammen, resp. nur zutreffen für 
gewisse Frauentypen aus der intellektuellen 
Oberschicht? 

Die Schilderung des Klimakteriums 
gehört wohl zu den bestgelungenen 
Kapiteln der Arbeit. Sie enthält eine 
reiche Fülle der Anregung und Belehrung 
für jeden Analytiker. 

Wenn man die Arbeit in ihrer Gesamt- 
heit überblickt, so mochte man vermuten, 
daß der Anstoß zu ihr aus einer Grund- 
vorstellung gekommen ist, die auf S. 14 
ausgesprochen wird. Es spiele, so heißt 
es dort, „doch der .Männlichkeitskomplex 4 
des Weibes eine viel dominierendere Rolle 



wie der ,Weiblichkeitskomplex' des 
Mannes". An diese Auffassung scheint sich 
dann das Woher und Warum mit all 
seinen Problemen anzuknüpfen. 

Tatsächlich aber kann man ja über 
diese größere Bedeutung der männlichen 
Strebungen in der Frau geteilter Ansicht 
sein. Es ist zwar ganz außer Zweifel, daß 
wir aus unseren Analysen häufig diesen 
Eindruck gewinnen, aber es fragt sich, 
ob dieser Eindruck nicht dadurch hervor- 
gerufen wird, daß der Männlichkeits- 
komplex der Frau stärker dazu neigt, in 
manifeste neurotische Symptome auszu- 
laufen, so daß er gewissermaßen mehr 
von sich reden macht. Und es fragt sich 
weiter, ob nicht die sozialen Verhältnisse 
unserer Zeit dafür verantwortlich zu 
machen sind, daß er so häufig in dieser 
verzerrten Form in Erscheinung tritt. 
Denn wir dürfen nicht vergessen, daß 
bisher der Weg einer Sublimierung ihrer 
Männlichkeit in außersexuelle, kulturelle 
Bahnen für die Frau so sehr verbaut war, 
während den Mann von jeher nichts 
gehindert hat, seine Weiblichkeit im 
Empfangen und Gebären von kulturellen 
Werten sich auswirken zu lassen. Dies zu 
entscheiden dürfte schwer sein, aber jeden- 
falls stehen wir hier vor einem Problem 
und nicht vor einer Tatsache. 

Man wird einem Landschaftsbild nicht 
gerecht, wenn man nur seine großen 
Verkehrswege verfolgt — und so kann 
auch diese Besprechung, die sich nur 
streng an den leitenden Gedanken hielt, 
nicht dem tatsächlichen Reichtum an 
Beobachtungen und Gedanken gerecht 
werden, die die Arbeit enthält. Um da 
auch nur einiges Wenige hervorzuheben, 
sei die schöne Darstellung der Pubertäts- 
phantasien und die Schilderung des Vor- 
klimakteriums besonders genannt. 

Man kann nur hoffen, daß die Ver- 
öffentlichung des kasuistischen Materials 
bald folgt, und damit die Arbeit für den 
Analytiker überzeugender und für den 
Nichtanalytiker zugänglicher gemacht 
wird. Horney (Berlin) 



PSYCHOANALYTISCHE BEWEGUNG 



Die Psychoanalyse in Rußland 



Die psychoanalytische Bewegung in 
Rußland hat eine Geschichte von ungefähr 
17 bis 18 Jahren. 1 

Schon in den Jahren 1908 bis 1909 war 
das Interesse für die Psychoanalyse haupt- 
sächlich in d.en psychiatrischen Kreisen 
deutlich hervorgetreten und in diese Jahre 
fallen die ersten psychoanalytischen 
Publikationen von einigen Ärzten, die 
man als Pioniere der russischen psycho- 
analytischen Bewegung bezeichnen kann. 
Das waren nämlich Dr, M, O, Felz- 
m a n n, Dr. N. E. O s s i p o w, Professor 
N. A. Wyrubow und Dr. M. Wulff, 
der heutige Präsident der Russischen 
PsA. Vereinigung, die ersten drei in 
Moskau, der letzte damals in Odessa. 

Schon nach einigen Jahren erschienen 
selbständige Publikationen, die der Psycho- 
analyse nahestanden und die Grundarbeiten 
der psychoanalytischen Schriftsteller dem 
Leser vermittelten. DamaJs wurde auch 
die erste russische Bibliothek, die sich 
mit psychoanalytischen Problemen be- 
schäftigte, nämlich die „Psychotherapeu- 
tische Bibliothek" von Dr. Ossipow 
und Dr. Fehmann, herausgegeben ; 
dort erschienen als Einzellieferungen die 
Arbeiten von Freud („Drei Abhandlungen 
zur Sexualtheorie", „Über die Psycho- 
analyse", „Über den Traum", „Analyse 
der Phobie eines fünfjährigen Knaben"), 

1) Vergl. auch Spielrein, Russische Literatur 
und Bericht über die Fortschr. d. PsA. 1914—1919, 
ferner die Beiträge in der Rubrik Bewegung 
dieser Zeitschrift VII (1921), S. 584-388, VIII 
(1922), S. 236, 390, 523, IX (1923), 115 ff-, 238 ff M 
schließlich die offiziellen Berichte im „Korre- 
spondenzblatt" vom Anfang des Jahres 1924 an- 
gefangen. (Anmerkung der Redaktion). 



außerdem Marcinowsky u. a. m. 
Ungefähr in derselben Zeit wurde auch 
eine psychoanalytische Bibliothek von 
Dr, Wulff in Odessa herausgegeben, in 
der Freuds „Gradiva", Abrahams 
„Giovanni Segantini", einige Werke von 
S t e k e 1 u. a. erschienen. 

Im Jahre 1915 erschien die russische 
Übersetzung der „Traumdeutung" und 
einige der anderen Werke Freuds. 

In den Jahren 1910 bis 1914 wurde 
eine große russische Zeitschrift, die der 
Psychoanalyse sehr nahestand und sehr 
regelmäßig den russischen Leser über 
die Fortschritte der psychoanalytischen 
Bewegung unterrichtete, von Prof. Wyru- 
bow u. a. begründet. Eine Reihe von 
Aufsätzen von Freud, Alf. Adler, 
Stekel, Jung u.a. erschienen dort, 
bis der Krieg im Jahre 1914 der Zeit- 
schrift ein Ende bereitete. 

Während der Kriegszeit war das groß 
gewordene Interesse für die Psychoanalyse 
in den Hintergrund getreten, und nur 
nach der Revolution bemerken wir ein 
lebhaftes Wiederaufflackern der psycho- 
analytischen Bewegung, die schon bald in 
die Phase der systematischeren Arbeit tritt. 
Im Jahre 1921 wurde nämlich von 
Prof. Ermakow und Dr. M. Wulff 
die „Russische Psychoanalytische Ver- 
einigung" in Moskau gegründet. In dem- 
selben Jahre wurde auch in Kasan (an 
der Wolga) eine kleine psychoanalytische 
Vereinigung ins Leben gerufen, in welcher 
sich einige Ärzte, die einst in Zürich 
studierten, und einige Psychologen (dar- 
unter Dr. R. A v e r b u c h, AI. L u r i a, 
Dr. Friedmann u. a.) vereinigten. 1925 



c* 






30 



Psychoanalytische Bewegung 



übersiedelte der größte Teil der Kasaner 
Psychoanalytiker nach Moskau und trat in 
die Russische PsA. Vereinigung: ein. 

Die Russische PsA. Vereinigung- führte 
ihre Arbeit von Anfang an in drei Richtun- 
gen (drei Sektionen): der pädagogischen, 
medizinischen und kunstpsychologischen ; 
die Sitzungsberichte der Moskauer Vereini- 
gung wurden, nachdem sie auf dem Berliner 
psychoanalytischen Kongreß der „I. P. V." 
angegliedert worden ist, im Korrespon- 
denzblatt der letzteren in dieser Zeit- 
schrift regelmäßig veröffentlicht. 

Die Vereinigung stand auch der Publi- 
kation aller Schriften über Psychoanalyse 
nahe, die in der „Psychologischen und 
Psychoanalytischen Bibliothek", heraus- 
gegeben von Prof. E r m a k o w, im 
Staatsverlage erschienen. Diese Biblio- 
thek war einer der ersten Versuche, 
die psychoanalytischen Probleme dem 
russischen Leser in systematischer 
Ordnung näherzubringen. So erschienen 
z. B. in den ersten zwei Bänden dieser 
Bibliothek Freuds Vorlesungen zur 
Einführung in die Psychoanalyse, in 
Band III eine Auswahl von Freuds 
psychologischen Schriften (Über das Un- 
bewußte, Über die Verdrängung, Triebe 
und Triebschicksale, Über die zwei Prin- 
zipien des psychischen Geschehens usw.), 
in Band IV Freuds Schriften zur 
Technik und Methodik der Psychoanalyse, 
in Band V Schriften über psychoanalytische 
Charakterologie usw. Also ist dem rus- 
sischen Leser jetzt immerhin auch eine 
Art von systematischer Darstellung der 
psychoanalytischen Grundprobleme zu- 
gänglich. Fast alle diese Schriften wurden 
von Dr. Wulff ins Russische übersetzt. 
Auch muß hier betont werden, daß in 
letzter Zeit noch weitere Schriften Freuds 
russisch erschienen sind, nämlich: „Das 
Ich und das Es" (1924), „Massenpsychologie 
und Ich- Analyse" (1925)* „Jenseits des 
Lustprinzips" (1925), „Der Witz" (1925). 

Die Russische Psychoanalytische Ver- 
einigung hat zur Verwirklichung ihrer 
Ziele auch eine Reihe wissenschaftlicher 
und praktischer Ausschüsse ins Leben ge- 
rufen, u. zw. in erster Reihe das staatliche 
psychoanalytische Institut, das seit 1921 
existiert. Das psychoanalytische Institut 



zu Moskau wurde als ein kleines psycho- 
analytisches Kinderheimlaboratorium ge- 
gründet; später hat es auch andere Funk- 
tionen, nämlich Lehr- und Heilfunktionen 
bekommen. 

Im heutigen Rußland spielen alle neuen 
pädagogischen Richtungen eine außer- 
ordentlich große Rolle; darum hat das 
psychoanalytischeKinderheimlaboratorium 
von Anfang an großes Interesse hervor- 
gerufen. Die Aufgaben des Laboratoriums 
waren, an einer kleinen Zahl von Kindern 
(im Alter von zwei bis fünf Jahren) eine 
Reihe von Beobachtungen zu machen, 
auf Grund deren man Material über die 
Entwicklungs formen des kindlichen Ver- 
haltens gewinnen könnte. Die Einrichtung 
eines Kinderheimlaboratoriums erlaubte 
auch allerlei Bedingungen der Umgebung 
zu variieren und den Erfolg eines wissen- 
schaftlich begründeten Erz iehungs Systems 
zu prüfen. 

Solche Ziele hatte sich auch das Labora- 
torium gestellt, etwas mehr als zehn Kinder 
wurden mit eineinhalb bis zwei Jahren 
ins Laboratorium aufgenommen und die 
systematische Beobachtung ergab in den 
drei Jahren seiner Existenz ein großes 
Material, das sich hauptsächlich auf die 
Entwicklung der Sexualfunktionen, des 
Soziallebens der Kinder usw. bezieht. 

Ein Teil der Resultate der dreijährigen 
Arbeit wurde in der Arbeit von Vera 
S c h m i d t (der Leiterin des Labora- 
toriums) „Die psychoanalytische Er- 
ziehung in Sowjetrußland" publiziert. 
Der größte Teil des gesammelten Materials 
ist aber noch im Archiv des Institutes 
geblieben, und die interessanten Tage- 
bücher, in denen die Beobachtungen des 
Lebens der Kinder sehr sorgfältig fixiert 
sind, besonders auch die Beobachtungen 
über die Sprachentwicklung des Kindes, 
über das kindliche Schaifen usw., werden 
jetzt von den einzelnen Mitgliedern der 
Vereinigung bearbeitet. 

Neben dem Kinderheimlaboratorium 
entwickelten auch andere Ausschüsse des 
Instituts für Psychoanalyse eine rege 
Tätigkeit, nämlich eine kleine psycho- 
analytische Poliklinik, wo täglich eine 
größere Anzahl von Analysen durchgeführt 
wurde, und psychoanalytische Vorlesungen 



Psychoanalytische Bewegung 



397 



stattgefunden haben, die den Ärzten 
und Pädagogen die Grundprobleme der 
Psychoanalyse naher zu bringen suchten. 

Alles das — und vor allem die mächtige 
wissenschaftliche Entwicklung der Psycho- 
analyse in den letzten Jahren — steigerte das 
Interesse für die Psychoanalyse in Ruß- 
land noch weiter. Die Vorlesungen über 
Psychoanalyse, Sexualpsychologie, An- 
wendung der psa. Forschung auf die 
Kunst usw., sammelten immer viele Zu- 
hörer, die sich gerne mit den neuen 
Standpunkten vertraut machten. Eine 
solche Entfaltung der psychoanalytischen 
Bewegung brachte auch einige Dis- 
kussionsfragen herauf, die in den breiten 
Massen der russischen Leser und Hörer 
starken Widerhall weckten. 

Die breiteste dieser Diskussionen war 
die über die philosophisch-wissenschaft- 
lichen Grundlagen der Psychoanalyse. Die 
russische Revolution hat viel Aufmerksam- 
keit für die wissenschaftliche Philosophie 
des Marxismus, für den sogenannten dialek- 
tischen Materialismus hervorgerufen. Jede 
wissenschaftliche Richtung, auf welchen 
Prinzipien auch immer sie philosophisch 
beruhen mochte, wurde nun von diesem 
Standpunkt diskutiert, und die Diskussion 
über Psychoanalyse und Marxismus war 
eine der interessantesten. Ein Teil der 
an der Diskussion Teilnehmenden meinte, 
die Psychoanalyse, als eine Methode, 
beruhe auf rein wissenschaftlicher, 
d. h. naturwissenschaftlicher, materiali- 
stischer Basis. Diesen Kollegen erscheint 
die Psychoanalyse als ein durchaus 
monistisches System, das durch seine 
dynamischen und zum Teil dialektischen 
Gesichtspunkte charakterisiert ist. Einige 
Artikel der Mitglieder dieser Gruppe er- 
schienen schon im Herbst 1924, u. zw. die 
von AI. R. L u r i a, „Psychoanalyse als 
System der monistischen Psychologie", 
Dr. B. Friedmann, »Die Psycho- 
analyse Freuds und der historische 
Materialismus", beide im Sammelbuche 
„Psychologie und Marxismus", einige er- 
scheinen in der nächsten Zeit als zweites 
Sammelbuch „Psychoanalyse und Mate- 
rialismus" (Artikel von Dr. M. Wulff, 
ALLuria, B. Friedmann, W.Rohru.a.). 
Die andere Gruppe der Diskutierenden 



nahm einen anderen Standpunkt ein; sie 
bestand aus den prinzipiellen Gegnern 
der Psychoanalyse und behauptete, die 
Psychoanalyse habe idealistische Voraus- 
setzungen, ihre Haupttheorien hatten mit 
dem Materialismus wenig zu tun, ihre 
Metapsychologie münde in die Meta- 
physik ein. Der Hauptwortführer dieser 
Richtung, Juri netz, leider ein philo- 
sophisch und durchaus nicht naturwissen- 
schaftlich orientierter Mann, hat in einer 
Zeitschrift „UnterMem Banner des Marxis- 
mus" diese Diskussion begonnen. Ihm 
stimmten einige Forscher bei (u. a. 
Prof. Fritsche, ein bekannter Kunst- 
theoretiker), und im Frühjahr dieses Jahres 
fanden zwei Diskussionen statt, eine in 
dem Moskauer „Haus der Presse" über 
Psychoanalyse und Marxismus, die zweite 
in der „Kommunistischen Akademie" über 
Psychoanalyse und Kunstpsychologie. An 
der ersten, die zwei Abende dauerte und 
viele Zuhörer versammelte, sprach Juri- 
netz gegen die Psychoanalyse, die ihrer- 
seits von einer Reihe von Forschern, zum 
großen Teil Mitgliedern der Russ. Psycho- 
analytischen Vereinigung, Dr. M.Wulff, 
Prof. R e i s n e r, Prof, Charasow, 
W. Rohr, AI. Luria, Dr. A. Salkind, 
J. Schaffiz, Dr. Friedmann, 
Dr. W n u k o w u. a. verteidigt wurde. 

Seit diesen Diskussionen haben sich 
hinsichtlich obenerwähnter philosophischer 
Einstellung unter den russischen Psycho- 
analytikern einige Schattierungen heraus- 
differenziert, worauf wir hier auch hin- 
gewiesen haben möchten. 

Außer den Anhängern und Gegnern 
der Psychoanalyse gibt es auch Forscher, 
die die Psychoanalyse mit Korrektiven 
annehmen, und noch andere, die die 
Psychoanalyse als eigenartige Richtung 
neu aufzubauen versuchen. 

Zu den ersteren gehören zum Beispiel 
solche Forscher wie Prof. M, Reisner, 
der bekannte russische Jurist und Soziologe. 
In seinen religionspsychologischen Studien 
nimmt er die Psychoanalyse gänzlich an, 
meint aber, daß einige neuere Theorien 
der Psychoanalyse, z. B. die Metapsycho- 
logie, etwas von dem früheren Standpunkt 
der Psychoanalyse Abweichendes und mit 
der materialistischen Philosophie schwer 



<" 



398 



Psychoanalytische Bewegung 



zu Vereinigendes seien. Die andere Rich- 
tung, die in den Artikeln von Dr. A. Sal- 
k i n d (Krasnaja Now, Artikel „Freudis- 
mus und Marxismus" und auch einige 
Artikel in speziellen Publikationen) am 
meisten ausgeprägt ist, meint, daß in der 
Psychoanalyse ihr dynamischer und aktiver 
Standpunkt, die Ansicht, der Mensch und 
die Psyche sei eine um die oder jene 
Ziele kämpfende Einheit, Einsichten von 
größtem Werte seien. Sie glauben die 
psychoanalytische Sexual» und Libido- 
theorie nicht brauchen zu können; die 
psychische Energie entstehe nach ihrer 
Meinung in dem Organismus als Ganzem 
unter dem Einflüsse der sozialen Um- 
gebung, und nur in den Fällen, wenn der 
Organismus von der normalen sozialen 
Umgebung abgeschlossen wird, werde 
diese Energie in die „niedrigeren" Bahnen 
übergeführt und zum Zwecke der Indivi- 
dualtätigkeit (z. B. alle Formen der 
Sexualbetätigung) benutzt. Die Haupt- 
triebe des menschlichen Lebens seien aber 
doch der soziale Trieb und der Macht- 
trieb, und Dr. Salkind glaubt ein 
russischer „ Adlerianer-Reflexologe" zu sein. 
Das letztere muß man auch betonen, 
weil Dr. Salkind sich die Mühe ge- 
nommen hat. das ganze psychoanalytische 
System in die Sprache der objektiven 
Physiologie und Reflexologie zu übersetzen. 
In Rußland ist nach den Arbeiten von 
J. P a w 1 o w, W. Bechterew und 
K. Karnilow der Einfluß der sogenannten 
objektiven psychologischen (bzw. physio- 
logischen) Richtung sehr groß, und die 
Leistungen dieser objektiven Schulen haben 
manches für die Psychoanalyse Wichtige 
ergeben (darüber in einem speziellen 
Artikel); darum ist auch die Tendenz 
ganz verständlich, die beiden wissen- 
schaftlichen Richtungen zu verknüpfen 
und die psychoanalytische Auffassung 
psychischer und pathologischer Prozesse 



mit den Gesichtspunkten und Mechanismen 
der physiologischen Schule zu verbinden. 
Einige Psychologen und Psychoanalytiker 
führen jetzt ihre Arbeit in dieser Rich- 
tung durch. 

Was nun die wissenschaftliche Um- 
gebung der Psychoanalyse in Rußland, 
z. B. die Stellung der Psychiater und 
Mediziner zu der psa. Methode und 
Bewegung angeht, so ist es im ganzen 
nicht anders als in der Geschichte der 
Psychoanalyse in anderen Ländern. Die 
akademische Psychiatrie steht der Psycho- 
analyse ziemlich indifferent gegenüber, 
obwohl in einigen Anstalten auch die 
Psychoanalyse als Methode der Kranken- 
behandlung allmählich als gleichberechtigte 
Methode ihren Platz einnimmt. Unter 
den psychiatrischen Anstalten sind einige 
vorwiegend mit den funktionellen Neurosen 
beschäftigt und üben die Methoden der 
Psychotherapie in weitgehendem Maße 
aus. So ist zum Beispiel in Moskau ein 
spezielles Ambulatorium des psyeho- 
neurologischen Institutes eingerichtet, wo 
man auch die psychoanalytische Technik 
anwendet; in Leningrad existiert jetzt ein 
spezielles Institut für Psychotherapie, wo 
nebst Psychoanalyse auch Hypnotherapie 
und sogenannte „rationelle Therapie" an- 
gewandt werden. 

Auch in anderen Städten Rußlands 
arbeiten einige Ärzte psychoanalytisch 
(z. B. in Odessa, Kiew u. a.), aber von 
einer breiteren und sich in organisierten 
Formen entwickelnden Bewegung kann 
man in diesen Teilen Rußlands noch nicht 
sprechen. Hoffentlich wird in der nächsten 
Zeit die russische psychoanalytische Be- 
wegung einige neue Zweige in sich auf- 
nehmen und auch in den Grenzgebieten 
die Forschungsarbeit weiterführen können; 
allerdings ist dies eine Frage, die nur 
in der Zukunft wird gelöst werden 
können. AI. Luria (Moskau) 



MITTEILUNGEN DES INTERNATIONALEN 
PSYCHOANALYTISCHEN VERLAGES 

Unsere Verlagstätigkeit vom November IQ24 bis August I()25 

Der vorige Bericht über die Tätigkeit des Verlages (bis Oktober 1924) erschien 
in Heft 3 des vorigen Jahrganges dieser Zeitschrift. 

Die Herausgabe der GESAMMELTEN SCHRIFTEN von SIGM. FREUD ist 
seither weiter vorgeschritten. Zu den das letztemal gemeldeten sechs Bänden (IV bis 
VIII und X) sind mittlerweile hinzugekommen: Band I, der die frühen Arbeiten 
Freuds (1892 — 1899), 1 Band II, der die „Traumdeutung" in der Fassung der ersten 
Auflage (1900) enthält, und Band IX, in dem der „Witz", „Wahn und Träume in 
W. Jensens Gradiva" und „Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci" vereint 
sind. Von dem auf elf Bände berechneten Werk stehen also nur noch zwei Bande 
aus, u. zw. der im Herbst erscheinende Band III, der „Ergänzungen und Zusatz- 
kapitel zur Traumdeutung" und kleinere Schriften zur Traumlehre enthalten wird, und 
der Schlußband (XI), in dem verschiedene Nachträge und Ergänzungen sowie 
Bibliographie und ein Gesamtregister untergebracht sein werden. 

In der „Internationalen Psychoanalytischen Bibliothek" 
erschienen drei neue Bande: 

Bd. XVII. ENTWURF ZU EINER PSYCHIATRIE AUF PSYCHOANALYTISCHER 
GRUNDLAGE von Dr. PAUL SCHILDER. {Geheftet Mark 7*—, Ganzleinen $r— ,) 

Bd. XVIII. GESTÄNDNISZWANG UND STRAFBEDÜRFNIS. Probleme der 
Psychoanalyse und der Kriminologie von Dr. THEODOR REIK. {Geheftet Mark 8>—, 
Ganzleinen iö* — .) 

Bd. XIX. VERWAHRLOSTE JUGEND. Die Psychoanalyse in der Fürsorge- 
erziehung. Zehn Vorträge zur ersten Einführung von AUGUST AICHHORN. Mit 
einem Geleitwort von Prof. Sigm. Freud. (Geheftet Mark 5?' — , Ganzleinen 11' — .) 

1) Inhalt des I. Bandes: Studien über Hysterie. *-* Frühe Arbeiten zur Neurosenlehre, 1892—99 
(Charcot — Ein Fall von hypnotischer Heilung nebst Bemerkungen über die Entstehung hysterischer 
Symptome durch den Gegenwillen — Quelques considerations pour une etude comparative des para- 
lysies motrices organiques et hysteriqucs — Die Abwehr-Neuropsychosen — Über die Berechtigung, 
von der Neurasthenie einen bestimmten Symptomenkomplex als „Angstneurose" abzutrennen — 
Obsessions et phobies — Zur Kritik der Angstneurose — Weitere Bemerkungen über die Abwehr- 
Neuropsychosen — L'heredite et l'etiologie des nevroses ~- Zur Ätiologie der Hysterie — Die 
Sexualität in der Ätiologie der Neurosen — Über Deckerinnerungen). 



r y 



400 



Mitteilungen des Verlages 



In der Serie „Neue Arbeiten zur ärztlichen Psychoanalyse" 
(herausgegeben von Prof. Dr. Sigm. Freud) erschienen: 

IV. DER TRIEBHAFTE CHARAKTER. Eine psychoanalytische Studie zur Patho- 
logie des Ich von Dr. WILHELM REICH. (Geheftet Mark 4*50, Ganzleinen 6'— ,) 

V. PSYCHOANALYSE DER WEIBLICHEN SEXUALFUNKTIONEN von 
Dr. HELENE DEUTSCH. (Geheftet Mark yfO, Ganzleinen y— .) 

In der Reihe der „Imago-Bücher" erschien der VIII. Band : 

DER URSPRUNG DER TRAGÖDIE. Ein psychoanalytischer Beitrag zur Ge- 
schichte des griechischen Theaters von ALFRED WINTERSTEIN. (Geheftet Mark 8yo y 
Halbleinen 9*50, Ganzleinen io m — , Halbleder I2 t f0.) 

Vom I. Band der gleichen Serie ist die 4. wesentlich erweiterte Auflage (5. bis 
7. Tausend) erschienen: DER KÜNSTLER u. a. Beiträge zur Psychoanalyse des 
dichterischen Schaffens 1 von Dr. OTTO RANK. (Geheftet Mark 7— 9 Halbleinen 8'jo, 
Ganzleinen p* — , Halbleder il'jo.) 

Außerhalb der Serien erschien ferner: SISYPHOS oder DIE GRENZEN DER 
ERZIEHUNG von Dr. SIEGFRIED BERNFELD. (Geheftet M. y— , Ganzleinen 6- jo.) 

Unsere beiden von Prof. Freud herausgegebenen Vierteljahrsschriften „INTER- 
NATIONALE ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHOANALYSE" und „IMAGO" erscheinen 
je im XI. Jahrgang. 

Heft 4 des X. Bandes der „Imago" erschien als Sonderheft über „Bildende 
Kunst", Heft 1/2 (Doppelheft) des laufenden Jahrganges XI als „Psycho- 
logisches Hef t". 

Die in Heft 1 dieses Jahrganges der „Internationalen Zeitschrift für Psycho- 
analyse" erschienene Arbeit ZUR PSYCHOANALYSE VON SEXUALGEWOHN- 
HEITEN von Dr. S. FERENCZI ist auch separat als Broschüre erschienen. (Geheftet 
Mark 1*60 , Ganzleinen y — .) — Ebenso erscheint auch separat aus „Imago" XI, Heft 1/2, 
ÜBER DIE SEELISCHEN URSACHEN DES ALTERNS, DER JUGENDLICHKEIT 
UND DER SCHÖNHEIT von Dr. ALICE SPERBER. (Geheftet Mark j'40, Ganzleinen 2'6o.) 

Die seinerzeit in der „Imago" erschienene Arbeit DER DOPPELGÄNGER von 
Dr. OTTO RANK ist jetzt ebenfalls als Buch erschienen. (Geh. M. 4* — Ganzleinen y6o t ) 

Anfangs September erscheint der „ALMANACH des Internationalen Psycho- 
analytischen Verlages für das Jahr 1926." 2 (Ganzleinen Mark y — ? Forzugs aus gäbe auf 
Papier nach Japanart in Ganzleder 2y — .) 



1) Diese neue Auflage enthält aufler der Studie „Der Künstler" noch folgende Beitrage: Der Sinn 
der Griselda-Fabel — Die Matrone von Ephesus — Das „Schauspiel" in „Hamlet" — Belege zur 
Rettungsphantasie [1) Rettungsphantasie und Familienroman. 2) Der „Familienroman" in der Psycho- 
logie des Attentäters. 3) Die ,. Geburtsrettun gsphantasie" in Traum und Dichtung] — »Um Städte 
werben" — Traum und Dichtung — Ein gedichteter Traum. 

2) Der Almanacb enthält ein Kaien darium, 25 Beiträge (darunter: Freud, Die okkulte Bedeutung 
des Traumes, Freud, Die Widerstände gegen die Psychoanalyse, Thomas Mann, Mein Ver- 
hältnis zur Psychoanalyse, Hermann Hesse, Künstler und Psychoanalyse, H.-R. Lenormand, 
Das Unbewußte im Drama, Alfred Polgar, Der Seelensucher, Dr. Oskar P fister, Eltern- 
fehler in der Erziehung zur Liebe und Sexualität, Dr. Eernfeld, Bürger Machiavell ist Unterrichts- 
minister geworden, Stefan Zweig, Das Tagebuch eines halbwüchsigen Mädchens . . . usw.), ein 
ausführliches Verlagsverzeichnis und Kunstbeilagen.